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Predigt von Bischof Bertram zur Jahresversammlung der Malteser in der Pfarr- und Autobahnkirche Maria am Wege in Windach

Lieben in Tat und Wahrheit

27.04.2024 17:00

Immer wieder bin ich aufs Neue überrascht, wie die biblischen Texte wie „die Faust auf Auge“ passen und treffsicher in eine Situation hineinsprechen. Manchmal mag es auch nur ein einzelner Bibelvers sein, der „ins Auge springt“ und einen innerlich anspricht. So erging es mir einmal mehr mit den heutigen Lesungstexten. „Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in der Tat.“ (1 Joh 3,18) – So haben wir es eben in der zweiten Lesung gehört. Was für eine gewichtige Aussage – und wie passend doch für uns heute: hier für Ihre Diözesanversammlung der Malteser im Bistum Augsburg.

Will heißen: Die Liebe am Nächsten erweist sich nicht durch das „Schwingen großer Reden“. Mit Plattitüden oder gar ausschweifenden Entschuldigungen, gar noch in nette Worte verpackt, ist keinem geholfen. Von einem Reden in der Form von „man müsste“ oder „sollte“ und „man könnte ja“ passiert nichts. Wenn Worten keine Taten folgen, bleiben sie hohl und leer. Lieben in der Tat – eine passende und prägnante Umschreibung für das, wofür die Malteser stehen.

Wenn die Alarmsirene heult, wird nicht lange gefackelt und der Malteser-Krankenwagen rast mit Blaulicht zum Einsatzort. Wenn der Hausnotruf ertönt, ist schnell jemand zur Stelle, um dem meist älteren Menschen aus seiner Notlage zu helfen. Wer allein ist, sich einsam fühlt oder auf Begleitung für so manche Aktivitäten angewiesen ist, spürt dankbar und froh, dass jemand da ist, der Vertrauen schenkt. Wie gut, dass es da den Besuchs- und Begleitungsdienst der Malteser gibt – weil Nähe zählt. Das waren nur drei Beispiele aus dem breiten und vielfältigen Portfolio der Malteser, das eine jede und ein jeder von Ihnen weitaus besser kennt als ich. Voller Einsatz für die Menschlichkeit also!

Doch schauen wir nochmals genau hin auf die eben gehörte Stelle aus dem ersten Johannesbrief. Dort steht, dass die Liebe sich erweist in der Tat und Wahrheit. Das schließt also einen ehrlichen Umgang miteinander voraus. Machen wir uns also einander nichts vor innerhalb der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Seien wir keine Schauspieler und Zur-Schau-Steller! Seien wir ehrlich zueinander, sagen wir, was uns umtreibt und „wo der Schuh drückt“ – auch wenn die Wahrheit bisweilen für das Gegenüber herausfordernd sein mag.

Ein wahrhaftiger, offener und respektvoller Umgang macht das Miteinander menschlicher. Bei einer Gesellschaft, die so agiert, haben „-ismen“ aller negativer Spielart keinen Platz – keine Chance also für Egoismus und Nationalismus, Autokratismus und Rassismus, Populismus und Machismus! Daran droht aber leider unsere heutige Gesellschaft zu erkranken. Sie greifen um sich wie Viren, die das Zusammenleben und unser freiheitlich-demokratisches Verständnis infizieren. Steuern wir dem entgegen und machen uns zum Sprachrohr, zum Fürsprecher und Anwalt für die schwächsten und verletzlichen Personengruppen.

Für uns als Christen sollte der Einsatz für die Menschlichkeit, damit für Gerechtigkeit und Frieden, selbstverständlich sein. Dabei entspringt unser Engagement nicht irgendwelchen heroischen humanistischen Idealen, sondern greift tiefer und ist daher auch tragfähiger: in der persönlichen Lebensgestaltung wie im Miteinander. Denn weil Gott in seinem Sohn Jesus Christus Mensch geworden ist, wurde seine Liebe zu uns Menschen einmal mehr und bis dato in nie da gewesener Art und Weise offenbar. Jesus Christus ist das unüberbietbare Vorbild für unser Handeln. Was er verkündete, vollzog er im Tun – Gott, ein treuer Freund des Menschen: Er heilte Kranke, erwies den Sündern seine Barmherzigkeit und nahm sich der Entrechteten an.

Gottes Liebe ging bis zum Äußersten: In Tod und Auferstehung Jesu Christi wurde der Mensch mit Gott versöhnt. Dem Menschen wurde ein Weg zu neuem Leben gewiesen. Durch Gottes Liebe sind wir, was wir sind. Am Karfreitag wird klar: Der menschlichen Unmenschlichkeit steht eine umso größere Menschlichkeit Gottes gegenüber! An Jesus Christus sollen wir Maß nehmen, er ist Richtschnur und Kompass für unser Leben. So gilt Jesu Aufforderung an seine Jünger aus dem Johannesevangelium auch uns heute: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch. (…) Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15,4.6)

Das ist Aufgabe und Herausforderung für unser alltägliches Leben: in Verbindung zu bleiben mit Jesus Christus und damit mit Gott Vater im Heiligen Geist. Suchen wir immer wieder neu seine Nähe, pflegen wir unsere Beziehung zu Gott, unserem Freund und Ratgeber, Helfer und Beschützer. Das kann ein schnelles Stoßgebet sein, das gemeinsame Dankgebet beim Mittagessen, der Besuch des Gottesdienstes oder auch das stille Verweilen in seiner Gegenwart.

Für mich ist solch ein Ort wie die Pfarr- und Autobahnkirche „Maria am Wege“ ein symptomatisches Beispiel für gelingendes Glaubensleben: Glaube ist nichts Abgeschlossenes nach dem Motto: getauft – und fertig. Glaube ist nichts Statisches, sondern ein Abenteuer, auf das es sich einzulassen lohnt. Darauf verweist eindrücklich die hiesige Konstruktion der Kirche als Zelt. Wer von Ihnen erinnert sich da nicht an so manches Zeltlager, wo man nach überstandener Nacht seine Knochen sortiert, oder an das Trampen mit Zelt und Rucksack in jungen Jahren? Als Glaubende sind wir unterwegs – wie Maria: „Sie leuchtet“, wie das Zweite Vatikanische Konzil es umschrieb, „als Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes dem wandernden Gottesvolk voran“ (LG 68). Beschreiten wir unsere Wege unter der Führung Gottes und im Vertrauen auf ihn. An ihn dürfen wir uns jederzeit mit unseren Anliegen wenden und uns in seiner Gegenwart und unter der Fürsprache Mariens verstanden und geborgen wissen.

Das Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen verweist noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt im Glauben: Wir sollen nicht nur in Verbindung mit Christus bleiben, sondern sind über ihn auch untereinander verbunden! Im Glauben sind wir also keine „Singles“, keine Einzelkämpfer, keine Individualisten. Das Netzwerk des Glaubens ist stark, die Gemeinschaft trägt – und fängt einen auf, wenn die Schwierigkeiten groß sind, oder die Sorgen drohen, einen zu erdrücken. Die Gemeinschaft der Glaubenden ist aber nicht abgeschlossen, sie bleibt nicht unter sich, sie ist nichts Elitäres. Sie soll ausstrahlen und Zeugnis geben von der frohen Botschaft Jesu Christi! Dafür steht insbesondere das karitative Handeln der Kirche ein, das dem Menschen in Not deutlich macht: Du bist uns wichtig, weil Du Geschöpf Gottes bist genau wie wir, von ihm geliebt. Wir geben dich nicht auf, wo du dich vielleicht schon aufgegeben hast!

Durch Gottes Liebe sind wir, was wir sind. Von dieser Liebesbeziehung Kunde zu geben, ist unser Auftrag. Gottes- und Nächstenliebe hängen eng zusammen. Persönlich fromm sein oder die religiösen Pflichten tun, ist zu einseitig. Nur die Bereitschaft zum Dienst am Nächsten macht einen „auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt.“ (Papst Benedikt XVI., Deus caritas est, Nr. 18). Damit also ist der Dienst am Nächsten weder Engagement um seiner selbst willen, weil man sich dann gut fühlt, noch kann man sich damit den Himmel verdienen.

Liebe Malteser, Ihr haupt- und ehrenamtliches Engagement gilt nicht nur einem Verband mit Satzung, Organigramm und Struktur. Durch Ihr professionelles Wirken erhält die Kirche ihr konkretes Antlitz. Sie geben der Menschlichkeit ein Gesicht! Sie sind das Aushängeschild von Kirche. Für den unermüdlichen Einsatz und das christliche Zeugnis danke ich an dieser Stelle von ganzem Herzen allen Maltesern! Geben Sie, liebe Delegierte, diesen Dank bitte an alle Ihre Kolleginnen und Kollegen weiter: Sie sind Botschafter von Gottes Liebes. Sie geben der Liebe Gottes Hand, Fuß und Herz. Nochmals: Vergelts Gott!

Wenn wir Sie, lieber Pfr. Markus Willig, als Diözesanseelsorger der Malteser im Bistum Augsburg heute offiziell in Ihr Amt einführen, dann kommt Ihnen eine verantwortungsvolle Aufgabe zu. Als „Arbeiter im Weinberg des Herrn“ gilt es für Sie, die haupt- und ehrenamtlichen Malteser als „Reben“ in Ihrem Engagement gut zu „pflegen“ und sie in ihrer Christusbeziehung achtsam zu begleiten, damit jede und jeder nach seinen Kräften reiche Frucht bringen kann. Nachdem Sie seit Ihrem 19. Lebensjahr bei den Maltesern aktiv sind, sind Sie mit Ihren Erfahrungen und Einblicken für diese neue Aufgabe ja bestens gerüstet! Ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft für diesen Dienst und wünsche Gottes Segen dafür.

Die Zukunft wird spannend. Die gesellschaftlichen Herausforderungen bei uns, die Krisen weltweit und das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Ländern des globalen Nordens und denjenigen des Südens werden den unermüdlichen Einsatz für die Menschlichkeit weiter einfordern. Wir Christen sind gefragt, uns hier einzubringen, ja, wo notwendig, gar einzumischen! Somit wird auch der Dienst der Malteser regional wie national und weltweit gefragt sein und eine wichtige Stütze karitativen Handelns von Kirche bleiben. Bei alldem wünsche ich uns und gerade auch Ihnen, liebe Malteser, dass wir mit Jesus Christus, dem Weinstock, und über ihn in Verbindung bleiben und erfahren, wie der gemeinsame Glaube trägt und welch tröstende Kraft Gottes Liebe in uns und für andere hat – nicht nur im Wort, sondern in Tat und Wahrheit!