Ich bin erwartet
An der Stele des seligen Max Josef Metzgers haben wir das Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ gesungen. „Wachet“ – dieser Ruf begleitet uns durch den Advent. Wachsamkeit ist jedoch nicht nur ein Leitmotiv dieser Wochen, in denen wir auf das Kommen Christi warten, sondern eine Haltung, die unser ganzes Leben prägen soll.
Einer, der uns zeigen kann, was echte, christliche Wachsamkeit bedeutet, ist der selige Max Josef Metzger. Auf ihn wollen wir heute besonders dankbar schauen.
1. Wachsamkeit heißt, die Wirklichkeit wahrzunehmen.
Das Leben Max Josef Metzgers lehrt uns: Advent ist keine Zeit des bloßen Abwartens oder des Dahindämmerns, sondern des bewussten Wahrnehmens der Wirklichkeit. Es ist eine Zeit, in der wir mit offenen Augen und wachen Herzen durch die Welt gehen, um aufmerksam wahrzunehmen, was in ihr vor sich geht.
Max Josef Metzger lebte diese Haltung in besonderer Weise. Er nahm die Nöte und Gefahren seiner Zeit klar wahr. Geboren 1887, erlebte er die soziale Verelendung der Arbeiterschaft verursacht durch die Industrialisierung und erkannte die Brutalität des Ersten Weltkriegs. Er durchschaute die zerstörerischen Kräfte des Militarismus und später die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus. Auch die „Selbstgerechtigkeit“ seiner Kirche und die Lauheit vieler Mitchristen ließen ihn nicht ruhen. Metzger sah die Realität wie sie war, und hatte den Mut, sie auszusprechen, auch wenn viele lieber wegsahen.
Metzger zeigt uns: Wachsamkeit bedeutet, die Wirklichkeit wahrzunehmen wie sie ist, und sie nicht zu beschönigen. Papst Franziskus spricht von zwei gefährlichen Formen des Schlafs: dem Schlaf der Mittelmäßigkeit und dem der Gleichgültigkeit. Der Schlaf der Mittelmäßigkeit hält am Gewohnten fest und sucht ein bequemes, ruhiges Leben. Der Schlaf der Gleichgültigkeit kümmert sich nicht um die Nöte anderer, sondern kreist nur um sich selbst und um die eigenen Bedürfnisse.
Adventliche Wachsamkeit ruft uns dazu auf, diese Schläfrigkeit abzulegen. Bin ich wach für die Nöte der Menschen um mich herum? Habe ich ein offenes Ohr für das, was sie bewegt? Wo ist meine Solidarität in diesen Tagen besonders gefragt?
Der Advent lädt ein, neu und wach hinzuhören und hinzuschauen.
2. Wachsamkeit heißt, aktiv zu handeln.
Wachsamkeit endet nicht beim Wahrnehmen der Wirklichkeit. Sie fordert uns heraus, aktiv zu werden, wenn die Not der Zeit es verlangt.
Max Josef Metzger lebte diese aktive Wachsamkeit. Eines seiner Gedichte, geschrieben in der Gefängniszelle, beginnt mit den Sätzen:
„Ich muss gestehn, ich hab sie nie gelernt,
die Kunst, das Krumme – krumm zu lassen!
Ich konnt‘ im ganzen Leben nicht erfassen,
dass man bei Notstand höflich sich entfernt …“
Diese Zeilen beschreiben eine seiner Charaktereigenschaften: Er konnte das Krumme nicht krumm sein lassen. In einer Zeit, in der viele sich zurückzogen oder mit den Mächtigen kollaborierten, trat er mutig für Frieden und Gerechtigkeit ein. Er beteiligte sich an der Gründung nationaler und internationaler Friedensorganisationen, schrieb und predigte unermüdlich über die christliche Verantwortung und gründete die Bruderschaft „Una Sancta“. Als er früh erkannte, dass der Krieg für Deutschland verloren war, versuchte er mit einem Brief bei den Siegermächten für ein neues Deutschland in einem geeinten Europa zu werben, das auf Freiheit, Gerechtigkeit und Achtung der Menschenwürde basieren sollte. Dieser Einsatz kostete ihn sein Leben: 1944 wurde er von den Nationalsozialisten hingerichtet, weil er für die Wahrheit einstand und das Unrecht beim Namen nannte. Max Josef Metzger zeigt uns, dass ein wacher Geist auch ein kämpferischer Geist ist.
Orientierung für sein Handeln gab ihm die Heilige Schrift. Das Evangelium, vor allem die Bergpredigt, wies ihm den Weg.
Adventliche Wachsamkeit ruft uns auf, nicht auf morgen zu warten, sondern heute zu handeln. Wo gibt es in unserem Leben Unrecht, das beim Namen genannt werden muss? Wo können wir Brücken bauen und Versöhnung stiften? Das Evangelium zeigt uns den Weg dazu.
3. Wachsamkeit heißt, Ausschau halten nach dem Reich Gottes.
Wer Max Josef Metzger nur als Friedensaktivist, Sozialreformer oder Widerstandskämpfer sieht, verkennt, was ihn wirklich antrieb: sein tiefer Glaube.
Metzger war zutiefst davon überzeugt, dass Gott die Welt in seinen Händen hält und durch die Kirche sein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe in dieser Welt aufrichten will. Für ihn war das Reich Gottes kein fernes Ideal. Er glaubte fest daran, dass es schon jetzt in dieser Welt keimt – oft verborgen, wie ein Senfkorn – und am Ende der Zeiten in seiner Fülle offenbar wird bei der Wiederkunft Christi.
Wachsamkeit braucht einen Grund. Für Metzger war dieser Grund sein Glauben an das Kommen des Reiches Gottes. „Maranatha!“ - „Komm, Herr Jesus!“ - betete er oft in seiner Haftzeit und setzte es als Schluss unter seine Briefe. Ein Leben lang hielt Metzger Ausschau nach dem Reich Gottes und arbeitete daran mit, dass es immer mehr Gestalt in dieser Welt annimmt.
Auch wir sind eingeladen, aufmerksam Ausschau zu halten nach den Spuren Gottes in unserem Alltag. Glaube ich daran, dass das Reich Gottes schon heute wächst? Trage ich durch mein Handeln dazu bei, dass es sichtbarer wird?
„Wachet!“ Der Advent ruft uns auf, wachsam zu sein. – Max Josef Metzger hat diesen Ruf mit seinem Leben beantwortet. Er zeigt uns, was Wachsamkeit als adventliche Haltung bedeutet:
- die Wirklichkeit wahrnehmen;
- vom Evangelium inspiriert zu handeln;
- Ausschau zu halten nach dem Reich Gottes.
Doch Metzger lehrt uns noch eine weitere Dimension der Wachsamkeit, ohne die zu erwähnen, ich meine Predigt nicht schließen kann: Von Oktober 1943 bis zum 17. April 1944 verbrachte Metzger fünf Monate in der Todeszelle in Brandenburg-Görden. Mit gefesselten Händen, hungernd und frierend lebte er jeden Tag mit der Frage, ob es sein letzter sein würde. Metzger verstand die Zeit seines Gefangenseins – wie er immer wieder schrieb – als geistliche Exerzitien. Als ihm alles aus der Hand genommen war, blieb ihm nur noch das Gebet. Seine Gefangenschaftsbriefe bezeugen, wie sehr er in dieser Zeit geistlich gereift ist; mehr und mehr erkannte er für sich: Nicht nur ich warte, sondern Christus wartet auf mich. Ich werde erwartet. Nicht der Tod wartet auf mich, sondern Christus, der Anwalt des Lebens, der den Tod besiegt hat. Dieser Glaube gab ihm Kraft, sich vertrauensvoll in Gottes Liebe fallen zu lassen. So konnte er vor seiner Hinrichtung schreiben: „Ich gehe mit frohem Herzen in den Tod – nein, ins Leben, wie ich glaube.“
Ich wünsche uns allen, dass wir mehr und mehr adventliche Menschen werden, die erkennen: Ich bin erwartet.