am 15. August 2021 (Mariä Himmelfahrt) von Bischof Dr. Bertram Meier
Lass Dich als leere Schale von Gottes Gnade füllen!
Lieber Frater Maurus, liebe Brüder, sehr verehrte Angehörige und Freunde, liebe Schwestern und Brüder! „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ (Lk 1, 46). Dieses Evangelium sieht die liturgische Ordnung für heute vor: Am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel darf ich Fr. Maurus Korn zum Diakon weihen.
Das ist für mich Ehre und Freude zugleich, denn selbst wenn Fr. Maurus mittlerweile in Mehrerau zuhause ist, bin und bleibe ich doch sein Heimatbischof. Denn Dinkelsbühl liegt in der Diözese Augsburg.
Gern bin ich hierhergekommen, lieber Abt Vinzenz, um diesen Dienst zu tun für Ihre Gemeinschaft ebenso wie für Fr. Maurus. Mit dem Magnificat wird dem künftigen Diakon, wie es sich für einen Bruder im Zisterzienserorden geziemt, für die Melodie seines künftigen Dienstes ein marianischer Notenschlüssel gegeben. Er ist Marias großartigem Loblied entnommen: „Magnificat anima mea Dominum“, was genau übersetzt heißt: „Meine Seele macht Gott groß“. Denn Maria war sich bewusst, dass dann, wenn wir Gott mit unserem Lob und unserem Leben groß sein lassen, der Mensch gerade nicht klein gemacht wird. Im Gegenteil: Der Mensch wird immer dann klein, wenn auch Gott reduziert, im Leben einfach auf die Ersatzbank versetzt oder gar abgeschafft wird, wie wir dies im vergangenen Jahrhundert auf extremste Weise von neuheidnischen und antichristlichen Diktaturen wie den Nationalsozialismus und den Sowjetkommunismus erfahren mussten. Dort aber, wo Gott durch uns Menschen hochleben darf, erhält auch der Mensch Anteil an der Größe der Liebe Gottes.
„Magnificat anima mea Dominum“: Mit diesem Wort Mariens ist mit am besten zum Ausdruck gebracht, worum es im Leben geistlicher Menschen geht. Wir sollen durch unseren Dienst Gott großmachen, und zwar im Wissen darum, dass die Kirche, ein Kloster, nur dann im Lot ist, wenn Gott ihre Mitte ist. Geht diese Mitte verloren, können die Menschen an uns nicht mehr viel Anderes wahrnehmen als bloß eine NGO oder gar einen kuriosen Verein. Dem Primat Gottes im Leben der Kirche verpflichtet sein: Das macht die Grundsendung des Diakons aus, wenn er im marianischen Geist lebt.
Mit Worten des Apostels Paulus grüße ich Euch an diesem Tag, an dem wir gemeinsam unsere Berufung feiern: „Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde.“ (1 Kor 1,4) Schon „die Propheten haben über die Gnade geweissagt, die für Euch bestimmt ist“, erinnert Petrus in seinem Brief (1 Petr 1,10). Dieser Gnade der Berufung haben Sie, lieber Fr. Maurus, geduldig nachgespürt. Heute auf den Tag genau vor einem Jahr haben Sie auf diese konkrete Gemeinschaft die Feierliche Profess abgelegt. Übrigens saßen wir beide in einem Boot: Wie Sie – wegen Corona – Ihre Profess auf Lebenszeit von März auf den August verschieben mussten, so war auch ich gezwungen, die mit Freude erwartete Bischofsweihe in den Sommer 2020 zu verlegen. Hinter diesem Schicksal, das uns die Pandemie bescherte, sehe ich eine tiefere Botschaft: Ob Diakon oder Bischof, ob Jungprofesse oder Abt: Wir sind nicht etwas Besseres, wir alle sind Diener des Herrn, der uns gerufen hat. Das macht demütig und bescheiden. Trotzdem: Jesu Ruf „Seid heilig, denn ich bin heilig“ (1 Petr 1,16) hat in unseren Herzen ein Echo gefunden, das unser Leben nachhaltig prägt und uns geistlich voranschreiten lässt.
Ein wichtiger Schritt war für Sie, lieber Fr. Maurus, sicher auch der Gang nach Brixen mit Residenz im herrlichen Kloster Neustift, um das Theologiestudium aufzunehmen. Die Homepage von Mehrerau hat damals vom „studens novus“ geschrieben, heute darf ich Sie ausrufen zum „novus diaconus“!
„Gott hat euch fähig gemacht, Diener des neuen Bundes zu werden, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes“, formuliert Paulus (2 Kor 3,6). Damit erinnert er nicht nur autobiographisch an die radikale Wende, die sich in seinem eigenen Leben vollzog. Die Wende „vom Buchstaben zum Geist“ ist wohl auch von jedem einzelnen von uns in Jesu Nachfolge zu vollziehen: „Wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus den Herrn, uns aber als seine Knechte um Jesu Christi willen.“ (2 Kor 4,5) Es ist gut, wenn wir uns das immer wieder neu bewusstmachen und voll Dankbarkeit den Weg unserer Hingabe an Christus bedenken. Denn auch wir tragen diesen Schatz in den zerbrechlichen Gefäßen unserer eigenen Unvollkommenheit, unserer nie ganz eingeholten Sehnsucht.
„Alles“ um Jesu und der Anderen willen schaffen wir nämlich nicht, auch wenn wir uns es noch so sehr vorgenommen hätten. Dafür ist der Herr aber selbst immer wieder bereit, uns zur rechten Erkenntnis Seiner Wege zu führen. Ziehen wir dafür Ihren hl. Ordensvater Bernhard von Clairvaux zu Rate. Als Meister des Geistes und der Tatkraft hat er im 11. Jahrhundert eine Reihe von Predigten verfasst. In der 18. beschäftigt er sich mit dem zweifachen Wirken des Geistes, das er mit den Worten „Ausgießung und Eingießung“ beschreibt.[1]
„Wie ausgegossenes Öl ist dein Name“, zitiert er das Hohe Lied der Liebe (1,2) und führt die innere Festigung unserer Tugenden und die äußere Ausrüstung unserer spezifischen Gaben und Charismen auf das Wirken des Heiligen Geistes zurück. Auch erinnert er, dass wir die göttlichen Tugenden für uns, die Gaben aber zum Wohl der Nächsten empfangen. So müssen wir darauf achten, erstere zur Erlangung unseres Heils zu gebrauchen, letztere aber nicht zurückzuhalten. Es ist unsere hohe Verantwortung, den anderen nichts vorzuenthalten, was uns zu ihrem Heil anvertraut ist. „Vergeude jedoch nicht, was dein ist“ - mahnt er – „und gieße nicht aus halber Fülle aus, ehe dir noch die ganze Fülle zuteilgeworden ist.“
Dann verwendet Bernhard ein frappant eindringliches Bild: „Wenn du weise bist, wirst du dich daher als Schale, nicht als Rohr erweisen. Das Rohr nimmt fast zur gleichen Zeit auf und ergießt wieder, was es aufgenommen hat; die Schale aber wartet, bis sie voll ist, und gibt so, was überfließt, ohne eigenen Verlust weiter, denn sie weiß, dass der verwünscht ist, der seinen Anteil mindert.“ Es reicht also nicht, scheinbar wissend herumzuspritzen, die anderen nur nass zu machen; es gilt zum verkostenden Trinken zu reichen! Bernhard folgert schon damals: Wirklich, ‚Rohre‘ haben wir heute in der Kirche in großer Zahl, aber nur sehr wenige ‚Schalen‘. Mussten wir nicht alle schon erfahren, dass manches pastorale Projekt oder meine eigene Privatidee, die ich unbedingt verfolgen wollte, keinen Bestand hatten, sondern „Rohrkrepierer“ waren? Hören wir noch einmal, was Bernhard sagt: „So groß ist die Liebe derer, durch die der himmlische Strom zu uns fließt, dass sie eher ergießen als aufnehmen wollen, dass sie bereitwilliger sind zu reden als zu hören, dass sie schnell zur Hand sind zu lehren, was sie nicht gelernt haben, und danach verlangen, eine führende Stellung zu bekleiden, auch wenn sie nicht verstehen, sich selbst zu lenken.“ Das ist nicht die große Liebe zu Gott, das ist Eigenliebe, ja Selbstverliebtheit. Auch wir Geweihte sind davor nicht gefeit.
Denken wir an Reisen nach Rom: Schauen wir auf die beiden großen Brunnen vor St. Peter innerhalb der Kolonnaden! Jeder von ihnen hat drei Schalen; der Brunnenstrahl füllt eine nach der anderen und jede gibt weiter, lässt überfließen aus der Fülle, die jede der Schalen geschenkt bekommt. Vom Brunnen, sagt Bernhard, sollen wir lernen, „nur aus dem Vollen auszugießen, und wünsche nicht, freigebiger als Gott selbst zu sein. Die Schale ahme die Quelle nach ... und schäme sich nicht, dass sie nicht verschwenderischer als ihre Quelle ist.“
Spüren wir, wie viel „Entschleunigung“ es dafür braucht? Corona war eine solche Zeit der Entschleunigung. Und welche Schlüsse ziehen wir daraus? Ich sehe die Gefahr, dass wir den kirchlichen Betrieb einfach wieder hochfahren wie zuvor. Ist das alles, was wir als Kirche vom Lock-down gelernt haben? Es wäre schade.
„Handle also auch du ebenso!“ mahnt der hl. Bernhard. „Werde zuerst voll, und dann magst du daran denken, aus deiner Fülle zu geben. Eine gütige und kluge Liebe pflegt zuzuströmen, nicht zu verrinnen. „Mein Sohn, ergieße dich nicht bis zur Neige“ (Spr 3,21) sagt Salomo, und der Apostel spricht: „Daher müssen wir auf das achten, was gesagt wird, damit wir uns nicht etwa bis zur Neige ergießen.“ (Hebr 2,1) Und wie gehen viele wenig smart mit ihren Smartphones um?
„Wie viel muss vorher in uns eingegossen werden, dass wir es wagen dürfen, etwas aus uns ausströmen zu lassen und aus der Fülle, nicht aus dem Mangel etwas zu schenken!“ Wie erfüllend ist es, wenn es gelingt, aus der Fülle weiterzugeben. Für unser geistliches Leben ist es die wesentliche Differenz: Hat es Bezug zum Leben aus dem Geist Jesu, oder entspringt es nur zeitweiliger Lust und Laune? Ich wünsche Ihnen, lieber Fr. Maurus, die nötige Stabilitas, nicht nur hier in Mehrerau, sondern die Stabilität des Innern, damit Ihr Herz als Mönch und Diakon stets dort verankert sei, wo die wahren Freuden sind. Vor einem Jahr haben Sie bei der Feierlichen Profess Ihr Leben in die Waagschale Gottes geworfen. Mit der Weihe zum Diakon fangen Sie an, aus den Gaben, die Gott Ihnen geschenkt hat, zu schöpfen und auszuteilen: nicht zur eigenen Selbstdarstellung, nicht zum eigenen Vorteil, sondern zum Dienst für den Herrn. Werden Sie Schale und geben Sie aus der Fülle weiter, mit der unser Herr Sie täglich neu beschenkt.
Diese Betrachtung soll nicht enden, ohne dass ein Gesichtspunkt ins Licht rückt, der uns zum Wesentlichen hinführt, was am Ende wirklich zählt: Wenn wir nicht mehr viel bieten können, wenn wir auch nicht mehr viel geben müssen an unsere Mitmenschen, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, dann gilt es uns zu konzentrieren - auf das, was wir als geistliche Menschen letztlich sind: leere Schalen, die der Herr füllt mit seiner Gnade. „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“, so lesen wir im Johannes-Prolog (1,16). Der Testfall dafür ist der Tod. Im Sterben legen wir allen Plunder ab, der sich im Lauf unserer Biographie angesammelt hat, damit wir leere Schalen werden, die der Herr mit Leben füllt – mit ewigem Leben, mit „Leben in Fülle“ (Joh 10,10).
Beten wir nach, was uns die Töpfer von Taizé in der Töpferei ihrer Gemeinschaft vorgebetet haben:
Herr, mache mich zu einer Schale,
offen zum Nehmen,
offen zum Geben,
offen zum Beschenkt werden,
offen zum Bestohlen werden.
Herr, mache mich zu einer Schale für Dich,
aus der Du etwas nimmst,
in die Du etwas hineinlegen kannst.
Wirst Du bei mir etwas finden,
was Du nehmen könntest?
Bin ich wertvoll genug,
sodass Du in mich etwas hineinlegen wirst?
Herr, mache mich zu einer Schale
für meine Mitmenschen,
offen für die Liebe,
für das Schöne,
das sie verschenken wollen,
offen für ihre Sorgen und Nöte,
offen für ihre traurigen Augen
und ängstlichen Blicke,
die von mir etwas fordern.
Herr, mache mich zu einer Schale. Amen.
[1] Es handelt sich um die 18. Predigt zum Hohenlied: Sermo 18 super Cantica Canticorum, in: Gesammelte Werke lateinisch und deutsch (= SBO), Innsbruck 1994, V, 255ff. Wertvolle Anregungen empfing ich von Hildegard Brem, Sei eine Schale, kein Kanalrohr … Was Bernhard zu einer aktuellen Frage zu sagen hat, in: Cistercienser Chronik 110 (2003), 203-210.