Predigt von Bischof Bertram zur Einführung von Pfarrer Dr. Christian Hartl am 11. November 2021 im Exerzitienhaus Leitershofen

„Knüpfen wir gemeinsam am Netzwerk der Spiritualität!“

11.11.2021 17:30

Der Evangelist Lukas soll Arzt gewesen sein, doch sein Zweitberuf war Maler. In seinen Schriften hat Lukas gern Geschichten als Gemälde erzählt. Ein Lieblingsmotiv ist der Weg: Drei klassische Weggeschichten finden wir nur bei ihm: den Heimweg des verlorenen Sohnes zum barmherzigen Vater, den Weg der beiden Jünger nach Emmaus und den Weg, der das Schicksal eines Ausgeplünderten zwischen Jerusalem und Jericho schildert. Die drei Weggeschichten malen die Vollzüge der Kirche: Martyrie – das Zeugnis von Gottes Güte und Erbarmen; Liturgie – der Gottesdienst, die Feier der Eucharistie auf dem Weg nach Emmaus; Diakonie/Caritas – die Nächstenliebe als eine Art Lackmus-Test für alles, was wir predigen und verkündigen.

Wie passt dieses Evangelium heute zur Einführung des Pfarrers Dr. Christian Hartl? Ehrlich gestanden: Ich habe den Text bewusst gewählt – erstens um auszudrücken, dass der Beauftragte für geistliches Leben im Bistum Augsburg eine Querschnitts-aufgabe innehat, und zweitens um zu erinnern, dass der Raum für Spiritualität nicht nur eine Kirche, ein Vortragssaal, ein Exerzitienhaus ist, sondern wie ein Wasser-zeichen alle drei wesentlichen Grundvollzüge der Kirche durchzieht. Als Bischof freue ich mich, dass Du, lieber Christian, nach Deinen Jahren außerhalb des Bistums mich gebeten hast, wieder in der Diözese arbeiten zu dürfen. Im Gespräch miteinander haben wir diese Fährte für Dich herausgespürt und so freue ich mich, dass Du den Auftrag gern angenommen hast und Dich nun einer neuen Herausforderung stellen willst. Denn die Veränderungen, die der Kirche ins Haus stehen, können, ja dürfen nicht nur strukturelle Maßnahmen sein; sie müssen tiefer gehen ans Mark der Kirche, die über eine menschliche Organisation hinaus ein geistlicher Organismus ist. Daher wird sich geistliche Erneuerung weniger in Organigrammen niederschlagen als vielmehr in einem geistlichen Leben, dem wir verpflichtet sind - alle, die wir Kirche - angefangen von der Pfarrgemeinde über die Verbände, Orden, Bewegungen und Gruppen - gestalten.

Gemeinsam wollen wir ein Netzwerk der Spiritualität knüpfen: Spiritualität im wahrhaft katholischen Sinn. Auch wenn Christian von der ignatianischen Spiritualität wesentlich geprägt ist, heißt das nicht, dass es im Bistum künftig eine geistliche Monokultur geben soll. Im Gegenteil: Ich wünsche, dass wir die Einheit in Vielfalt wahren und noch mehr fördern, dass wir Unterschiede nicht nur wahrnehmen oder gar als Bedrohung des Eigenen deuten, sondern sie als Bereicherung und Impuls für eigenes Wachstum im Heiligen Geist sehen. Was sich Papst Franziskus für eine synodale Kirche wünscht, davon träume auch ich für unser Bistum: Begegnung – einander anhören und zuhören – Unterscheidung, um verantwortet entscheiden zu können. Dieser Dreiklang entfaltet sich im persönlichen Leben ebenso wie in unseren kleinen und großen Gemeinschaften, auch in den Gremien.  

Doch nun kehren wir zum barmherzigen Samariter zurück! Um einen konkreten Menschen geht es in diesem Lehrstück Vorgegeben ist eine außerordentliche Situation. Der Anonyme (sein Name bleibt uns unbekannt!), von Räubern Überfallene und Ausgeplünderte liegt hilflos im Straßengraben – der glühenden Mittagssonne ausgesetzt, in Lebensgefahr. Dreimal wird in diese Situation ein anderer eingeführt. Ganz „zufällig“ finden sich in ihr der Priester, der Levit und der Samariter wieder. Aber nur einer lässt sich in das Geschehen existentiell verstricken. Allein er läuft nicht vorbei, sondern reagiert und tut, was er tun kann. Öl, Wein, Linnen, Reittier und die fürsorgliche Weisung an den Wirt zeigen, dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat. So gibt der Samariter nicht nur ein nachahmenswertes Beispiel, sondern verliest dem Hörer der Geschichte auch ganz ordentlich die Leviten. Jedenfalls weiß jeder am Ende ganz genau, dass das: „Geh hin und handle ebenso!“ (Lk 10,37) ihm selber gilt. Kann man eigentlich dazu noch mehr sagen? Vielleicht doch!

Mit seinem Lehrstück vom barmherzigen Samariter hat Jesus ein Modell entworfen, an dem Du, lieber Christian, und Dein MitarbeiterInnen Maß nehmen könnt. Es lässt aufhorchen, dass Jesus weder den Priester noch den Leviten tadelt, die den Halbtoten sehen und vorbeigehen. Sie fühlen sich nicht zuständig. In ihrer Situation kann ich sie sogar verstehen: sie wollen rein bleiben, kultisch rein. So dürfen sie kein Blut berühren. Sie leben ja nach dem Gesetz des alten Bundes. Dieses Gesetz verbietet die Liebestat um der kultischen Reinheit willen.

Das gibt die Richtung an im Hinblick auf das, was geistliches Leben meint. Wenn Spiritualität zum Korsett wird, schnüren wir uns den Atem des Heiligen Geistes ab. Deshalb mein Wunsch für Eure Arbeit: Bleibt nahe am Menschen! Stülpt ihnen nichts über! Schaut und hört, vor allem spürt genau hin, was sie brauchen! Ich bin gerade dabei, verschiedene Gremien mit dem Thema der Synodalität zu befassen: Ich selbst bin ein Teil davon. Ich nenne das nicht esercizi spirituali, sondern esercizi sinodali. Mögen diese synodalen Übungen eine Art geistliche Exerzitien werden!

Ist das nicht ein kleines Wunder? Ein Samariter wird als Modell hingestellt, der Fremdling, der eigentlich gar nichts mit dem ausgeraubten Juden zu tun hat, der abseits leben muss in einer Art religiöser und kultureller Apartheid, dieser Ausländer mit „falschem Gebetbuch“, er empfindet Mitleid und packt an. Er hilft, so gut er kann – mit Öl und Wein, mit Geld und guten Worten. Sein Handeln entspricht nicht dem Gesetz, es kommt von Herzen. Der Überfallene braucht ihn. Das genügt dem, der offenbar keine orthodoxen Vorstellungen über Gott und die Welt hat. Der Mann mit dem falschen Gebetbuch wird als Modell hingestellt und richtet zugleich all jene, die mit dem „richtigen Gebetbuch“ in der Hand vom feierlichen Tempelkult in Jerusalem (oder von der prächtigen Pontifikalliturgie der Bischofsstadt?) träumen. Das ist die leise Ironie des Augenblicks. Ein ausländischer „Ketzer“ soll unser Vorbild sein!

In einem Interview, das Papst Franziskus seinem Ordensbruder Antonio Spadaro SJ gab, lesen wir: „Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen – Nähe und Verbundenheit. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen. Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen. Die Wunden heilen, die Wunden heilen … Man muss ganz unten anfangen.“[1]

Der barmherzige Samariter hat dem Verletzten, der im Straßengraben gelandet war, unter die Arme gegriffen. Er hat die Wunden verbunden, er hat ihn auf seinen Esel gehoben und zum Gasthaus gebracht. Damit berühren wir das Leitbild eines Exerzitienhauses. Die Menschen, die hier arbeiten, sind Werkzeuge in der Hand Gottes. Ich möchte es für Euch in ein Gebet fassen: „Du wahrer Mose, lass mich der Stab in deiner Hand sein, der aus Felsenherzen Wasser schlägt; Du Heiland und Arzt, lass mich Pflaster sein, mit der Du Wunden verbindest; Du Quelle des Lebens, lass mich Becher für die Dürstenden sein; Du Weg zu Gott, lass mich Wegweiser am Straßenrand sein; Du guter Hirt, lass mich Deine Flöte sein.“ Peter Faber, der Ignatius besonders gut verstanden hat, notierte einmal: Als ihn jemand zum Dienst des Beichthörens bat, „zum Reinemachen“, sei ihm der Wunsch gekommen, „Besen Christi“ zu sein, um „Gewissen rein zu fegen“ und die Kirche abstauben und putzen zu helfen. Auch wenn „der Besen leicht auseinanderfalle“ und Schmutz an ihm hängen bleibe, so dürfe er doch hoffen, „im Himmel der glorreiche Besen Christi heißen zu dürfen“: instrumentum coniunctum jetzt und immer.[2]

Am Ende fragen wir noch einmal mit unserem Papst Franziskus: „Wie behandeln wir das Volk Gottes? Ich träume von einer Kirche als Mutter und als Hirtin. Die Diener der Kirche müssen barmherzig sein, sich der Menschen annehmen, sie begleiten – wie der gute Samariter, der seinen Nächsten wäscht, reinigt, aufhebt. Das ist pures Evangelium. Gott ist größer als die Sünde. Die organisatorischen und strukturellen Reformen sind sekundär, sie kommen danach. Die erste Reform muss die der Einstellung sein. Die Diener des Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen, in der Nacht mit ihnen zu gehen. Sie müssen ein Gespräch führen und in die Nacht hinabsteigen können, in ihr Dunkel, ohne sich zu verlieren.“[3]

Lieber Christian, so sehe ich in Deiner neuen Aufgabe einen Dienst des barmherzigen Samariters. So wünsche ich Dir bei aller Prägnanz, Kompetenz und dem vornehmen Stil, die Dich auszeichnen und die wir an Dir schätzen, Großzügigkeit und Weite. Denn das Leben kennt Zwischenräume, die nur von Mensch zu Mensch ausgefüllt werden können. Das Dogma vieler, auch in der Kirche, lautet: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Der Samariter zeigt – übrigens ähnlich wie später der hl. Martin, dass es anders geht: teilen, mitteilen, miteinander teilen – das macht uns groß. Ich wünsche Dir die nötigen Pflaster, um Wunden zu verbinden; ich wünsche Dir den Besen, um das Innere der Menschen umzukehren; und ich wünsche Dir das rechte Instrument, damit Gott viele Herzen anrühren kann. Mit allen, die heute mitfeiern, rufe ich Dir zu: Willkommen daheim, dahoam, dahem, dahoim! Schön, dass Du wieder da bist!

[1] Antonio Spadaro, Das Interview mit Papst Franziskus, Freiburg-Basel-Wien 2013, S. 47f.

[2] Vgl. Willi Lambert, Aus Liebe zur Wirklichkeit. Grundworte ignatianischer Spiritualität, Mainz 1991, S. 193f.

[3] Antonio Spadaro, aaO., S. 48.