„Komm, o mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist“
Liebe Schwestern und Brüder, es ist erst eineinhalb Jahre her, seit ich das letzte Mal hier war und mit Ihnen den 50. Kirchweihtag des Neubaus der Pfarrkirche St. Peter und Paul gefeiert habe: ein schönes Fest, an das ich mich gerne erinnere. Damals sprach ich vom „Wachsen und Gedeihen“ des Reiches Gottes, an dem wir alle mitbauen können, hier in der Pfarreiengemeinschaft Tandern, aber auch darüber hinaus. Wenn jede und jeder der Stimme des Herrn folgt und seine von Gott geschenkten Gaben einbringt, wird die Kirche immer mehr zu einem bunten und lichtreichen Ort, an dem Menschen Hoffnung und Wärme finden.
Gerade der Advent ist eine Zeit, in der uns viele Zeichen darauf hinweisen, dass wir auf etwas Großes und Wunderbares zugehen: Der Adventskranz, an dem wir morgen die vierte Kerze entzünden werden, die Rorate-Messen, die biblischen Texte und nicht zuletzt die wunderbaren und sinnreichen Adventslieder. Sie alle können eine innere Vorfreude auf das Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus entfachen, die uns das ganze Kirchenjahr über begleiten mag. Das gemeinsame Singen ist dabei ein wesentliches Element, das umso berührender ist, wenn dabei eine passende und zugleich feierliche musikalische Begleitung erklingt. Darum, aber auch weil dieses Instrument an sich schon eine solche Vielfalt an Klangfarben und Variationsmöglichkeiten bietet, bin ich heute gerne wieder zu Ihnen nach Tandern gekommen, um die neu renovierte Orgel zu weihen. Erinnern wir uns daran, was das Zweite Vatikanische Konzil vor gut sechzig Jahren in der Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ sagte: „Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werden; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben.“ (SC 120) In diesem Sinne möchte ich Ihnen heute zwei Gedanken mitgeben, die mir beim Lesen der Tagestexte kamen.
1. „Eu‘r Herz zum Tempel zubereit‘“
Sie alle kennen das Lied „Macht hoch die Tür“ (GL 218), das im Advent vielerorts gesungen wird. Dort heißt es in der vierten Strophe etwas unscheinbar: „Eur‘ Herz zum Tempel zubereit‘“. Damit wird ausgesagt, dass wir besonders in dieser geprägten Zeit dem nahenden Herrn entgegengehen und ihm unser Innerstes als Wohnstätte anbieten sollen, der in und durch uns wirken will. Achten Sie in diesem Zusammenhang mal darauf, welch interessanten Aufbau das Lied insgesamt hat: In den beiden ersten Strophen kommt der König in die Welt, dann in das Land, und schließlich in die Stadt, bis es in der vierten Strophe sehr persönlich wird, wenn Gott in unserem Herzen einziehen möchte.
Man könnte an der Stelle fragen: Wollen wir das überhaupt? Inwiefern wir es zulassen oder ablehnen, dass Gott in unser Leben tritt, veranschaulichen uns die beiden Hauptfiguren der heutigen Lesungen:
Da ist zunächst im Alten Testament Ahas, ein König des Südreichs Juda, aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. Dieser erhält eines Tages Besuch vom Propheten Jesaja, der ihm davon erzählt, dass Gott ihm ein Zeichen der Rettung schicken möchte (vgl. Jes 7,11). Dazu muss man wissen, dass das damalige Königshaus aus dem Geschlechte Davids, von dem später auch im Evangelium die Rede ist (vgl. Lk 1,32), in großer Gefahr war, da sich ein Krieg mit den benachbarten Völkern abzeichnete. Ahas aber will nichts davon wissen. Er vertraut lieber auf sein politisches Geschick als König und Machthaber anstatt auf die Worte des Propheten zu hören und dem Anruf Gottes zu folgen. Eine fatale Entscheidung, denn kurz danach erlebt das Königreich Juda einen beispiellosen Niedergang sowohl politisch als auch moralisch.
Was können wir daraus lernen? Es war und ist bis heute ein Fehler, wenn Menschen - insbesondere diejenigen, die große Verantwortung für andere tragen - glauben, alles allein schaffen zu können und Gott in ihrem Leben keinen Platz einräumen. Die Geschichte lehrt: Wo Gott in einem Staat, aber auch im Privaten fehlt, schwinden nicht selten Hoffnung und Anstand. Die Menschen vertrauen dann lieber auf das Recht des Stärkeren als auf die Stärke des Rechts. Wenn wir auf die politische Weltlage schauen, sehen wir immer mehr autokratische Regierungen, welche auf Polarisierung und Militarisierung setzen statt auf friedlichen Dialog und Miteinander. Gott sei Dank, kann man da nur sagen, gibt es auch andere, die bewusst oder unbewusst, im Sinne der christlichen Botschaft agieren und Brücken bauen anstatt zu spalten, versöhnen anstatt zu hetzen.
Ein Gegenbeispiel zu König Ahas ist Maria. Von Ihr haben wir im Evangelium gehört. Sie war ganz offen für die Botschaft Gottes, die ihr vom Engel Gabriel überbracht wurde. Sie war dabei alles andere als naiv und stellte sogar eine Frage (vgl. Lk 1,34), aber nicht, weil sie Gott misstraute, sondern weil sie genau verstehen wollte, worin ihre eigentliche Berufung lag. Darin können wir heute ein Vorbild erkennen und sind eingeladen, auf ebenso demütige Weise Gott im persönlichen Gebet unsere Fragen zu stellen: Was willst du, Herr, dass ich tue? Wie finde ich meinen Weg? Wenn wir Gott auf diese Weise suchen, werden wir – und das ist die Erfahrung unzähliger Christinnen und Christen – Antworten erhalten, die gut sind für unser Leben. Denn unser Gott ist ein „Gott mit uns“ (vgl. „Immanuel“) wie uns der Prophet Jesaja verkündet (vgl. Jes 7,14). Oder wie es in dem Lied „Macht hoch die Tür“ heißt: „So kommt der König auch zu euch, ja Heil und Leben mit zugleich“ (vierte Strophe).
Darüber dürfen wir uns wahrlich freuen und Gott loben, der den Menschen immer wieder still und unsichtbar seine Hand ausstreckt, um sie auf rechter Bahn zu führen und seine Nähe spüren zu lassen. Damit komme ich zu meinem zweiten Gedanken.
2. „Derhalben jauchzt, mit Freuden singt“
„Derhalben jauchzt, mit Freuden singt!“ Es war Maria, die kurz nach der Begegnung mit dem Engel zu ihrer Verwandten Elisabeth aufbrach und nach deren Begrüßung das berühmte „Magnificat“ anstimmte: einen Lobgesang, den wir auch heute noch beten und singen. Unzählige Komponisten haben diesen besonderen Moment der Weltgeschichte, von dem wir im Lukasevangelium lesen (vgl. Lk 1,39ff.), musikalisch verarbeitet. Sehr bekannt ist beispielsweise die Marienvesper von Claudio Monteverdi (1567–1643). Aber auch das „Ave-Maria“ aus dem heutigen Evangelium (vgl. Lk 1,28) wurde vielfach vertont, besonders berühmt in den Fassungen von Franz Schubert oder Johann Sebastian Bach mit der Überstimme von Charles Gounod. Wohl jeder Organist bzw. jede Organistin kennt diese Melodien.
Es gibt auch marianische Orgelmusik, die rein instrumental ist, beispielsweise von Dieterich Buxtehude, Franz Liszt oder Max Reger. All diese Kompositionen wollen uns auf die einzigartige Gnade hinweisen, welche Maria, der Mutter Gottes, zuteilwurde (vgl. Lk 1,30). Ihrem Sohn Jesus ist es bestimmt, den Thron Davids zu übernehmen (vgl. Lk 1,32) und ein guter König, nicht nur für Israel, sondern für alle Menschen auf der Welt zu sein.
Das ist die Frohe Botschaft der heutigen Lesungen. Möge diese ihren Widerhall finden in den harmonischen Klängen, die durch die verschiedenen Pfeifenarten der neu renovierten Orgel den Kirchenraum erfüllen. Mögen die lauten Register wie Prinzipale oder Trompeten in uns die Freude darüber stärken, dass unser Gott ein König ist, dessen „Gefährt“ Sanftmütigkeit und dessen „Zepter“ Barmherzigkeit ist. Mögen die leisen Töne der Flöten und Streicher uns im Glauben daran festigen, dass der Herr uns auch in schweren Zeiten treu zur Seite steht. Und schließlich: Möge die Vielfalt der Töne uns innerlich berühren und stets daran erinnern, dass für Gott nichts unmöglich ist (vgl. Lk 1,37). Dies durfte nicht nur Maria erfahren, dies können auch wir erkennen und aus dem Glauben heraus eine Fröhlichkeit verspüren, wenn wir uns Gott und seiner Liebe überlassen.
Die fünfte Strophe des Liedes „Macht hoch die Tür“ fasst dies wunderbar zusammen. Mit ihr will ich schließen und Sie einladen, dass wir das Lied hernach miteinander singen:
„Komm, o mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit, den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.“
Schriftlesungen vom Samstag der 3. Adventswoche: Jes 7,10-14; Lk 1,26-38