Predigt bei der Diözesanen Eröffnung der Misereor-Fastenaktion in Lindau am 28. Februar 2021 von Bischof Dr. Bertram Meier

MISEREOR: Handeln mit Zorn und Zärtlichkeit

28.02.2021 12:00

Ob im Schatten von St. Peter in Rom oder an den Straßenrändern in aller Welt: Die Bilder haben sich uns eingeprägt, auch wenn Corona Live-Audienzen des Papstes derzeit unmöglich macht. In normalen Zeiten strecken sich unzählige Menschenhände dem Papst entgegen, um ihn zu berühren. Besonders bewegen mich immer wieder die Hände von Kindern und von Menschen, die – gezeichnet von Arbeit, Ausbeutung und Armut – den Saum des weißen Gewandes berühren wollen. Für viele fast schon der Himmel auf Erden!

Wenn es uns mit dem Nachfolger Petri schon so ergeht, wie mag sich erst Petrus selbst gefühlt haben, als er auf dem Berg Jesus als Gott schauen durfte? Es war die Sternstunde seines Lebens. Ist Petrus, so ehrlich und spontan, uns nicht deshalb so sympathisch, weil er uns selbst aus der Seele spricht, wenn wir Glücksmomente festhalten wollen. Und mehr noch: Ist es nicht unsere tiefste Sehnsucht nach Glück, mit einer anderen Person intim zu sein? Diese Fragen sollen uns leiten, wenn wir die Botschaft des heutigen Sonntags im Licht von MISEREOR aufschlüsseln.

Intimität gehört heute zu den schwierigen Worten, weil es viel zu stark veräußerlicht ist, und dabei meint es genau das Gegenteil: Innigkeit. Intimität meint mehr als Körperlichkeit. Vielleicht können wir selbst dankbar auf Beziehungen schauen, aus denen wir leben, obwohl der andere räumlich und zeitlich weit entfernt ist. Trotzdem – fast wie ein Wunder – bleibt der eine zutiefst auf das Innere des anderen abgestimmt. Intimität weist damit auf eine vertraute und vom Vertrauen getragene Beziehung hin. Ein hohes Maß an Übereinstimmung gehört ebenso dazu wie eine grundehrliche Offenheit – alles gehalten vom ehrfürchtigen Wissen um den anderen, wobei sich der einzelne gebunden und zugleich vom anderen freigegeben weiß.

1.       Gebunden und freigegeben: Darum geht es MISEREOR. Die Philosophie des Werkes speist sich aus der Begegnung mit unseren Partnern in der Einen Welt. Ich sage bewusst „Partner“ und nicht „Almosenempfänger“. MISEREOR ist nicht nur eine Hilfsorganisation, sondern vor allem ein Beziehungsnetz: Denn unsere Mitchristen in Afrika, Asien und Lateinamerika bestätigen, wie wichtig der Dialog auf Augenhöhe ist, der Austausch unter gleichwertigen Brüdern und Schwestern, die sich in gemeinsamen Projekten binden und sich auch wieder freigeben, weil sie einander in ihren Wünschen achten und respektieren. MISEREOR’s Maßstab ist Jesus selbst, der von sich sagte: MISEREOR. Ich habe Erbarmen mit dem Volk (vgl. Mk 8,2). Für die Kirche, das Volk Gottes, gilt: Wir sind MISEREOR!

„Ich habe Erbarmen mit meinen Freunden, die meinen Weg mitgehen.“ Dieser Gedanke hat Jesus wohl bewogen, zu einer Bergbesteigung einzuladen. Dort möchte er ihnen zeigen, wer er wirklich ist. Wenn Jesus verklärt, „transfiguriert“ wird, dann führt er seine Jünger ein in seine eigentliche Gestalt, er lässt sie seine Intimsphäre schauen: „Wer mich sieht, der sieht den Vater. Der Vater und ich sind eins.“ – Trotzdem ist Intimität keine heile Welt. Sie erschließt sich in Spannungen, denn „wir tragen diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit das Übermaß an Kraft aufseiten Gottes sei und nicht bei uns.“ (2 Kor 4,7) Intimität, Vertrautheit: so beglückend, aber auch der Zerbrechlichkeit ausgesetzt.

2.       Da ist zunächst die Spannung zwischen Höhepunkten und Tiefen. Das Gipfelerlebnis des Petrus war sicher ein solcher Höhepunkt. Kurz zuvor hatte er das Messiasbekenntnis abgelegt. Nun auf dem Berg schien sein Messiasbild bestätigt. Doch wir kennen den weiteren Verlauf: Aus der Nähe wird Ferne, aus dem Höhenflug ein Tiefschlag. Greifen wir nicht oft über unser Ziel hinaus, wenn wir außerordentliche Gotteserfahrungen suchen, ohne uns aber auf eine Spiritualität des Alltags jemals eingelassen zu haben!

MISEREOR steht für eine gesunde, geerdete Spiritualität; das Hilfswerk ist mehr als eine Fastenkollekte, die sich in der Fieberkurve der Sammelergebnisse zeigt. MISEREOR gründet in einer Spiritualität, die nicht im rein Geistigen schwebt, sondern verwurzelt ist in der Welt - nicht wie sie sein soll, sondern wie sie wirklich ist. Diese Sicht wird nicht nur soziologisch und politisch verarbeitet, sondern geistlich und pastoral. Daran hat schon 1958 der Kölner Kardinal Frings in seiner Gründungsrede für MISEREOR erinnert. Es war die Not Christi, die Frings in der Welt erkannte und die ihn bewegte, mit den deutschen Bischöfen das Hilfswerk MISEREOR als „Abenteuer im Heiligen Geist“ zu wagen: Die Initiative möge „die Not des Herrn in seinen Brüdern (und Schwestern) vor die Seelen stellen und zum gleichen Mitempfinden bewegen. Das Werk, recht verstanden und ausgeübt, kann für die Spender eine religiöse Bewegung werden.“ Mit MISEREOR sah Frings eine Chance, um „die Hilfeleistung vom Evangelium her mit einer religiösen Erneuerung und Bußbewegung zu verbinden“. MISEREOR steht also im Dienst des Reiches Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium. Denn das Reich Gottes ist nahe.

3.       So schließt sich eine weitere Spannung an: Ewigkeit und Zeit. Mindestens zwei Gesichter hat die Zeit: Die Zeit der Uhren - messbar und gezählt. Das andere Gesicht liegt darin verborgen: das Sein der Zeit, was für die Ewigkeit bleibt. Auf Tabor verschmelzen Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeit. Gottes Reich bricht an. Es ist mitten unter uns. Das Kyrie von P. Norbert Becker besingt es: „Gott ist unter uns im Gewand des Menschen“. Heuer geht unser Blick ins Beispielland Bolivien; es gehört zu den ärmsten Ländern im Westen Lateinamerikas. Auf dem Plakat zur Fastenaktion zeigt MISEREOR eine indigene Bolivianerin, die auf die würdevolle Schönheit ihrer Heimat schaut. Wie eine Fata Morgana tritt eine von Börsenwerten umgebene Aktienkurve in ihren Blick: Sinnbild für das kapitalistische, allein am Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsmodell, das Natur und Menschen im Süden rücksichtslos ausbeutet. Wir dürfen der indigenen Bevölkerung dankbar sein, dass sie ihre Rechte verteidigt im Kampf gegen die Zerstörung ihres Lebensraumes - hervorgerufen durch Agrarindustrie, Bergbau und die Folgen des Klimawandels.

Es ist höchste Zeit zu handeln; fünf vor Zwölf. In der Pandemie sehe ich einen Warnschuss. „Wenn wir weiter die Schöpfung zerstören, wird die Schöpfung einst uns zerstören“ (meine Adventskatechese im Dom 2020). Wie erlebe ich die Spannung von Zeit und Ewigkeit? Leben wir aus dem tiefen Vertrauen, dass alles Zeitliche und Begrenzte unseres menschlichen Mühens schon von der Ewigkeit getragen und gewürdigt ist? MISEREOR weiß um die Spannung zwischen Ewigkeit und Zeit, zwischen hohen Idealen und einer Wirklichkeit, die den großen Einsatz an personellen und finanziellen Mitteln mitunter wie einen bescheidenen Tropfen auf dem heißen Stein erscheinen lässt. Diese Spannung aushalten braucht volles Engagement und zugleich lächelnde Gelassenheit im Wissen darum, dass ein Anderer die Welt in seinen Händen hält.

4.       Die „Option für die Armen“ ist für MISEREOR mehr als eine fromme Formel, sie ist eine spirituelle Bombe, die im wirtschaftlichen und politischen Leben enormen Zündstoff hat. Bleibt doch bis heute das Fastenmotto aktuell, das der Prophet Jesaja ausgegeben hat: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts lösen, die Stricke des Jochs entfernen, die Versklavten frei lassen, jedes Joch zu brechen, an die Hungrigen Brot auszuteilen.“ (58, 6f.). Als Menschen stoßen wir an Grenzen, auf Spannungen zwischen Höhepunkten und Tiefen, zwischen Ewigkeit und Zeit. So wird unser Einsatz immer unvollendet bleiben, ein Auf-dem-Weg-Sein, wie damals nach der Verklärung. Die Jünger müssen herunter vom Gipfel. Sie können nicht auf Tabor träumen. Was auf sie wartet, sind die Niederungen des Lebens, das Elend der Welt. Gebet und Meditation brauchen Hand und Fuß. Zugespitzt: Aus der Mystik muss Politik werden, nicht kurzatmige Tagespolitik, sondern ein Pochen an das Gewissen eines jeden Einzelnen, entschlossen, nachhaltig, ja unerbittlich und hartnäckig. Papst Franziskus fasst diese Haltung prägnant zusammen: Wir müssen handeln mit Zorn und Zärtlichkeit!

Wer sich mit Jesus auf den Weg macht, sollte nicht viel Gepäck mitnehmen. Das ist unser Problem, das Problem der alten Kirche in Europa. Wir schleppen zu viel Ballast mit uns herum. Müde sind wir und beschwert – von Privilegien, Immobilien und Geld. In diesem Punkt haben uns die Kirchen im Süden viel voraus. So sind sie nicht nur unsere Partner, sondern auch Lehrmeister. Sie vermitteln die Erfahrung, dass weniger (Geld) mehr (Glaubwürdigkeit) sein kann. MISEREOR zeigt uns, dass wir alle in einem Boot sitzen, wenn es darum geht, einander zu bereichern und uns gegenseitig zur Umkehr zu rufen. Das heißt: Wer mit Jesu Freundin / Freund sein will, wer mit ihm vertrauten Umgang haben möchte, der kommt an den Armen nicht vorbei. Jesus selbst war einer von ihnen. Seine Bleibe war kein Hotel auf Tabor, sondern die Straße, wo er Blinde und Taube, Kinder und Krüppel, Ausgestoßene und Abgeschobene traf. Von ihnen ließ er sich berühren. Sie hat er in die Arme genommen. Besonders die Kranken schloss er in sein Herz.

Dank sei Gott, dass es MISEREOR gibt. MISEREOR zeigt: Es geht! Anders