„Hören Sie nicht auf gehässige Bemerkungen!“ Jesus steht zu Ihnen.
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, lieber Vorstand und liebe Mitglieder des Familienbundes, liebe Schwestern und Brüder aus nah und fern, am späten Nachmittag dieses für Sie so reich gefüllten Tages sind wir zusammengekommen, um alles, was uns bewegt, vor Gott zu tragen. Da begegnen wir im Evangelium Jesus, wie er einen blindgeborenen Mann, also das behinderte Kind seiner Eltern, gegen den Vorwurf verteidigt, er selbst oder die Eltern hätten gesündigt. Dieses Denken wird als falsch und unchristlich gekennzeichnet, doch mir kommt dieser Vorwurf - leider – sehr aktuell vor. Denn tatsächlich gibt es heute nicht wenige Christinnen und Christen, die derart geringes Glaubenswissen haben, dass für sie Krankheit und Behinderung ihre Ursache in der sog. Ahnenschuld, also den Sünden des Erkrankten oder seiner Vorfahren, hat. Wie vehement sich Christus gegen einen solchen Kausalzusammenhang bzw. theologisch: das Tun-Ergehens-Prinzip ausspricht, haben wir soeben gehört. Lassen also auch wir uns durch derartige Irrlehren nicht verunsichern, ganz gleich welche scheinbare Autorität ihre Vertreter und Vertreterinnen haben!
Das Evangelium von der Heilung des Blindgeborenen gehört zu den längsten und psychologisch spannendsten Erzählungen des Neuen Testamentes. Denn es zeigt einmal, welch krude Vorstellungen unter den Gläubigen zur Zeit Jesu herrschten, die einem Schwarz-Weiß-Denken verhaftet waren, das keine Geheimnisse, keine offenen Fragen zuließ und damit auch das Eingreifen Gottes unmöglich machte. Ja, Sie haben richtig gehört: Gott manipuliert uns nicht, er, der uns mit einem freien Willen ausgestattet hat, unterläuft ihn nicht und überrumpelt uns nicht – denn dann wären wir ja nichts anderes als Marionetten!
Wie oft erfahren wir stattdessen, dass Jesus sich nochmals ausdrücklich bei den Menschen, die ihn um Hilfe bitten, erkundigt: „Was willst Du, dass ich Dir tue?“ (Lk 18,41; vgl. auch Mk 10,36). Er nimmt uns ernst, alle - besonders aber die, die gesellschaftlich am Rand stehen, wenig Ansehen genießen und selten Fürsprecher haben!
Daher möchte ich allen Familien mit behinderten Kindern zusagen: Hören Sie nicht auf die gehässigen, abfälligen Bemerkungen mancher Mitmenschen, halten Sie sich an Jesus, halten Sie sich an diejenigen, die die Nachfolge ernst nehmen und vertrauen Sie darauf, dass er, der gesagt hat, „die Werke Gottes sollen“ an dem Blindgeborenen „offenbar werden“ (Joh 9,3b), auch Ihnen beisteht, dass Sie mit Mut und Zuversicht Ihr Leben bestehen können.
Zu uns allen aber ist gesagt: „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann“ (Joh 9,4). Vielleicht haben Sie es schon einmal bewusst wahrgenommen: kurz und bündig ist dieses Jesus-Wort an der Westseite des Turmes unserer Basilika St. Ulrich und Afra unter die Sonnenuhr gesetzt. Dort heißt es: „Wirket, solange es Tag ist.“ Nach diesem Wort könnten wir unser ganzes Leben ausrichten!
Der Geheilte hat, so zeigt der Fortgang der Erzählung, mit seiner Blindheit auch seine Menschenscheu, seine Angst abgelegt. Freimütig und dennoch voller Bescheidenheit gibt er jedem Auskunft, der ihn nach den Umständen seiner Heilung fragt. Immer und immer wieder berichtet er von den wenigen, ganz unspektakulären Schritten hin zu dem Wunder, das sein Leben von Grund auf verändert hat. Und er plustert sich auch nicht auf, als er – o Wunder! – plötzlich von den religiösen Autoritäten wahrgenommen und um seine Meinung gefragt wird, sondern antwortet schlicht, doch mit einem klaren Bekenntnis: „Er ist ein Prophet.“ (Joh 9,17)
Die Strafe für soviel Ehrlichkeit und Furchtlosigkeit folgt auf dem Fuße: Der sehend Gewordene, der wie jeder, der durch ein freudiges oder auch furchtbares Ereignis aus dem Tritt geraten ist, dessen Leben in ein Vorher und Nachher aufgespalten wurde, „wird hinausgeworfen“. Er ist orientierungslos und sucht nach seinem Platz, seinem Auftrag für dieses ihm neu geschenkte Leben. Und tatsächlich kann er nichts Besseres tun als wieder zu Jesus zurückzukehren, um nicht nur die Augen, sondern auch die Seele durch den Glauben erleuchten zu lassen.
So wird er für uns in mehrfacher Hinsicht ein Vorbild:
- wegen seines rückhaltlosen Vertrauens in die Allmacht Jesu.
- wegen seiner Unbeeinflussbarkeit von der öffentlichen Meinung, in Zeiten von Social Media und der Sehnsucht nach Likes und Promi-Status vielleicht eine der größten Versuchungen, sich zu verbiegen bzw. verbiegen zu lassen!
- und weil er seiner inneren Stimme folgt, von Jesus Weisung und Auftrag annimmt und sein Jünger wird.
Lassen wir uns von diesem namenlosen Mann einladen, an den Sohn Gottes und „Menschensohn“ (Joh 9,35.38) zu glauben und unser Glück zu finden. Dann hören wir auf, uns über die schlechte Welt zu beklagen oder gar auf die seelisch Blinden unserer Tage herabzuschauen und uns als etwas Besseres zu fühlen. Dann leben wir, auch für andere erkennbar, wirklich „als Kinder des Lichts“, wie Paulus es den Ephesern ans Herz legt, indem wir uns
unterscheiden
– durch „Güte, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit“ (Eph 5,8-9).Lesungen: 1 Sam 16,1b-7.10-13b; Eph 5,8-14; Joh 9,1.6-9.13-17.34-38 (Kurzfassung)