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Predigt zum Abschluss der Kirchensanierung mit Feier des Patroziniums in Anhausen, Pfarrkirche St. Adelgundis

„Gotteshaus und Himmelspforte“

28.01.2024 11:00

Liebe Schwestern und Brüder, „Hier ist wahrhaftig Gottes Haus und des Himmels Pforte“ (Gen 28,17) – diese Worte las ich auf einer Inschrift über der Eingangstür der Pfarrkirche St. Adelgundis in Anhausen.

Es ist ein Zitat aus dem Buch Genesis und stammt von Jakob, dem Stammvater aller Israeliten, der in einem Traum eine Treppe sah, die vom Himmel zur Erde ging und auf welcher Engel herauf- und herabstiegen (es gibt in der Kirche auch ein Bild dazu, über der Orgel). Wenn die Erbauer dieser sehenswerten Kirche im Anhauser Tal dereinst speziell jene Worte aus dem Alten Testament ausgewählt haben, war das sicher kein Zufall. Vermutlich sollte den Gläubigen schon beim Eingang vermittelt werden, dass dieser Ort ein geweihter Boden ist, an dem sie - ähnlich wie seinerzeit Jakob - die Erfahrung machen können, wie Himmel und Erde, Gott und Mensch, im Glauben miteinander verbunden sind. Und wie der Enkel Abrahams in der biblischen Erzählung voller Ehrfurcht ein Bauwerk aus Stein zu Ehren des Herrn errichtete, so dürfen auch wir uns heute darüber freuen, dass es vor einigen Jahrhunderten Menschen gab, die an dieser Stelle ein Haus Gottes bauten, das zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter dem bekannten Architekten Hans Georg Mozart, einem entfernten Verwandten des bekannten Komponisten, seine jetzige Gestalt bekam.

Nach mehreren Umbauten und einer grundlegenden Sanierung in den letzten Jahren ist heute der Tag gekommen, an dem wir voller Freude den Abschluss der Renovierungsarbeiten und zugleich das Patrozinium in dieser wunderbaren Barockkirche feiern dürfen. Ich möchte an der Stelle Herrn Pfarrer Gromer und Herrn Pfarrer Ziegler sowie allen Haupt- und Ehrenamtlichen gratulieren, die in den vergangenen Jahren dieses große Projekt geplant und seine Umsetzung vorangetrieben haben. Die Kirche erstrahlt in neuem Glanz, vor allem von außen, aber auch innen, die Mühen haben sich gelohnt. Vergelt’s Gott allen, die mitgeholfen haben!

Heute möchte ich dies würdigen und ein spezielles Element dieser Pfarrkirche aufgreifen, das mich zu meiner heutigen Predigt inspiriert hat; von hier vorne habe ich es gut im Blick: Es sind die drei gemalten Bilder, welche die Brüstung der Empore zieren und bestimmte Szenen aus dem Leben der Kirchenpatronin Adelgundis darstellen. Wie einige von Ihnen sicher wissen, stammen sie von Otto Michael Schmitt (1904–1992), einem Maler und Kunstprofessor, der viele Jahre lang hier in Anhausen gelebt hat. Das Wirken der hl. Adelgundis, das in diesem Bilderzyklus verarbeitet ist, kann uns drei Dinge vor Augen führen, über die ich mit Ihnen nachdenken möchte: Christsein heißt, den persönlichen Anruf Gottes hören (1), dann darauf antworten, seinen Namen preisen und die Menschen lieben (2), und sich schließlich die Frage stellen: Wer ist dieser Jesus für mich (3)? 

 

1. Den Ruf Gottes hören

Schauen wir zunächst auf das von hier aus gesehen linke Bild: Drei Szenen sind zu entdecken, dazu die Inschriften: „St. Adelgundis will ehelos bleiben. St. Adelgundis flieht über den Fluss Sambre. St. Adelgundis lebt in der Wildnis.“ Kurz und knapp werden hier entscheidende Momente im Leben dieser heiligen Frau gezeigt, die Mitte des 7. Jahrhundert n. Chr. im heutigen Frankreich gelebt hat und aus dem damals herrschenden Königshaus der Merowinger stammte. Wie es in dieser Zeit üblich war, sollte sie schon früh als junges Mädchen verheiratet werden, wofür die Eltern keinen geringeren als den Sohn des englischen Königs ausgewählt hatten. „Adel heiratet unter sich“, sagt der Volksmund, und es hätte wohl eine absolute Traumhochzeit im Frühmittelalter werden können, wenn nicht Adelgundis eine innere Stimme in sich vernahm, die ihr ganz deutlich sagte, dass ihr Weg ein anderer sein sollte.

Fernab von königlichem Glanz wollte sie in ein Kloster eintreten und Gott allein dienen. Man kann sich leicht vorstellen, wie begeistert die Eltern über diese Idee des jungen Mädchens waren, einem der mächtigsten Königshäuser der Welt einen Korb zu geben, all die Ehre und den Reichtum auszuschlagen, um stattdessen als einfache Nonne zu leben. Doch Adelgundis war sich sicher, und als die Eltern begannen, Druck aufzubauen, floh sie in den Wald und lebte zunächst als Einsiedlerin, wie wir es im Bild erkennen.

Aus heutiger Sicht wirkt es wie die trotzige Reaktion eines Teenagers, der nicht bereit ist, den Willen der Eltern zu erfüllen und darum von zuhause ausreißt. Dass dies jedoch keineswegs zutraf, zeigt der weitere Lebenslauf der heiligen Adelgundis, die wirklich eine Berufung in sich verspürte, fest entschlossen blieb und schließlich mit der Hilfe des heiligen Bischofs Amand von Maastricht in ein Kloster eintrat. Schnell konnte sie fühlen, dass dies genau jenes Leben war, zu dem Gott sie gerufen hatte und das sie innerlich erfüllte. So könnten wir diese Episode mit den Worten aus der Apostelgeschichte zusammenfassen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29) Für jede und jeden von uns hat er einen Heilsplan, und es ist die wichtigste Aufgabe unseres Lebens, gut hinzuhören und zu erkennen, wohin uns der Herr führen möchte.

 

2. Gottes Namen preisen und die Menschen lieben

Schauen wir nun auf das rechte Bild an der Brüstung der Empore. Dort erblicken wir drei weitere Szenen, dazu die Worte: „St. Adelgundis wird in den Ordensstand aufgenommen. St. Adelgundis baut das Kloster Maubeuge. St. Adelgundis stirbt im Herrn.“ Als reiche Königstochter geboren, vernahm die junge Frau den Ruf Christi, der ihr das Ordensgewand reichte und sie zu einem Dienst in seiner Nachfolge rief. Eine schöne Darstellung sehen wir auch hier vorne am linken Seitenaltar. Nach dem Tod ihrer Eltern verwendete Adelgundis das ererbte Vermögen und gründete ein neues Kloster in Maubeuge, dem sie bis zu ihrem Tod als Äbtissin vorstand.

Vor dem Hintergrund, dass sich in unserer heutigen Zeit immer weniger junge Menschen ein Ordensleben vorstellen können – leider -, ist es schön zu lesen, dass Adelgundis diese Lebensform als Gnade ansah und große Freude darüber empfand, jeden Tag zusammen mit ihren Mitschwestern den Namen des Herrn zu preisen und sein Lob zu singen. Zugleich aber nahm sie auch die Not vieler Menschen wahr und kümmerte sich um Kranke und Arme. Dies unterstreicht einen für das Christentum sehr wichtigen Aspekt, den ich nicht müde werde, immer wieder zu betonen: Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen! Kirche ist nur dann glaubwürdig, wenn wir außerhalb unserer sakralen Räume das leben, was wir innerhalb verkünden! Die heilige Adelgundis hatte das verstanden und pflegte auch Sterbende in einem eigens gestifteten Hospital, bis sie eines Tages selbst an Krebs erkrankte und „im Herrn verstarb“. Die Legende erzählt, dass sie ihrem Tod ruhig und gelassen entgegenging, im festen Vertrauen auf Gottes barmherzige Liebe. Dadurch wurde sie noch im Sterben für uns zum Vorbild. Bis heute wird sie vor allem in Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Deutschland als Heilige verehrt. Doch so beeindruckend diese Ordensfrau auch gewesen sein mag, das letzte und größte Bild in der Mitte der Empore ist jemand anderem vorbehalten, vor dem alle Heiligen wie auch die heilige Adelgundis auf die Knie fallen und ihn anbeten: „Christus unser König.“ Um ihn, dessen Erbarmen in der Überschrift zum Bild angerufen wird, soll es in meinem letzten Gedanken gehen.

 

3. Wer ist Jesus für mich?

Bereits die Lesung aus dem Buch Deuteronomium gibt einen Hinweis darauf, wer Jesus ist. Am Ende seines Lebens kündigt Mose dem Volk Israel an, dass der Herr eines Tages einen Propheten schicken wird, der direkt im Namen des Höchsten sprechen und den Willen Gottes verkünden wird (vgl. Dtn 18,18). Dessen Taten werden die Wahrheit seiner Verkündigung bestätigen. Er wird der Mittler sein, auf den die Menschen hören sollen. Viele Jahrhunderte warteten die Israeliten – vergeblich! Manche hatten die Hoffnung aufgegeben, da kam die Zeit, in der Jesus begann, öffentlich aufzutreten, wie im Evangelium berichtet wird. Seine Worte und Lehre waren dabei etwas völlig Neues für die Menschen, denn ihnen wohnte eine Kraft inne, die sie bislang nicht kannten (vgl. Mk 1,22). Was soll das bedeuten? War dieser der lange verheißene Prophet mit göttlicher Vollmacht? Die Antwort gibt ausgerechnet ein Dämon, der beim Anblick Jesu zu schreien beginnt: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ (Mk 1,24) Unabhängig von der nicht einfachen Frage, wie man aus heutiger Sicht ein solches Phänomen von Besessenheit theologisch einordnen kann, ist das Entscheidende dieser Szene die Botschaft: Gottes Zusage hat sich erfüllt. In Jesus kam nicht irgendein Lehrer oder Prophet, sondern DER Heilige Gottes und Retter, den das Volk Israel schon so lange ersehnte. Im griechischen Originaltext steht ausdrücklich und einmalig der Artikel („ὁ ἅγιος τοῦ θεοῦ“ – „Der Heilige“). Und dass Jesus wirklich der angekündigte Messias war, zeigt sich in der Wirkmacht seiner Worte. Alles Böse muss verstummen vor dem Sohn Gottes, der den Menschen das Heil bringt. Soweit die biblische Erzählung.

Wer ist Jesus für mich? Das ist die alles entscheidende Frage. Um darauf eine Antwort zu finden, lade ich Sie ein, sich in den kommenden Tagen einmal zu fragen, welche Worte von Jesus Ihnen einfallen, die Sie in letzter Zeit gehört oder gelesen haben. Welches Jesus-Wort hat mich besonders angesprochen? In einem zweiten Schritt könnten Sie dann überlegen, was wohl der Grund ist, warum genau diese Worte Sie so berührt haben. Vielleicht will Gott Ihnen ja in Ihrer speziellen Lebenssituation etwas mitteilen. Nehmen Sie sich jeden Tag etwas Zeit, um aufmerksam auf die Stimme Gottes in Ihrem Innersten zu hören. Das Motto unseres Ulrichsjubiläums geht in diese Richtung: „Mit dem Ohr des Herzens“ hören. Ich wünsche Ihnen, dass Sie es wie die heilige Adelgundis und viele andere Glaubenszeugen weltweit erfahren, welch wunderbare und heilende Wirkung das Wort Gottes in uns entfaltet, wenn wir bereit sind, uns dafür zu öffnen.