am 14.12.2020 im Augustanasaal, St. Anna Augsburg

Grußwort beim Entzünden der Chanukkia

14.12.2020 20:02

Sehr verehrter, lieber Herr Rabbiner Henry Brandt, ich grüße Sie via Internet, sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Weber, sehr geehrter Herr Weitzel,
sehr geehrter Herr Präsident der Israelischen Kultusgemeinde, Herr Mazo, verehrter Herr Regionalbischof, lieber Axel, verehrter Vertreter der muslimischen Religionsgemeinschaft, liebe anwesende Festgäste!

Licht ins Dunkel zu bringen ist eine göttliche Tat - das lehrt uns die Tora, die hebräische Bibel, auf der ersten Seite (Sie, lieber Herr Rabbiner, haben vorhin darauf hingewiesen) und wir durften soeben Zeuge sein, wie Licht, und sei es nur das schwache Licht von Kerzen, die Welt verändert.

„Lass dein Angesicht über uns leuchten, o Herr!“ (Ps. 4,7;31,17;67,2;80,4) - seit Urzeiten sammelt sich in diesem Ruf des Psalmisten alle Sehnsucht, alle Verzweiflung und noch mehr die Hoffnung des Menschen auf Heil und Erlösung. Nicht selten geht es uns dabei wie dem leidenden Ijob/Hiob, der die Vergangenheit preist: „Dass ich doch wäre, wie in längst vergangenen Monden, wie in den Tagen, da mich Gott beschirmte, als seine Leuchte über meinem Haupt erstrahlte, in seinem Licht ich durch das Dunkel ging...“ (Ijob 29,2).

Geht es nur mir so oder spüren Sie es auch, dass wir in diesem Corona-Winter noch lichtbedürftiger, noch wärmebedürftiger sind als sonst?

Licht und Wärme sind ja nicht voneinander zu trennen und gehören zu den unbedingten Voraussetzungen des Lebens. Und hoffentlich haben wir alle schon die Erfahrung gemacht: Selbst in äußerer und manch innerer Dunkelheit und Kälte vermögen vertraute Menschen uns das Gefühl von Licht und Wärme zu geben. Freundinnen und Freunde sind Boten des Lichts und Lichtträger durch die Zeiten. So manches Wort, das in unser Herz gefallen ist wie ein Lichtfunke, lebt dort weiter und wärmt uns, wenn wir uns daran erinnern.

Als Angehörige der drei abrahamitischen Geschwisterreligionen stehen wir mitten in der Chanukka-Festwoche; heute Abend sind wir Gäste unseres älteren Bruders, des Judentums. Lieber Rabbi Brandt, ich schaue in das Licht dieser Kerzen und danke Ihnen herzlich für die Einladung, die mir eine große Ehre ist und ein tiefes Zeichen unserer Freundschaft. Wenn nach den Worten Martin Bubers ein Mensch „am Du zum Ich“ wird (Buber 1974, 36), dann streift uns vielleicht auch in dieser „mittegeeinten“ (Buber 1974, 136) Gemeinschaft hier um die Chanukkia eine Ahnung jenes g“ttlichen Urgrunds, der uns alle umfängt. Dann keimt vielleicht auch in unseren ängstlichen Herzen das Vertrauen in die bleibende Nähe des Ewigen auf, dann neigen wir uns in Ehrfurcht vor dem unbegreiflichen Geheimnis Seiner Macht und Größe.

Ich wünsche uns allen, dass wir, jede und jeder, von dem heutigen Abend den unauslöschlichen Funken des gegenseitigen Respektes, der Achtung und der Friedensliebe mitnehmen und dass wir eine Lichtspur ziehen, dorthin, wo eine jede, wo jeder von uns lebt und wirkt. Bereiten wir dem Wunder von Chanukka auch heute den Weg in den Herzen der Menschen!

+ Bertram
Dr. Bertram Meier Bischof von Augsburg