Statement von Bischof Dr. Bertram Meier bei der virtuellen Dialogwerkstatt zum interreligiösen Dialog am 17. November 2020

Gemeinsam die Gesellschaft gestalten

17.11.2020 11:30

Mit Wertschätzung und Offenheit – dies ist die grundlegende Haltung, mit der die katholische Kirche den Gläubigen anderer Religionsgemeinschaften seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begegnet. In der Erklärung Nostra aetate, die dem Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen gewidmet ist, heißt es sehr eindrücklich: „Wir können ... Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern“ (NA 5). Von diesem Konzilstext lässt sich eine direkte Linie zur jüngst erschienenen Enzyklika Fratelli tutti ziehen, in der Papst Franziskus uns zu einer „Geschwisterlichkeit, die für alle offen ist“ (FT 94), aufruft. Aufgabe der Kirche ist es demnach, sich gerade auch unter schwierigen Umständen in den Dienst des Dialogs zu stellen.

Dabei darf Offenheit nicht mit Beliebigkeit oder „Gleichmacherei“ verwechselt werden. Wenn man die Unterschiede einebnen würde, wäre ein echter Respekt für das, was Andersgläubigen lieb und teuer ist, auch gar nicht möglich. Ebenso bedarf es – im besten Wortsinn – eines gesunden „Selbst-Bewusstseins“; das heißt: eines Bewusstseins für das Wertvolle, aber auch das Belastende der eigenen religiösen Tradition. Als katholischer Bischof kann ich sagen: Heute engagiert sich die Kirche aus tiefer Überzeugung weltweit für Religionsfreiheit und Menschenrechte. Ich weiß aber auch, dass die Kirche in religiöser Pluralität lange Zeit kaum mehr als ein bedauernswertes Faktum sah und dass sie bestimmte Grundwerte einer offenen Gesellschaft erst spät zu schätzen und zu verteidigen begann. Ein aufrichtiger Dialog zeichnet sich gerade dadurch aus, dass auch eigene Schwächen und Lernerfahrungen reflektiert und zur Sprache gebracht werden können.

Bei allem notwendigen Gespür für das Unterscheidende und das Eigene muss es den Dialogpartnern letztlich darum gehen, die fundamentalen Gemeinsamkeiten in den Blick zu nehmen: Gott hat jeden Menschen mit gleicher Würde geschaffen. Und die Menschheitsfamilie trägt eine gemeinsame Verantwortung für die Eine Welt, in der sie lebt. Die Religionsgemeinschaften haben von daher auch eine gemeinsame Pflicht, sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. In Zeiten, in denen Religion für Ausgrenzung und Spaltung, ja sogar für Krieg und Terror instrumentalisiert wird, ist dieser Auftrag wichtiger denn je. Denn es geht um nichts weniger als um die Sorge für „unser gemeinsames Haus“ (Papst Franziskus, Untertitel der Enzyklika Laudato si’).  

Was bedeutet dies nun in unserem Land und in unserer Gesellschaft? Zunächst einmal ist es überaus wertvoll, dass sich in Deutschland von der Bundesebene bis zu den Kommunen vielfältige Foren der interreligiösen Begegnung gebildet haben und weiterhin entwickeln; die Dialogwerkstatt, die die Eugen-Biser-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung durchführt, ist hierfür ein gutes Beispiel. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Gläubigen der verschiedenen Religionen nicht nur miteinander sprechen, sondern auch miteinander aktiv werden. An den Projekten, die im Rahmen der Dialogwerkstatt vorgestellt werden, lässt sich die gesamtgesellschaftliche Relevanz eines solchen Dialogs ganz konkret ablesen. Es geht nicht nur darum, miteinander zu reden, sondern gemeinsam zu handeln.

Ein Projekt möchte ich herausgreifen: das von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) – gemeinsam mit vier muslimischen Verbänden und dem Zentralrat der Juden (ZdJ) – ins Leben gerufene Projekt „Weißt du, wer ich bin?“, in dessen Rahmen allein seit 2016 über 100 lokale Initiativen gefördert wurden. Mit viel Herzblut und Kreativität setzen sich Synagogen-, Kirchen- und Moschee-Gemeinden vor Ort für das Gemeinwohl ein, sei es durch Bildungsarbeit, Kulturprojekte oder die Ermöglichung sozialer Teilhabe. Dieses ermutigende Engagement führt uns vor Augen: Um den Dialog ist es dann gut bestellt, wenn Menschen unterschiedlicher Religionen auf ganz selbstverständliche Weise miteinander sprechen, miteinander den Alltag teilen und gemeinsam die Gesellschaft gestalten.