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Predigt anlässlich der Wiedereröffnung der Pfarrkirche St. Blasius in Zuchering am 03.12.

„Advent als die Zeit, Gott in unseren Herzen eine Wohnung zu bereiten“

03.12.2023 11:00

Liebe Schwestern und Brüder, „Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen“ (vgl. Offb 21,3). Diese Worte aus der Offenbarung des Johannes habe ich über einer Tür Ihrer Pfarrkirche St. Blasius gelesen. Das hat mich sehr gefreut, da wir als Christinnen und Christen daran glauben, dass in jeder geweihten Kirche Gott selbst mitten unter uns sein Zelt aufschlägt und für uns da sein will.

Wirft man einen Blick in die Chronik des Ortes Zuchering, stellt man fest, dass es hier vermutlich bereits im frühen Mittelalter einen solchen Kirchenraum gab, bevor im 14. Jahrhundert der Kernbestand der heutigen Chorturmkirche erbaut wurde. Etwa vor fünfhundert Jahren – eine Quelle nennt tatsächlich das Jahr 1523 - wurde dann die Pfarrei St. Blasius als selbstständige Pfarrei gegründet, damals noch der Universität Ingolstadt zugehörig. So haben wir heute gleich einen doppelten Grund zur Freude: Ca. 500 Jahre Pfarrei St. Blasius sowie den vorläufigen Abschluss der Renovierungsarbeiten und die Wiedereröffnung dieser wunderschönen Pfarrkirche.

Schon jetzt will ich dem Architekten Ricco Johanson aus München und den beiden Kirchenrestauratoren Theo Lederer und Florian Bannach danken für ihren Einsatz und sie beglückwünschen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ein herzliches „Vergelt’s Gott“ auch Herrn Dekan Adolf Rossipal sowie allen Haupt- und Ehrenamtlichen der Pfarrei, die den Prozess initiiert, begleitet und bei der Neugestaltung der Kirche mitgeholfen haben.

Nachdem im Lauf der Jahre mancher Balken morsch, Gemälde verstaubt und die Elektrik in die Jahre gekommen war, erstrahlt die Wohnung Gottes bei den Menschen von Zuchering nun wieder in neuem Glanz. Das ist ein Anlass zum Feiern und passt zugleich zu den Bibeltexten, die wir gehört haben, bei denen es um einen Übergang von Altem zu Neuem und vom Dunkel zum Licht ging. Dies aufgreifend möchte ich Ihnen heute einen Dreiklang mitgeben, den ich mit Hoffnung (1), Glaube (2) und Liebe (3) überschrieben habe.

 

1. Hoffnung

Beginnen wir mit einer kleinen Rückschau: Es ist Advent, eine Zeit der inneren Umkehr und Vorbereitung auf die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Wir hören in diesen Wochen Lesungen, die davon handeln, wie der Heilsplan Gottes auf diesen einen Punkt der Geschichte zuläuft, an dem der Schöpfer Mensch wird und alles neu macht (vgl. Offb 21,5). Im Speziellen geht es heute um einen Rückblick auf die Situation im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt, als das Volk Israel, eben aus der babylonischen Gefangenschaft entlassen, nach Jerusalem zurückkehrt und nur noch Überreste des völlig zerstörten Tempels vorfindet. Der heiligste Ort des Judentums, die Wohnung Gottes unter den Menschen, ein Trümmerhaufen, das Selbstbewusstsein des Volkes Israel am Tiefpunkt. Die Israeliten meinen damals, Gott hätte sie gänzlich verlassen. Und doch ist da etwas, das sie im Herzen tragen und das ihnen Hoffnung gibt: die Erinnerung. Sie erinnern sich an Gottes Wirken in der Vergangenheit und sein Versprechen, dass er die Menschen, die an ihn glauben, niemals verlassen werde (vgl. Jes 63,16b; 64,4). Und so fangen sie an, den Tempel wiederaufzubauen, im festen Vertrauen darauf, dass Gott sich ihnen irgendwann wieder zuwenden wird und sie seine Liebe spüren lässt. Die Worte des Gebetes aus der ersten Lesung drücken dies in schöner Weise aus: „Herr, du bist unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.“ (Jes 64,7)

Die Botschaft, die uns der Prophet Jesaja hier mitgeben will, ist durch und durch adventlich: Was auch immer wir Menschen in der Vergangenheit an Schuld auf uns geladen haben, dürfen wir aus der Hoffnung leben, dass Gott nicht nur der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde ist, sondern ein liebevoller „Vater“ und „Erlöser von jeher“ (Jes 63,16b). Der Wiederaufbau des Tempels war darum weit mehr als das Aufeinanderstapeln von Steinen. Es war ein geistiger Prozess, der Beginn einer noch innigeren Gottesbeziehung.

An der Stelle könnten wir die Frage stellen: Wie sieht es hier in Zuchering aus? Die Pfarrkirche St. Blasius lag freilich nicht in Trümmern, doch war auch hier vieles kaputt und dringend renovierungsbedürftig. Mit Tatkraft sind Sie es angegangen und viele haben mitgeholfen. Ich hoffe, dass auch Sie in der getanen Arbeit mehr sehen als nur eine Ausbesserung und Verschönerung eines kirchlichen Gebäudes. Restauratoren und Maler wissen es: Handwerkliches Tun ist ein Akt der Schöpfung und beinhaltet mitunter auch eine spirituelle Komponente. Jedes Nachfeilen, jeder Pinselstrich und jeder Glockenton trägt bei zu einem Gesamtkunstwerk, das uns dabei helfen kann, in eine tiefere Gottesbeziehung zu kommen. Wir erweisen dem Herrn dieses Hauses unseren Respekt, wenn wir seine Wohnung nicht verkommen lassen und uns darum kümmern. Nun sind die wesentlichen Renovierungsarbeiten abgeschlossen und es stellen sich neue Fragen. Wie können wir aus der Hoffnung auf die Nähe Gottes unseren Glauben zeitgemäß leben? Dazu hat uns der Apostel Paulus in der zweiten Lesung einiges mitgegeben.

 

2. Glaube

In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth drückt er zunächst einmal allen Gläubigen, die sich zu Christus bekennen, seine Wertschätzung aus, denn sie hatten erkannt, dass die Zeit gekommen war, in der Gott sein Volk erhört. In Jesus Christus war der Herr tatsächlich vom Himmel herabgestiegen (vgl. Jes 63,19b), wie sie es jahrhundertelang gehofft hatten. Voller Freude konnten sie daran glauben, dass Gott allen entgegenkommt, die ihn suchen. Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Gerade am Anfang des Advents gilt die Mahnung des Apostels Paulus, dass wahres Christsein nicht bedeutet, sich nun zurückzulehnen, sondern stets in Erwartung der Wiederkunft Jesu zu leben (vgl. 1 Kor 3,7). Bis zu diesem Tag haben wir einen Auftrag: Unsere Berufung liegt darin, dem Herrn treu zu bleiben und all unsere Fähigkeiten und Charismen zum Aufbau der Gemeinde einzusetzen.

So schön dieses Gotteshaus von Zuchering nun also wieder dasteht, lebt die Kirche am Ende doch von den Menschen, die hierherkommen, um zu beten, sich um den Herrn zu versammeln und sein Lob zu singen. Daher möchte ich Sie bitten, diesen geweihten Ort oft und nicht nur am Sonntag aufzusuchen, um in der Stille Gottes Stimme zu hören und seine Gegenwart zu spüren. Zugleich darf sich Christsein aber nicht nur auf Liturgie und das Feiern von Gottesdiensten beschränken, sondern muss sich auch im Leben zeigen. An mehreren Stellen (u.a. Mt 23,4ff.) kritisierte Jesus, dass die Juden Gott besonders dadurch gnädig stimmen wollten, indem sie viel Zeit im Tempel verbrachten und täglich opferten, gleichzeitig aber hohe Moralvorstellungen verkündeten, denen sie im Alltag dann selbst oft nicht gerecht wurden. Ich denke, dass darin bis heute eine Gefährdung für die Kirche liegt. In einer Zeit, in welcher der gesellschaftliche Druck zur Veränderung immer größer wird, ist es keine Lösung, sich nur in die Liturgie zurückzuziehen und kritischen Anfragen aus dem Weg zu gehen. Ich war auf der Bischofssynode in Rom, bei der viel darüber diskutiert wurde, wie sich der Glaube der Kirche weiterentwickeln müsse, um dem Evangelium zu entsprechen und zugleich zeitgemäß zu sein. Ein ganz entscheidendes Kriterium ist dabei die gelebte Liebe, was mich zu meinem letzten Gedanken führt.

 

3. Liebe

„Seid (…) wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen. Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.“ (Mk 13,35f.) Mit diesem Aufruf aus dem Evangelium will Jesus uns wachrütteln. Es reicht also nicht, nur zu hoffen und darauf zu vertrauen, dass Gott am Ende alles recht macht, wir müssen auch selbst etwas tun. Jede und jeder hat eine bestimmte Aufgabe (vgl. Mk 13,34). „Wachsam sein“ könnte man darum vielleicht auch übersetzen mit „achtsam sein“ und wahrnehmen, wo ich als Christ gerufen bin, am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken und etwas für meine Mitmenschen zu tun, ob in der Familie, im Beruf oder im privaten Umfeld.

Viele Menschen haben das Gefühl, das gesellschaftliche Klima würde immer kälter und egoistischer. Jeder würde nur noch auf sich schauen und gar nicht mehr berührt sein von den Nöten des anderen. Aus diesem Grund möchte ich Ihnen heute einen Vorschlag machen und Sie einladen: Durchbrechen wir diese Entwicklung bzw. allein dieses Denken - durch konkrete Taten der Liebe! Ohne uns selbst aufzugeben, seien wir für andere da, auch wenn sie nicht immer für uns da sind! Helfen wir einander, auch wenn der Dank dafür oft ausbleibt. Das kostet nicht selten Kraft, aber wenn viele mitmachen, verändert sich etwas, nicht nur in Kirche und Gesellschaft, sondern auch bei uns selbst.

 

Liebe Schwestern und Brüder, mit dem ersten Adventssonntag beginnt ein neues Kirchenjahr und in Ihrer frisch renovierten Kirche wird ein neuer Adventskranz entzündet. Licht in der Dunkelheit, ein Zeichen der Hoffnung, das uns im Glauben bestärken und zu Taten der Liebe führen kann. Nehmen wir die Freude darüber in uns auf und lassen wir uns innerlich verwandeln, indem wir Gott nicht nur hier in diesem Kirchengebäude, sondern mehr noch in unseren Herzen eine Wohnung bereiten. Wenn wir dazu bereit sind, wird diese Welt heller; wir können schon jetzt etwas vom Reich Gottes spüren, das mit der Ankunft Jesu vor zweitausend Jahren angebrochen ist.