Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier zum 470. Gründungstag des Dillinger Gymnasiums (1550)
und zum 70jährigen Jubiläum der Dilingana (1950) am 25. Juli 2021 in der Studienkirche/Dillingen

Immer wieder umdenken: „Für den Ewigen erschaffen und erlöst!“

25.07.2021 10:30

Lieber Mitbruder im priesterlichen Dienst, lieber Gottfried,
sehr geehrter Herr Direktor Ritter,
sehr geehrte Damen und Herren des Lehrerkollegiums,
liebe ehemalige und heutige Schülerinnen und Schüler des J. M. Sailer-Gymnasiums,
verehrte, liebe Angehörige der Vereinigung Dilingana,
liebe Schwestern und Brüder,
dass wir uns heute hier versammeln können, haben wir einer Freundschaft zu verdanken – der Freundschaft zweier Männer, die gegensätzlicher nicht hätten sein können: der eine stammte aus dem Adel und war für eine geistliche Laufbahn bestimmt, für die er zeitlebens nicht wirklich Feuer fing, der andere hingegen - aus reichem bürgerlichen Haus - verzichtete auf jegliches Karrierestreben, schloss sich einer jungen Ordensgemeinschaft an und brannte dafür, zuerst das Erzbistum Köln und schließlich den ganzen deutschsprachigen Raum für die katholische Kirche zurückzugewinnen.

Nachdem der kirchliche Diplomat Otto Truchsess von Waldburg (1514-1573) bei Peter Faber die Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola gemacht und den jungen Holländer Peter Kanis (1521-1597) kennen gelernt hatte, ließ er nicht mehr aus den Augen, sondern förderte ihn nach Kräften. In seinem Auftrag ging Canisius u.a. zum Konzil nach Trient (1545-1563). Nach der Priester- und Bischofsweihe 1543 wurde Otto bereits im Jahr darauf zum Kardinal erhoben und galt fortan als einer der einflussreichsten Kirchenpolitiker seiner Zeit.

1555 rief er Canisius, der sich inzwischen durch die Gründung von jesuitischen Ausbildungsstätten in Messina, Ingolstadt, Wien und Innsbruck einen Namen gemacht hatte, in seine Nähe, bestellte ihn bald als Domprediger in Augsburg und bemühte sich in der Folgezeit gemeinsam mit ihm darum, die Erneuerung des Bistums nach tridentinischem Vorbild umzusetzen: Wenige Jahre nach dem Ende des Konzils (1567) fand die erste deutsche Diözesansynode unter der Leitung des Petrus Canisius ausgerechnet in Augsburg statt. auch die 1549 gegründete Dillinger Universität gab Kardinal Otto in die Hände des Jesuitenordens und legte damit den Grundstein für Dillingen als Schulstadt.

Dass Sie heute – pandemiebedingt mit einem Jahr Verspätung - den 470. Gründungstag ihres Gymnasiums feiern, das nicht den Namen von Otto Kardinal Truchsess von Waldburg trägt, sondern den eines Mannes, der Augsburger Diözesane und Dillinger Universitätsprofessor war, mag verwundern und hat doch, so meine ich, gerade in geistlicher Hinsicht seine Berechtigung. Denn bei einem Schulpatron geht es immer auch darum, den jungen Menschen ein Vorbild zu geben, an dem sie wachsen können. Und unter den dreien, die hier wohl zur Auswahl standen, ist es m.E. tatsächlich der menschenfreundliche, unbedingt redliche und absolut integre Johann Michael Sailer, der Vater der Pastoraltheologie, der sich am besten zum Vorbild eignet.

Schon von der Herkunft her entspricht der Bauernsohn ganz dem Durchschnitt der Bevölkerung und hatte gleichzeitig eine überdurchschnittliche Begabung, zu der Fleiß und Wissbegierde hinzukommen. Ihm ging es nach einem heute vielzitierten Wort von Antoine de Saint-Exupery darum, „Spuren zu hinterlassen und nicht nur Staub“. Indem er als junger Jesuit in die Nachfolge Christi eintritt, weiß er sich gebunden an eine klare Hierarchie und eine weltweite Gemeinschaft: Er lässt sich von einem Höheren in Dienst nehmen, ordnet sich ein und übt Selbstbeherrschung und Disziplin. Ganz im Sinne der Empfehlung, die Paulus den Christen in Ephesus ans Herz legt: „Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht Euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!“ (Eph 4,2f).

Doch dieses „Paradies auf Erden“, wie Sailer sein Noviziat in Landsberg/Lech empfand, währte bekanntlich nicht lang: Mit der erzwungenen Auflösung des Jesuitenordens 1773 sah sich der 22jährige zum ersten, aber bei weitem nicht zum letzten Mal mit einem zerbrochenen Lebensentwurf konfrontiert. Zwar wünschen wir uns heute junge Menschen, die flexibel und spontan sind, wendig und in der Lage, sich immer wieder einmal „neu zu erfinden“ – doch eine berufliche Biographie wie sie Johann Michael Sailer hatte, mit so zahlreichen Abbrüchen, Umwegen und Sackgassen, grenzt geradezu an einen Albtraum! Das würden wir weder uns selbst noch unseren Kindern, ja nicht einmal Menschen wünschen, mit denen wir uns schwertun.

Und gerade deswegen eignet er sich so gut als Namensgeber für das in jesuitischem Geist gegründete Dillinger Gymnasium! Gleicht doch der so oft enttäuschte und immer wieder neu beginnende Sailer dem „kleinen Jungen“ im heutigen Evangelium, der - für sich genommen - mit fünf Broten und zwei Fischen recht viel zu bieten hat, doch angesichts des Hungers der Menschen nach Brot, Spiritualität und Lebenssinn oft versucht war, resignierend zu fragen: „Was ist das für so viele?“ (Joh 6,9).

Ist diese, aus der Anstrengung und Müdigkeit des Alltags geborene Frage nicht auch die unsrige? Wie viele Lehrerinnen und Lehrer gibt es, die, um zu überleben, längst in die innere Emigration gegangen sind; wie viele Schülerinnen und Schüler, die verzweifelt den Schein wahren wollen, aber in Wirklichkeit hilfesuchend nach jemandem ausschauen, der ihnen sagt, dass der eingeschlagene Weg, die gewählte Schulform noch einmal korrigiert werden darf – ohne dass sie dabei das Gesicht verlieren! Wie viele Mütter und Väter fragen sich, ob sie ihren Kindern nicht zu viel abverlangen, und haben doch gleichzeitig die Sorge, dass die mit einem niedrigeren Abschluss in der Ellbogengesellschaft nicht mithalten können? Zu ihnen und zu uns allen sagt Jesus: „Lasst die Leute sich setzen!“ – Setzt Euch hin, überlegt gemeinsam, wie ihr weitermachen wollt, teilt Eure Sorgen, schenkt einander Gehör, ja zu jedem von uns: öffne dem anderen dein Herz und hab Vertrauen!

Ich weiß, im Schulalltag ist es, wie in der Familie oder im beruflichen Stress, nicht leicht, Raum und Zeit für solche Ruhepunkte zu finden und es gehört fast schon Zivilcourage dazu, überhaupt den Wunsch danach zu äußern!

Doch möchte ich Sie nachdrücklich ermutigen: Überlegen Sie für sich, zu zweit oder in kleinen Gruppen: Wo kann ich mich selbst aus dem Getriebe einmal rausnehmen, mich buchstäblich oder im übertragenen Sinne „ins Gras setzen“ und wen lade ich dazu ein, es mir nachzutun?

Ich verspreche Ihnen, wenn Sie es schaffen, dies nicht nur sporadisch, sondern mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu üben, werden Sie es auch positiv im Alltag spüren. Werden Sie kreativ und helfen Sie einander, gerade die Älteren den Jüngeren und ganz Jungen - und umgekehrt!

Vielleicht machen Sie selbst dann auch jene Erfahrung, die als Leitwort des Petrus Canisius über unserem Gottesdienst steht: "Ich weiß oft nicht, was für ein Wind mich vorantreibt, wohin mein Schifflein segelt, wie ich festsitze und wie ich meinen Kurs richtig steuere. (Aber) Ich vertraue auf Gott, meinen Herrn, der mir alles zum Besten schickt. Des Ewigen, nicht des Zeitlichen wegen bin ich erschaffen und erlöst worden."

Im letzten Satz dieses Zitates klingt an, was der große Prediger und Buchautor an den Beginn seines grandiosen Bestsellers gesetzt hat, des Katechismus – der nicht umsonst jahrhundertelang einfach Canisi genannt wurde, nämlich die Frage aller Fragen: Wozu sind wir auf Erden?  Und mit ihm dürfen wir antworten: „Des Ewigen, nicht des Zeitlichen wegen bin ich erschaffen und erlöst worden.“ Amen.