des Fachbereichs „Pastoral in Kindertageseinrichtungen“
am 17.11.2023 im Haus Sankt Ulrich
Leben wie eine Sonnenblume!
Liebe Verantwortliche für die Kita-Pastoral, lieber Herr Öxler, liebe Frau Färber, liebe Mitglieder des Teams, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Schwestern und Brüder, als Sie vor zehn Jahren Ihr Kitapastoral-Konzept „Wachsen auf gutem Grund“ ausarbeiteten, konnten Sie bereits auf eine reiche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen in den Kindertagesstätten vor Ort zurückgreifen.
Inzwischen, und das sage ich mit großer Mitfreude, ist dieses Konzept – und sein Titel[1] - zu einem heimlichen Bestseller, vielfach rezipiert und in anderen Bistümern zum Ausgangspunkt für eigene Reflexionen geworden! Auch das umfangreiche Qualitätsrahmenhandbuch „Kinder wertvoll begleiten“, das seit bald zwei Jahren die Grundlage für alle Beteiligten im Kita-Bereich bildet, hat sich aus diesem Ursprung entwickelt.
Soeben haben wir in der Lesung den biblischen Ausgangspunkt gehört, gleichsam die Keimzelle für dieses Konzept. Paulus bedient sich hier eines wunderbaren naturnahen Bildes, das uns angesichts der unübersehbar fortschreitenden Zerstörung unseres Lebensraumes heute nicht nur faszinieren, sondern vielmehr auch alarmieren sollte. Unmissverständlich macht der Völkerapostel klar, dass es Aufgabe des christgewordenen Menschen ist, den Gottesgarten zu hegen und zu pflegen, einen Garten für die Menschenkinder, die sich nach der Sonne, dem menschgewordenen Gott ausstrecken und einer Richtung, eines Ziels bedürfen, um ihr gottgegebenes Charisma, ihre unverwechselbare Persönlichkeit entfalten zu können.
Sie alle wissen, dass Pflanzen lichthungrig sind und - wie diese Sonnenblume hier - haben sie es in den Genen, den Horizont gewissermaßen mit dem Sonnenlicht ‚abzuwandern‘. Im Italienischen trägt die Sonnenblume diese Eigenschaft sogar im Namen - Girasole: die, die sich nach der Sonne dreht! Manchmal könnte man es fast bedauern, dass wir Menschen nicht so offensichtlich auf die Sonne, das Licht, das uns guttut und zum Wachsen verhilft, „programmiert“ sind. Das sind wohl die Schattenseiten einer Freiheit, die wir Pflanzen und Tieren voraushaben.
Umso kostbarer ist es, wenn Menschen, wie Paulus schreibt, durch Zeugen der Frohen Botschaft „zum Glauben gekommen sind“ und Gott sie darin „wachsen ließ“ (1 Kor 3,5.6). Denn hier haben sich beide Seiten in Dienst nehmen lassen: diejenigen, die den Glauben verkündeten und von sich weg auf Christus, die lebensspendende Sonne, zeigten, und die, welche den Glauben mit bereitem Herzen aufnahmen, ihr Leben radikal umgestalteten und sich am Vorbild Christi ausrichteten.
Welch ein Schritt: Hier setzen Menschen alles auf eine Karte, setzen buchstäblich ihr Leben aufs Spiel, indem sie ihnen bis vor kurzem unbekannten Wanderpredigern vertrauen und sich selbst in Gegensatz zu ihrer gewohnten Umgebung bringen, einschließlich der staatlichen und religiösen Gesellschaftsordnung! Bei mir, der ich als Säugling getauft wurde und in einer Familie aufwachsen durfte, für die der Glaube gerade in seiner doppelten Ausprägung als röm.-katholisch und evang.-lutherisch lebensbestimmend war, löst allein der Versuch, mich in einen dieser Neugetauften vor fast 2000 Jahren hineinzuversetzen, Staunen und Bewunderung aus. Der Todesmut der jungen Christinnen und Christen und die von Paulus so vehement angemahnte Bescheidenheit, ja Demut der Apostel gegenüber dem Wirken Gottes – das sind zwei hochaktuelle Haltungen, die auch für uns richtungsweisend sein können!
Der Rückblick auf 25 Jahre Kita-Pastoral offenbart, dass es zunehmend schwerer wird, das katholische Profil in unseren Kindertageseinrichtungen zu stärken. Und dies gilt, so höre ich immer wieder, im Blick auf
alle
Beteiligten, die angestellten Kitaleitungen, Erzieherinnen und Erzieher ebenso wie hinsichtlich der Familien bzw. Eltern, die ihr Kind in einer diözesanen und damit weltanschaulich eindeutig positionierten Krippe oder Kita anmelden. Nichts ist mehr als selbstverständlich vorauszusetzen: weder ein religiöses Bekenntnis noch gelebtes Christsein im Einklang mit dem Kirchenjahr bzw. nach christlichen Werten im Alltag. Beinahe alles ist heute erklärungsbedürftig geworden - wo doch selbst so elementare Voraussetzungen wie ein ausreichendes Verständnis der deutschen Sprache hinterfragt werden!Dennoch: wir lassen uns nicht entmutigen - ein Vierteljahrhundert pastorale Arbeit in den Kindertagesstätten mit solch wegweisenden Publikationen wie z. B. auch „Du machst mir Mut…“ – Lebensstark mit Heiligen (2020), das ist eine Erfolgsgeschichte. „Gott ließ wachsen“, gilt auch hier!
Sie sind Gottes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als erzieherisches Personal wissen Sie wie Eltern und Familienangehörige, dass Kinder, wach und bildbar, vertrauensvoll und anstrengend, verletzlich und kostbar sind - wie damals, als Jesus sich mit Nachdruck an seine erwachsenen Anhänger wandte, indem er sagte: „Lasst die Kinder und hindert sie nicht, zu mir zu kommen! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 19,14) – wörtlich heißt es sogar: ihnen steht das Himmelreich zu! Lassen wir uns also nicht beirren, wenn christliche Erziehung in Misskredit gezogen wird oder gegen den scheinbar höheren Wert weltanschaulicher Neutralität ausgespielt werden soll. Stärken wir unsere eigene Haltung immer wieder an den Glaubenszeugen –Stichwort: Heilige –, die vor uns gelebt haben, und an denen, die heute als Christinnen und Christen bedrängt, diskriminiert und mit dem Tode bedroht werden.
Bleiben wir „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“, gerade dann, wenn es sich sehr viel leichter leben lässt, sobald man alles vermeidet, womit man anecken könnte und dazu übergeht, eine 0815-Erziehung zu vermitteln oder gar die Haltung, „nach mir die Sintflut.“ – Wir sind es uns selbst schuldig und den Kindern, dass wir aktiv dagegenhalten. Denn Salz, das seine Fähigkeit zur Haltbarmachung und den Geschmack verloren hat, das feucht und unbrauchbar geworden ist, „taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden“ (Mt 5,13). Stärken wir die Kinder, damit sie zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten heranwachsen und den Stürmen des Lebens standhalten. Resilienz ist heute in aller Munde, sie wird in einem ehrfürchtigen Umgang miteinander grundgelegt.
„Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein ist keine dekorative Äußerlichkeit, kein Add-on, sondern damit steht und fällt unser Leben als Christinnen und Christen – wie die Sonnenblume abstirbt, wenn sie die Fähigkeit verliert, sich dem Licht der Sonne entgegenzudrehen. Lassen wir es nicht soweit kommen: Ermutigen wir uns gegenseitig, helfen wir uns auf und sind wir Licht und Salz auch füreinander – im Vertrauen darauf, dass der gute „Grund gelegt ist: Jesus Christus“ (1 Kor 3,11)!
[1] Vgl. Bistum Dresden-Meißen – Aktuelles - „Wachsen auf gutem Grund“ (bistum-dresden-meissen.de) (= Exerzitien im Alltag 2021, aufgerufen 26. September 2023)