Ansprache an die Priester und Diakone bei der Chrisammesse 2020 am 14. September 2020 im Hohen Dom

Im Dienst am Wort: Prioritäten für die Seelsorge der Zukunft

14.09.2020 11:53

„Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, (…) dieses Paschamahl mit euch zu essen.“ (Lk 22,15) Die Worte, die der Evangelist Lukas Jesus vor seinem Leiden in den Mund legt, mache auch ich mir heute zu Eigen: Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, mit Euch diese Chrisammesse zu feiern. Ja, ich habe mich auf diesen Gottesdienst sehr gefreut. Eigentlich steht diese Feier zusammen mit Euch, liebe Schwestern und heute besonders liebe Brüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, am Anfang der drei österlichen Tage. Aufgrund der Corona-Krise mussten wir sie auf heute verschieben – für viele der Anfang eines neuen Arbeits- und Schuljahres.

Normalerweise sind bei der Chrisammesse auch Firmlinge eingeladen sowie Seelsorgerinnen und Seelsorger in der Krankenpastoral. Das alles geht heuer nicht. Dennoch gibt es gute Gründe, um mit Euch ein paar Gedanken zu teilen, die mir wichtig sind, um gemeinsam mit Euch und dem ganzen Volk Gottes von Augsburg in die Zukunft zu gehen. In den vergangenen Wochen und Monaten, seit ich Euer Bischof sein darf, haben sich für mich zwei Prioritäten herauskristallisiert, die ich benennen und mit Euch bedenken möchte.

Doch zunächst möchte ich mit Euch eine Zeitreise in die Vergangenheit machen. In der Armee der k.u.k. Monarchie Habsburgs gab es einen ganz besonderen Verdienstorden: den Maria-Theresia-Orden, gestiftet von der Kaiserin im Jahre 1757 nach der siegreichen Schlacht gegen Preußen. Das Besondere daran: Die Auszeichnung wurde – laut Gründungsurkunde – für schlachtentscheidende Maßnahmen von Offizieren verliehen, die sie aufgrund ihrer Einschätzung der konkreten Lage aus eigenem Antrieb ergriffen, auch wenn sie damit von dem zuvor ergangenen Befehl und Auftrag abwichen.

Sicher: Wenn einer Pech hatte und seine eigenmächtige Entscheidung negative Folgen zeitigte, dann ging es ihm schlecht, sofern er den Kampf überhaupt überlebte. Auf der anderen Seite aber waren Stiftung und Verleihung dieses Ordens eine klare Aufforderung zu Eigenverantwortung – und ein Zeichen dafür, dass eindeutige Direktiven in der Hitze des Gefechts obsolet werden können und es Entscheidungen in Echtzeit braucht. Solche Erkenntnis gehört aber nicht nur zu einem vernünftigen, reifen Umgang mit militärischen Fragestellungen, sondern bildet auch eine der Grundvoraussetzungen für verantwortete Weichenstellungen auf dem Weg unserer Diözese in die Zukunft. So versteht bitte meine folgende Prioritätensetzung nicht so sehr als Handlungsanweisung, denn vielmehr als Anstöße zum Weiterdenken. Auf der Folie des Maria-Theresia-Ordens präsentiere ich diese Impulse Euch, weil besonders Ihr, liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, meine wichtigsten Mitarbeiter seid!

Mit der ersten Priorität schließe ich mich Papst Franziskus an: Die Zeit ist mehr wert als der Raum.“[1] Mit diesem Satz in Evangelii gaudium rüttelt er an den Schutzräumen moderner Menschen und Christen. Die päpstliche These provoziert. Wir investieren außerordentlich viel Geld, Energie und Zeit, um sichere profane und religiöse Räume zu schaffen. Unser gehortetes Geld, die stehen gebliebene Zeit verewigt sich geradezu in Marmor und Stein, um die Zeit zu überdauern. Räume, so glauben wir, speichern die Zeit von gestern und schaffen Möglichkeiten, die wir zum Leben und Handeln brauchen.

Profane und religiöse Räume werden zum Leben erweckt, wenn Menschen sie nutzen. Sie verbinden das Gestern mit der aktuellen Zeit von heute. Die schönste Wohnung aber bleibt leer und ohne Seele, wenn keiner zuhause ist. Im Laufe der Zeit können Räume auch ihren Besitzer und ihre Funktion wechseln. Ich kenne ein ehemaliges Kloster in Südtirol, das im letzten Jahrzehnt zu einem renommierten Hotel mutierte. Als Gast durfte ich spüren: Noch atmen die Räume etwas von ihrer ursprünglichen Bestimmung. Vor allem die Kapelle wird nach wie vor zu Gebet und hl. Messen genutzt und prägt die Atmosphäre des Hauses wesentlich. Doch es gibt auch den umgekehrten Fall: In der Geschichte haben sich schon Gefängnis- und Todeszellen in Gebetsräume verwandelt. Denken wir z.B. an den Jesuiten Alfred Delp, für den die Gefängnisstelle gleichsam zu einem Ort der Gottesbegegnung wurde, wo er mit gefesselten Händen von seinem tiefen Vertrauen Zeugnis ablegte. Allerdings gibt es ehemalige Klöster – etwa Kaisheim oder Niederschönenfeld –, deren Klausur zu einem „Knast“ geworden ist. Zudem führt uns die vielfach aufgedeckte sexualisierte Gewalt schmerzlich vor Augen, dass für manche Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, Sakristeien und Beichtzimmer zu Folterstuben und Dunkelkammern wurden. Es stimmt also: Die Zeit im Raum ist wichtiger als der Raum an sich! Selbst Luxuswohnungen können weder Depression noch Einsamkeit verhindern. Das gilt auch für kirchliche Räume. Wir müssen sie füllen, damit sie gastfreundlich werden, heilsam, tröstlich und vor allem geistlich.

Räume allein machen weder glücklich noch stiften sie Sinn. Erst die Nutzer geben Räumen Bedeutung und Wert. Weil heute Zeit Geld und Geld oft Besitz von Immobilien bedeutet, könnte die vom Papst gelegte Spur sagen: Mensch, bleib lebendig und in Bewegung! Steig aus Deiner Immobilität aus und begib Dich in den Fluss der Zeit! Werde und bleibe mobil! Wir Priester sind nicht in erster Linie Immobilienverwalter, sondern vielmehr Jesu mobile Einsatztruppe für die Seelsorge! In Rom bekamen wir als Studenten gesagt: Lasst Euch senden!

Hand aufs Herz: Wieviel Mobilität haben wir Priester noch? Haben wir vielleicht selbst schon eine Immobilie erworben, um nicht versetzbar zu sein? Seelsorge kann jedoch nicht an Räume delegiert werden – nach dem Motto: Hauptsache, wir haben Kirche, Pfarrheim und sonstige Immobilien, dann läuft es schon. Wir alle wissen: Seelsorge, lebt zuallererst von der zur Verfügung gestellten Zeit dessen, der sich der Sorge um den Mitmenschen ganz verschrieben hat, der Seelsorger aus dem Herzen heraus ist. Seine zeitliche Verfügbarkeit ist der Preis, den die Kirche zahlen muss, wenn ihre Räume leben wollen. Auch finanzielle Engpässe sollten – jedenfalls nach der Formel von Papst Franziskus – nicht mit menschenleeren Räumen überwunden werden, sondern mit geistlichen Menschen, die das knappe Gut der Zeit zur Verfügung stellen. Das mag im Umkehrschluss auch bedeuten, leer bleibende Räume aufzugeben.

Daher bitte ich Euch: Liebe Brüder, schenkt den Euch anvertrauten Menschen wieder mehr Zeit! Macht Eure Räume auf mit Zeit für die Menschen! Es geht um heilende Seelsorge; dafür trifft das Sprichwort zu: Zeit heilt Wunden. Seelsorge ist unser Kerngeschäft. Wir haben Theologie studiert und nicht BWL oder Informatik. Das sollten wir wieder ernster nehmen. Vieles können wir delegieren, doch von der Seelsorge dürfen wir uns nicht dispensieren. Wir brauchen eine neue Seelsorgeinitiative. Gerade in Corona-Zeiten geht es darum: Abstand halten und zugleich Verbindlichkeit wahren, aktiv Bindungen schaffen. Die Menschen warten, dass wir ihnen unsere Zeit schenken. Verschenkte Zeit – ist verschenkte Liebe!

In Jesus Christus hat Gott sich selbst in die Zeit eingelassen. 33 Jahre lang hat er als Mensch gelebt – „in allem uns gleich, außer der Sünde“ (vgl. Hebr 4,15). Bis heute teilt Gott mit uns die Zeit. Vor allem, wenn wir sein Wort hören und die Eucharistie feiern, ist ER ganz da. So ergibt sich die zweite Priorität: Die Evangelisierung geht der Sakramentalisierung voraus. Das Wort kommt vor dem Sakrament. Für mich ist ganz klar: Wir können die katholische Kirche nicht mit Mitteln und Methoden reformieren, die nicht katholisch sind. Die katholische Kirche „tickt“ sakramental; wir leben – wie unsere ostkirchlichen Schwestern und Brüder - aus der Eucharistie. Das steht für mich fest. Daher ist die zweite Priorität keineswegs ein Schritt zur Protestantisierung der katholischen Kirche. Im Gegenteil: Wort und Sakrament sind nicht als „aut – aut“ / entweder – oder zu sehen, sondern als „et – et“ zu verstehen: sowohl Wort als auch Sakrament, also ganz katholisch. So hat auch der hl. Pfarrer von Ars gedacht, den 2010 der damalige Papst Benedikt XVI. uns Priestern zum Patron gegeben hat: „Unser Herr, der die Wahrheit selbst ist, schätzt sein Wort nicht geringer als seinen Leib. Ich weiß nicht, ob es schlechter ist, bei der hl. Messe unaufmerksam zu sein oder bei der Predigt. Ich sehe keinen Unterschied: Während der Messe verliert man die Verdienste des kostbaren Leidens und Sterbens unseres Herrn, während man bei der Predigt sein Wort, das er selber ist, verliert.“[2]

Wie Ihr wisst, habe ich als ersten Teil meines bischöflichen Wahlspruchs eine Formulierung des hl. Augustinus gewählt: vox Verbi, Stimme des Wortes. Was dabei auffällt: das Wort „Verbi“ ist groß geschrieben. Denn es geht nicht so sehr um das akustische, gepredigte, geschriebene, gedruckte Wort, sondern um Jesus Christus als Person: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Das Wort Jesus Christus hochhalten, den (!) Allerheiligsten anbeten, IHN jeden Sonntag gebührend feiern, das ist mein Anliegen! Wir wollen Jesus Christus hochleben lassen. Sein Lob soll nicht verstummen.

1990 hat die Diözesansynode von Augsburg dazu folgendes beschlossen: „Wenn am Sonntag infolge des Priestermangels keine Eucharistiefeier möglich ist (…), versammelt sich die Pfarrgemeinde am Sonntagvormittag zum Wortgottesdienst, um den ‚Tag des Herrn‘ zu heiligen. Die kleine Gemeinde bewahrt auf diese Weise mit der regelmäßigen Sonntagsfeier ein wesentliches Element ihrer Identität und ihres Zusammenhalts.“ Und in den entsprechenden Empfehlungen heißt es: „Um den Sonntag zu heiligen, sollen sich die Gläubigen an jedem Ort, an dem bisher eine Sonntagsmesse gefeiert wurde, auch weiterhin am Sonntagvormittag zum Gottesdienst versammeln, sei es zur Eucharistiefeier oder, wenn der Priester fehlt, zum Wortgottesdienst. Wo das nicht möglich ist, soll eine Andacht gehalten oder der Rosenkranz gebetet werden.“ Weiter beschloss unsere Diözesansynode: „Grundsätzlich ist darauf zu achten, dass Pfarrgemeinde und Dorf pastoral und liturgisch nicht ‚ausbluten‘. (…) Obwohl der Wortgottesdienst nicht durch eine Kommunionfeier erweitert werden muss, empfiehlt es sich, am Sonntag, an dem keine Eucharistiefeier stattfinden kann, einen Wortgottesdienst mit Kommunionfeier zu halten.“[3]

Diese Texte sind dreißig Jahre alt. Sie haben schon Patina angesetzt. Die Zeit ist reif, sie endlich umzusetzen. Das sich wandelnde kirchliche Leben und nicht zuletzt unser Umgang mit der Coronapandemie sind entscheidende Impulse für eine Relecture der Beschlüsse und Empfehlungen. Einige von Euch waren damals dabei. Was ist aus den verabschiedeten Texten geworden? Welche Folgen hatte die Synode?

Ich habe kein fertiges Konzept parat. Es ist eine Piste, die ich aufzeigen will. Denkt darüber nach! Und nehmt meine und Eure Gedanken hinein ins Gebet! Dies und anderes mehr möchte ich mit Euch besprechen – neben den Ordinariatsgremien im Priesterrat, auf der Dekanekonferenz, im Diözesanrat, auch in persönlichen Begegnungen. Darauf freue ich mich und bin schon auf Eure Erfahrungen und Ideen gespannt. Es wird sicher verschiedene Meinungen und wohl auch Kontroversen geben. Den Glanz des militärischen Maria-Theresia-Ordens für eigenständige Tapferkeit in unübersichtlichen Situationen kann ich leider nicht verleihen. Den hat Österreich schon 1918 abgeschafft, und in der Kirche gibt es ähnliches nicht. Doch ich bin sicher, dass wir dem Himmelreich näherkommen, wenn wir die Pastoral, den Dienst zum Heil der Menschen, ganz oben ansetzen. Unsere Überlegungen, vom Heiligen Geist geleitet und freimütig geäußert, werden uns auf dem gemeinsamen Weg begleiten – im Gepäck Gottes Wort, Jesus Christus höchstpersönlich. So sind wir unterwegs als synodale Kirche. Bei aller Vielfalt im Presbyterium gilt: Wir sind Brüder - verbunden in der Weihe. Lassen wir uns niemals auseinanderdividieren!

Heute Nachmittag werde ich mich nach Krakau aufmachen, um zusammen mit einer Pilgergruppe den Spuren des hl. Papstes Johannes Pauls II. zu folgen. In seiner Bischofsstadt und am Grab der hl. Schwester Faustina Kowalska, einer „Apostolin“ der göttlichen Barmherzigkeit, werde ich auch den Weg unseres Bistums dem Herrn anempfehlen. Schließen wir mit einem Gebet, das Papst Johannes Paul II. 1980 bei seinem Besuch in Nursia, dem Geburtsort des hl. Benedikt, vorgebetet hat:

„Ehre sei dir, Christus, du Wort Gottes.

Ehre sei dir jeden Tag

und an allen Orten der Erde.

Ehre sei dir, du Wort Gottes,

das du in das Innere des Menschenherzens dringst

und ihm den Weg des Heiles zeigst.

Ehre sei dir, du Wort Gottes,

das du Mensch geworden bist

und dich durch dein Leben offenbart

und durch deinen Tod und deine Auferstehung

deine Sendung auf Erden erfüllt hast.

Ehre sei dir, du Wort Gottes.“[4]

 

[1] Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 222.

[2] Bernard Nodet, Le Curé d’Ars, sa pensée, son coeur, Le Cerf 2006, S. 126.

[3] Diözesansynode 1990. Die Seelsorge in der Pfarrgemeinde, Donauwörth 1991, S. 121, 164, 121.

[4] Papst Johannes Paul II., Ansprache in Nursia, 23. März 1980, in: Meine Gebete für euch, Freiburg i.Br. 2004, S. 9.