Predigt beim Gottesdienst zum Reformationstag 2020 in St. Georg Nördlingen

Für eine Ökumene der Ehrlichkeit

31.10.2020 20:00

Predigttext: Joh 4, 4-39 (Die Begegnung am Jakobsbrunnen) Nichts spricht dafür, dass diese zwei Menschen einander begegnen werden. Für sie wie für ihn ist der Jakobsbrunnen nur ein Durchgangspunkt, beide wollen anderswohin. Er, unterwegs von Judäa nach Galiläa, muss durch Samarien. Sie kommt aus der Stadt und muss zur Wasserstelle, um ihren Krug zu füllen. Möglich, dass Wassertragen ihr Broterwerb ist. Der Jude und die Samariterin, eine Frau und ein Mann mit unterschiedlichen nationalen und religiösen Hinterländern treffen sich am Jakobsbrunnen.

Im nächsten Augenblick werden sich die Wege wieder trennen: Er wird das Evangelium in Galiläa verkünden, sie weiter Wasser in Samarien tragen: Stoff bestenfalls für eine Fußnote. So beginnt die Geschichte. Aber so endet sie nicht. Der Brunnen wird zu einer Art Spiegel für Jesus und die Samariterin. Er ist auch Spiegel für uns, um zu schauen, welches Gesicht unsere Ökumene hat.
  
1. Es ist nicht einfach zu sagen, wann und wo in dieser Geschichte Gott ins Spiel kommt. Es beginnt nämlich ganz menschlich, Alltag pur. Der Mann, müde nach langem Fußmarsch, ruht sich an der Wasserstelle aus. Im harten, gleißenden Licht der Mittagssonne sitzt er am Brunnen. Kein Heiligenschein umkleidet Jesus. Alles ist prosaisch, ohne jeden Schimmer von Transzendenz.
  
Auch Ökumene beginnt meistens ganz untheologisch. Wenn auf menschlicher Ebene die Chemie stimmt, ist schon fast alles gewonnen. Wenn es aber menschlich dauernd knistert, ist ökumenisch viel verspielt.
  
Wer in der Ökumene immer gleich mit der Tür spitzfindiger theologischer Fragen ins Haus einer anderen Kirche fällt, ist schnell abgestempelt und gemieden als Elefant im Porzellanladen, wo nicht Trampeltiere, sondern sensible und feinfühlige Wesen willkommen sind. Empathie ist eine Grundtugend der Ökumene. Das werden Sie auch hier in Nördlingen erfahren und – hoffentlich – gelernt haben. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich seit vielen Jahren auf verschiedenen Ebenen in der sog. ACK engagiert, der Gemeinschaft christlicher Kirchen. Derzeit habe ich noch den Vorsitz für Bayern inne; seit Sommer gehöre ich als Delegierter der Deutschen Bischofskonferenz dem Vorstand der ACK auf Bundesebene an. Doch die ACK gibt es auch auf regionaler und lokaler Ebene. Eigentlich hätte wir heuer – ohne Corona – einen ökumenischen Kirchentag für das Donau-Ries-Gebiet feiern wollen. Als Frucht aus diesem Fest des Glaubens hätten sich viele die Gründung einer lokalen ACK im Ries gewünscht. Daraus ist bisher nichts geworden. Deshalb wiederhole ich auch und gerade als Bischof, dem die Ökumene ein Herzensanliegen ist: Bleiben Sie an dieser Idee, verfolgen Sie das Projekt, eine ACK in Ihrer Region ins Leben zu rufen. Ökumene ist Corona-unabhängig. Menschliches Vertrauen und Sympathie waren das Kapital, ohne das der heutige hohe Kontostand der ökumenischen Kooperation undenkbar wäre. Das ist der erste Zug, den das Gesicht der Ökumene auszeichnet: menschliches Zutrauen und Wohlwollen füreinander.
  
2. Damit kommt ein zweiter Gesichtszug in den Blick: An der Bitte, die Jesus ausspricht, ist zunächst nichts Göttliches. Wasser will er, aber er hat kein Schöpfgefäß. Und der Brunnen ist tief. Jesus ist auf die Frau angewiesen, wenn er Wasser haben will. Genau hier bekommen die beiden ein Problem. Die Frau spricht es aus: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“ (Joh 4, 9a). Erklärend fügt der Text hinzu: „Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern“ (Joh 4, 9b). Die Samariter sind für die Juden unrein und unberührbar. Man darf mit ihnen nichts gemeinsam benutzen, schon gar nicht aus einem Becher trinken oder aus einem Teller essen. Wie groß der Durst des Juden auch sein mag, wenn er es ernst nimmt mit seinem Glauben, muss er hier am Brunnen verdursten, obwohl er an der Quelle sitzt. Der Mann und die Frau gehören Systemen an, die sich gegenseitig exkommuniziert haben. Deshalb können sie sich nicht näher kommen: er mit seinem Durst, sie mit ihrem Krug. Das Wasser ist zu tief: Sein Arm reicht nicht hinunter, ihre Hand nicht hinüber zu ihm.
  
Auch in der Ökumene haben wir uns gegenseitig lange Zeit exkommuniziert. Bannsprüche und Trennmauern haben sogar Ehen und Familien schwer belastet. Das Verhältnis zwischen den Konfessionen war mitunter getrübt von Misstrauen und Arroganz, von Ausgrenzungen und Verurteilungen. Die Begegnung am Jakobsbrunnen ist ein Hinweis, dass Ökumene auch anders gehen kann: Der Brunnen, der uns Jesus Christus erschließt, ist so tief, dass eine Kirche allein ihn gar nicht auszuschöpfen vermag. Keine Kirche ist allein selig machend. Keine Kirche hat ein Monopol auf Jesus Christus und seinen Heiligen Geist. Wir brauchen einander, um gemeinsam dem Evangelium auf den Grund zu gehen.
  
1995 - vor 25 Jahren - haben es die Delegierten der ACK-Augsburg treffend auf den Punkt gebracht: „Wir begegnen einander nicht als Belehrende, die nur ihren Besitzstand gegenüber den anderen zu verteidigen oder durchzusetzen haben. Wir begegnen einander als Fragende, die darauf gefasst sind, vom Gesprächspartner lernen zu können. (…) Wir treten in unseren Gesprächen über Wahrheitsfragen nicht mit dem Anspruch auf Exklusivität auf. Wir enthalten uns der gegenseitigen Verurteilung und vertrauen darauf, dass der Heilige Geist auch auf der anderen Seite am Werk ist. Wir begegnen einander nicht als Konkurrenten, die der anderen Seite den gesellschaftlichen Rang glaubt ablaufen zu müssen. Wir treten füreinander in der Öffentlichkeit ein.“
  
In den Jahren, in denen ich ökumenisch auf verschiedenen Ebenen mitarbeiten darf, habe ich gelernt, dass wir einander das Wasser reichen können, dass wir einander auch das Wasser reichen dürfen, das Wasser, von dem Jesus sagt: „Das Wasser, das ich ihm gebe, wird zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Joh 4, 14). Für diese Erfahrung, einander Jesus, das Wasser des Lebens, zu reichen, bin ich sehr dankbar. Mein Wunsch ist, dass die evangelische und die katholische Kirche hier in Nördlingen füreinander Schöpfgefäße sind und es immer noch mehr werden.
  
3. Im Blick auf den Brunnengrund spiegelt sich noch ein dritter Gesichtszug der Ökumene. Das Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin findet um die sechste Stunde statt. Bei Johannes ist die Uhrzeit kein Zufall. Die Erkenntnis, dass Jesus der Messias sei, geht der Frau zu der Zeit auf, als am Karfreitag die Stunde der Erlösung schlägt. Am Kreuz wird Jesus sein Herz öffnen, und es strömen Blut und Wasser heraus. Wenn wir den Vorhang des Vordergründigen wegziehen, machen wir eine große Entdeckung: Am Kreuz löst Jesus das ein, was er am Brunnen versprochen hat. Wasser und Blut deuten hin auf Taufe und Eucharistie, auf Quellen des Lebens, aus denen wir Christen bis heute schöpfen.

Obgleich wir uns das Wasser der Taufe reichen können, müssen wir uns in der Ökumene manchmal auch reinen und schweren Wein einschenken. Vom Appell, die Konsensökumene durch die Ökumene der Profile abzulösen, halte ich allerdings wenig. Für mich ist jetzt die Ökumene der Ehrlichkeit dran. Dafür ist die Tugend der Empathie gefragt. Empathie meint nicht Schmusekurs, vielmehr geht es um den ehrlichen Willen, sich mit den ökumenischen Partnern auf deren Denk- und Glaubensweg zu begeben, gleichsam in deren Sandalen zu schlüpfen, um sie besser und tiefer zu verstehen. In einem Plädoyer „für eine neue Kultur ökumenischer Ehrlichkeit“ aus dem Jahr 1992 (!) heißt es dazu: „Als Delegierte haben wir nicht nur das Mandat, unsere eigenen Kirchen im Dialog mit anderen Kirchen zu vertreten, sondern auch unsere ökumenischen Erfahrungen in die eigenen Kirchen zu vermitteln. Da wir uns intensiv mit den Ergebnissen der offiziellen ökumenischen Dialoge befasst haben, sind wir in der Lage, unsere Kirchenleitungen zu beraten und auch deutlich zu machen, wo die Praxis in unseren Kirchen hinter den ökumenischen Möglichkeiten zurückbleibt. Wir glauben, hier in gewissem Sinne eine prophetische Funktion zu haben.“
  
Den Tisch des Wortes dürfen wir gemeinsam decken, das Brot des Lebens teilen ist oft noch nicht möglich. Das ist eine Wunde, die weh tut. Diesen Schmerz gilt es im Moment noch auszuhalten. Schon Dietrich Bonhoeffer hatte vor „billiger Gnade“ und „billigem Abendmahl“ gewarnt: „Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleudertes Sakrament. Billige Gnade ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte“. Billige Gnade ist für ihn die Ursache des kirchlichen, ja christlichen Niedergangs.
  
Trotz dieses Wermutstropfens, noch nicht ganz eins zu sein, haben wir Christen in unserer Heimat eine Mission, die wir nur gemeinsam erfolgreich erfüllen können. In unseren Städten, aber auch in mehr ländlich geprägten Gegenden schält sich eine Herausforderung immer deutlicher heraus: die Begegnung von Kulturen und Religionen. Wir Christen sind gefragt nicht als Leisetreter oder Miesepeter. Wir sind geladen in den Zeugenstand für Jesus Christus.
  
In der multireligiösen Gesellschaft träume ich davon, dass wir Christen enger zusammenrücken. Darin sehe ich eine Chance zu mehr Ökumene. Unser Land braucht nicht unsere vereinigten Frustrationen; die Menschen warten auf das Zeugnis, das wir Christen gemeinsam ablegen können. So steht über unserem ökumenischen Engagement die Zusage Jesu: „Die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4, 23). Wenn wir dem Einen Gott gemeinsam die Ehre geben, dann geschieht Erneuerung, Reform – über den Reformationstag 2020 hinaus.