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Predigt am Weihnachtsfest im Hohen Dom zu Augsburg

Lebensform Mensch

25.12.2025 10:39

Sie steht sowohl in der Obdachlosenunterkunft als auch in der feudalen Villa: die Krippe. Reiche wie Arme sind ebenso berührt vom Anblick der einfachen oder kunstvollen Figuren, die auf die Weihnachtsgeschichte verweisen (Lk 2,1-10). Jedes Jahr werden deren Inhalte in vielen Facetten nacherzählt: Es findet eine Volkszählung statt zum Zweck der Steuerschätzung.

Ein Paar auf dem Weg, die Frau hochschwanger, findet keinen Platz in der Herberge eines kleinen Ortes. Trotzdem gibt es eine glückliche Geburt: Das Kind wird in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt, draußen in einem Stall.

Dieses menschliche Schicksal war damals nicht ungewöhnlich, und so ist es bis heute geblieben. Für die Mehrheit der Erdenbürger ist es alltägliche Erfahrung, keine feste Bleibe zu finden und in ärmliche Verhältnisse hineingeboren zu werden. Wie sich deren Lage allzu oft als blinder Fleck unserer Aufmerksamkeit entzieht, so wäre auch die Geburt Jesu im toten Winkel der Kleinstadt Betlehem verschwunden, wenn es den Paukenschlag einer anderen Deutung nicht gäbe: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). Weihnachten, obwohl Teil unseres (oft allzu) menschlichen Terminkalenders, ist zugleich der berühmte Punkt jenseits der Erde, von dem der alte griechische Mathematiker Archimedes meinte, dass von ihm aus die Welt bewegt werden könne. Weihnachten ist kein selbstgemachtes irdisches Fest, Gott selbst hat sich ins Spiel gebracht als Mensch. An Weihnachten ist „die Menschlichkeit Gottes erschienen“ (vgl. Tit 3,4). Gott hat sich auf die Lebensform Mensch eingelassen. Das heißt: Auch in der KI-Ära (Wort des Jahres 2025) gebe ich als Motto aus: Der Mensch muss in die Mitte! Und er muss in der Mitte bleiben.

An diese tiefe Einsicht hat Bischof Klaus Hemmerle (+1994) erinnert. Die Krippe bliebe ein harmloses Spielzeug oder ein Kulturgegenstand, wenn man von der Anschauung der Krippe nicht zu der des eigenen Mitmenschen kommt: „Nur so verstehen wir die befremdliche und ungeheuerliche Botschaft von der Menschwerdung Gottes. Er will nicht nur der Gott über uns sein, der Gott ganz am Anfang und dann einmal am Ende. Er will sein: Gott mit uns, Gott für uns, Gott dort, wo wir sind. In Jesus ist Gott selber mein Nächster geworden, und ich kann ihn nicht finden, ihm nicht begegnen, nicht mit ihm reden, wenn ich nicht aufbreche zu meinem Nächsten, nicht Nächster meiner Nächsten werde. Nur die Krippe meines Nächsten ist seine Krippe.“ Daher sind die Krippen nicht nur festliche Kulisse unserer Wohnungen und Gotteshäuser, sie sind gemalte und geschnitzte Ausrufezeichen unserer Situation.

Denn nach ärmlichen und erbarmungswürdigen Lebenslagen brauchen wir heute nicht lange zu suchen. Zwar hat die Soziale Frage eine andere Form als vor zwei Jahrtausenden oder vor hundert Jahren, doch dem aufmerksamen Beobachter entgeht es nicht, wie morsch und marode unser heutiges Sozialsystem ist. Gerade in der aktuellen Diskussion um Gesundheits-, Steuer- und Rentenreform, eingebettet in die Debatte um einen einschneidenden und nachhaltigen Sparkurs beim Staat ebenso wie in den Kirchen, steht zu hoffen, dass nicht immer mehr Menschen durch die immer weiter werdenden Maschen des sozialen Netzes fallen. Die Armutsuntersuchungen sprechen eine deutliche Sprache: Zunehmend bildet sich eine neue Schicht deklassierter und gettoisierter d. h. sozial höchst gefährdeter Menschen heraus. Der Armuts­forscher Christoph Butterwegge spricht von einem „sozialen Scheidewasser“, das die Bevölkerung in Gewinner und Verlierer aufteilt.

Doch gleichzeitig zeichnet sich noch ein anderer, gegenläufiger Trend ab. Es gibt nicht nur den skurrilen Tanz um die Statussymbole und die Sicht der Welt als endloses Buffet, an dem man sich hemmungslos bedient, womöglich auf Kosten anderer. Die kaufwütige Spaßgesellschaft ist an ihre Grenzen gestoßen. Es gibt nicht nur Besitztrunkenheit und Zuwachsraten-Erwartung. Die Fronten zwischen Arm und Reich geraten in Bewegung. Wer ist wirklich reich?

In der Krippe hat Gott neu definiert, was Reichtum ist. Oft denken wir: Reiche können Arme mitversorgen, solange sie selbst reich bleiben. Nach dieser Logik unserer Wirtschaft kann auch der „ewigreiche Gott“ nur helfen, solange er selbst reich bleibt. Gelegentlich lässt er ein Gnadengeschenk herunterfallen – von oben herab, versteht sich. Doch Gott geht es um mehr. Seine Logik folgt nicht der menschlichen Bitte: „Komm doch mal runter und schau dir die Bescherung an!“

Bei ihm geht es an die Substanz: „Er, der reich war, wurde euretwegen arm“ (2 Kor 8,9). Er verlässt den Himmel und wird Mensch auf Erden. Aber er verliert dabei nichts. Äußerlich ein armer Mensch, bezeugt er die göttliche Logik der Liebe: Der Gewinn liegt im Geben. Die sind wirklich reich, die sich für eine neue Priorität entscheiden: vom Haben zum Sein. Unsere Welt wird nicht reich, indem sie den Spielplatz für mehr als sechs Milliarden kleine Herrgötter eröffnet, sondern dadurch, dass Gott ins Spiel kommt, „um uns durch seine Armut reich zu machen“ (vgl. 2 Kor 8,9). Denn von der Krippe bis zum Kreuz ist Gott uns gerade darin meilenweit voraus, was wir wie selbstverständlich für uns beanspruchen: in der Menschlichkeit.

Seit Gott „heruntergekommen“ ist vom Himmel, gilt: Wer von Gott spricht, muss auch vom Menschen reden. Einwände werden laut:

Wie kann ein Mann Weihnachten feiern, der nach Jahren der Gemeinsamkeit allein ist, weil seine Frau an Krebs gestorben ist?

Wie kann der Jugendliche glücklich sein, der im „Dauerstress“ mit seinen Eltern liegt und überall sonst hin möchte, nur nicht nach Hause?

Wie kann die junge Frau sich freuen, deren Ehe zerbrochen ist und mit ihren Kindern allein dasteht?

Wie ist jemandem zu Mute, dem gekündigt wurde, weil der Betrieb schließen muss?

Was fühlt ein Mensch, der schwer krank ist und dessen Hoffnung auf Genesung am Nullpunkt ist?

Solche menschlichen Anfragen stören die weihnachtliche Idylle. Doch ins Dunkel dieser Gedanken strahlt ein Lichtblick. Denn wenn wir von nun an vom Menschen reden – vom Menschen mit seinen dunklen Stellen und Verschattungen, dann dürfen wir nicht nur, sondern wir müssen auch von Gott sprechen, der seit Weihnachten seinen Standpunkt öffentlich bezogen hat: Der „heruntergekommene“ Gott steht auf der Seite der Armen, der Kleingemachten und Heruntergebutterten. Er steht auf der Seite derer, die oft im Abseits bleiben: die Kinder und Alten, die Ungeborenen, Behinderten und Todgeweihten. Für sie ergreift Gott Partei. Wir feiern einen parteiischen Gott, der wie ein Ausrufezeichen vor uns steht: Wo die am Rande sind, da ist die Mitte! Damit sind wir nicht nur in die Pflicht genommen. Eine neue Möglichkeit ist uns geschenkt: die Chance der Liebe „von Mensch zu Mensch“. Alte und Junge, Gesunde und Kranke, Vorgesetzte und Bedienstete, Einheimische und Ausländer begegnen einander von Mensch zu Mensch, als Schwestern und Brüder der Einen Menschheitsfamilie.

Weihnachten – das Fest der Menschwerdung. Weihnachten erinnert uns an unsere erste Berufung: das Menschsein. Seitdem Gott die Lebensform Mensch gewählt hat, hat die Menschlichkeit oberste Priorität – und das nicht nur zur Weihnachtszeit!