Karfreitag 2016 im Mutterhaus Maria Stern von Domdekan Prälat Dr. Bertram Meier

Jesus der König

29.03.2016 17:01

Gestern schaute Jesus, der Fußpfleger, seine Jünger der Reihe nach an: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Heute wird Jesus von Pilatus gefragt: „Bist du der König der Juden?“ (Joh 18,33). Und Jesus schaut dem Pilatus in die Augen: „Du sagst es. Ich bin ein König“ (Joh 18,37).

Jesus steht vor uns als König. In der Politik haben Könige weitgehend ausgedient. Wenn wir von einem Menschen sagen, dass er ein König sei, meinen wir, dass er Würde ausstrahlt. Aber wenn jemand immer der „king“ sein will, löst das bei uns eher Abneigung aus. So ein Mensch will stets im Mittelpunkt stehen und alles bestimmen. In den Märchen und Mythen ist der König ein archetypisches Bild, d.h. ein Sinnbild für den ganzen Menschen, der sich selbst beherrscht, anstatt von anderen Mächten beherrscht zu werden. Die griechische Philosophie, allen voran Platon, sieht im König den wahrhaft Weisen, der das Wissen von den Ideen besitzt, die die Welt zusammenhalten. Der König weiß um die Höhen und Tiefen des Lebens, um Geheimnisse von Schatten und Licht, von Tag und Nacht. Für die Römer ist der Königstitel der Grund, Jesus hinzurichten, für die Juden ein Anlass, ihn zu verspotten. Am Kreuz wird von Pilatus über dem Kopf „eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angibt: Das ist Jesus, der König der Juden“ (vgl. Mt 27,37). Die Leute treiben ihren Spott mit ihm: „Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst“ (Lk 23,37). Jesus passt nicht in die Schablone unserer Könige. Wie Jesus sich selbst als König versteht, lesen wir im Johannes-Evangelium. Blenden wir uns ein in das Verhör, das Pilatus mit Jesus führt: „Bist du der König der Juden?“ (Joh 18,33). Jesus antwortet: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier“ (Joh 18,36).
Mit diesem Satz deutet Jesus sein Königtum ganz neu. Jesus ist ein königlicher Mensch. Aber er bezieht seine königliche Würde nicht vom Kaiser in Rom, sondern von seinem Vater im Himmel. Nichts und niemand kann ihm diese Würde streitig machen. Was Jesus von sich sagt, gilt in gewisser Weise für uns alle. Auch ich bin ein königlicher Mensch. Aber mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Seit der Taufe sind wir zu Priestern und Königen gesalbt. Seitdem gibt es in mir einen Bereich, über den die Welt keine Macht hat, den Bereich des Gewissens, das Gottes Stimme in mir ist. Ich bin dankbar für dieses „innere Königreich“, diesen geistlichen Raum, der nur mir und meinem Gott gehört. Dort wo ich auf meine innere Stimme höre, wo ich Gott mehr gehorche als den Menschen, da bin ich unverwundbar, unverletzlich, über vieles erhaben.

Daran liegt das Paradoxe an Jesu Königtum. Johannes erzählt eigentlich keine Passion, er erzählt vom Menschensohn und seiner Souveränität.
Jesus ist König, Herr des Geschehens,
- als er verhaftet wird und dabei ein Plädoyer für die Gewaltlosigkeit ablegt;
- als er von Hannas und Kajaphas verhört wird und beteuert, dass er nichts im Geheimen drehte, sondern alles offen lehrte und lebte;
- als er an Petrus vorbei geht und seinem Freund noch einmal tief in die Augen schaut, was diesen zu Tränen rührt;
- als er vor Pilatus steht und ihn in tiefe Verlegenheit und Nachdenklichkeit stürzt;
- als er gekreuzigt wird und dabei an seine Mutter und den Jünger denkt, die er einander anvertraut;
- als er stirbt und voller Gottvertrauen betet: „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30).

Der Kreuzweg ist Jesu Königsweg. Wie Jesu Kreuzweg sich in den kleinen und großen Lebensgeschichten fortsetzt, so ist es auch mit seinem Königsweg.

Der Karfreitag geht weiter. Karfreitag 2008: Der jüngste vorliegende Mobbing-Report der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin stellt fest, dass 11,3 Prozent der Befragten – also etwa jede neunte Person – bestätigen, dass sie während ihres Arbeitslebens „gemobbt“ worden sind. Dem entspricht, was die Gesundheitsberichterstattung des Bundes für 2006 angibt: 101305 Menschen wurden in Krankenhäuser eingeliefert mit einer depressiven Episode, und 76808 Menschen wurden behandelt wegen wiederholt auftretenden Depressionen. Der Blick auf Jesus, den König am Kreuz, möchte uns ermutigen: Gerade dort, wo ich von anderen beurteilt und verurteilt werde, wo man mich nicht versteht, wo ich verspottet, gekränkt, lächerlich gemacht werde, da ist etwas in mir, was mir nichts anhaben kann. Dort, wo ich gebrochen bin, wo meine Lebensgeschichte einen Bruch aufweist, ist etwas in mir, was mich bei aller Gebrochenheit nicht zerbrechen lässt. Selbst in meinem Sterben kann mir die Würde, die Gott mir gegeben hat, niemand aberkennen. Das Wissen um mein Königtum, das nicht von dieser Welt ist, wirkt sich in mir aus als Freiheit, als Vertrauen, als Gelassenheit und als innere Kraft, die niemand zu brechen vermag: Auch wenn alles um mich zerbricht, die Liebe bleibt. „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“

Noch etwas geht aus dem Verhör hervor, das Pilatus mit Jesus führte. Jesus sagt über sein Königtum: „Ich bin dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,37). Jesus versteht sein Königtum als Zeugnis für die Wahrheit. Er geht den Dingen auf den Grund. Von Gott her schaut er auf die Menschen. Er weiß, „was im Menschen ist“ (Joh 2,25). Sein Wissen um den Menschen gipfelt im Kreuz. Nicht umsonst haben wir die Fastenzeit begonnen mit der Einladung „Memento homo“. Heute schließen wir sie ab mit dem Blick aufs Kreuz und mit dem Fingerzeig des Pilatus: „Ecce homo“. Seht, das ist der Mensch (Joh 19,5).
Der Karfreitag geht weiter. Anfang September 1944 schreibt Alfred Delp in einem Brief aus seiner Berliner Gestapo-Haft: „In einer Nacht, es war um den 15. August, bin ich beinah verzweifelt. Ich wurde wüst verprügelt, in das Gefängnis zurückgebracht, abends spät. Die begleitenden SS-Männer lieferten mich ab mit den Worten: ‚So, schlafen können Sie heute Nacht nicht. Sie werden beten, und es wird kein Herrgott kommen und kein Engel, Sie herauszuholen. Wir aber werden gut schlafen und morgen früh Sie mit frischen Kräften wieder verhauen.’“
Ein solche Szene, Jahrzehnte später aus einem Buch gelesen, verlangt zunächst nach Schweigen und Ehrfurcht. Unermesslich groß ist der Abstand zwischen dem nackten Häftlingsdasein zu Zeiten der Diktatur und einem privilegierten Leben in einer gesättigten, vielfach abgesicherten Demokratie. Die Begebenheit im Kerker erinnert an die Verspottung Jesu: „Sie werden beten, und es wird kein Herrgott kommen und kein Engel, Sie herauszuholen.“ Der Satz zielt auf Alfred Delp, den Menschen, den Christen, den Priester, den Ordensmann, für den das Gefängnis zu einer Schule des Betens wurde. Die Schergen treffen den wunden Punkt. Himmlische Mächte fahren so schnell nicht dazwischen. Engel pflegen nicht rettende Türen eilends aufzuschließen. Der Gefangene bleibt mit sich und Gott allein. Seine Königswürde wird auf die Probe gestellt. Pater Delp schreibt: „Gott hat mich gestellt. Nun heißt es, dem gewachsen zu sein, so oder so.“
Alfred Delp ist der Probe gewachsen. Er bleibt seiner Königswürde treu. Menschlich entrechtet und entwürdigt, wird er am Lichtmesstag 1945 erhängt. Er hält den Kopf hin für den König, dessen Thron das Kreuz war. Im Angesicht des sicheren Todes bringt er die Sätze zu Papier: „Das Christentum ist nicht irgendeine Lämmleinweide auf himmelblauer Wiese, es ist ein agonales Geschehen (das auf eine letzte Entscheidung hin zielt). Der Christ muss geradestehen, muss Farbe bekennen, gerade weil er in dieses fruchtbare und entscheidende Ende hineingeraten will bis zu einer letzten Reife. Man kann nicht ohne Linie und ohne Haltung auf diesem Acker der Geschichte wachsen.“
Wenn wir jetzt das Kreuz verehren und Blumen bringen, dann wollen wir uns damit dem beugen, der seine Königswürde bewahrte bis zum Tod. Ich wünsche uns allen und besonders Ihnen, liebe Schwestern, dass Sie sich Ihre Königswürde bewahren, dass Sie nicht umkippen im Hinblick auf Ihre Prinzipien und sich dem äußeren Schein nicht beugen. Pater Alfred Delp hat sich seine Königswürde bewahrt, weil er im Blick aufs Kreuz aller Macht und Schikane der Welt überlegen war. „Man kann nicht ohne Linie und ohne Haltung auf diesem Acker der Geschichte wachsen.“ Ich wünsche uns Linie und Haltung, abgeleitet vom König am Kreuz.