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Predigt im Pontifikalamt in der Pfarrkirche St. Magnus in Huglfing
anlässlich der Glockenweihe am Sonntag, 6. Oktober 2024

Glocken sind Gottes Hochzeitslader

06.10.2024 12:00

Liebe Schwestern und Brüder, „Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! (…) Siehe, da ist euer Gott.“ – so hörten wir es eben in der Lesung. Es sind Worte des Trostes, die der Prophet Jesaja da verkündet. Gott, der Herr, kommt mit Macht, er wird seine ganze Herrlichkeit offenbaren und es wird ein großer Tag der Freude sein!

Es sind zunächst Worte, die in eine ganz bestimmte geschichtliche Situation hineingesprochen sind: Gott wird sein nach Babylon verschlepptes Volk Israel nach Jerusalem zurückführen. Der Tempel, beim Überfall 587 vor Christus durch die Babylonier zerstört, wird aufgebaut und Gott wird dort wieder Wohnung nehmen. Die Zeit des Leids und des Schmerzes ist somit vorbei und eine Zeit des Heils bricht an. Es ist die Verheißung, dass Gott mit seinem Volk ist und an seinem Bund festhält. Darüber hinaus aber ist es die Ankündigung des Kommenden, die sich in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus erfüllt. Er ist der Retter für das Volk Israel, der Erlöser für alle Völker. Wie ein guter Hirte sich um seine Schafe kümmert, so sorgt Gott für uns alle.

Das Kommen Gottes verbindet sich zugleich mit einer Aufforderung: „Bahnt dem Herrn den Weg in der Stadt Jerusalem, das durch ihre Zerstörung zur Wüste wurde. Baut für euren Gott eine Straße in der Steppe.“ Will heißen: Bereitet euch auf sein Kommen vor; stellt euch darauf ein, dass er kommt. Die Konsequenz ist klar: Gottes Ankunft fordert Umkehr, eine Neuausrichtung hin auf ihn. Wie diese Umkehr aussieht, umschreibt Jesaja bildlich: „Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.“ (Jes 40,4) Es geht ihm um eine ethisch wie religiös „geradlinige“ Lebensführung, die von Ehrlichkeit und Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander getragen ist und Maß nimmt an Gottes Geboten. Dieser Anruf gilt auch uns – als Aufforderung, unser Sprechen und Handeln immer wieder zu bedenken, unser Gewissen zu prüfen. Wo wir gegenüber Gott, uns selbst oder unserem Umfeld schuldig geworden sind, gilt es, um Verzeihung zu bitten und Wiedergutmachung zu leisten.

Sich immer wieder auf Gott ausrichten, ihm im Gebet zu begegnen, dazu laden das Schlagen und Läuten von Glocken ein. „Vox clamantis in deserto – eine Stimme, die in der Wüste ruft“, steht auf vielen älteren Glocken. Wie die Propheten die Menschen ermahnten auf Gottes Stimme zu hören, so laden die Glocken ein, Gottes Ruf zu vernehmen und ihm zu folgen. Dabei trifft die Glocke oftmals ein ähnliches Schicksal wie dasjenige der Propheten, die nicht selten quasi in eine Wüste hineinrufen: „In eine Wüste ohne Hall und Widerhall, eine Botschaft verkündend, die ohne Antwort bleibt.“, so umschreibt es der Würzburger Theologe und Domdekan Richard Schömig einmal. „Indes, es liegt nicht an der Stimme die ruft, wenn sie nicht gehört wird oder wenn niemand sie hören will. Der Auftrag der Glocke bleibt wie der Auftrag des Propheten, Rufer zu sein. Ihr Kairos, ihre Stunde ist immer dort, wo sich dem Ruf die Herzen öffnen und wach bleiben für seine Botschaft.“[1] Wo Glocken läuten, stiften sie Gemeinschaft: Die von Gott Gerufenen, die sich zu Gebet und Gottesdienst versammeln, werden zur Gemeinde, zur „ekklesia“ Gottes, die sich zur Feier des himmlischen Hochzeitsmahles versammelt. Die Glocken sind Gottes „Hochzeitslader“!

Ich bin überzeugt: Die Glocke vermag mit ihrer Ausdruckskraft auch heute die Menschen im Land zu treffen und zu verzaubern – fernab aller Diskussionen um Läuteordnungen und Lärmemissionen. Das haben Sie, liebe Huglfinger, gespürt und so danke ich Ihnen für Ihr Statement: Den Glocken hier hat nicht das letzte Stündlein geschlagen. Sie haben viel Energie darauf verwendet, den maroden Glockenstuhl instand zu setzen und die schadhaften Eisenglocken durch Bronzeglocken zu erneuern. Wir dürfen gespannt sein auf ihren Klang, wenn die vier neuen Glocken nach ihrem Einbau zum ersten Mal läuten und sie von da an ihrer Bestimmung nachkommen. Im Gebet zur Glockenweihe wird ihre Aufgabe benannt, indem es die sogenannten „Tugenden der Glocke“ (virtutes campanae) aufzählt. Demnach künden die Glocken das Lob Gottes, rufen die Gemeinde zum Gottesdienst, mahnen die Säumigen, richten die Mutlosen auf, trösten die Trauernden, erfreuen die Glücklichen und begleiten die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg.

Über viele Jahrhunderte hinweg strukturierten die Glockenschläge den Alltag der Menschen. Sie läuteten zu festen Zeiten und wechselnden Anlässen. Sie zeigten an, was „die Stunde geschlagen hat“. Die Verkündigung der Zeit war also eine der weiteren Aufgaben von Glocken: „Sonat hora“ – „Es ertönt die Stunde“, wenn die Glocke läutet. Es geht heutzutage jedoch weniger um die Glocken als Anzeiger für die gemessene Zeit. Dafür haben wir mittlerweile moderne Apparate an der Hand – unsere Handys, Armbanduhren und Smartwatches. Umso mehr will ich auf die tiefere Bedeutung der Glocken verweisen, die es neu zu entdecken und zu vermitteln gilt. Denn: Hora, die Stunde, meint nicht bloß die von der Uhr gemessene Zeit, sondern die von Gott her, vom Ewigen getragene „qualifizierte Stunde“, in der das Heilige geschieht.

Der sinnenhaft wahrnehmbare Glockenschlag macht deutlich: Gott ist der „Herr der Zeit“, er ist da und begleitet uns durch unseren Tag, durch unser Leben. Er bietet uns die Chance, die eigenen „Zeitvertaktungen“, in die wir allzu oft verstrickt sind, zu durchbrechen. Glocken sind „tönende Zeichen“ gegen das Getöse unserer Welt, die eine „Melodie der Erlösung“ spielen. Wenn die Glocken zum Gottesdienst läuten, zur Wandlung, Taufe oder Vesper, zum Angelus oder Begräbnis, künden Sie vom „Ereignis des Heiligen“, rufen sie Gottes Kommen in die Weite der Öffentlichkeit hinaus.

Von daher dürfte sich auch manch laut gewordene Opposition gegen das Läuten von Glocken erklären, die zum großen Teil Aversion gegen das ist, was als Botschaft hinter ihnen steht: Das Evangelium ist nichts für verschlossene Kirchentüren, sondern es ist eine Einladung an alle, der Liebe Gottes zu begegnen. Dafür läuten wir die Glocken. Kirche ist kein exklusiver Club, kein geheimer Zirkel von Auserwählten, sondern die Türen stehen offen für alle – für diese Öffentlichkeit von Kirche stehen Glocken.

Liebe Huglfinger, ich lade Sie dazu ein, das (baldige) Schlagen und Läuten Ihrer neuen Glocken bewusst(er) wahrzunehmen und in ihnen ein „Hilfsmittel der Gottesbegegnung“ zu sehen. Halten Sie beim Glockenschlag kurz inne; er schenkt Ihnen einen Moment der Besinnung: „Unterbrechung ist“, wie es Johann Baptist Metz einmal formulierte, „die kürzeste Definition von Religion.“ Sie werden sehen: Der Glockenschlag ist eine Unterbrechung, die guttut. Nutzen Sie diese, um sich zu sammeln, um Abstand zu gewinnen zu dem, was einen gerade beschäftigt, um ein kurzes Stoßgebet „gen Himmel“ zu richten... Seien Sie sich bewusst, dass wir in Gottes Händen behütet und geborgen sind. Er begleitet unsere Schritte und will uns zu einem „Leben in Fülle“ führen!

So gratuliere ich Ihnen zu Ihren neuen Kirchenglocken – als vergleichsweise kleine Gemeinde haben Sie hier eine wahre Meisterleistung vollbracht! Ich danke allen Spenderinnen und Gönnern, den diversen Institutionen und Vereinen - allen voran der Feuerwehr und dem Burschenverein - für Ihre freigiebige finanzielle und ideelle Unterstützung sowie allen Verantwortlichen für Ihr großartiges Engagement und die gute Zusammenarbeit. Nur so erklärt sich die Verwirklichung des Glockenprojektes in einem so raschen Zeitrahmen. Es freut mich, dass hier, wie sonst auch, Kommune und Kirche harmonisch „Hand in Hand“ arbeiteten – Vergelt‘s Gott an dieser Stelle der politischen Gemeinde für Ihre großzügige Zuwendung und alle Hilfe! Huglfing hat bewiesen: Kirche ist hörbar präsent, die Glocken läuten nicht zum Requiem der Kirche.

Ohne das Verdienst einzelner schmälern zu wollen, möchte ich an den verstorbenen Kirchenpfleger Ernst Birke erinnern. Er hat das Glockenprojekt mit Sachverstand und Herzblut vorangetrieben. Möge Gott, der Herr, ihm seine Verdienste reichlich lohnen. Im Glockenschlag verbinden sich Zeit und Ewigkeit. So wird der Verstorbene gewiss seine wahre Freude am neuen, an „seinem“ Geläut haben!

Einen letzten Gedanken will ich anfügen: Jede der vier neuen Glocken hat ihre besondere Form und Zier, die sie mit dieser Kirche, mit dieser Gemeinde verbindet. Jede von ihnen hat ihren eigenen Namen und ist auf einen bestimmten Ton gestimmt. Ihr Klang erinnert uns an die Höhen und Tiefen unseres Lebens und dass unser Leben stimmig, gestimmt ist: Was ist mein Ton? Wie klinge ich? Welche Lebensmelodie schlage ich an? Wenn Glocken zusammenklingen, entfalten sie gerade in ihrer Vielfalt ein beeindruckendes und harmonisches Geläut. Die Glocken laden uns ein, darauf zu achten, bei aller Unterschiedlichkeit – bei den Gläubigen in der Kirche, den Einwohnern am Ort, den Menschen in einer Gesellschaft – zusammenzuklingen und sich so gegenseitig zu bereichern.

Liebe Huglfinger, liebe Gäste aus nah und fern, Glocken machen uns die Anwesenheit Gottes bewusst(er) und laden uns zur Begegnung mit ihm ein. Wie die Glocken, so sollen auch wir als Jüngerinnen und Jünger Jesu Christi seine befreiende Botschaft „an die große Glocke hängen“ und Gottes Liebe zu uns Menschen verkünden, die in Jesus Christus, dem guten Hirten, Mensch geworden ist. Seien wir uns seiner tröstenden Zusage an uns aus dem heutigen Evangelium stets bewusst: „Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ (Joh 10,28)

[1] Richard Schömig: Hat die Glocke noch einen Sitz im Leben des heutigen Menschen? In: Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen (Hg.): Glocken in Geschichte und Gegenwart, Bd. 1. Karlsruhe 1986, S. 20-27, hier S. 22.