„Herr, ich entscheide mich frei für dich“ (Karl Leisner)
Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Mitglieder des Internationalen Karl-Leisner Kreises, liebe Schwestern und Brüder, wir sind heute hier zusammengekommen, um Gott für das Vorbild des seligen Karl Leisner zu danken – und aus dieser Dankfeier, der Eucharistie, gestärkt vom Tisch des Wortes und mit dem Leib und Blut Jesu Christi wieder in unseren Alltag zurückzugehen, im festen Vertrauen darauf, dass Christus auch uns beisteht, wie dem Ministranten und Mitglied der katholischen Jugendbewegung Karl Leisner, der nur ein einziges Mal als Priester die Heilige Messe feiern konnte!
In einer Zeit, in der die Jugend von vielen Seiten, auch vielerlei Ideologien, heftig umworben wurde – Parallelen zu heute drängen sich mir geradezu auf -, stellte er sich mit Entschiedenheit auf die Seite Jesu. Seinen Fußspuren wollte er folgen; erstaunlich früh wurde ihm klar, dass dieser Weg auch für die Jüngerinnen und Jünger hinauf nach Golgotha führte. Drei Tage vor seinem 25. Geburtstag (25. Februar 1939) hielt er im Tagebuch fest: „Ich kann und will nicht mehr anders und koste es das Leben des Kreuzes; und das kostet es ganz sicher, mehr als ich es aussprechen kann. Aber ich ahne es. Herr, ich entscheide mich frei für Dich, Dir gehört mein Leben und Sterben.“
Karl Leisner war ein freiheitsliebender Mensch; immer wieder kreisen seine Gedanken im Tagebuch um diesen Begriff, der angesichts des seit Januar 1933 mit brutaler Gewalt agierenden NS-Regimes seines Inhalts entleert und ins Gegenteil verkehrt wurde. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal 5,1) Dieser Appell des heiligen Paulus war für den jungen Katholiken sicher Auftrag und Verheißung zugleich. Er setzte alles daran, unter den ihm anvertrauten Jugendlichen Mut und Widerstandskraft zu stärken, damit sie sich dem Sog der nationalsozialistischen Verführung zu entziehen vermochten.
Als Karl Leisner nach dem gescheiterten Attentat von Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller im November 1939 wegen einer Bemerkung des Bedauerns von einem Mitpatienten im Lungensanatorium St. Blasien denunziert wurde, durchlebte er furchtbare Monate und Jahre in denselben Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau wie der aus Königsbronn stammenden Handwerker. Dies entbehrt aus heutiger Sicht nicht einer gewissen Ironie. Andererseits haben es jedoch Karl Leisner und alle Mithäftlinge im Priesterblock als eine besondere Gnadenstunde erfahren, dass unter größter Geheimhaltung und dem persönlichen Einsatz vieler Menschen innerhalb und außerhalb des Lagers die lang ersehnte Priesterweihe Leisners am Sonntag Gaudete, dem 17. Dezember 1944, stattfinden konnte. Ein einziges Mal, ich sagte es schon, am Fest des Erzmärtyrers Stephanus, stand der Neupriester selbst am Altar und wir können wohl erahnen, welch eine Seligkeit und welcher Ernst den körperlich extrem geschwächten Häftling da erfüllte!
Heute, 81 Jahre später, feiern wir wieder „Sonntag Gaudete“ und die Kirche stellt uns den gefangenen Täufer Johannes vor Augen, der Freunde zu Jesus schicken lässt, um die Frage zu stellen, die entscheidend für sein Leben und Sterben ist: „Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3).
Statt mit Ja oder nein zu antworten, verweist Jesus die Fragenden auf ihre eigene Wahrnehmungsfähigkeit, wohl wissend, dass Ratio und Empirie für die Zeugenschaft unbedingt zusammengehören, gerade auch in Glaubensdingen. „Berichtet Johannes, was ihr hört und seht“ (Mt 11,4), das heißt: Überzeugt euch selbst von meinem Wirken, gleicht es mit euren Erwartungen ab und mit den Verheißungen der Schrift! Jesus blufft nicht und er überwältigt nicht, was Menschen nur allzu gern tun, vor allem, wenn es sich um machthungrige Narzissten handelt. Jesus setzt vielmehr auf das selbstständige Erkennen und die freie Entscheidung jedes Einzelnen. Denn sie allein trägt - auch und gerade in Zeiten der Not und ungewisser Zukunft!
Wenn wir heute oft bedauern, nämlich dass die volkskirchlichen Verhältnisse, wie wir sie noch am Ende des letzten Jahrhunderts hatten, längst der Vergangenheit angehören, dürfen wir nicht vergessen, dass sich dabei allzu oft kulturelle Tradition und Glaubenspraxis vermischten. Die Kirche war eine bedeutende soziale Größe und es galt als erklärungsbedürftig, wenn man sich dem religiösen Gemeinschaftsritual entzog. Sicher: Die meisten von uns sind so aufgewachsen und zehren heute noch von dieser Zeit.
„Die Sache Jesu braucht Begeisterte. Sein Geist sucht sie auch unter uns. Er macht uns frei, damit wir einander befrein. – Wer verzweifelt ist, wer verbittert klagt, wer entfremdet lebt, wer befreit sie zur Hoffnung?“ Wann haben wir dieses Lied zum letzten Mal aus voller Kehle geschmettert? Als es entstand, war ich gerade mal 12 Jahre alt, und ich erinnere mich noch gut, wie wir uns bei Jugendfreizeiten von den ersten sog. Neuen Geistlichen Liedern mitreißen ließen. Doch sollten wir uns hüten, entschiedenes Christsein mit Sentimentalität oder Nostalgie zu verwechseln!
Im Jakobusbrief wurden wir soeben zur Geduld ermahnt und aufgefordert: „Macht eure Herzen stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor!“ (Jak 5,8) Wer wie ich die Lebensmitte überschritten hat, hört aus diesen Worten auch immer das Memento mori heraus oder wie es der Spruch unter der Sonnenuhr an der Augsburger Basilika St. Ulrich und Afra einprägsam formuliert: „Wirket, solange es Tag ist!“ - Die Heiligen und Seligen sind uns Vorbilder, „Role Models“, wie man heute sagt, und eben keine verstaubten Wesen der Vergangenheit. Sie bleiben wirkmächtig – wenn wir sie als Begleiter und Fürsprecherinnen für uns ganz persönlich in Anspruch nehmen. So, wie Karl Leisner zu Lebzeiten seine Jugendlichen zu Christus führte und selbst durchlässig wurde für die unendliche Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, dürfen auch wir heute mit unseren Sorgen zu ihm kommen: Er hört uns und er hilft uns!
Nicht zuletzt dieser Glaubenszusammenhang war ein wesentliches Motiv der Gründung des Internationalen Karl-Leisner Kreises vor 50 Jahren: Menschen, die sich beeindrucken lassen von Leisners klarer Persönlichkeit, seiner Selbstdisziplin und Versöhnungsbereitschaft, ja seiner Christusähnlichkeit und darin die Grundlage sahen, wie es in der Vereinssatzung heißt, für „die Förderung der Völkerverständigung, des Friedens und der Europäischen Einigung (…)“[1] – sie halten bis heute das Gedenken an ihn wach, hier in Xanten und an allen Orten, die mit seinem Namen verbunden werden. Ich möchte Ihnen, den Mitgliedern, herzlich danken für Ihren jahrzehntelangen treuen Einsatz und wünsche Ihnen, dass Sie erfahren dürfen, was der Prophet Jesaja dem im Exil leidenden Volk Israel zurief (Jes 35,3-4.10) und was die Frohe Botschaft Jesu Christi bis heute ist: „Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! (…)“ Denn: „Die vom HERRN Befreiten kehren zurück und kommen zum Zion mit Frohlocken. Ewige Freude ist auf ihren Häuptern, Jubel und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.“ Darauf haben der heilige Johannes der Täufer und der selige Karl Leisner ihre Hoffnung gesetzt und wurden nicht zuschanden – tun wir es ihnen nach!
[1] Vgl. § 2 unter Vereinssatzung | IKLK - Internationaler Karl-Leisner-Kreis
Lesungen vom Sonntag Gaudete: Jes 35,1-6a.10; Jak 5,7-10; Mt 11,2-11