Predigt beim Requiem für Prälat Dr. Johannes Port
am Montag, den 8. November 2021, in Reichertshofen

„Ich möchte dich (Jesus) sehen können!“

08.11.2021 16:52

„Wenn du ein Herz hast, wirf das Auge fort, und du wirst sehen.“ Dieses asiatische Sprichwort sagt uns, was „schauen“ ist. Zwar endet diese Lebensweisheit mit dem Wörtchen „sehen“, aber es ist eindeutig hinbezogen auf das Herz. Wenn du ein Herz hast, wirf das Auge fort, und du wirst sehen.

Das Auge kann weggeworfen werden, wo das Herz schlägt. Schauen ist anders und mehr als nur Sehen. Es ist mehr und anders als ein Aufnehmen von bloßen Sinneseindrücken, als ein Aufsammeln von Geschehenem. Das Knipsen von Fotos und das Aufzeichnen von Videos, das Aufzählen von vielem, was man gesehen hat im Museum, auf der Ausstellung, auf einer Reise – das alles ist nicht Schauen.

Diese Weisheit könnte auch unser verstorbener Priester Johannes Port bestätigen. In den letzten Jahren hat sich immer mehr verschärft, was ihn schon als jungen Menschen beeinträchtigte: seine Sehschwäche. Das Augenlicht nahm ab, doch mit dem Herzen hat er weiterhin gut gesehen. „Man sieht eben nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Es ist kein Zufall, dass wir heute die Heilung des blinden Bartimäus gehört haben. Ein ungewöhnliches Evangelium für ein Requiem, doch echte Frohe Botschaft im Spiegel der Persönlichkeit und Biographie von Prälat Port. Die Geschichte ist mehr als ein medizinisches Wunder. Unsere Sprache verrät, was eigentlich damit gemeint ist. Sie weiß um das breite Spektrum dessen, was blind sein bedeuten kann: wenn wir z.B. Jugendliche hören, die von jemandem sprechen, der es „auf keinem Auge blickt“, während ein anderer ihrem Urteil nach „den vollen Durchblick schiebt“. Da geht es um viel mehr als um das gute Funktionieren der Augen. Wir sprechen davon, dass „uns die Augen aufgegangen sind“, oder dass einer „mit Blindheit geschlagen ist“. Einem anderen „fällt es wie Schuppen von den Augen“. Wir erinnern uns an Situationen mit Menschen, die „blind waren vor lauter Wut“. Da ist einer „weitsichtig“, ohne dass dies mit seiner Brille zu tun hat. Wir durchleben Momente, die „aussichtslos“ scheinen. 

Der letzte Satz des Evangeliums lautet: „Er konnte wieder sehen und folgte Jesus auf seinem Weg.“ In ihm ist ein Wunder geschehen, nicht nur an seinen Augen. Er ist ein Schauender geworden. Die Lebenssicht hat sich geändert. Das Leben hat „Perspektive“, neuen Durchblick bekommen.

Merken wir, wie auf der Folie des Evangeliums auf einmal das Leben von Johannes Port lebendig wird? Gehen wir die wichtigsten Stationen noch einmal nach! Geboren wurde er am 13. Januar 1935 hier in Reichertshofen, mitten in den Stauden. Sein religiöser Mutterboden war das gläubige Elternhaus, der Dünger seine Heimatpfarrei, in der er aufwuchs. Gerade das Ministrieren hat Johannes sehr geprägt. Nahe am Allerheiligsten sein, gleichsam „an der Quelle sitzen“, war für den Jungen eine große Freude. Auch die Religionslehrer haben im Herzen des Jugendlichen tiefe Spuren hinterlassen.

Mit Neugier machte sich der zwanzigjährige Johannes 1955 auf den Weg nach Rom, um sich am Päpstlichen Kolleg Germanicum et Hungaricum sowie an der Gregoriana menschlich, geistlich und theologisch zum Priester formen zu lassen. Dabei blieb er ein Mensch mit Leib und Seele, mit Herz und feinem Gespür. Er war ein Mann der eher leisen Töne, liebte die Polemik nicht und hatte einen hintergründigen Humor. Am 10. Oktober 1961 empfing Johannes in Rom die Priesterweihe, am Tag darauf feierte er in der seinem Namenspatron geweihten Kirche San Giovanni in Porta Latina Primiz. Nach dem Lizentiat schloss sich direkt eine Promotion an, die er 1965 abschloss. Als Doktor der Theologie kehrte Johannes in sein Heimatbistum Augsburg zurück, um als Kaplan in Pfaffenhofen an der Ilm zu wirken. 1968 ließ er sich nach Wettenhausen senden, wo er 22 Jahre lang als Religionslehrer am Gymnasium tätig war. 1990 gab es dann einen großen Schnitt in seiner Biographie, mit dem Oberstudienrat Port sicher nicht gerechnet hatte: Er wurde an die Apostolische Nuntiatur, die Botschaft des Papstes, berufen - zunächst nach Bonn und später nach Berlin. Päpstliche Ehrungen ließen nicht lange auf sich warten: 1995 durfte er sich Monsignore nennen, seit 1997 sogar Päpstlicher Ehrenprälat. Die Nuntien schätzten Prälat Port sehr – nicht nur wegen seiner Arbeit, sondern auch aufgrund seines bescheidenen und fleißigen Wesens.

Wenngleich Johannes nach einem Schlaganfall, der ihn an seinem Geburtstag traf, in seinem Bewegungsradius sehr eingeschränkt war, blieb seine Bibliothek das Herz. Und wovon das Herz voll ist, davon quillt der Mund über. Wenn man ihn im Verenaheim besuchte und mit ihm sprach, fingen seine Augen zu funkeln an. Bei meiner letzten Begegnung mit ihm am Krankenbett zusammen mit Nuntius Eterović konnten wir noch gemeinsam beten und Gottes Segen erbitten. Im Gespräch rückte er immer wieder die Barmherzigkeit Gottes in den Mittelpunkt. Dem gütigen Blick Jesu empfehlen wir Prälat Port an. Jesus möge ihm das viele Gute vergelten, das er getan hat als Mensch, als Christ, als Priester. Und er möge das ergänzen, was auch in Johannes‘ Leben bruchstückhaft geblieben sein mag.

Einen besonderen Dank spreche ich all jenen aus, die durch ihre Hilfe und Nähe Prälat Port gerade in den letzten Jahren mitgetragen haben, als es ihm gesundheitlich schlecht ging. Ich denke an seine Geschwister und die Freundschaften, die er hatte und treu pflegte.

Kehren wir nochmals zum blinden Bartimäus zurück. Jesus fragt ihn: „Sag mir: Was soll ich dir tun?“ „Meister“, antwortet der Blinde, „ich möchte wieder sehen können.“ Das wollen wir alle: sehen können, ein Ziel haben, die Wirklichkeit sehen, wie sie ist – im Lichte Gottes! Jesus hat den Blinden angeschaut: den Bettler, der nicht nur um Almosen bat, sondern um Ansehen und Anerkennung. Johannes Port konnte diesen Wunsch gut nachempfinden. Er hat gern und viel gelesen, er war ein lebendiges Lexikon, so dass man ihn lächelnd den „Brockhaus der Nuntiatur“ nannte. Solange er konnte, hat er die Koffer gepackt und ist auf Reisen gegangen, nicht in einer besonderen Limousine allein, sondern mit „normalen Leuten“ machte er sich auf den Weg. Viele Länder hat Johannes Port gesehen, ihre Geschichte, Kultur und Religion aufgesaugt. Wenn er dann zurückkam, sprudelte es aus ihm heraus. Ich erinnere mich noch gut: Nach einer großen Reise waren wir gemeinsam beim Italiener essen. Er hat so viel erzählt, dass selbst ich, der ich nicht auf den Mund gefallen bin, kaum noch zu Wort kam.

So steht er hier in seiner Heimat nochmals vor uns: als gottverbundener und zugleich menschennaher Geistlicher. Er hat gekämpft, sein körperliches Leiden anzunehmen, und sich damit auf die Seite derer gestellt, die auch ihr Päckchen zu tragen haben. Er war wirklich ein treuer Verwalter der Geheimnisse Christi.

Noch etwas erschließt uns der blinde Bartimäus: Eine frühe Handschrift hat in den Wunsch des Bettlers ein kleines Wörtchen eingefügt – ein Wort, das eine ungeheure Verwandlung bewirkt. Bartimäus sagt nicht mehr nur: „Ich möchte wieder sehen können.“ Er bittet: „Ich möchte dich wieder sehen können.“ Ist das nicht eine wunderschöne Deutung, eine Interpretation über das irdisch-äußerliche Sehen hinaus in ein Hinüberschauen auf ein Leben, das uns Johannes so beschreibt: „Wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1 Joh 3,3)? Auch das gehört in das Wunder, das in Bartimäus geschah: Gott wieder sehen dürfen im eigenen Leben. Wie das Kind sich freispielt unter dem Blick der Mutter, so können wir uns freilassen unter dem Blick Gottes. Wir können Menschen und Dinge freilassen im Wissen darum, dass wir sie nicht verloren, sondern neu gewonnen haben: mit Gottes Augen. Wir können die Vergangenheit ohne Bitterkeit anschauen und mit Gelassenheit den Blick in die Zukunft wagen, weil uns eine neue Sicht geschenkt ist, auch wenn wir nicht wissen, was die nächste Zeit für uns bringt. Aber Eines wissen wir: Gott blickt durch, er sieht tiefer, Gott schaut weiter als wir.

„Ich möchte dich wieder sehen können.“ Die klassische Theologie, die der junge Student und Priester Johannes Port in Rom gelernt hat, nennt das „visio beatifica“, seligmachende Schau. So dürfen wir diese Bitte unserem Verstorbenen heute in den Mund legen. Am Ende hat er die Augen geschlossen , aber Christus, das Licht, ist ihm hoffentlich im Herzen aufgegangen: „Johannes, komm! Geh ein in die Freude deines Herrn.“