Predigt von Bischof Bertram beim ökumenischen Gottesdienst zum Reformationsfest 2021in Lindau am 31. Oktober 2021

In vino veritas! Einladung zur „ökumenischen Weinprobe“

31.10.2021 19:00

Augsburg 2005: Als wir den 450. Jahrestag des Augsburger Religionsfriedens feierten, ragte unter vielen Veranstaltungen und Gottesdiensten als Höhepunkt eine fulminante Ausstellung heraus, die im Herzen der Stadt, im Maximiliansmuseum, stattfand. Mir hat sich ein großes Ölbild eingeprägt, das ein unbekannter Meister aus den Niederlanden am Anfang des 17. Jahrhunderts gemalt hat. Wenn man so will, ist es eine Karikatur. Da sitzen drei an einem runden Tisch und essen nicht miteinander. Keiner mag die Speise des anderen, keiner hört auf den anderen. Das Bild ist noch vor den Dreißigjährigen Krieg zu datieren. Es zeigt die Konfessionen unversöhnlich nebeneinander: die Katholiken mit dem Papst, die Reformierten mit Calvin und Lutheraner mit dem Laute spielenden Luther, unten sitzt in sich geduckt ein Täufer. Das Feuer deutet auf den schrecklichen Tod hin, den viele Wiedertäufer in den Auseinandersetzungen um die Religion erlitten haben. Was ist das Motto dieses Bildes? Die Männer am runden Tisch sind alle Christen. Aber von einem Tischtuch miteinander speisen, das können sie nicht. Das Gemälde ist eine bittere Bilanz und ein trister Kommentar der religiösen Situation in Deutschland, in Europa nach der Reformation.

Doch über der düsteren Zeitansage liegt auch ein Hoffnungsschimmer. Auf dem Bild sehen wir auch eine vornehm rot gekleidete Frau. Als Personifizierung des Friedens tritt sie in den Raum und mahnt die Konfessionen zu Gerechtigkeit und Frieden. Trotzdem bringen es die drei nicht fertig, von einem Tisch zu essen. Die Speise, die Calvin dem Papst reicht, ist für ihn so ungenießbar, dass nicht einmal die Katzen in seiner Nähe davon probieren mögen.

Heute schreiben wir das Jahr 2021. Aus den runden Tischen der Konfessionen sind in manchen Städten „Runde Tische der Religionen“ geworden. Lindau steht für die Initiative „Religions for Peace“, die erst vor wenigen Wochen hier getagt hat. Ich selbst hatte die Ehre, als Stimme der gastgebenden katholischen Diözese und Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für den Interreligiösen Dialog die Gäste willkommen zu heißen.  Juden, Christen, Muslime, Buddhisten und andere sitzen beisammen, um Gott die Ehre und der kleinen und großen Welt ein menschlicheres Gesicht zu geben. Manchmal scheint es, als habe der „Runde Tisch der Religionen“ den runden Tisch der Konfessionen aufgehoben. Anders gesagt: Man fragt sich, ob der interreligiöse Dialog die Ökumene überflüssig mache. Oder ob gar die Christen die Stunde verschlafen haben, sich rechtzeitig zusammenzutun, um in einer multikulturellen und multireligiösen Landschaft in ökumenischer Verbundenheit die christliche Stimme zu erheben. 

Damit sind wir mitten im Thema: Warum es heute Ökumene braucht. Um beim alten Ölbild vom runden Tisch der Konfessionen zu bleiben, können wir heute dankbar feststellen: Wir trauen uns, vom Teller der anderen Konfessionen zu kosten und das Glas gemeinsam auf Jesus Christus und sein Evangelium zu erheben. Umgekehrt bleiben uns aber auch schmerzliche Erfahrungen in der Ökumene nicht erspart: Manches, was wir menschlich wünschen, hat sich noch nicht erfüllt. Bei theologischer Übereinstimmung in offiziellen Verlautbarungen kann es zu Verstimmungen kommen, wenn die Chemie unter den Verantwortlichen an der Basis nicht stimmt. Und die auf höchster Ebene viel beschworene Ökumene wird auf Belastungsproben gestellt, wenn in persönlichen Lebensgeschichten wie konfessionsverschiedenen Ehen stärker die Trennung als die Einheit unter den christlichen Kirchen offenbar wird, so dass der gern verwendete mildere Begriff der konfessionsverbindenden Ehe mehr als Kosmetik denn als wirkliches Gesicht der Ökumene heute gelten darf.

Warum es dennoch Ökumene braucht. Vom runden Tisch der Konfessionen lade ich Sie ein an eine Hochzeitstafel, an der auch Jesus mit seinen Freunden und seiner Mutter Platz nahm. Sie haben längst erraten, wohin es geht: nach Kana in Galiläa. Die meisten Gäste bei der Hochzeit sind nette und liebe Leute. Aber es hat sich auch ein ungebetener dazugesetzt: der „Festtagsteufel“. Der pflegt sich während wichtiger Tage nicht selten selbst einzuladen: Die Gans brennt an, das Rotweinglas wird über die frische weiße Tischdecke gegossen, ein Wort kommt in den falschen Hals, aus einer kleinen Mücke wird ein riesiger Elefant.

Auch bei der Hochzeitsparty in Kana ist der Festtagsteufel mit von der Partie. Der Wein geht aus! Das ist mehr als peinlich. Das fängt ja gut an, wenn man die Hochzeit nicht einmal richtig „begießen“ kann. Jesus rettet die Situation. Das wird ganz schlicht und praktisch dargestellt: Er sorgt für den Wein durch sein Wort. Niemand von den Geladenen merkt etwas. Die Peinlichkeit ist vermieden. Das Fest geht weiter. Die Hochzeitsgesellschaft freut sich. Die Gemeinschaft ist in guter Stimmung. Die Einheit ist gewahrt.

Damit sind wir beim Stichwort, das uns in der Ökumene beschäftigt: Jesus wahrt die Einheit, die sichtbare Einheit, und er wahrt die Einheit bei einer Gelegenheit, die auf besondere Weise Einung und Einheit handgreiflich werden lässt, bei einer Hochzeit: d.h. beim Sich-Nahe-Kommen zweier Familien, am Anfang einer Lebensgemeinschaft zweier Menschen, die nicht nur Tischgemeinschaft, sondern auch Vertrautheit und Intimität bedeutet.

Heute am Reformationstag, hier in Lindau, dürfen wir uns von dieser Episode einiges sagen und fragen lassen zum Problem mit der Einheit unter uns Christen. Spüren wir doch immer wieder die zerbrochene Tischgemeinschaft, den Wein, der uns fehlt, und die Unfähigkeit zum Wort, das verwandelt. Die Krüge stehen nicht nur in Kana, sie stehen vor uns. So lade ich Sie zu einer „ökumenischen Weinprobe“ ein! Füllen wir die Krüge mit dem Wasser unserer menschlichen Bemühungen. Und dann dürfen wir sie von Jesus wandeln und uns vom „ökumenischen Speisemeister“ einige Tipps für das Probieren geben lassen!

1. Der erste Krug ist ein Aperitif: ein Prosecco, der Appetit machen soll auf Ökumene. Sie haben richtig gehört: Es geht um einen Appetitanreger. Oft habe ich den Eindruck, Ökumene läuft unter der Kategorie „Kröte, die es zu schlucken gilt.“ Aber wer schluckt schon gern Kröten, uns reichen schon bittere Pillen. Ökumene wird nur gelingen, wenn sie schmeckt. Ignatius von Loyola, gewiss kein Ökumeniker, aber ohne Zweifel ein guter Menschenkenner, dessen Exerzitien mittlerweile auch über die Konfessionsgrenzen hinaus von vielen geschätzt werden, bringt gern die Sinne ins Spiel, wenn es um den Glauben geht. Wir müssen wieder Geschmack finden an der Ökumene. Es ist tatsächlich wie bei der Weinprobe: Wie den edlen Tropfen, so dürfen wir Ökumene kosten, verkosten und auskosten, damit wir Geschmack finden an ihr. An manchen Themen muss man lang lutschen, das eine oder andere scheint schon ausgelutscht. An manchem ökumenischen Partner haben wir zu knabbern, aber hier ist es wie bei den Begleitern des Weins, den Erdnüssen und Salzstangen: Wer einmal angefangen hat, hört nicht mehr auf.

Der Aperitif für meine ökumenischen Bemühungen ist mein Elternhaus. Als Sohn eines evangelischen Vaters und einer katholischen Mutter habe ich Ökumene gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen. Aus dem Aperitif wurde mehr: Ich schmeckte Ökumene, als wir im Advent und vor Ostern daheim Hausandachten hielten und fast jeden Sonntag beim Mittagessen über die Predigt in der jeweiligen Kirche heiße Debatten führten. Und was in mir den besten Nachgeschmack hinterließ: Bei unseren Eltern konnten wir Kinder hautnah erleben, dass die innere Verbundenheit in Jesus Christus stärker war als die schmerzhafte Trennung der Konfessionen. Der Prosecco im ersten Krug sagt uns: Ökumene soll schmecken. Ökumene tut gut. Ökumene ist schön. Man kann Ökumene auch genießen, weil der Glaube so viele Geschmacksrichtungen hat.     

 

2. Der zweite Krug enthält einen jungen, frischen Wein: den Heurigen. Das heißt auf die Ökumene bezogen: Obwohl uns Jesus vor zweitausend Jahren im hohepriesterlichen Gebet: „Lass alle eins sein!“ eines seiner Herzensanliegen ins Stammbuch schrieb, ist Ökumene nichts Gestriges, sie ist hoch aktuell, heutig. Deshalb gibt es bei der ökumenischen Weinprobe den Heurigen, den aktuellen, das Zeichen der Zeit. In den vergangenen Wochen rauschte es im Blätterwald, als die neuesten Austrittsstatistiken vermeldet wurden. Grundtenor war eine steigende Tendenz derer, die den etablierten christlichen Kirchen den Rücken kehren. Was ist zu tun? Klagepsalmen anstimmen oder das Requiem intonieren? Das hilft nicht weiter. Unsere Mission besteht nicht darin, den vermeintlichen Untergang zu verwalten, sondern den Übergang zu gestalten, wie wir in einer einerseits säkularen und andererseits multireligiösen Gesellschaft gemeinsam die Botschaft Jesu Christi als Angebot unter die Leute bringen. Wir haben die Aufgabe, uns dem Wettbewerb der Religionen zu stellen, weder arrogant noch schüchtern, sondern selbstverständlich, mutig und zugleich demütig.

Dazu brauchen die christlichen Kirchen ökumenische Zeitgenossenschaft. Es geht um unsere Haltung zur jeweiligen Zeit. Weder billige Anpassung an den Zeitgeist ist gefragt noch Ablehnung dessen, was im Strom der Zeit liegt. Wie deuten wir die „Zeichen der Zeit“? So fragen wir mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. In die gleiche Richtung, nur grundsätzlicher formulierte schon Karl Barth: „Das Fundamentalbekenntnis ‚Gott offenbart sich’ ist gleichbedeutend mit dem Bekenntnis: ‚Gott hat Zeit für uns’.“ Dieser so schlicht anmutende Satz hat eine ungeheure Tragweite: In Jesus von Nazareth ist Gott unser Zeitgenosse geworden. Daraus folgt: Die Christen sind berufen zur Zeitgenossenschaft. Es gibt keine gottlose Zeit. Denn jede Zeit ist Gottes Zeit.

Wenn die Kirchen nicht in ökumenischem Miteinander zu Zeitgenossen der Menschen werden, werden sie nicht nur gestrig, sie verweigern ihrer Zeit das Evangelium mit der Konsequenz: Sie werden belanglos. Wir verweigern Zeitgenossenschaft und vertun die uns geschenkte Zeit, wenn wir ökumenisch unter Niveau leben: d.h. solange wir uns über Konfessionsgrenzen hinweg nicht unentbehrlich werden für die anspruchsvolle Aufgabe, in unserer Heimat, einem neuen Missionsland, gemeinsam das Evangelium bezeugen. Ökumene ist kein innerkirchlicher Selbstzweck. Sie ist keine Kür, sondern Pflicht, spätestens mit der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 in Augsburg. So darf bei der ökumenischen Weinprobe die ganz aktuelle Sorte, der Heurige nicht fehlen. Denn die Zeitgenossenschaft der Kirchen gelingt nur ökumenisch.

 

3. Der dritte Krug schenkt einen starken, kräftigen Trunk ein: „Tut, was er euch sagt“. Dieser gute Rat richtet sich an alle Vordenker und Nachdenker der Ökumene: Der eigentliche „Spiritus Rector“, der geistliche Begleiter auf Einheit hin, ist der Heilige Geist. Bevor wir tun können, was der Heilige Geist uns sagt, gilt es, zum „Hörer des Wortes“ (Karl Rahner) zu werden. Lauschen können ist eine Kunst. Wie oft verhören wir uns, wenn wir hören? Wie schnell kann ein Zuhören ausarten in ein Verhör? Aus dem rechten Zuhören wird das richtige Tun erwachsen. „Seid nicht nur Hörer des Wortes, sondern Täter“. Ignatius von Loyola drückt dies in seinen Exerzitien einmal so aus: „Wir sollen die Liebe mehr in die Werke als in die Worte legen“.

Ökumenisch handeln heißt: sich einlassen auf ein gemeinsames Tun, wo immer es möglich ist. Zwei Kostproben möchte ich erwähnen: Zunächst die ACK: die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen auf lokaler und regionaler Ebene, die den katholisch-evangelischen Dialog weitet auf andere christliche Gemeinschaften und Kirchen. Das zeigt: Ökumene ist kein Duett, sondern eine Symphonie, die den Zusammenklang sucht. Dann blicken wir schon auf den Zweiten Ökumenischen Kirchentag, der für 2010 in München geplant ist. Während die einen provozierend sagen: „Da feiern wir gemeinsam Abendmahl“, fehlen auch die Stimmen nicht, die meinen: „Da wird die Ökumene in Deutschland begraben.“

Einen Schluss können wir aus dieser sensiblen Materie ziehen: Ökumenisch handeln heißt nicht, theologische Drahtseilakte und liturgische Seiltänze veranstalten, sondern gemeinsam den Dienst der Wasserträger von Kana auf sich nehmen. Diese ökumenischen Wasserträger werden in ein Geheimnis eingeweiht, das den bloßen „Feinschmeckern“ und „Abschmeckern“ der Ökumene vorenthalten bleibt: Die Wasserträger dürfen ein Wunder sehen, wo der Oberkellner nur guten Wein schmeckt. Und sie wissen, woher der Wein der Freude, der die Einheit wahrt, hergekommen ist: von Christus, dem Gast, der im Stillen zum Gastgeber wurde. Wenn es gelingt, hier in Lindau starke ökumenische Zeichen des gemeinsamen Zeugnisses zu setzen, dann besteht Hoffnung, dass sich die Schlagzeile wiederholt, mit der eine große deutsche Zeitung nach dem ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin titelte: 1:0 für Gott! Dazu braucht es schon eine verlässliche und gut funktionierende Ökumene.

So hoffe ich, dass Sie die Weinprobe genossen und ein wenig Appetit bekommen haben auf Ökumene. Ökumene muss schmecken. Sonst hat sie weder Biss noch Kraft. Clemens Wilken hat das gut auf den Punkt gebracht:

„Ökumene

ein Fremdwort – für die Gleichgültigen

ein Reizwort – für die Festgelegten

ein Hauptwort – für die Begeisterten

ein Zukunftswort – für die noch nicht Resignierten

ein Phantasiewort – für die Pragmatiker

ein Fragewort – das Strukturen erschüttert

ein Füllwort – das als Alibi gebraucht wird

ein Trostwort – für die Verletzten

ein Leitwort – für die Suchenden

ein Kennwort – für die Eingeweihten

und eins der letzten Worte unseres Herrn: Seid eins!“

Prosit Ökumene!