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Predigt in Steingaden anlässlich der 850-Jahr-Feier der Pfarrkirche St. Johannes Baptist

Jesus als Person kennenlernen

24.10.2026 19:20

850 Jahre Welfenmünster feiern wir! Lange Zeit war es in der Hand der Prämon­stratenser-Chorherren, die kürzlich in Roggenburg ihr 900jähriges Bestehen feierten – ich selbst durfte dem Jubiläumsgottesdienst vorstehen. 900 Jahre, 850 Jahre - Zeiträume, die wir anhand unseres Lebens kaum überblicken können. Wie viele Kriege und stürmische Zeiten haben diese Mauern ertragen? Wieviel Hoffnung haben sie Generationen an Menschen gespendet!

Die ersten Kirchenschließungen in unserem Bistum machen uns schmerzlich bewusst: die Kirche inmitten von Dörfern und Städten - das ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Was wäre der Anblick von Steingaden ohne diese Kirche? Sie ist Teil Ihrer Identität, sie gehört zur Geschichte Bayerns und der Geschichte unseres Bistums. All das verleiht ihr Bedeutung und Wert.

Abgesehen davon, dass Kirchen wie das Welfenmünster Orte sind, an denen Kunst, Kultur und Geschichte zusammenfließen – welche Bedeutung haben unsere Kirchengebäude noch? Ich will dieser Frage heute, am Kirchweihtag, entlang der eben gehörten Schriftlesungen nachgehen:

1. Kirchen halten die Gottesfrage wach

Bevor wir uns den biblischen Texten zuwenden, werfen wir einen Blick auf den Patron dieser Kirche: Johannes Baptist, den Täufer, der Jesus vorausgeht und sich doch hintanstellt. In der Kunst wird Johannes oft mit einem deutlichen Zeigefinger dargestellt. Dieser Finger zeigt auf Jesus, den Sohn Gottes.

Ist nicht auch jeder Kirchturm so etwas wie ein Fingerzeig auf Gott hin?

Wie viele von Ihnen bewegen sich tagtäglich in einem Umfeld, in dem die Frage nach Gott keine Rolle mehr spielt? Praktizierende Christen gelten mittlerweile als Exoten; die Gottesfrage ist für die breite Masse unserer Bevölkerung in den Hintergrund gedrückt. Unsere Kirchen, Kapellen und Wegkreuze halten diese Frage wach. Schon von Weitem sichtbar, spricht ein jeder Kirchturm: „Hier wohnt Gott!“ Er ragt dabei einerseits in den Himmel, zugleich weist er auf das Kirchengebäude hin, mit dem er in Verbindung steht.

Damit sind die beiden Dimensionen angesprochen, die uns in der Lesung aus dem ersten Buch der Könige begegnet sind. Im so genannten Tempelweihgebet heißt es: „Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe.“ (1 Kön 8,27) Wenn wir fragen, wo Gott zu finden ist, dann ist Gott weder auf den Kirchenraum noch auf den Himmel zu beschränken. Die Antwort wäre vielschichtig; aber wir Christen haben das große Glück, dass Gott sich für uns greifbar gemacht hat. Denken wir an das Johannesevangelium, das von Beginn an festhält: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt…“ (Joh 1,14). Wörtlich ist das übersetzbar mit: „Er hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen.“ Die Tabernakel sind jene Zeltstätten, in denen Gott im Zeichen des Brotes mitten unter uns ist – jenes Geheimnis, das wir in dieser Stunde versammelt um den Altar feiern. Unsere Kirchen sind nicht leer; Gott erweist uns in Jesus Christus seine bleibende Nähe: im Brot und freilich auch in seinem Wort.

2. Kirche heißt Jesus Christus als Person kennen lernen

Wie oft geschieht es, dass wir eine Person nur gerüchteweise kennenlernen: durch den Dorftratsch, durch das Gerede im Freundeskreis oder die reißerische Berichterstattung der Medien. Wie unvoreingenommen kann ich dieser Person noch gegenübertreten? Gerücht und Gericht – sie liegen nah beieinander. Wie schnell urteilen wir über jemanden, den wir nur vom Hörensagen kennen? Bekommt dieser Mensch von mir die Chance, sich in einem ganz anderen Licht zu zeigen als jenes Halbdunkel, in dem er mir präsentiert wurde?

Auch über Jesus brodelt die Gerüchteküche. Das zeigt einmal mehr, dass sich der Sohn Gottes ganz und gar darauf eingelassen hat, als Mensch unter Menschen zu leben. Jesus ist das bewusst! Daher fragt er seine Jünger: Was reden die Leute über mich? Aber viel wichtiger: Ihr, die ihr mit mir unterwegs seid: Was sagt ihr, wer ich bin? (vgl. Mt 16,13.15)

Übertragen wir das auf unser Christsein im 21. Jahrhundert! „Kirche“ von außen wahrzunehmen ist das eine; etwas anderes ist es, in ihr Inneres einzutreten. Wer das Welfenmünster zum ersten Mal betritt, der wird die Augen nicht so schnell von Wänden, Altären und Decke nehmen können – so ein Reichtum ist hier zu entdecken. Dieser Schatz ist bei aller historischen und kulturellen Wertigkeit ein Sinnbild für das, was wir Himmel nennen. In das Innere von Kirche eintreten ist daher mehr als durch die Pforte zu schreiten – wenn auch das ein erster wichtiger Schritt sein kann. Es heißt, in ihren Bräuchen, Riten und im Glauben der Kirche zu Hause zu sein. Die Gemeinschaft der Gläubigen und ihre Rituale bieten uns Halt. Doch wird der Raum des Glaubens noch einmal geweitet und vertieft, wo wir in eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus hineinfinden. Kirche soll der Raum sein, wo wir Jesus kennen lernen: im Wort und Sakrament. Ob im Gottesdienst, beim Lesen der Bibel oder in der Stille – Jesus Christus will uns nicht als religiöses Konzept, sondern als lebendige Person begegnen!

Als lebendige Person hat er ehrliches Interesse an uns und hofft auf ehrliches Interesse unsererseits. Er braucht keine Lippenbekenntnisse, sondern hofft darauf, dass wir wie Petrus aus tiefstem Inneren sagen können: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16). Denn nur aus einem Grund ist er Mensch geworden: für uns und zu unserem Heil. Und mit diesem „uns“ sind nicht nur wir gemeint, die gerade hier sind. Der Wunsch Gottes nach Frieden und Heil umfasst die ganze Schöpfung. Und dafür braucht er tatsächlich „uns“, die wir hier als seine Kirche versammelt sind.

3. Wir selbst sind Gottes Bau und Tempel

Das Kirchengebäude steht als Bild dafür, was wir in der Taufe geworden sind: „Gottes Bau“ und „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 3,9.16). Und auch das ist bedeutsam, wenn es darum geht, Jesus kennenzulernen! Warum?

Wenn wir beten, dann geschieht das im Hl. Geist. Weil Gott uns seinen Geist gibt, können wir Jesus erkennen! Denken wir daran, wie Jesus auf das Be­kenntnis von Petrus reagiert: „Selig bist du, denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel!“ (Mt 16,17) Glauben können ist keine Leistung, sondern ein Geschenk! Oft braucht es eine Erfahrung, dass ein Mensch im Innern verstehen kann: Ja, dieser Jesus ist auch für mich da! Das kann durch die Sakramente geschehen, aber auch durch die Liebe anderer Menschen, durch die die Herzenstür für Gott erst geöffnet wird. Ich bin mir sicher, viele unter uns haben im Raum der Kirche Sinn und Halt für ihr Leben gefunden. Ich möchte Ihnen Mut zusprechen, dass Sie anderen von der positiven Kraft erzählen, die der Glaube in ihr Leben bringt. Menschen spüren, wenn unser Glaube authentisch ist und unsere Liebe zu ihnen echt ist. In diesem Sinn dürfen wir als Getaufte so etwas wie ein Kirchturm, ein Fingerzeig Gottes, inmitten dieser Welt sein. Wir tragen seinen Geist in uns. Er hilft uns Jesus zu erkennen und von ihm zu erzählen – in Worten, Taten und Gesten.

850 Jahre Glaubensleben sind in diesem Raum verdichtet. An drei Dinge mag uns das Kirchengebäude im Alltag erinnern:

  1. Daran, die Frage nach Gott wach zu halten – im gesellschaftlichen Leben, aber auch im Auf und Ab unseres persönlichen Lebens.
  2. Dass uns ein Raum gegeben ist, in dem wir Jesus Christus kennen lernen und begegnen können.
  3. Der Kirchenbau ist ein Bild dafür, dass wir befähigt sind, mit dem, was Gott uns geschenkt hat, in diese Welt hineinzuwirken.

Wo wir selbst mit seinem Geist und Leben erfüllt sind, da sind unsere Kirchen mit Geist und Leben gefüllt – auch noch in 850 Jahren.