16.12.2015 15:59

Türen sind anspruchsvoll. Der erste Advent ist eine solche Tür. Heute überschreiten wir die Schwelle in ein neues Kirchenjahr. Gott ist im Kommen. Wir bereiten uns vor, ihn zu empfangen. Deshalb singen wir:

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.

Es kommt der Herr der Herrlichkeit,

ein König aller Königreich,

ein Heiland aller Welt zugleich,

der Heil und Leben mit sich bringt;

derhalben jauchzt mit Freuden singt.

Gelobet sei mein Gott,

mein Schöpfer reich an Rat.“

Das Lied zählt zu den beliebtesten Gesängen im Advent: Das liegt wohl an der schwungvollen Melodie und am einprägsamen kraftvollen Text. Der Verfasser ist Georg Weißel, der 1590 als Kind eines protestantischen Ehepaars in Domnau (Ostpreußen) geboren wurde, später Theologie und Musik studierte und schließlich 1635 als evangelischer Pfarrer in Königsberg starb. Georg Weißel war ein hochgebildeter und welterfahrener Mann, als er seinen Dienst als Pfarrer an der soeben errichteten Kirche in Königsberg, der Roßgärter Kirche, antrat. Am zweiten Advent 1623 wurde die neue Kirche eingeweiht. Dazu hatte der neue Pfarrer das Lied verfasst. Es ist ein Gesang zum festlichen Einzug und zur Inthronisation des Königs Jesus Christus, der in diesem Gottesdienst gleichsam seine Residenz aufschlagen sollte. Die Kirche soll sein Wohnsitz sein. Hier öffnen die Gläubigen sich dem König, der Einzug halten will in ihren Herzen, seiner eigentlichen Wohnung. Daher rührt die Aufforderung, die Tore weit zu öffnen und die Herzen „zum Tempel“ zuzubereiten (4. Strophe).

Dass Weißels Lied vom „König aller Königreich“, der „rechten Freudensonn“ und vom Stifter aller „Freud und Wonn“ handelt, lässt aufhorchen angesichts des seit 1618 tobenden Dauerkrieges unter den Herrschern Europas, des sog. Dreißigjährigen Krieges. Die Schrecken dieses Krieges und seiner Folgen für die Bevölkerung mögen der Hintergrund für die starke Sehnsucht nach Heil und Leben bilden, die das Lied atmet. Inzwischen hatte der Krieg schon fünf Jahre lang für weite Teile Deutschlands Krankheit und Not, Leid und Tod gebracht. Doch in Königsberg war davon wenig zu spüren. Hier blühten Wissenschaft und Künste. Georg Weißel gehörte dem berühmten Königsberger Dichterbund an. Dennoch litt auch diese Stadt wiederholt unter fürchterlichen Pestepidemien, die tausende Menschen dahinraffte. So steckt in seinem adventlichen Lied die tiefe Sehnsucht der Menschen seiner Zeit nach einem gerechten und friedfertigen Herrscher und Landesherrn.

Um die Tiefe des Liedtextes zu erfassen, lohnt sich ein Blick in das Gebetbuch des Alten Testaments, die Psalmen. Hier finden wir die Vorlage, die dem Lied zugrunde liegt:

„Ihr Tore, hebt euch nach oben,

hebt euch, ihr uralten Pforten,

denn es kommt der König der Herrlichkeit.“ (Ps 24,7)

Der Psalm greift das Motiv vom Einzug in Jerusalem auf. Er enthält eine alte Liturgie, vielleicht von Chören vorgetragen vor dem Tor des Heiligtums. Bibelwissenschaftler vermuten, dass es sich um Worte aus einer sog. „Tor-Liturgie“ handeln könnte, d.h. um einen Gesang, den die Tempelpriester und begleitende Pilger anstimmten, wenn sie mit der Bundeslade in den Jerusalemer Tempel einzogen. Die Bundeslade – eine Truhe aus Akazienholz, in der sich die Gesetzestafeln des Mose befanden – wurde von den Juden besonders verehrt. Durch sie fühlte man sich Gott besonders nahe, von ihm behütet und gesegnet.

Bei der Einweihung des Tempels und vielleicht auch in den folgenden Jahren jeweils zum Jahrestag spielte sich vor dem Hauptportal zunächst eine Szene ab, bei der die Priester, die an der Spitze der Prozession zogen, singend verkündeten: „Es kommt der König der Herrlichkeit.“ Daraufhin fragten die Türhüter und Tempeldiener zurück: „Wer ist der König der Herrlichkeit?“ Die Antwort gaben die Priester und die Gläubigen, die sie begleiteten: „Der Herr, stark und gewaltig.“ Danach wurden die Tore geöffnet und die Prozession konnte einziehen. Dieser Ritus hat eine tiefe Bedeutung: Gott selbst, dem man mit dem Wechselgesang die Ehre erwies, zog erneut in sein Haus ein, um es in Besitz zu nehmen und mit seiner Gegenwart zu erfüllen.

Später wurde Psalm 24 dann zu einem christlichen Adventslied, in dem die Kirche der Ankunft des Herrn gedenkt: seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten in Macht und Herrlichkeit und zugleich seiner ersten Ankunft in Armut und Verborgenheit im Stall von Bethlehem.

Doch weder die gelehrte Theologie noch die papierne Partitur schöpfen den Sinn des Liedes aus, es geht auch um gelebte Glaubenspraxis. „Macht hoch die Tür“ bleibt nicht in der Idylle stecken, sondern zeigt Wirkung auch für die Stadtgesellschaft von Königsberg. Was ist der Anlass?

Im Advent 1624 wird das Lied vor dem Gartentor eines Geschäftsmannes namens Sturgis gesungen. Dieser hat ein Wiesengrundstück erworben, das an sein „Schlösschen“ angrenzt: nichts Anrüchiges, wenn er dieses Grundstück nicht mit einem Zaun versehen und die Tore fest verschlossen hätte. Damit ist den Leuten aus dem benachbarten Armen- und Siechenheim nicht nur der nahe Weg in die Stadt versperrt, sondern auch der Zugang zur Kirche. Sie müssen nun eine weite und mühevolle Strecke zurücklegen. Viele Heimbewohner schaffen das nicht mehr. Die Forderungen des Stadtrates laufen ins Leere. Die Bitte, die Gartentore wieder zu öffnen, stoßen bei Sturgis auf taube Ohren.

Pfarrer Weißel hat eine Idee. Zusammen mit dem Chor und zahlreichen armen und gebrechlichen Menschen geht er zum Gartentor des Geschäftsmannes. Dort ergreift er das Wort: „Heute, lieber Herr Sturgis, steht der König aller Könige vor eurem verriegelten Tor. Ich rate euch, ich flehe euch an bei eurer Seele Seligkeit, öffnet ihm nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern auch das Tor eures Herzens und lasst ihn demütig mit Freuden ein, ehe es zu spät ist.“

Er hat seine Rede gerade beendet, als der Chor zu singen beginnt: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit. Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“

Sturgis steht da wie angewurzelt. Er greift in seine Tasche und holt einen Schlüssel hervor, mit dem er das schwere Gartentor aufsperrt. Von diesem Zeitpunkt an bleibt es nicht mehr verschlossen. Als das gesamte Lied zu Ende ist, bittet Sturgis alle in sein Haus und bewirtet sie. Die Heimbewohner freuen sich, denn sie haben ihren kurzen Weg zur Kirche wieder, der von diesem Zeitpunkt an „Adventsweg“ genannt wird. „Macht hoch die Tür“: ein Lied mit praktischen Folgen.

Für unseren Adventsweg mit diesem Lied sei noch auf einen alttestamentlichen Prophetentext verwiesen: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ (Sach 9,9) In der evangelischen Kirche ist das Lied „Macht hoch die Tür“ ganz eng mit dem ersten Advent verbunden, weil an diesem Sonntag das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem verkündet wird: eine Anspielung auf den Palmsonntag. Im alten Gotteslob wird dies folgendermaßen kommentiert: „Mit den ‚Zweiglein der Gottseligkeit‘ (Strophe 4) deutet der Dichter die Palmzweige, die das Volk für Jesus auf den Weg streut (Mt 21,8), und vielleicht auch die Tannenzweige, mit denen man in der Adventszeit das Haus schmückt, als Zeichen der frommen Hingabe (‚Gottseligkeit‘).“[1]

So beten wir:

„Komm, o mein Heiland Jesu Christ,

meins Herzens Tür dir offen ist.

Ach zieh mit deiner Gnade ein,

dein Freundlichkeit auch uns erschein.

Dein Heilger Geist uns führ und leit

den Weg zur ewgen Seligkeit.

Dem Namen dein, o Herr,

sei ewig Preis und Ehr.“

[1] Gotteslob (1975) Nr. 107, S. 189.