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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier im Festgottesdienst anlässlich der Heiligsprechung der Franziskanerin Crescentia Höss vor 25 Jahren in der Stadtpfarrkirche St. Martin, Kaufbeuren

Für eine „radikale Höflichkeit“

26.04.2026 10:32

Ich bin mir sicher: unserer heutigen Jubilarin, der heiligen Crescentia, hätte es zu Lebzeiten sehr gut gefallen, dass sie dieses Jubiläum ausgerechnet am Gut-Hirten-Sonntag feiern darf! Denn nicht nur war Christus für sie selbst der Gute Hirt, dessen Stimme ihr zuinnerst vertraut war, sondern sie hat mit brennen­dem Herzen tagtäglich in ihrem Apostolat die Verbindung zwischen Christus und den Menschen hergestellt. So wurde sie zur lebendigen, einladenden Brücke, die vom Ufer der Verhaftet-heit im rein Innerweltlichen zum transzen­denten „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) hinüberführt.

In den 25 Jahren seit ihrer Heiligsprechung hat sich sehr viel, für manche vielleicht zu viel verändert: Die überkommene Weltordnung ist ins Wanken geraten. Schon die Pandemie, eine Erfahrung, die uns alle völlig unvorbereitet traf, offenbarte tiefe Risse in der Fortschrittsgläubigkeit, die auch für viele Christen zur heimlichen Ersatzreligion geworden war. Dazu kam ab 2022 die Erfahrung, dass Frieden ein kostbares, aber auf keinen Fall selbstverständ­liches Gut ist. Wir wurden und werden im wahrsten Sinne des Wortes durch die geopolitische Entwicklung ent-täuscht und sind nun herausgefordert, uns ernsthaft auf das, was trägt, was gelingendes Leben ausmacht, zu besinnen und uns gemeinsam darauf zu verständigen.

Maßstab für uns als Christinnen und Christen ist dafür das Evangelium. Zusätzliche Orientierungshilfe bieten jene Menschen, die in früherer Zeit ihre Frau, ihren Mann gestanden haben, indem sie sich am Vorbild Jesu aus­richteten und durch Verkennung und Verleumdung, körperliche Krankheit und seelische Einsamkeit hindurch selbst zum Anker, zur Richtschnur für ihre Mitmenschen geworden sind. Damit - so glauben wir – stehen sie uns nach ihrem irdischen Tod als mächtige Fürsprecherinnen und Fürsprecher zur Seite.

Im Evangelium haben wir gerade von einer wichtigen Person gehört, die der Herr wie selbstverständlich erwähnt, ohne dies weiter zu vertiefen: dem Türhüter. Vergegenwärtigen wir uns nochmals die Situation: „Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus“ (Joh 10,2-3). Dieser sog. „Ostiarius“ hatte in der antiken Welt eine zentrale Rolle, er war Security-Mann und Vertrauens­person in einem.

Noch der hl. Benedikt widmet in seiner berühmten Mönchsregel ihm, den wir als „Pförtner“ kennen, ein eigenes Kapitel. Dort heißt es: „An die Klosterpforte soll ein älterer verständiger Bruder gestellt werden, der es versteht, Aufträge anzunehmen und auszurichten und den sein gereiftes Wesen vor unstetem Umherschweifen bewahrt. Dieser Pförtner muss seine Zelle neben der Pforte haben, damit, wer kommt, ihn dort immer antreffe und von ihm Bescheid erhalte.“[1] Mit dem hl. Kapuzinerbruder Konrad von Parzham (1818-1894) hat die Kirche im letzten Jahrhundert (1934) uns einen solchen Pförtner als Vorbild gegeben und damit auch die Willkommenskultur und die Gastfreundschaft, ohne die zwischenmenschliches Leben nicht gelingen kann, wieder in Erinnerung gerufen.

Wie Sie vermutlich alle wissen: Auch für die hl. Crescentia war die Klosterpforte von 1710 an sieben Jahre lang vorrangiger Wirkungsort. Nicht zuletzt hier legte sie den Grundstein dafür, dass sie zahllosen Menschen mündlich und schriftlich als Ratgeberin dienen konnte. Selbstlosigkeit und Diskretion sind dabei unverzichtbare Haltungen, die wir von ihr lernen können. Denn heute ist es, so scheint mir, dringend notwendig, sich neu auf den elementaren Ver­haltenscodex der Höflichkeit und des sozialen Miteinanders zu besinnen.

Wir haben als Kirche hier aus der Spiritualitätsgeschichte viel zu bieten und sollten auch keine Berührungsängste haben, uns mit Menschen aus dem säkularen Umfeld wirkungsvoll zu verbinden, die sich der „radikalen Höflich­keit“[2] oder der „radikalen Freundlichkeit“[3] verschrieben haben. Uns allen ist vermutlich klar: Für Institutionen, ganz gleich ob kirchlicher oder säkularer Natur, kann es entscheidend sein, welche Person einem Fremden, einem angemeldeten oder unangemeldeten Gast, einem interessierten Touristen oder einen gottsuchenden Menschen als erstes entgegentritt. Die Tourismus­branche kennt dafür den prägnanten Satz: „Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance.“ Vor diesem Hintergrund erscheint es für die eigene spirituelle Vertiefung sinnvoll, sich bei der abendlichen Tagesreflexion zu fragen: Wem bin ich heute wie begegnet?

Dürfen wir als Christinnen und Christen mit der heiligen Crescentia doch gewiss sein: Nichts ist zufällig und alle Begegnung ist gefügt! Nehmen wir also - angesichts der Ungewissheit im Blick auf die Zukunft und vielleicht mancher Ängste, die uns innerlich quälen - den Rat, den sie ihren Zeitgenossen gab, gerne auch für uns an: „Ein geistlicher Mensch sollte sich nicht allzu sehr um die Zukunft sorgen, sondern seine Sorge soll sein, wie er im Augenblick Gott lieben und ihm nach Kräften dienen könnte.“[4]

In ihrer praktischen, zupackenden Art und zugleich als tief in der Gottesliebe verankerte Mystikerin verkörpert die heilige Crescentia geradezu die ideale Hüterin des Zugangs zu Christus. Ihre erstaunliche Menschenkenntnis und entwaffnende Schlagfertigkeit war verbunden mit einer echten Liebe zu allen Geschöpfen – darin war sie, die als Jugendliche durch eine Schutzengelvision auf die Ordenstracht der Franziskanerinnen hingewiesen wurde, ganz Tochter des heiligen Franz von Assisi. Wie er vermochte sie mit allen Menschen zu sprechen, fand das rechte Wort für Hoch und Niedrig, Arm und Reich, Stolz und Demütig. Auch in dieser Hinsicht könnten wir sie zu unserer Lehrmeisterin machen - in einer Zeit, in der mehr Schein als Sein zählt und die Imagepflege der reifen Persönlichkeit längst den Rang abgelaufen hat.

Es sind viele, die „nicht durch die Tür“ hineingehen, „sondern anderswo“ einsteigen (Joh 10,1) – bleiben wir also nüchtern und wachsam, lassen wir uns nicht blenden von Macht und Reichtum, Publicity und Effekthascherei. Unterwerfen wir uns nicht dem, was uns Influencer aller Art verkaufen wollen, sondern prüfen wir, was gut für uns ist. Hören wir auf die Stimme dessen, der uns liebt, weil er uns kennt und beim Namen ruft – jede und jeden von uns!

[1]Bibliothek der Kirchenväter, Kap. 66 der Regula Benedicti.

[2]Radikale Höflichkeit; vgl. besonders: Kleiner Fünf | Gesprächstipps und Argumentationsleitfäden

[3] Vgl. das gleichnamige Buch von Nora Blum.

[4] Karl Pörnbacher: Die heilige Crescentia Höß von Kaufbeuren, 2. Aufl., Lindenberg 2002, S. 40; Hervorhebung d. Verf.