„In IHM können wir lieben, ...“
Liebe Jubilarinnen und Jubilare, was kann ein Bischof Ehepaaren sagen, die schon seit Jahrzehnten verheiratet sind? Was weiß er über die Höhen und Tiefen einer Partnerschaft zwischen Mann und Frau? Nicht wenige Menschen denken so und verweisen dann oft auf den Priesterzölibat. Doch glauben Sie mir: Wenn man über lange Zeit viele Paare als Seelsorger begleiten darf, hört man so einiges und erkennt bestimmte Muster, die immer wieder auftauchen. Da gibt es Kennzeichen, man könnte es auch Voraussetzungen nennen, die für das Gelingen einer dauerhaften Beziehung von entscheidender Bedeutung sind. In den heutigen Schriftlesungen haben wir einige davon gehört. Drei davon möchte ich herausgreifen, weil sie mir mit am wichtigsten erscheinen.
1. Liebe
Da wäre gleich an erster Stelle die Liebe, von der wir in der Lesung (vgl. Spr 3,3) und im Evangelium (vgl. Joh 15,17) hörten. Nun, das ist ja klar, werden manche vielleicht sagen, dass es keine Ehe ohne Liebe geben kann. Aber Liebe ist nichts Statisches, das man einmal hat und das sich nicht verändert. Alle Ehepaare kennen das: Die anfängliche Verliebtheit wandelt sich mit der Zeit zu einer tiefergehenden Vertrautheit, die in der Überzeugung gründet, in der Person, die man geheiratet hat, wirklich den Partner fürs Leben gefunden zu haben, mit dem man in guten und in schwierigen Zeiten zusammenbleiben will. Der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery hat das einmal sehr schön formuliert: „Die Erfahrung lehrt uns, dass die Liebe nicht darin besteht, dass man einander in die Augen sieht, sondern dass man gemeinsam in die gleiche Richtung blickt.“
Vielleicht, oder ziemlich wahrscheinlich, gab es in Ihren langjährigen Ehen auch Phasen, wo das nicht der Fall war. Vielleicht gab es unterschiedliche Vorstellungen, Lebensentwürfe, den Wunsch nach Veränderungen. Manche Ehepaare berichten davon, dass es Momente gab, in denen sie das Gefühl hatten, sich auseinander zu leben und eben nicht mehr in dieselbe Richtung zu blicken. Ich denke, dass es in diesen Situationen sehr darauf ankommt, dass und wie man miteinander spricht. Hören wir dem anderen „mit dem Ohr des Herzens“ zu, wie es über den heiligen Ulrich berichtet wird, dessen wir in dieser Woche besonders gedenken? Bemühen wir uns ehrlich darum zu verstehen, was den Ehepartner in seinem Innersten bewegt? Umgekehrt: Sagen wir dem anderen, wonach wir uns sehnen, und sagen wir es in einer Weise, die ihn oder sie nicht gleich unter Druck setzt? Worte wie das „JA“ bei der Trauung verbinden Menschen miteinander. Wir wissen aber, dass Worte auch verletzen und Beziehungen zerstören können. Seien wir also stets darauf bedacht, in welcher Gesinnung und mit welchen Ausdrücken wir miteinander reden.
Das Evangelium weist uns dabei noch auf einen anderen Aspekt hin, wenn Jesus sagt, dass es keine größere Liebe gibt, „als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13). Damit deutet er schon voraus auf sein späteres Opfer am Kreuz, zur Rettung der Menschen. Doch könnte man daraus auch ableiten, dass es generell keine Liebe ohne Opfer gibt. Wenn wir sagen, wir wollen unser ganzes Leben an der Seite eines anderen Menschen verbringen, wird es nicht anders gehen, als dass man an vielen Stellen Kompromisse eingehen muss. Nicht alles, was man sich wünscht, ist dann noch durchsetzbar, sondern wird ein Stück weit geopfert; denn eine Beziehung kann nicht gelingen, wenn jeder nur seinen eigenen Willen durchsetzen möchte. Liebe heißt demnach auch, auf etwas zu verzichten, wobei dies ausdrücklich für beide Seiten gilt, denn allzu oft zerbrechen Ehen daran, dass nur einer oder eine zurücksteckt. Mann und Frau müssen einander also einen gewissen Freiraum zugestehen, ohne sich selbst dabei aufzugeben, denn das wäre ebenfalls ein falsches Verständnis von Liebe. Nicht umsonst heißt es: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ (vgl. Mt 22,39) Es ist darum gut und wichtig, auch auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und seinen Freiraum zu bewahren. Das geht jedoch mit einer gewissen Verantwortung einher, womit ich zu meinem zweiten Punkt komme.
2. Treue
„Nie sollen Liebe und Treue dich verlassen!“ (Spr 3,3), lesen wir im Buch der Sprichwörter. Allein die Kombination dieser beiden Begriffe zeigt, dass Liebe und Treue untrennbar zusammengehören. Es sind zentrale Werte des Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen, aber auch der Menschen untereinander. Manchen Paaren fällt es überraschend leicht, hier keinerlei abwegige Gefühle zu entwickeln und stets verlässlich zueinander zu stehen. Andere haben mehr zu kämpfen. Was auch immer Sie in den vielen Jahren Ihrer Ehe erlebt haben, vielleicht hilft Ihnen das Zitat eines weiteren Schriftstellers, Werner Bergengruen, der einmal sagte: „Wohl erprobt sich die Liebe in der Treue, aber sie vollendet sich erst in der Vergebung.“ Ich werde jetzt nicht weiter darauf eingehen, denn Sie haben durch Ihre langjährigen Ehen bewiesen, dass Sie trotz aller Herausforderungen beieinanderbleiben wollen und zueinanderstehen. Aber ich möchte meine Überzeugung ausdrücken, dass Beziehungen grundsätzlich nur dann dauerhaft Bestand haben, wenn man sich Dinge vergeben kann. Denken wir an Petrus, der Jesus die unverbrüchliche Treue versprochen hat und ihn dann im entscheidenden Moment im Stich ließ. Welch eine Enttäuschung! Nur wenig später aber erkannte er seinen Fehler, weinte voller Reue, kam zurück und gab am Ende sogar sein Leben aus Liebe zu Jesus, der ihm nicht nur vergab, sondern die ganze Kirche auf der Person und dem Glauben dieses einfachen Fischers aufbaute.
Das zeigt: Menschen sind oft schwach und machen Fehler. Mit der Hilfe Gottes aber haben wir die Kraft, unsere Fehler einzusehen, um Entschuldigung zu bitten und einander zu vergeben. So ein Tag wie heute kann auch ein Moment sein, an dem man seinem Partner einmal dafür danken könnte, dass er oder sie einem all das verziehen hat, was man im Leben falsch gemacht hat. Das wäre zutiefst christlich, womit ich zu meinem letzten Punkt komme.
3. Glaube
„Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit; such ihn zu erkennen auf all deinen Wegen, dann ebnet er selbst deine Pfade!“ (Spr 3,5f.) Dieser Rat aus dem Alten Testament wird uns heute einmal mehr mitgegeben, und ich kann nur hoffen, dass Sie das auf Ihren Lebenswegen schon erfahren durften. Die kirchliche Eheschließung ist ein Bund zwischen zwei Menschen, die einander Liebe und Treue versprechen. Dabei bestätigt der Priester bei der Trauung nicht nur diesen Ehebund, sondern segnet ihn im Namen Gottes. Das ist kein liturgisches Beiwerk, sondern ein ganz wesent-licher Vollzug dessen, woran wir als Christinnen und Christen glauben: Gott geht all unsere Wege mit und er will, dass es uns gut geht. Wenn zwei Eheleute also überzeugt sind, den richtigen Partner gefunden zu haben, und dies nicht nur öffentlich bezeugen, sondern auch entsprechend leben, dürfen sie davon ausgehen, dass der Herr bis zum Tod an ihrer Seite geht. „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben“ (Joh 15,10), sagt Jesus und verspricht uns gleichzeitig eine vollkommene Freude (vgl. Joh 15,11). Ich möchte das nochmal unterstreichen und Sie einladen, Gott in Ihrem Eheleben einen angemessenen Raum zu geben, beispielsweise indem sie miteinander beten. Die Erfahrung unzähliger Paare zeigt, dass der Glaube das zentrale Fundament ist, auf dem die Liebe wachsen und die Treue sich bewähren kann. Etwas einfacher formuliert: Mit Gott sind Sie stark und können allen Stürmen trotzen. Ohne Gott kämpfen Sie allein und nehmen sich selbst die entschei-dende Quelle von Kraft und Freude. Denn ER ist es, der die Tage und Jahre Ihres Lebens vermehrt und Wohlergehen bringt (vgl. Spr 3,2).
So lassen Sie uns am Ende dem guten Gott danken, dass er Sie zusammen bis zu diesem Tag geführt hat und auch weiterhin mit seinem Segen begleiten will! In IHM können wir lieben, mit IHM können wir treu sein, an IHN können wir glauben!
Schriftlesungen: Spr 3,1-6; Joh 15,9-17