Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier
zur Eröffnung des 300. Jubiläumsjahres am 2. Juli 2021

Im „Geheimtipp“ Bäumgärtle Maria begegnen und glauben lernen

02.07.2021 22:00

Wer gern einen Ausflug macht und einkehrt, freut sich über jeden Geheimtipp. So ein Geheimtipp ist Maria Baumgärtle. Fernab vom großen Verkehr muss man den Gnadenort suchen gehen.

Die Herzogin Febronia von Bayern hatte dem Herrn von Bedernau Christoph Reichsgraf von Muggenthal in ihrem Testament eine Nachbildung des Altöttinger Gnadenbildes vermacht. Dieser ließ dann die von der Herzogin hochverehrte Figur im Jahr 1721 in seinen Baumgärten, heute Baumgärtle, in einer Kapelle aufstellen. In einer feierlichen Prozession wurde das Gnadenbild am 4. Juli, dem Fest des hl. Ulrich, von Bedernau dorthin übertragen. 300 Jahre ist das her. Aber die Wallfahrt geht weiter bis heute. Ursprünglich waren Franziskaner an diesem heiligen Ort; seit im 19. Jh. einer meiner Vorgänger, Bischof Pankratius von Dinkel, die Erlaubnis dazu gab, sind hier die Missionare vom Kostbaren Blut ansässig und hauchen der Gnadenstätte geistliches Leben ein. Vergelt’s Gott dafür! Selbst der Heilige Vater nimmt an diesem Jubiläum Anteil und gewährt zu diesem Anlass über seinen Großpönitentiar Kardinal Piacenza einen besonderen vollkommenen Jubiläumsablass, der das ganze Festjahr hindurch erworben werden kann.   

Die heutige Feier gibt Anlass zur Freude. Am Fest der Heimsuchung Mariens bekommen wir eine ganz besondere Religionsstunde. Marias Besuch bei ihrer Verwandten Elisabeth stellt die Frage: Glauben – wie geht das eigentlich? Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Seiltänzer: In schwindelnder Höhe führt er seine Kunststücke vor. Zum Schluss die Hauptattraktion: Er schiebt eine Schubkarre über das schwankende Seil. Das Publikum fiebert: Wird er es schaffen? Er schafft es. Die Menge applaudiert. Da fragt der Seiltänzer: Glaubt ihr, dass ich das noch mal schaffe? –Alle schreien begeistert: „ja“. Da schaut sich der Akrobat die Leute der Reihe nach an. Die Menschen werden ganz still. Die Spannung steigt. Was wird er tun? Er spricht einen der Zuschauer ganz persönlich an: Wenn du mir das zutraust, dann komm herauf und setz dich in die Schubkarre. Der Zuschauer wird ganz verlegen. So hatte er das nicht gemeint.

Diese Geschichte zeigt uns, was es mit unserem Glauben auf sich hat. Glaube, das heißt mehr als Wahrheiten zustimmen oder ein Lehrsystem akzeptieren. Die hl. Edith Stein sagte einmal: „Es ist ein weiter Weg von der Selbstzufriedenheit eines ‚guten Katholiken’, der ‚seine Pflichten erfüllt’, eine ‚gute Zeitung’ liest, ‚richtig wählt’ (...), im Übrigen aber tut, was ihm beliebt, bis zu einem Leben an Gottes Hand, in der Einfalt des Kindes und der Demut des Zöllners.“

Heute wollen wir uns mit Maria auf den Weg machen. Was heißt: glauben?

Glauben, das heißt zu allererst: sich in Bewegung setzen lassen, den Einstieg in den Schubkarren wagen, oder wie es im Evangelium heißt: Aufbruch. „Maria machte sich auf den Weg und zog freudig ins Bergland hinauf.“ (Lk 1,39) Wer glaubt, der kann nicht Zuschauer bleiben, womöglich auf einem bequemen Ruhekissen; sicher davor, es könnte sich jemand einmischen oder einem zu nahe treten. Maria macht sich auf den Weg – und wie es heißt: freudig. Auch unser Glaube wird nicht dadurch überzeugender, dass wir den Menschen die Daumenschrauben fester anziehen und selbst unsere asketischen Übungen steigern. Die Menschen müssen wieder spüren, dass uns unser Christsein erfüllt, dass wir in Jesu Fußstapfen getreten sind, und das nicht nur mit dem Kopf und den Glaubenslehren unter dem Arm, sondern mit Leib und Seele. Haben wir unsere Lebensentscheidung schon einmal bereut?

Marias Glaubensweg ist keine ebene Straße. Er führt über das Gebirge. Sie ist schwanger mit einem Kind, von dem sie Großes weiß, was sie aber nicht abhält, auch Beschwerliches auf sich zu nehmen. Den Sohn Gottes unter dem Herzen zu tragen, heißt für sie nicht, sich in den Schutz einer Glasglocke zu stellen, eingehaust in sich selbst und fixiert auf das, was mit ihr geschieht. Genau das Gegenteil ist der Fall: Der Glaube an das Große drängt sie, den Weg aufzunehmen dorthin, wo sie im Kleinen gebraucht wird: bei Elisabeth. Der Glaube wird zur Liebe – zu einer Liebe, die eben nicht mehr zählt: was ist noch möglich und was nicht, was darf ich und wo hört es auf? Glaube mobilisiert Kräfte, die ein Gang über das Gebirge braucht; Kräfte vielleicht zu einer Gratwanderung. Glaube schickt auf den Weg – zum anderen hin. Glaube übersteigt jeden Berg. Seine Kraft ist die Liebe.

So kommt zum Aufbruch die Begegnung. Maria sucht kein billiges Ventil, um das zu verarbeiten, was der Engel ihr gesagt hatte. Wir sollten es wohl eher so sehen: Maria suchte einen Menschen, mit dem sie sich über die ungeheuerliche Botschaft unterhalten konnte, Gottesmutter zu werden. Glaube ist wesentlich Begegnung. Die Künstler haben die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth immer wieder mit einer Umarmung dargestellt. Wir haben diese Geste wiederentdeckt: Sogar in der Liturgie ist sie beim Friedensgruß heimisch geworden. In Italien hat man nicht viel Scheu, sich auch öffentlich zu umarmen. In den letzten Jahren ist die Umarmung auch in Ordensgemeinschaften neu entdeckt worden. Das ist gut so, wenn es nicht nur bei einer wohlmeinenden Geste bleibt. Eine Umarmung ist etwas Zerbrechliches. Die einander umarmen, übernehmen füreinander Verantwortung. Sie schauen einander an. Und dieser Augenblick gewährt dem anderen Einblick. Wenn Maria und Elisabeth einander umarmen, dann wollen sie zueinander sagen: Ich bin bereit, dich ein Stück des Weges zu begleiten. Wenn sich Menschen beim Abschied in den Armen liegen, dann soll es die Zusage sein: Wir vergessen einander nicht. Wir glauben aneinander. Oft werden solche Erwartungen nicht erfüllt. Woran mag es wohl liegen? Erinnern wir uns an die Geschichte vom Seiltänzer: Die Zuschauer haben ihm applaudiert, aber mit ihm ins gleiche Boot zu steigen, das trauten sie sich nicht. Sie hatten doch das tiefste Vertrauen nicht.

Aber wie kann man glauben, wenn dazu Vertrauen notwendig ist? Wenn wir einem Menschen glauben, dann kennen wir ihn schon länger. Er hat uns schon ein wenig in sich hineinschauen lassen. Wir haben erfahren, ob er zuverlässig ist und ehrlich. Wir wissen aber auch, wie wir ihn zu behandeln haben, damit wir ihn in der Freundschaft nicht überfordern oder vereinnahmen, ihm aber zugleich immer so nahe sind, dass er sich ganz fest auf uns verlassen kann. Zum Vertrauen gehören immer zwei: Wenn nur „einer“, d.h. immer der andere auf dem Spiel steht, ist Vertrauen nicht allzu schwer. Wenn wir aber selbst in das riskante Spiel einer Beziehung (auch einer Gottesbeziehung!) hineingezogen werden, dann kostet dieses Vertrauen oft viel Mut. Wieder kommen die beiden Frauen ins Blickfeld: Maria und Elisabeth hatten Vertrauen zueinander. Wir könnten sagen: Sie führen ein Glaubensgespräch. Was mit dem inneren Ohr vernommen wurde, kann einander zugesagt werden: „Gesegnet bist du vor allen Frauen.“ Was mit dem inneren Auge geschaut wurde, kann dem anderen Einblicke in die neue Wirklichkeit gewähren: „Wer bin ich überhaupt, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Und da geschieht es: es mischt sich ein dritter ein. „Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt.“ Und: „Das Kind hüpfte in ihrem Leib.“ D.h. Gott selbst spricht mit, wenn sich die beiden werdenden Mütter unterhalten. Gottes Geist führt Generationen zusammen – die alte Elisabeth und das Mädchen Maria. Beide haben hautnah erlebt, dass Gott in ihr Leben eingegriffen hat und teilen es mit. Sie sprechen über ihr ganz persönliches „Geheimnis des Glaubens“, über die Früchte ihres Leibes. Haben wir ein solches Geheimnis des Glaubens, aus dem wir leben?

So wird aus dieser Begegnung zweier Glaubender ein Wiedersehen, das selig macht. Sagen wir nicht auch oft: „Ich bin selig vor Freude.“ Und Maria singt vor Freude das Lied, das wir täglich selbst anstimmen: „Meine Seele priest die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“

Ich lade Sie ein, in einer ruhigen Stunde einmal darüber nachzudenken, was wir betrachtet haben:

Glaube als Aufbruch: Steige ich ein in den Seiltanz einer Beziehung, auch wenn ich einmal nicht weiß, was dabei herauskommt?

Glaube als Begegnung: Wie sehen meine Gespräche mit Freunden und Menschen aus, denen ich täglich begegne? Habe ich Mut, Gefühle und Zuneigung zu zeigen?

Glaube als Vertrauen: Habe ich jemanden, dem ich alles sagen kann? Übernehme ich für einen solchen Menschen auch dann Verantwortung, wenn ich ihn gerade nicht brauche? Wie steht es um mein Gott-Vertrauen?

Glaube als Lobpreis: Welchen Wortlaut hat mein persönliches Magnifikat?

Ich wünsche uns allen, dass wir in diesem Jubiläumsjahr neue Lichtblicke in unseren Begegnungen geschenkt bekommen. Wir brauchen sie. Denn alles Leben ist Begegnung (vgl. Martin Buber).