Predigt zur Feierlichen Maiandacht am 30. Mai 2021
im Hohen Dom zu Augsburg

Gedanken zur Letzten Feierlichen Maiandacht

31.05.2021 09:11

 „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ (Lk 1, 46). Seit dem hl. Benedikt (+ 537), einem großen Ordensvater, gehört das Magnificat Tag für Tag zum abendlichen Gotteslob der Kirche. Der Text ist nicht selbst gedichtet, keine rein menschliche Poesie, sondern Gotteswort im Wort des Mädchens Maria.

Für mich ist das Magnificat noch mehr: Es ist Frohe Botschaft, das „Evangelium nach Maria“. Es ist voller Hoffnungskraft. Denn Maria stellt klar für uns alle: Kein einziger Mensch, mag er sich noch so anstrengen, kann sich selbst retten. Gott allein ist der Retter, der Heiland. Mit ihm kann alles gehen, aber ohne ihn geht nichts.  

Maria hat uns das Magnificat vorgesungen. Als Grund ihres Jubels gibt sie an: „denn Großes hat an mir getan der Mächtige“. Das Große, das sie in ihrem Leben erfahren hat, benennt sie so: „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“. Das also ist das Große, wofür Maria Gott preist: Er, der Mächtige, hat auf das kleine, unscheinbare Leben Marias geschaut. „Respexit“ sagt das lateinische Wort dafür: Gott hat Respekt vor denen, die von den Angesehenen und Mächtigen dieser Welt gewöhnlich übersehen werden oder argwöhnisch beäugt werden. Gott hat Respekt vor den Menschen, „die kein Gesicht haben, weil sie niemand anschaut“ (Kardinal Arns). Das verkündet Maria laut im Jubellied.

Und wir - die Kirche heute? Leben wir wirklich wie Maria, zuerst und zuletzt aus dem geschenkten Ansehen Gottes? Uns hat der Vater in seinem Sohn – in dessen Leben, Sterben und Verherrlichung – sein barmherziges Gesicht für immer zugewandt. Wir stehen im Licht des Ansehens Gottes, das Jesus Christus heißt. In ihm schaut Gott uns an mit den Augen dessen, der sich erbarmt. Weil Gott uns nicht aus den Augen lässt, weil wir als Angesehene leben dürfen, darum haben wir Grund genug, ihn mit Maria zu preisen. Der Heilige Geist tut dazu das Seine.

Merken wir, wie Menschenbild und Gottesbild sich gegenseitig ausleuchten? Gott erhöht nicht Niedrigtuer, er macht groß die wirklich Niedrigen. Gott setzt nicht auf Wichtigtuer, sondern auf die, die deshalb wichtig sind, weil sie im Hintergrund bleiben und Gott die Bühne überlassen. Deshalb ist Maria wirklich wichtig. Sie versteht sich als „Magd des Herrn“; daher spielt sie im Heilsplan Gottes eine so wichtige Rolle. Mit ihrem Magnificat zeigt sie von sich weg auf den Herrn hin. Sie hat ihrem Kind den entscheidenden Platz im Leben eingeräumt. Maria macht für Jesus Platz; sie räumt ihm die Mitte frei.

Das ist eine kritische Anfrage an uns: Wie läuft bei uns gerade das kirchliche Leben ab? Denn wir spielen auch manchmal ganz gerne Gott: Mein Thema ist der Dreh- und Angelpunkt. An meinen Wünschen und Anliegen entscheidet sich, wie die Zukunft der Kirche aussieht. Der Synodale Weg darf weder zum Irrgarten vieler Meinungen werden noch zu einer parlamentarischen Prozedur, wie man strategisch Mehrheiten zusammenbringt und gleichzeitig Positionen, die sich an der geoffenbarten Wahrheit orientieren, als Minderheit überstimmt. Die Versuchung ist – von welcher Richtung auch immer – stets die gleiche: Wir machen uns selbst zum archimedischen Punkt, um den sich alles zu drehen hat. Und dann erschrecken wir, wenn erbitterter Streit ausbricht.

Maria ist ganz anders. Sie lässt Gott ganz Gott sein und macht ihn groß – im Magnificat. Maria ist eine Kritikerin jeder Form von Menschenherrschaft – sei es in der Politik, sei es in der Kirche, auf welcher Ebene auch immer. Gott gebührt die Hoheit. Seinen Namen gilt es hochzuhalten. Wir Getauften und Gefirmten - und vor allem die Gottgeweihten im Klerus und in den Orden - sollen durch unser Leben und Wirken im Dienst an den Menschen Gott großmachen, und zwar im Wissen darum, dass die Kirche nur dann im Lot ist, wenn sie Gott als Mittelpunkt hat. Wenn diese Mitte verloren geht, können die Menschen an der Kirche nicht mehr viel Anderes wahrnehmen als bloß eine NGO oder gar einen kuriosen Verein, der für Folklore und Dekoration zuständig ist. Wie lange noch?

Haben wir Gott vielleicht auf die Reservebank gesetzt? Holen wir ihn erst dann aufs Spielfeld des Lebens, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind? Gerade jetzt, wenn wir nach Corona langsam wieder durchstarten, muss Gott ganz oben stehen: MAGNIFICAT! Dem Primat Gottes im Leben der Kirche verpflichtet sein: das ist unsere Mission, die im Magnificat aufklingt. Maria bietet es uns als Notenschlüssel für unsere Lebensmelodie an. Lernen wir von ihr, was es heißt: „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat ER geschaut. Selig preisen dich alle Geschlechter.“