21.12.2015 13:23

Was ist der Schlüssel, mit dem sich die „Tür zum Glauben“ (Apg 14,27) öffnen lässt? Diese Frage hat mich während meines Theologiestudiums in Rom jahrelang beschäftigt. Dabei bin ich auf die Fleischwerdung des Wortes, die Menschwerdung Gottes, gestoßen: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ (Joh 1,14) Dieser „Paukenschlag“, den Johannes im Prolog seines Evangeliums setzt, wurde für mich und auch andere meiner Mitstudenten der Dreh- und Angelpunkt unseres Studierens und Glaubens.

In seiner Barmherzigkeit hat sich Gott so tief zu uns Menschen herabgebeugt, dass wir ihm auf Augenhöhe begegnen können: „Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Tit 2,11; vgl. 3,4) Gleichzeitig stellten wir die einzelnen Vorlesungen mit der Frage auf den Prüfstand: Nimmt der Professor die Inkarnation ernst? Die Fleischwerdung des Wortes war eine Art Lackmustest für die Echtheit und die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens.

Es steht außer Frage: Das Lied „Komm, du Heiland aller Welt“ nimmt die Inkarnation ernst:

„Komm, du Heiland aller Welt;

Sohn der Jungfrau, mach dich kund.

Darob staune, was da lebt:

Also will Gott werden Mensch.“

Der hl. Ambrosius hat diesen Hymnus gedichtet. Um 339 in Trier als Sohn eines römischen Präfekten geboren, wurde er in jungen Jahren in Rom für die höhere Beamtenlaufbahn ausgebildet. Er war noch Katechumene – Taufbewerber – in Mailand, als er 374 mit 35 Jahren durch Zuruf des Volkes zum Bischof gewählt wurde. Im Jahr 397 starb er. Als ehemaliger Staatsbeamter setzte er sich mit ganzer Kraft für die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat ein und hatte auch vor Auseinandersetzungen mit den Kaisern keine Angst. Ambrosius machte sich nicht nur als geradliniger Kirchenpolitiker, als Verteidiger des rechten Glaubens und als begnadeter Prediger einen Namen, er gilt auch als „Vater des lateinischen Kirchengesangs“. Seine Hymnen sah er selbst wie Psalmen im Geist der biblischen Tradition, die zugleich der Verherrlichung Christi dienen. Vierzehn lateinische Hymnen werden ihm zugeschrieben, einer davon ist: Veni, redemptor gentium. Komm, Erlöser der Völker. Komm, du Heiland aller Welt. Dieser Hymnus, der ans Weihnachtsfest heranführt, dreht sich um das Geheimnis der Menschwerdung Gottes: „Also will Gott werden Mensch.“ Gott will uns auf der Ebene begegnen, die die Ebene des Menschen ist. Die Weise, wie das geschieht, entfaltet die zweite Strophe:

„Nicht nach eines Menschen Sinn,

sondern durch des Geistes Hauch,

kommt das Wort in unser Fleisch

und erblüht aus Mutterschoß.“

Fleischwerdung des Wortes ist Gottes Werk. Eine solche göttliche Initiative kann sich kein menschliches Genie selbst ausdenken. Gott schafft sich Raum in einer Frau, die er selbst auf ihre hohe Berufung vorbereitet, Mutter Gottes zu werden. Gott wird so klein, dass er sich einem Menschen anvertraut und seine Hilfe braucht: „Durch des Geistes Hauch kommt das Wort in unser Fleisch“, nicht nur in den Geist.

Wenn selbst unter Christen und Theologen der Glaube an die Menschwerdung Gottes schwindet oder nicht mehr ernst genommen wird, dann hängt dies wohl auch damit zusammen, dass wir das Staunen verlernt haben. Gott kann Großes tun, Grenzen einschmelzen zwischen Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeit, Gott und Mensch. Trauen wir es Gott wirklich zu, dass er Mensch geworden ist?

Ambrosius hat es Gott zugetraut. Mit seinem Lied setzt er einen Kontrapunkt zu den Vorstellungen seiner Zeit. Denn als Ambrosius lebte, war im Römischen Reich der 25. Dezember längst ein Feiertag: der Geburtstag des unbesiegbaren Sonnengottes, „Natalis Solis Invicti“. Nach der Sonnenwende bricht er wieder hervor, und die Sonne wird die Dunkelheit besiegen. Die Botschaft des Ambrosius ist klar: Wie vor der Sonne alle Dunkelheit weicht, so besiegt Christus alle Finsternis, die den Menschen drückt und ängstigt.[1] Jesus Christus ist die Sonne unsres Heils:

„Wie die Sonne sich erhebt

und den Weg als Held durcheilt,

so erschien er in der Welt,

wesenhaft ganz Gott und Mensch.“

Hier lohnt sich ein Blick in den lateinischen Urtext. „Gott von Art und Mensch, ein Held“: So übersetzte Martin Luther die lateinischen Worte „geminae gigas substantiae“. Luther hat Ambrosius gut verstanden; denn der Bischof von Mailand wollte deutlich machen, dass Jesus Christus ein Held (gigas) ist von zweifachem (geminae) Wesen (substantiae), nämlich von göttlichem und menschlichem Wesen, wahrer Gott und wahrer Mensch. Zwar wird er als Mensch geboren, doch gehört er ganz zu Gott, seinem Vater.

„Glanz strahlt von der Krippe her.“ Ambrosius benennt in der vierten Strophe das Besondere dieses Glaubensgeheimnisses. Da kommt kein strahlender Held in der Unverwundbarkeit seiner Gottheit. Da feiern wir nicht das Herrliche, Majestätische, Unbesiegbare. „Neues Licht entströmt der Nacht.“ Der Glanz der Krippe im Stall ist kein Widerschein der Lichter von außen, so als hätte man noch schnell eine Kerze an die Krippe gestellt. Dieser Glanz kommt von einem neuen Licht, keinem alten: neues Licht im Dunkeln, wo nichts mehr hinreicht.

Die Frage stellt sich: Kann von dort Licht kommen – Licht aus dem Stroh? Das kann doch bloß ein Strohfeuer sein, kurzzeitig strahlt es auf wie die Wunderkerze am Christbaum, um nachher wieder zu versinken im Dunkeln.

Nein, lässt Ambrosius singen: Denn das neue Licht kann von der alten Dunkelheit nicht bezwungen werden, und der Kerzenständer für dieses Licht bist du, dein Glaube, der es hochhält: „Und der Glaube trägt das Licht.“

Stellen wir uns hin wie Krippen und füllen wir sie mit dem Stroh, dem scheinbar Wertlosen, Unnützen und Zerbrechlichen in uns, mit aller Zerbrochenheit, Angst und Mittelmäßigkeit! Legen wir dieses Stroh in unsere Krippen hinein, die wir selber sind. Wenn Christus an Weihnachten in die Krippe gebettet wird, dann wird aus der Niedrigkeit Glanz aufstrahlen: kein blendendes Licht von oben, sondern ein Schimmer aus dem „Stroh“ unseres Lebens. Das Kind in der Krippe, gebettet auf Stroh, wird unserem Leben neuen Glanz geben.

Fassen wir die Botschaft des Liedes zusammen mit Worten, die uns Joseph Ratzinger geschenkt hat: „Das Wort ist Fleisch geworden. Neben dieser johanneischen Wahrheit muss aber die marianische stehen, die Lukas ausgelegt hat. Gott ist Fleisch geworden. Das ist nicht nur ein unermesslich großes und fernes Geschehen, das ist etwas sehr Nahes und Menschliches: Gott ist Kind geworden, das einer Mutter bedurfte. Er ist Kind geworden, ein Wesen, das mit einer Träne in die Welt eintritt, dessen erster Laut das Schreien ist, das nach Hilfe ruft, dessen erste Gebärde die ausgestreckten Hände sind, die Geborgenheit suchen. Gott ist Kind geworden. Wir hören auch umgekehrt jetzt sagen, dies sei doch eine Sentimentalität, die wir lieber beiseitelassen. Aber das Neue Testament denkt anders. Für den Glauben der Bibel und der Kirche ist dies wichtig, dass Gott ein solches Wesen sein wollte, das angewiesen ist auf die Mutter, angewiesen auf die bergende Liebe der Menschen. Er wollte ein Angewiesener sein, um so in uns die Liebe zu erwecken, die uns reinigt und die uns rettet. Gott ist ein Kind geworden, und das Kind ist angewiesen. So liegt im Kindsein selbst schon das Thema der Herbergssuche, dieses Urmotiv von Weihnachten. Und wie viele Variationen hat es in der Geschichte schon erfahren. Wir erleben heute eine neue und sehr bedrängende: Das Kind klopft an die Türen dieser unserer Welt. Das Kind klopft an. Diese Herbergssuche geht tief. Es gibt nicht nur die kinderfeindliche Umwelt, sondern vorher ist doch schon dieses da: Dem Kind überhaupt wird die Tür verschlossen in diese Welt herein, die angeblich keinen Platz dafür mehr habe. Das Kind klopft an. Wenn wir es annehmen würden, müssten wir unser eigenes Verhältnis zum Leben von Grund auf neu überprüfen. Hier geht es um sehr Tiefes, darum, wie wir letzten Endes Menschsein begreifen: Als einen großen Egoismus oder als vertrauende Freiheit, die sich zur Gemeinschaft der Liebe, der Freiheit des Miteinander berufen weiß.“[2]

Gott ist im Kommen als Kind. Nehmen wir es auf in der Krippe unseres Herzens!

[1] Vgl. Mal 3,20, wo das Bild von der Sonne aufgegriffen wird: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Flügel bringen Heilung. Ihr werdet Freudensprünge machen wie Kälber, die aus dem Stall kommen.“

[2] Münchener Katholische Kirchenzeitung, 14. 1. 1979, zit.n. Joseph Ratzinger, Mitarbeiter der Wahrheit. Gedanken für jeden Tag, Würzburg 1990, S. 416f.