Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am Gründonnerstag 2021 im Hohen Dom zu Augsburg

Lernen wir vom Fußpfleger Jesus!

01.04.2021 21:38

Liebe Schwestern und Brüder,

ich kann heute niemandem die Füße waschen. Und keinem möchte ich den Kopf waschen. Das liegt mir fern, doch die Frage steht dennoch im Raum:

“Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ (Joh 13, 12)

Diese Frage stellt Jesus den Jüngern, nachdem er ihnen die Füße gewaschen hat:

Petrus, dem Fels, der weich war wie Butter und die Kirche leiten sollte.

Andreas, der seinen jüngeren Bruder Simon Petrus zu Jesus geführt hat.

Philippus, der aus dem Kreis der Johannesjünger den Weg zu Jesus fand.

Mattäus, der ursprünglich sein gutes Geld als Zöllner verdient hat.

Bartolomäus, der aus der Schule der Schriftgelehrten stammte.

Jakobus, den wir als ersten Bischof von Jerusalem verehren.

Johannes, den Jesus liebte und der beim Abendmahl an seiner Brust ruhte.

Jakobus, dessen Bruder, der wie Johannes den Spitznamen “Donnersohn“ hatte und als Choleriker galt, ein Polterer wegen seines ungestümen Temperamentes. Trotzdem war er mit Petrus und Johannes Jesu Bergkamerad: auf Tabor durfte er mit, zum Ölberg musste er mit, der erste Märtyrer unter den Aposteln.

Thomas, der bohrend und zweifelnd immer gut war für eine Zwischenfrage.

Simon, dem Eiferer, der Zelot war, ein kämpferischer Nationalist.

Judas Taddäus, der von einem politischen Messias träumte.

Judas Iskariot, dem apostolischen Finanzminister, an dessen Händen Blut klebte.

Ihnen allen wäscht Jesus die Füße - einem nach dem anderen, und er schaut jedem von ihnen noch einmal in die Augen. Der Kreis der Apostel ist unser Kreis, Modell einer geistlichen Gemeinschaft, die sich hier versammelt: viele Gesichter, viele Lebensgeschichten, viele Schicksale, viele Erwartungen, viele Talente und Möglichkeiten, ebenso viele Ecken und Kanten, Chancen und Grenzen. Und wie Jesus die Zwölf im Abendmahlsaal angenommen und als Gemeinschaft zusammengebunden hat, so schweißt er uns heute Abend zusammen mit unseren Runzeln und Falten, mit unseren Charakteren und Mentalitäten, mit unseren Sympathien und Blockaden.

Begreift ihr, was ich an euch getan habe? So fragt Jesus uns.

Beim jüdischen Gastmahl war es üblich, dass den Gästen die Füße gewaschen wurden. Diese Aufgabe gehörte zum Dienst eines Sklaven. Weil man damals barfuss oder in Sandalen ging, waren die Füße schmutzig. Somit war es sinnvoll, sie zu reinigen. Zugleich war das Bad für die Füße und für den ganzen Menschen eine Wohltat und Erfrischung. Da die wenigsten Sandalen trugen, waren die Füße oft aufgerissen, angeschwollen und verletzt. Der Sklave, der die Füße wusch, nahm sie behutsam in seine Hände und prüfte, ob sie Wunden aufwiesen. Dann behandelte er die Wunden mit Öl und salbte sie. In der Antike war Öl das beliebteste Heilmittel. Diesen Dienst vollzieht Jesus an seinen Jüngern. Er pflegt den Seinen die Füße.

Jesus – der Fußpfleger. Der Abendmahlsaal ist kein Wellness-Studio. Hinter der Fußpflege Jesu steht ein Lebensprogramm. Er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich (Phil 2,6). Gott beugt sich zu den Menschen herab. Er wäscht ihre Füße. Dort, wo der Mensch sich schmutzig macht, wo er seine Erdhaftigkeit leibhaft erfährt, wo er im Irdischen stecken bleibt, da reinigt ihn Jesus, indem er ihn liebevoll berührt. Nicht umsonst vergleicht Jesus seine Fußpflege mit einem Vollbad: „Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen“ (Joh 13,10).

Bevor Jesus ihnen die Füße wäscht, waren seine Jünger also schon im Bad. Was war das für ein Bad? Die Fußwaschung steht am Ende des öffentlichen Wirkens Jesu; gleichzeitig zeigt sie auf das, was am Karfreitag geschieht. Jesus, der Fußpfleger, fasst noch einmal zusammen, was sein ganzes Reden und Tun vorher ausgezeichnet hat. Sein Leben mit den Menschen, die ihn begleiteten, war schon wie ein Vollbad. Jesus selbst erklärt es in seinen Abschiedsreden, wenn er die reinigende Kraft seiner Worte unterstreicht: „Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe“ (Joh 15,3).

Über diese Aussage bin ich schon oft gestolpert. Wie kann ich rein werden durch ein Wort? Dann habe ich mich an manches Gespräch erinnert, das ich als Priester führen durfte. Freilich erlebe ich auch Menschen, die auf einen einreden, die einen überschwemmen, einen „zumüllen“ mit ihrem Redeschwall. Bei manchen wackelt einem das Gehirn, ich fühle mich übergossen von ungereinigten Emotionen oder eingeseift vom Schwall schöner Worte, die mehr Formeln sind als dass sie Inhalt böten. Aber es gibt auch Gespräche, wo ich mich danach wie neugeboren fühle, frisch und aufgeräumt, abgetrocknet und gepflegt, mit mir im Einklang, sauber und gereinigt.

Jesus hat mit seinen Jüngern einen Umgang gepflegt, dass sie sich rein fühlten. Ihre Tendenz, untereinander uneins zu sein, Spannungen auszutragen und unter Zukunftsangst zu leiden, das alles wurde durch seine Worte gleichsam weggewaschen. Sie fühlten sich wie neu geboren. Die Gemeinschaft mit Jesus war für sie ein heilendes Bad.

In der Fußwaschung wird das alles noch einmal verdichtet und auf den Punkt gebracht. Jesus, der Fußpfleger, nimmt durch diese Geste vorweg, was er am Kreuz einlösen wird. Die Fußwaschung ist ein Zeigefinger auf das Kreuz. Dort wird er uns nicht nur die Füße reinigen, sondern das Herz. Aus seiner geöffneten Seite werden Blut und Wasser fließen, Zeichen der Hingabe und der Reinigung.

Solange wir als Jünger Jesu auf der Welt sind, werden wir uns immer wieder schmutzig machen. Und wenn wir uns auf die Seite der Armen und Kleinen stellen, der Kranken und Kinder, werden wir uns auch die Hände schmutzig machen und die Füße wund laufen müssen.

Im Kreuz hat Jesus den Menschen an seiner verwundbarsten Stelle berührt. Für die griechische Mythologie war dies die Achillesferse. Denn dort schützt auch die Rüstung nicht. Da kann der Pfeil des Feindes treffen. Der Tod ist die Wunde, gegen die auch der Mensch des 21. Jahrhunderts kein Mittel hat. Am Kreuz hat Jesus sich der Achillesferse des Todes gestellt. Bevor er sich zum Menschen herabbeugt bis zum Tod am Kreuz, will er in der Fußwaschung zeigen, dass er unsere Achillesferse zärtlich in die Hand nimmt, sie wäscht und salbt. Das ist mehr als Balsam für die Seele. Im Abendmahlssaal erklärt Jesus, was am Karfreitag Wirklichkeit wird: Am Kreuz nimmt der Sohn Gottes die tödliche Achillesferse des Menschen an und heilt sie.

„Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ fragt Jesus uns bis heute, und er fügt hinzu: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15). Das ist die praktische Seite dessen, was Jesus uns im Testament der Eucharistie vermacht: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Es genügt nicht, gebückt und fromm die hl. Kommunion zu empfangen, Jesus vermacht seiner Kirche einen neuen Stil der Kommunikation. Wenige Tage zuvor hat er sich von Maria, der Fußpflegerin von Betanien, die Füße salben lassen; im Abendmahlssaal vertauscht Jesus die Rollen: er macht sich selbst zum Fußpfleger, um die Gemeinschaft der Apostel, die Communio der jungen Kirche, zu reinigen und zu heilen.

Fußpfleger: ein Titel, der mehr ist als eine Berufsbezeichnung. Mit seiner Fußpflege hilft uns Jesus in den Schuh unserer Berufung: Wir waschen einander nicht den Kopf, sondern die Füße. Unsere Mission besteht nicht darin, einander auf den Fuß zu treten, sondern uns einander zuzuneigen, uns voreinander zu verbeugen, um unsere verwundbaren Stellen zu berühren und zu heilen.

Wir alle sind einmal von Jesus gebadet worden in der Taufe. In der Firmung wurden wir mit Chrisam gesalbt, dem Öl, das uns Jesus gleichförmig macht. Wie wirke ich als vom Herrn Gebadete und Gesalbte? Habe ich den Mut, zu meinen schmutzigen Stellen zu stehen? Hilft mir der Blick auf die Fußwaschung Jesu, meine eigene Achillesferse anzunehmen, weil die Hand des Herrn sie liebevoll berührt, wäscht, massiert und salbt?

Das ist Jesu Testament. Begreift ihr, was ich an euch getan habe?