Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zum Festgottesdienst in Wittelshofen (Kreis Ansbach) am 19. September 2021

Kirche in der Diaspora: „offen und zugleich profiliert“

19.09.2021 12:00

Im Jahr 2003/2004 wurde im Bistum Augsburg ein sog. „Jahr der Berufung“ begangen. Ein Dreischritt taktete das Kirchenjahr: von Gott geschaffen, berufen und gesandt. Breit setzten wir an, bei jedem Menschen als Gottes Geschöpf, und betonten zugleich den Ruf des Herrn in die verschiedenen Ämter und Dienste, die es in der Kirche gibt. Der breite Ansatz, verknüpft mit der Zuspitzung auf den Priester- und Ordensstand, war spannend und fruchtbar zugleich.

Auch das heutige Evangelium ist spannend. Einerseits Jesu Großzügigkeit und Weite: „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns …“ Jesus akzeptiert jeden, der sich auf ihn beruft. Wichtiger als der richtige Glaube scheint ihm die Glaubwürdigkeit des Lebens. Doch ist das nicht Glaube zu verbilligten Preisen?

Auf der anderen Seite: Die Rede von Hölle, ewigem Feuer und Verdammnis: „Wer einen um seinen Glauben bringt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt würde.“ Drastischer und plastischer geht es nicht! Gleicht unsere christliche Existenz einem „kneippschen Wechselbad“?

Wenn ich so die Worte Jesu hin und her wiege und wäge, dann entdecke ich als Schlüssel für deren Verständnis das Anliegen seiner Verkündigung: das Reich Gottes. Es ist kein Exklusivangebot für die Hundertprozentigen; es steht allen Menschen offen. Alle sind eingeladen in ihrer Unfertigkeit und Schwäche. Das Gottesreich der offenen Türen lebt Jesus vor: wo er auf die Unvollkommenen, die Sünder, zugeht und ihnen neue Perspektiven eröffnet; wo gleichzeitig die vermeintlich Gerechten neidisch werden und ihre Verdienste hochrechnen. Für die Kleinen und Geringen hat Jesu Herz geschlagen und auch für jene, die den Kleinen und Schwachen einen Becher Wasser reichen, um seinetwillen. Der hl. Martin, der Patron der evangelischen Kirche am Ort, und der Blick auf das hl. Kreuz, dem das katholische Gotteshaus geweiht ist, erinnern uns daran, die Kirche sich nicht in ein Ghetto zurückziehen darf, sondern offen sein muss.

Offenheit allein ist aber nicht alles. Jesus hat keine Zuckerwatte verteilt, sondern darauf hingewiesen, dass die Bürger im Reich Gottes Salz der Erde sind. Offenheit braucht Profil. Neben Achtsamkeit, Zärtlichkeit und Herzensweite zeichnet Jesus auch der Mut zur Konfrontation und zum Widerspruch aus.

Auf dieser Folie lesen wir die herben Worte neu: „Wenn deine Hand dich zum Bösen verleitet, hau sie ab …“ Dass ist nicht wortwörtlich zu nehmen: Denn ein Einarmiger könnte ja immer noch nach dem Bösen greifen, ein Einbeiniger immer noch zum Bösen humpeln, ein Einäugiger zum Bösen hinschielen. Jesus wählt ernste Worte, weil er um unsere Versuchung weiß. Nicht Angst vor „Tod und Teufel“ sollen meine Triebfeder sein, sondern Gottes Nähe will wie Feuer und Sturm mich durchdringen und reinigen, um dem Bösen zu widerstehen und mich zum Aushängeschild für das Reich Gottes zu machen. Je höher wir berufen sind, je tiefer wir eindringen in das Geheimnis des Glaubens, umso drängender ist auch unsere Verpflichtung, dem Bösen zu widerstehen und Profil zu zeigen.

Der Bogen zwischen Offenheit und Profil spannt sich auf zwischen Volkskirche und Berufungs- bzw. Entscheidungskirche. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. machte schon vor zwanzig Jahren eine Zeitansage, die aktueller ist denn je: „Die Volkskirche kann etwas sehr Schönes sein, sie ist aber nicht etwas Notwendiges. Die Kirche der ersten drei Jahrhunderte war eine kleine Kirche und trotzdem keine sektiererische Gemeinschaft. Im Gegenteil, sie war nicht abgeschottet, sondern hat eine Verantwortung für die Armen, die Kranken, für alle gesehen. (…) Dieses Bewusstsein, nicht ein geschlossener Club, sondern immer aufs Ganze hin geöffnet zu sein, ist ein untrennbarer Bestandteil der Kirche. (…) Es muss also Formen unterschiedlicher Arten der Anlehnung und Beteiligung geben, es muss die innere Offenheit der Kirche geben.“ (in: Peter Seewald, Gott und die Welt, Stuttgart-München 2000, 379f.)

Gerade Ihnen, liebe Katholiken in Wittelshofen, einer Gemeinde in der Diaspora soll dies Mut machen. So sieht die Kirche der Zukunft aus: offen für alle, die „in Teufels Küche“ geraten sind, aber um Gottes willen vom Evangelium profiliert!