Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zu den Adventsmessen des Bischöflichen Ordinariates am 20./21.12.2021

„Kein seelenloser Apparat, sondern Werkzeug lebendiger Seelsorge“

21.12.2021 17:00

„Wachen ist unser Dienst. Wachen auch für die Welt.“ Um diese Worte kreist Silja Walter in einem Gedicht, das den Titel trägt: Gebet des Klosters am Rand der Stadt. Könnte das nicht auch ein Motto sein für unser Wirken als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariates, das im Dienst der Seelsorge steht: Wachen ist unser Dienst. Wachen auch für die Welt. Im Lateinischen fließen Wachen und Warten in

einem

Wort, nämlich vigilare, zusammen. Auch das kirchliche Nachtgebet nennen wir die Vigil.

Worauf wir nicht alles warten:

Wir warten an der Ampel.

Wir warten an der Kasse im Supermarkt.

Wir warten auf den Urlaub.

Wir warten auf den medizinischen Befund - zwischen Hoffen und Bangen.

Wir warten auf einen lieben Gast und können sein Kommen kaum erwarten.

Manchmal müssen wir etwas abwarten, bis eine Entscheidung reif ist.

Wir erwarten einen runden Geburtstag, ein Jubiläum, die Pensionierung.

Schwangere Frauen und (hoffentlich) auch die Väter sind in froher Erwartung.

Im Advent warten wir auf den Einen, der uns nicht mit allen möglichen Gaben überschüttet, sondern mit seiner Menschenfreundlichkeit und Liebe beschenkt.

Wir warten vielleicht insgeheim auf die Wende, die unserer persönlichen Geschichte ebenso wie der Zukunft der Kirche einen neuen Horizont eröffnet. Der Advent ist eine Zeit des Wartens. Immer wieder schärft Jesus seinen Jüngern ein: Seid wachsam! Auch Paulus wird nicht müde, seine Gemeinden zur Wachsamkeit zu mahnen: „Wir wollen nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein“ (1 Thess 5,6). „Bedenke die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf“ (Röm 13,11).

Wachen erfordert zunächst: Beweglichkeit. Dass unser Körper ständiger Übung bedarf, um beweglich und fit zu bleiben, das wissen wir alle. Gerade in der Pandemiezeit, da Jung und Alt immer mehr Zeit vor dem Computer verbringen, fehlt vielen Bewegung. Die Konsequenzen sind offensichtlich: Fettleibigkeit schon bei Kindern, Kreislaufprobleme, Herzerkrankungen, … Werfen wir einen Blick in die Welt des Sports: Bevor der Fußballspieler eingewechselt wird, muss er sich warmlaufen. Auch die Beweglichkeit im geistlichen Leben braucht Training. Wer geistlich fit bleiben will, muss innerlich mobil und flexibel sein.

Manches Leben scheint - wenigstens von außen betrachtet - ganz rund, ohne Wunde, in langer Einübung aalglatt gebügelt. Aber es gibt auch die Lebenslüge, in der jemand nicht mehr sehen will, was sich da alles bei ihm eingeschlichen hat, dass seinem Leben und Arbeiten die klaren Konturen fehlen.

Der Advent ist eine Chance, vom Schlaf aufzustehen! Was für das geistliche Leben gilt, trifft auch zu auf unser pastorales Wirken. Wie oft legen wir die alten Schallplatten auf, ohne „auf die Zeichen der Zeit“ zu achten. Was vor 30 oder 40 Jahren gut war, ist 2021 wahrscheinlich überholt. Zukunftsfähige Pastoral ist mehr als neue Strukturen für dünnere Personaldecken zu organisieren: Wir müssen sie mit Inhalt füllen! Es reicht auch nicht aus, Pandemie-Verordnungen zu konzipieren und zu kontrollieren; unser erstes Ziel muss sein, mit Freude und möglichst unbeschwert Weihnachten zu zelebrieren und dabei viele Menschen zu integrieren. Keiner darf sich vor der Krippe ausgeschlossen fühlen. Jesus Christus und sein Evangelium gehören allen – wirklich allen!

„Pastoral innovativ“ heißt den Hunger der Menschen nach Spiritualität stillen und zugleich ernst nehmen, wo vielen der Schuh drückt. Als Beispiele nenne ich den Umgang mit Menschen, deren Biographie Brüche aufweist, die Zunahme sog. Patchwork-Familien und das schrumpfende Angebot geistlicher Zufluchts- und Kraftorte innerhalb der großen Kirchen. Dass eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen sich zu freikirchlich anmutenden Gemeinschaften hingezogen fühlt, muss uns zu denken geben: Sollte es daran liegen, dass sie bei uns nicht das finden, was sie eigentlich suchen: geistliche Nahrung, „Sprit“ fürs Leben? Wenn wir uns wirklich auf Gott einlassen, den „Freund allen Lebens“, dann bekommt unser Einsatz neuen Schwung, dann können wir „erfrischend Kirche“ sein, wie es der Prophet Jesaja verspricht: „Alle, die auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft. Sie bekommen Flügel wie Adler. Sie laufen und werden nicht matt, sie gehen und werden nicht müde.“ (Jes 40, 31)

Damit stehen wir vor einem weiteren Gedanken, der den Advent beschreibt: Wachen als Aufmerksamkeit. Paulus formuliert es so: „Einer trage des anderen Last.“ (Gal 6,2) Damit meint er nicht, wir könnten einander die Lasten einfach von der Schulter nehmen. Es gibt Momente, die wir nur selbst meistern können. Das Nadelöhr hat nicht Platz für zwei. Jeder von uns hat sein Päckchen, sein Kreuz zu tragen. Auch „gibt es“, wie Hannah Arendt sagt, „kein Recht auf Gehorsam“. Ver-antwort-ung wird von jedem einzelnen gefordert. Doch ein wacher, aufmerksamer Mensch weiß, wie er die Lasten anderer lindern kann. Er kann mittragen, in seelischer Not jemandem zur Seite stehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Vieles können wir delegieren, eines aber nicht: den Dienst liebender Aufmerksamkeit. Wachen ist unser Dienst, nicht überwachen oder ausspähen oder denunzieren, sondern positiv: Wachen über das Wohlergehen unserer Kolleginnen und Kollegen in den Abteilungen und Fachbereichen. Wer ein wenig Einblick hat in unsere Teams, in denen wir arbeiten, der weiß, was das bedeutet. Viele tragen der anderen Last mit durch eine Aufmunterung, ein verständnisvolles Wort, eine wohlwollende Korrektur, aber auch durch ihr hingehaltenes Ohr und ihr begleitendes Gebet. Gerade in der Pandemie, wenn wir uns seltener persönlich treffen, wenn durch Homeoffice manches auseinanderdriftet, tut ein Anruf gut und drückt Interesse aus.

Aber die Aufmerksamkeit hat auch ihre dunkle Seite. Jede und jeder kann ein Lied singen von Belastung, Stress und grauer Alltagsstimmung. Wir leiden unter mangelnder Anerkennung und Zuwendung. Am tiefsten schmerzt es, wenn unser Interesse füreinander nicht ernst genommen oder sogar ausgenützt wird. Ein ehemaliger Mitarbeiter unseres Ordinariates, mittlerweile in Pension, hat einmal drastisch formuliert: „Wir sind hier zum Arbeiten, nicht um Freundschaft zu schließen.“ Diese Aussage macht mich als Bischof sehr betroffen: Die Kirche - ein Ordinariat - muss mehr sein als eine effiziente Firma, ein funktionierender Betrieb. Gern reden wir von „Dienstgemeinschaft“. Das ist ein hoher Anspruch. Werden wir ihm gerecht? Ich stelle mir Dienststellen vor, in denen die Menschlichkeit großgeschrieben wird! Aber wie sieht die Wirklichkeit bei uns aus? Sie scheint mitunter andere Prioritäten zu setzen: Prozessoptimierung und Gewinnorientierung. Kirche wird oft wahrgenommen als seelenloser Apparat, doch ich sehe sie anders: als Werkzeug lebendiger Seelsorge.

Erlauben Sie mir, dass ich die Gelegenheit nutze für ein grundsätzliches Statement: Für mich steht die Seelsorge ganz oben. Sie hat absolute Vorfahrt. Die Kirche von Augsburg ist kein profitorientiertes Unternehmen. Unsere Investitionen müssen korrekt und koscher sein, aber unsere erste Frage ist nicht: Was springt finanziell raus? Sondern wo und wie machen wir dem Evangelium den Hof? Ergo: Wie weit wollen wir eigentlich noch mitgehen, bis wir endlich Einhalt gebieten: „Stopp, so tickt Kirche nicht“. Mein Ziel ist es, dass wir uns nicht in Korsette zwängen lassen, die den Heiligen Geist zähmen, dass wir gar nicht mehr mit ihm rechnen. Wenn Gott nach ökonomischen Maximen gehandelt hätte, wenn er den Heilsprozess hätte optimieren wollen, warum hat er dann den Weg gewählt von der Krippe zum Kreuz? Dann hätte der ewige Gott 33 Jahre Zeit sparen können. Dann hätte er Rückschläge und Misserfolge, die Jesus von Anfang an am eigenen Leibe zu spüren bekam, einfach umgehen und sofort – von jetzt auf gleich - das Wunder der Auferstehung wirken können. Er hätte sich sogar das Kreuz ersparen können. Aber dem war nicht so …!

Unsere Kirchenwelt ist extrem hektisch und stressig geworden, vielleicht auch das Arbeitsklima im Bischöflichen Ordinariat. Es gleicht einem Betrieb, der auf Hochtouren läuft - kein Wunder, wenn wir aufgehen in Betriebsamkeit. Nicht auszudenken, wenn dabei Gott unterginge. Das möge ER verhüten! Dennoch: Wir müssen aufpassen, dass es nicht passiert. Denn Gott ist leise, fein, meist im Hintergrund. Er drängt sich nicht auf. Er ist schnell verdrängt, er wird verloren.

Noch etwas möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben: Die Menschen draußen schauen genau auf uns. Sie haben ein gutes Gespür dafür, ob wir nur schöne Worte sprechen oder auch Taten folgen lassen. Machen wir uns nichts vor: Fassadenchristentum ist schnell entlarvt. Die Menschen fragen bei uns nach: Was ist dahinter? Was ist dahinter, wenn Ihr große Reden schwingt und hohe Ansprüche stellt? Es geht um Glaubwürdigkeit, um Authentizität. Das heißt: Wer bei der Kirche beschäftigt ist, dem muss man es anmerken. Bei der Kirche arbeiten heißt nicht nur, sie als „Brötchengeberin“ zu sehen, sondern auch in ihr und mit ihr zu leben. Merkt man es mir an, dass ich bei der Kirche beschäftigt bin? Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sind lebendige Visitenkarten. Wer auf Sie trifft, soll spüren, dass er eine gute Adresse hat. Der Advent fragt uns: Was ist dahinter, wenn Du für die Kirche arbeitest, programmierst, diskutierst, telefonierst, schreibst, predigst und vieles andere mehr tust?  

„Komm, Herr Jesus!“ beten wir immer wieder im Advent. Ich stelle mir vor, er käme wirklich! „Komm, o mein Heiland Jesu Christ!" – und das passierte tatsächlich: Er kommt jetzt hier in unsere Mitte, nach Augsburg, in dieses Gotteshaus. Er ist da. Was dann? Sicher brächte er unser Programm ganz schön durcheinander, mehr noch als die Pandemie. Die ganze Lebensplanung wirft er um. Wir könnten nicht einfach so weitermachen wie zuvor. Mit unserem Weihnachten wäre es dann vorbei. Er wäre ja da: der Advent als Ernstfall.

Ist es uns also wirklich ernst damit, wenn wir das Kommen des Herrn erbitten? Oder sagen wir besser mit Dostojewskis Großinquisitor:

„Warum bist du denn überhaupt gekommen?

Störe uns wenigstens nicht vor der Zeit.

Geh weg und komm nicht mehr wieder …

Komm überhaupt nicht mehr wieder!

Niemals, niemals!“

Wollen

wir

, dass Jesus wiederkommt?