Predigt vom ernannten Bischof Dr. Bertram Meier am 5. Fastensonntag, den 29. März 2020, in der Bischöflichen Hauskapelle

„Komm heraus!“ Die Kirche ist heilsrelevant

29.03.2020 12:15

Das Wochend-Journal der Augsburger Allgemeinen titelte: „Bio für alle – Ökoboom. Die Nachfrage steigt und steigt und macht aus der runzligen Rübe von einst ein Massenprodukt“. Der Bioboom ist mehr als Mode. „Bios“ heißt Leben. Es ist die Sehnsucht nach Leben, die uns Menschen treibt, mehr Geld auszugeben, damit Leben gesund ist und zugleich Freude macht. 

Wie sich die Zeiten geändert haben! Einst war Bio Inbegriff für Wollpullover, Jutetaschen, runzlige Äpfel und Konsumverzicht. Doch das ist Schnee von gestern. „Bio ist heute nicht mehr Askese, sondern sinnlicher Genuss“, sagt das Marktforschungsinstitut Rheingold. „Wir erleben eine Rückbesinnung auf die großen Werte wie das Leben und die Liebe. Das macht Bio-Angebote generell attraktiv.“ Die Biowelle hat Hochkonjunktur: nicht nur bei den Lebensmitteln, sondern auch in der Textilindustrie und in der Naturkosmetik: Schön will man sein, und dabei natürlich und gesund.

Um Leben und Liebe geht es auch in Betanien, in der Nähe von Jerusalem, am Ölberg, auf der Straße nach Jericho, nur 15 Stadien von Jerusalem entfernt, d.h. knapp drei Kilometer vor den Toren der Stadt. Dort gab es Pilgerhospize und Pensionen für Leute, die noch etwas ausruhen wollten, ehe sie sich dem Trubel der Stadt aussetzten. In Betanien hatte Jesus Freunde. Wenn er auf dem Weg nach Jerusalem war, kehrte er gern ein bei Lazarus, Maria und Marta. Nach Kafarnaum in Galiläa war Betanien so etwas wie seine „zweite Heimat“, dort konnte der Sohn Gottes ganz Mensch sein. In Betanien erfuhr er, was Leben und Liebe ist. Dort wird Jesus konfrontiert mit dem, was Menschsein ausmacht. Er scheint sich nicht unwohl gefühlt zu haben.

Wo gelebt wird und geliebt, darf man das Sterben nicht verschweigen. Bei Betanien liegt auch das Grab des Lazarus. Die Christen haben dort eine Kapelle errichtet, später wurde daraus eine Moschee. Mit Jesus und den beiden Schwestern Marta und Maria besuchen wir heute geistig das Grab des Lazarus. Zwar streicht Johannes in seinem Evangelium besonders die göttlichen Züge Jesu heraus, doch verschweigt er gerade in Betanien nicht, dass der Sohn Gottes menschliche Seiten hatte und zeigte. Für Jesus war Lazarus ein Freund. Lazarus steht nicht in der Liste der Apostel, er hatte kein Amt in der Hauskirche von Betanien. Seine Berufung war einfach: Jesu Freund zu sein. Es verwundert nicht, dass sein Tod Jesus tief erschüttert. Der die Seligpreisung von den Weinenden proklamierte, lamentiert mit den Klagenden, die um Lazarus trauern. Jesus weint mit den Weinenden. „Seht, wie lieb er ihn hatte.“ (Joh 11,36). Jesus teilt das Menschsein in allen Facetten. Die Grenze des Todes ist auch für ihn keine Bagatelle. 

„Komm und sieh!“ (Joh 11,34). Der Einladung, die an Jesus ergeht, folgen auch wir. So stehen wir mit Jesus am Grab und hören seine Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ (Joh 11,43). In diesen Tagen gilt die Parole: Bleibt daheim! Das müssen wir zum gegenseitigen Schutz! Das ist nötig, damit die Pandemie sich langsamer verbreitet! Stattdessen sagt Jesus zu Lazarus nicht: Bleib daheim, bleib drin,  sondern „Komm heraus!“ Jesus ruft einen Toten ins Leben zurück. Unvorstellbar! Unglaublich! Ein Wunder, das alles übertrifft, was Jesus vorher getan hat. Ging es beim ersten Zeichen auf der Hochzeit zu Kana darum, Wasser in Wein zu verwandeln, um die Festeslaune nicht zu verderben, so ist das letzte und siebte Zeichen, das Wunder an Lazarus, Erfüllung und Vollendung alles Bisherigen: Es geht um Leben und Tod, der Tod zieht den Kürzeren, Lazarus kehrt ins Leben zurück.

Wer allerdings dabei stehen bleibt, greift zu kurz. Es geht nicht nur um unser biologisches Leben. Weniger um „bios“, sondern um „zoe“, nicht um die Quantität des Lebens, sondern um seine Qualität, um ein neues, unverlierbares Leben, das quer steht zur Grenze, die das körperliche Sterben setzt. Manchmal ist ein Mensch schon tot, obwohl er äußerlich atmet und das Herz im richtigen Rhythmus schlägt. Ist hier nicht etwas zu spüren von dem, was es bedeutet: tot zu sein, obgleich man biologisch am Leben ist? Das ist Sterben, mitten im Leben. Und kennen wir nicht auch, gleichsam als Umkehrung, die andere Seite: Festgefahrenes kommt in Bewegung, Sterbendes wird lebendig, Tote stehen auf? 

Da lerne ich jemanden kennen, der mir etwas zutraut und mich ermutigt: Geh aus dir heraus! Du kannst es! Da ist jemand, der mit Lob nicht geizt und mir zeigt, dass ich ihm wichtig bin: Komm heraus! Ich brauche dich!

Da finde ich einen, der mich an die Hand nimmt und mir Wegbegleiter ist. Ich kann dem Leben wieder trauen, nicht in großen Sprüngen, aber mit kleinen Schritten: Komm heraus! Ich geh mit dir!

In diesen Tagen bin ich persönlich nicht nur nachdenklich; ich bin überwältigt, was wir Christen auf die Beine stellen an Hilfen und Angeboten. Vieles kommt jetzt erst heraus. Lasst die Menschen nicht allein! Als Euer ernannter Bischof bin ich mächtig stolz auf Euch! Es kursiert der Vorwurf: Die Kirchen sind auf Tauchstation. Da kann ich nur sagen: Weit gefehlt! Ich danke allen, die in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Sozialstationen, Laboren und sonstigen Einrichtungen bis an ihre Belastungsgrenze gehen, um kranken und sterbenden Menschen beizustehen, Not zu lindern, Diagnosen zu stellen und mit Hochdruck an einem erlösenden Impfstoff zu arbeiten.

Ich denke auch an alle, die in Politik und Wirtschaft delikate Entscheidungen treffen müssen. Ich weiß, wie schwer das ist. Ich möchte mit ihnen nicht tauschen! Danke für die besonnenen und überlegten Schritte, die jetzt von großer Tragweite sind. 

Ein Wort auch an alle, die meinen, dass wir als christliche Kirchen mehr auf das Recht und die Freiheit der Religionsausübung pochen sollten. Sicher sind wir als katholische Kirche nicht nur systemrelevant, sondern auch und vor allem heilsrelevant! So ist und bleibt für uns die Eucharistie – wie es Ignatius von Antiochien sagt – eine „Arznei der Unsterblichkeit“, damit steht sie auf der Liste der Medikamente ganz oben. Aber der Staat hat die Pflicht, das Recht auf körperliche Unversehrtheit seiner Bürger zu garantieren. So steht es im Grundgesetz Art.2. Denn der Staat ist eben nicht nur für katholische Christen da, sondern für alle Bürger. Dies bitte ich zu verstehen und in dieser „Fastenzeit im Ernstfall“ die geistige Kommunion zu vollziehen. Ich wünsche mir, dass Sie diese Notlösung nicht nur als Kröte schlucken, sondern im Herzen annehmen. Vor allem hoffe ich, dass wir nach der Krise nicht wieder zur Tagesordnung übergehen, sondern die Sehnsucht wach bleibt nach der leibhaftigen Gemeinschaft im Gottesdienst und nach dem Brot des Lebens in der hl. Eucharistie.

Doch kehren wir zum Evangelium zurück: „Komm heraus!“ Damit ruft Jesus Lazarus ins Leben zurück. So beginnt Auferstehung, Aufstehen zum Leben, heraus gehen aus uns selbst, aus den Gräbern, die wir uns geschaufelt haben, obwohl wir eigentlich mitten im Leben stehen. Wenn man die Jahreskrippe an der Pforte des Klosters Maria Stern in Augsburg anschaut, die gerade die Szene von Lazarus in Betanien zeigt, dann fällt ein interessantes Detail auf: An der Auferweckung des Lazarus sind zwei Männer beteiligt, die für das Wunder bedeutsam sind. Einer löst die Binden am Fuß, der andere ist am Kopf zu Gange, um das Gesicht des Lazarus freizulegen. Lazarus lebt wieder, aber er ist noch nicht frei. Er ist eingebunden, gefesselt, so dass er erst wieder laufen lernen muss. Sein Gesicht ist verhüllt, versteckt hinter Masken und Rollen, die es täglich zu spielen gilt. Die Auferweckung ist erst abgeschlossen, als Lazarus von seinen Binden erlöst und von seiner Maske befreit ist. Erst dann kann er wieder selbst stehen und gehen, die Welt mit neuen Augen sehen. Ist das nicht ein schönes Bild, was unser Dienst füreinander ist: Gott braucht uns als Geburtshelfer des Lebens: Er braucht keine Maskenbildner, sondern Bindenlöser, Menschen, die einander helfen, dass Fesseln aufgehen und Masken fallen, damit wir uns mit offenen Augen anschauen und ehrlich begegnen können. Wir brauchen uns nicht einwickeln in schöne Formeln und Floskeln – das können wir als Kirchenleute gut! -, wir sollten einander behutsam auswickeln, damit das wahre Gesicht zum Vorschein kommt. 

„Komm und sieh!“ so werden wir ans Grab des Lazarus gebeten. „Kommt und seht!“ (Joh 1,39). Damit hat Jesus die Menschen eingeladen, die sich für ein Leben mit ihm interessierten. „Kommt und seht!“ Das ist das Angebot, das die Kirche den Menschen macht. Und dieses Angebot steht auch heute. Die Kirchen haben nicht geschlossen, sie sind und bleiben offen! Wenn wir in die Kirche gehen, dann ist das kein Gräberbesuch, sondern die Einladung in ein Haus, wo gelebt wird und geliebt, aber auch gestorben und auferweckt. Ein Ort, der wie Betanien ist, wo Jesus gern Quartier genommen hat. Maria, Marta und Lazarus haben immer wieder nach Jesus geschaut.

Im Schauen auf Jesus, im Anschauen seines Gesichtes, wird sich unser Leben wandeln. Wenn wir noch mehr auf Christus schauen und weniger auf uns, bekommt unser Leben – persönlich und gemeinschaftlich – ein neues, sympathisches, einladendes Gesicht. Der Theologe Wassili Rosanow schreibt: „Das abendländische Christentum ging an dem, was an Christus die Hauptsache ist, völlig vorüber. Es akzeptierte seine Worte, bemerkte aber sein Antlitz nicht. Nur dem Osten war es gegeben, das Antlitz Christi aufzunehmen. Und der Osten sah, dass es von unendlicher Schönheit und Traurigkeit war.“ (1)

Jesus Christus, voll unendlicher Schönheit und Traurigkeit, Bild der Liebe Gottes, die keine Angst hat vor dem Tod, damit wir durch ihn leben. Geheimnis des Glaubens!

(1) Wassili Rosanow, Das dunkle Antlitz Christi, zit. n. Bodo Strauß, Die Fehler des Kopisten, Hanser 1997, S. 181.