„Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“
Liebe Mitglieder des Arbeitskreises „80 Jahre Vertreibung“, liebe Schwestern und Brüder! „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen“ – so schrieb einst der bekannte Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898) in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Ein kurzer Satz, der jedoch ein tiefes Gefühl zum Ausdruck bringt, das wohl viele der heute hier Anwesenden nachempfinden können.
80 Jahre ist es her, dass unzählige Menschen - darunter auch meine eigene Mutter, die aus Domsdorf im Altvatergebirge stammt - über Nacht ihre Häuser verlassen mussten und zur Umsiedlung nach Bayern gezwungen wurden. Wir, die wir schon in der „neuen Heimat“ geboren wurden, können nur erahnen, welche Kraft es gekostet haben mag, nicht zu verzweifeln, wenn man alles zurücklassen muss und in die Fremde getrieben wird. Mein heutiger Besuch geschieht daher nicht nur aus alter Verbundenheit mit der Pfarreiengemeinschaft Neu-Ulm, wo ich jahrelang Pfarrer und Dekan war, sondern auch aus familiärer Betroffenheit und als Zeichen der Solidarität mit all jenen, die in dieser Zeit Schlimmes erlebt haben und komplett neu anfangen mussten.
Vielleicht können uns die Tageslesungen vom 4. Sonntag der Osterzeit eine gewisse Ermutigung bringen, in denen es an mehreren Stellen um die innere Suche nach Heimat geht, und wie Gott uns dabei entgegenkommt. Zwei Gedanken möchte ich Ihnen dazu anbieten, die das Bild der „Tür“ (vgl. Joh 10,9) aus dem Evangelium aufgreifen.
1. Vor die Tür gesetzt
Schätzungen zufolge waren es ca. zwei Millionen Menschen aus dem ehemaligen Sudetenland, die im Jahr 1946 - im wahrsten Sinne des Wortes - vor die Tür gesetzt und nach Westen geschickt wurden. Vielfach trafen sie dort auf Einheimische, die ihnen oft nicht wohlgesonnen die Türen öffneten. Gleichgültigkeit, Skepsis bis hin zu offener Ablehnung und Feindseligkeit waren weit verbreitete Reaktionen auf die Ankommenden. Dafür gab es viele Gründe, u. a. Ressentiments, kulturelle Unterschiede oder die eh schon prekäre Wohnungsnot. Die jeweilige Integration der Vertriebenen verlief dann regional sehr unterschiedlich und hing wesentlich mit der Einstellung der Leute vor Ort ab. Erfreulicherweise gelang es vielen im Laufe der Zeit vor allem durch fleißige Arbeit, den Respekt und die Anerkennung der Einheimischen zu gewinnen. Diese später oft so gerühmte „Integrationsleistung“ darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, wie viel Leid und persönliche Verletzungen die Vertriebenen vielerorts ertragen mussten.
Was können wir aus heutiger Sicht daraus lernen?
Zunächst einmal ist es eine christliche Grundüberzeugung, dass die Liebe Gottes ausnahmslos allen Menschen gilt. Es gibt hierbei keine Zwei-Klassen-Gesellschaft, was auch in der ersten Lesung aus der Apostelgeschichte deutlich wird, wo Petrus ausdrücklich davon spricht, dass die Verheißungen Gottes nicht nur den Kindern Israels gelten, sondern auch „all denen in der Ferne“ (Apg 2,39). Wenn Menschen heute wie damals fragen, was das denn konkret für sie bedeuten soll (vgl. Apg 2,37), können wir mit Blick auf die Ansprache des Petrus antworten, dass wir alle unserer gemeinsamen Taufberufung gerecht werden sollen, die sich auch darin zeigt, wie wir mit anderen umgehen. So gibt es auch in unserer Zeit zahlreiche Menschen - und nicht nur Flüchtlinge, die Hilfe brauchen. Öffnen wir ihnen die Türen unserer Herzen, und helfen wir mit, dass unsere Heimat ein guter Ort für alle ist.
Möglichkeiten dazu gibt es zuhauf, und ich möchte ausdrücklich all denjenigen danken, die sich in Kirche und Gesellschaft haupt- und ehrenamtlich für andere einsetzen und einen Beitrag leisten, dass Integration gelingt. Ich sage es klar und deutlich: Abschottung und Fremdenfeindlichkeit haben in der Kirche Christi KEINEN Platz! Wir sind dazu berufen, Jesu Beispiel der Nächstenliebe zu folgen, der einst sagte: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35) Es lohnt sich vor dem Hintergrund unserer derzeitigen Debatten in der Migrationspolitik, über diesen Satz nachzudenken. Meinem Verständnis nach geht es hier in erster Linie um eine grundsätzliche Haltung, die von Achtsamkeit und Mitmenschlichkeit geprägt sein sollte, ohne dabei naiv zu sein. So könnten wir uns ganz einfach fragen: Wo in unserem Umfeld sind Menschen, die sich fremd und alleingelassen fühlen, die einsam und überfordert erscheinen, und wie können wir womöglich helfen? Wahre Christen verdrücken sich nicht hinter verschlossenen Türen, sondern haben einen weiten Blick und ein offenes Herz auch für andere. Fremden begegnen sie mit Respekt, weil sie von den Erfahrungen in der Bibel wissen, dass Gott sich gerade mit den Ausgegrenzten und sogenannten „Menschen am Rande“ solidarisiert hat. Für sie, aber auch für uns alle ist der Glaube an IHN, der uns in Jesus Christus sein liebevolles Wesen geoffenbart hat, darum die entscheidende Rettungstür, was mich zu meinem zweiten Gedanken führt.
2. Gottes „Rettungstür“
Wenn Menschen an einem völlig fremden Ort ankommen, suchen sie nach Halt und Orientierung. Da war es sicherlich tröstlich, sich nicht allein zu wissen, da es ja Tausende Frauen und Männer in der näheren Umgebung gab, die ebenfalls vertrieben wurden. Schnell bildeten sich Gemeinden, wo man sich gegenseitig unterstützte. Doch fanden viele der Vertriebenen auch in besonderer Weise Kraft im christlichen Glauben.
Das heutige Evangelium bietet dafür ein schönes Bild: Wir Menschen sind manchmal wie Schafe, die hin- und hergetrieben nach dem rechten Weg suchen und dabei unterschiedlichen Stimmen folgen. Im 20. Jahrhundert hörten große Bevölkerungsteile, nicht nur in Deutschland, auf selbsternannte „Führer“, die sich jedoch schon bald als „Diebe und Räuber“ (Joh 10,8) entpuppten, wie Jesus die Irrlehrer und falschen Propheten nennt, welche die Menschen seit jeher ins Unglück stürzen. ER selbst ist demgegenüber eine Stimme, die nicht zum Kampf gegeneinander aufruft, sondern zur Versöhnung und zum Frieden unter den Völkern. Als „guter Hirte“ (Joh 10,11) möchte er alle Menschen auf die sichere Weide führen und bietet ihnen ein Leben in Fülle und Glückseligkeit an (vgl. Joh 10,10). Der Weg dahin führt durch eine spezielle „Tür“ (Joh 10,9), womit der Glaube an Jesus Christus gemeint ist, in dem allein unser Herz Ruhe findet. Nur der Sohn Gottes kennt all unsere Ängste und Sorgen. Er weiß, was uns quält, und hat uns seinen Beistand versprochen, denn er ist der „Hüter unserer Seelen“ (1 Petr 2,25), wie es im ersten Petrusbrief hieß. Weltweit finden Flüchtlinge und Vertriebene Kraft und Trost in eben jener Gewissheit, dass Gott speziell auch an ihrer Seite geht, der ja selbst schon kurz nach seiner Geburt mit seinen Eltern fliehen musste.
So bleibt am Ende die Erkenntnis: Wenn es uns passiert, dass wir in dieser Welt vor die Tür gesetzt werden, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns immer seine Tore öffnet und uns einlädt, bei IHM geborgen zu sein. Im Glauben daran können wir innerlich Freude empfinden und in der Folge eine Berufung darin sehen, auch uns für andere zu öffnen, die in Not sind. Darum freue ich mich, dass es den Arbeitskreis „80 Jahre Vertreibung“ gibt, der uns daran erinnern kann, wie wichtig es ist, Mitmenschlichkeit und Solidarität zu zeigen, wo dies gefordert ist. Danke dafür, und Gottes Segen allen Vertriebenen sowie denjenigen, die sich mit ihnen verbunden fühlen.
Lesungen vom 4. So. der Osterzeit: Apg 2,14a.36-41; 1 Petr 2,20b-25; Joh 10,1-10