Predigt zur Feier von 500 Jahren Martinsmünster
und 90. Jahrtag der Heiligsprechung Alberts des Großen
am 12.12.2021 im Martinsmünster Lauingen

Martin und Albert laden ein in die „menschliche Bibliothek“

12.12.2021 13:45

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Festgäste, liebe Schwestern und Brüder in Christus, wir feiern heute in mehrfacher Hinsicht ein Fest: zunächst den 3. Advent, der nach alter Tradition auf der Folie des Philipperbriefes auch Sonntag Gaudete heißt; und den Abschluss des Doppeljubiläums Ihrer Pfarreiengemeinschaft. Es ist ermutigend, dass trotz der strengen Zugangsregelung so viele in die Kirche gekommen sind.

Damit setzen Sie am Ende des zweiten Pandemiejahres ein ebenso deutliches Zeichen des Glaubens und des Gottvertrauens, wie es die beiden Lesungen aus dem Buch Zefanja und aus dem Philipperbrief tun.

„Freut Euch im Herrn zu jeder Zeit“, vielleicht haben wir noch nie so genau hingehört wie heute. Denn damit ist auch unsere Zeit, diese schwierige Zeit zunehmender Orientierungslosigkeit gemeint!

Womit kann im Chaos das Christentum ein Rettungsanker sein? So fragte der überzeugte Christ Helmuth James von Moltke mitten im 2. Weltkrieg in Nazi-Deutschland. Diese Frage ist heute, wenn auch Gott sei Dank nicht unter solch dramatischen Umständen, ebenso aktuell. Ende des letzten Jahres hatten Wissenschaftler in aller Welt zur Eindämmung des Coronavirus Impfstoffe entwickelt, die für einige Monate einen wirksamen Schutz vor Ansteckung bzw. einen milden Verlauf versprachen. Millionen Menschen hierzulande trauten der Expertise und den über Jahrzehnte hin aufgebauten europäischen Prüfsystemen. Sie folgten der Vernunft und ließen sich impfen - sicher auch in dem Bewusstsein, dass wir seit Ausbruch der Pandemie alle Teil einer globalen Feldstudie sind, deren Ausgang nicht 100% feststeht.

Wir leben in einer historischen Zeit, denn noch nie gab es eine Krankheit, die weltweit menschliches Leben derart bedroht hat wie seit Monaten das Virus Covid-19. Doch wie euphorisch die verschiedenen Impfstoffe auch begrüßt wurden, so ernüchternd ist die Bilanz heute. In den vergangenen Monaten fuhren wir gesellschaftlich und emotional Achterbahn: Statt die Solidarität für die Schwächsten - Hochbetagte, Menschen mit Vorerkrankungen, Kinder und Jugendliche – durch die eigene Impfung zu stärken, wurde öffentlich und vor allem in den sozialen Medien Angst und Ablehnung, ja Hass gegen die Impfbefürworter geschürt. Leider gibt es solches Verhalten auch innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft. Leute, die sich selbst als Christen und Katholiken bezeichnen, greifen Bischöfe, Priester und in der Pastoral Tätige an. Damit missachten sie die nicht zuletzt im Evangelium grundgelegte Goldene Regel: „Alles, was ihr wollt, dass Euch die Menschen tun, das tut auch ihnen“ (Mt 7,12) oder in der Fassung, die zum Sprichwort geworden ist: Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem andern zu. Aktuell bereitet uns die neueste Mutante Omikron Sorgen… Daher kann ich nur wiederholen: Machen wir Christen unserem Namen Ehre und übernehmen wir Verantwortung, jede und jeder in der Weise, wie es dem Erhalt des Ganzen dient!  

Wie kann in dieser Zeit das Christentum ein Rettungsanker sein? Diese Frage des schon genannten Begründers des sog. Kreisauer Kreises, einer Gruppe von Männern und Frauen, die sich Gedanken über die Neuordnung Deutschlands nach dem Nationalsozialismus machten,

muss

uns auch heute beschäftigen. Helmuth James von Moltke ließ sich vom NS-Regime nicht korrumpieren, er gab für seine Treue zum Evangelium sein Leben und wurde wegen seines gewaltlosen Widerstandes mit erst 38 Jahren am 23. Januar 1945 hingerichtet, am 2. Februar folgte ihm sein Freund und Gesprächspartner, der Jesuit Alfred Delp, durch den Tod ins ewige Leben nach.

Liebe Schwestern und Brüder, heute schließen wir das Jubiläumsjahr Ihrer Pfarreiengemeinschaft feierlich ab: zwei große Heilige der Kirchengeschichte – wohlgemerkt, Heilige der noch ungeteilten Kirche des Westens – standen im Mittelpunkt; viele unter Ihnen haben in den letzten Monaten auch einen neuen Zugang sowohl zum hl. Martin als auch zum hl. Albert bekommen. Die Hoffnung, der ich vor einem Jahr im Grußwort zur Eröffnung des Jubiläumsjahres Ausdruck gab, erfüllt mich bis jetzt. Damals schrieb ich: „Ich bin mir sicher: Die vor allem spirituelle Beschäftigung mit (dem) Erbe (der beiden Heiligen) vermag uns Heutigen zu einer Standortbestimmung zu verhelfen und nicht zuletzt dazu anzuregen, die Quellen des Evangeliums in unserem Leben freizulegen.“

Gott im eigenen Leben Raum geben wollen, aber nicht wissen wie, das hat auch „die Scharen“ bewegt, die zu Johannes dem Täufer in die Wüste hinauszogen, wie wir es im Evangelium hörten. Von diesem kompromisslosen strengen Bußprediger erhofften sich die Menschen Auskunft: in den Brüchen und Verwerfungen ihres persönlichen Lebens, in einer Zeit, die von Hass, Gewalt und Tod verschlungen zu werden drohte. Sie stellen Johannes die Grundfrage: “Was sollen wir also tun?“ (Lk 3,10) - und sie werden nicht enttäuscht. Der Mann Gottes, der Rufer in der Wüste, gibt ganz konkrete Ratschläge, die jede und jeder sofort in die Tat umsetzen kann. Er empfiehlt mit jenen zu teilen, die weniger haben; zufrieden zu sein mit dem, was man zum Leben braucht, sowie andere weder zu misshandeln noch zu erpressen.

Nach über 2000 Jahren ist diese Antwort absolut lebensnah. Es sind die Basics, wie man heute sagt – das war damals die Aufwärmübung für die Botschaft Jesu, sein Evangelium, und so ist es bis heute. Wir haben es doch alle schon erlebt: Wer beim Sport meint, ohne vorherige Muskeldehnung, ohne Warmlaufen oder Einspielen sofort beginnen zu können, der muss mit teils sehr schmerzhaften Verletzungen rechnen.

Bereits Paulus lenkt den Blick auf die Läufer im Stadion, wenn er seinen jungen christlichen Gemeinden deutlich macht, dass es Geduld und Ausdauer bedarf, um immer mehr Christ zu werden (vgl. 1 Kor 9,24ff). Wie im Sport erleben wir im Alltag oft Rückschläge und eigenes Versagen, gerade wenn wir unsere Taufe und das Leben nach dem Evangelium ernst nehmen. Scham und bekennende Demut gehören daher unbedingt dazu. Deshalb gilt ganz schlicht: Wer sich nicht erinnern kann, wann er sich zuletzt vor Gott und vor sich selbst geschämt hat, sollte sich wieder neu aufrichtig und nüchtern dem Blick Gottes aussetzen. Die Chance dafür ist die Weihnachtsbeichte.

„Christentum bedeutet Entscheidung“ – mit diesem Satz begann der frisch promovierte Theologe Dietrich Bonhoeffer seine erste Predigt: er war gerade mal 19 Jahre alt (1925). 20 Jahre später starb er am Galgen im KZ Flossenbürg in der Oberpfalz. Wir hoffen und beten, dass uns ein solcher Lebensweg erspart bleibe. Der Wahrheit dieses Satzes müssen wir uns dennoch stellen.

Bestimmt könnten wir Geschichten erzählen von uns oder Angehörigen, für die irgendwann im Leben die Entscheidung für Christus eine Weggabelung wurde; Wenn das auch nicht immer dramatisch ist, ein Einschnitt bleibt es allemal. Wie bedeutsam selbst eine scheinbar alltägliche Tat werden kann, zeigt uns ja die Mantelteilung des hl. Martin. Sie ist nicht spektakulär, und doch wird sie seit fast 1700 Jahren von Generation zu Generation weitererzählt, in jüngster Zeit z.B. auch durch das Projekt „Meins wird Deins“ der aktion hoffnung. Warum ist uns das so wichtig? Weil wir damit schon die Kleinen zu Mitgefühl und Mitleiden, ja einfach zu sozialem Verhalten erziehen wollen. - Wie sollen sie es denn lernen, wenn sie es nicht üben?

Einige Jahrhunderte nach dem hl. Martin weist auch der hl. Albert (1193-1280) mit einem für seine Zeit sprechenden Vergleich darauf hin, dass Nächstenliebe das Erkennungszeichen eines Christen ist: „Wer seinem Nächsten zu Hilfe kommt in seinem Leid, sei es geistlich oder weltlich, dieser Mensch hat mehr getan, als jemand, der von Köln bis Rom bei jedem Meilenstein ein Münster errichtet.“ Albert musste es wissen, denn getreu seinem Ordensideal ging er die Wege seines Lebens alle zu Fuß; dabei kam er rund alle zwei Kilometer (römische Meile: 1000 Doppelschritte, ca. 1,5 km) an einem Meilenstein vorbei. Von Lauingen pilgerte er nach Padua und Bologna zum Studium, trat in Köln in den jungen Dominikanerorden ein, ging als Universitätslehrer nach Paris, besuchte als Ordensprovinzial die Niederlassungen in Europa und sah als Bischof von Regensburg dort auf Wunsch des Papstes zwei Jahre nach dem Rechten.

Sein Hauptwirkungsort aber blieb Köln, wo er 1248, im selben Jahr, als der Grundstein für den Dom gelegt wurde, mit dem Aufbau eines Studium Generale begann und damit seinerseits ein ganz besonderes Fundament legte - für einen bedeutenden geistigen Bau, die spätere Universität zu Köln (gegr. 1388). Schon zu Lebzeiten erhielt Albert den Beinamen der Große und wurde als Genie der Wissenschaft gefeiert oder, wie man damals sagte, als Doctor universalis. Denn er hatte sich das gesamte, aus der Antike überlieferte Wissen angeeignet und war selbst als Forscher tätig. Was hätte dieser Vollblutwissenschaftler und Gottsucher wohl zu der teilweise aggressiven Wissenschaftsfeindlichkeit unserer Zeitgenossen und Mitchristen gesagt?

Ein Projekt allerdings, das vor gut 20 Jahren in Kopenhagen begann und sich inzwischen in über 80 Ländern ausgebreitet hat, würde ihm, da bin ich mir sicher, als Wissenschaftler

und

als Christ sehr gut gefallen!

1999 hatte der dänische Journalist und Sozialaktivist Ronni Abergel die Idee zur „Human Library“, zu einer „Menschlichen Bibliothek“. Denn in seinem Beruf erlebte er immer wieder, wie sehr sich Menschen durch einmal erworbene, aber nie wirklich überprüfte Vorurteile leiten lassen. Anders-Denkende, Anders-Sprachige, Anders-Glaubende, Menschen mit anderer Hautfarbe, aus anderen kulturellen Milieus, mit gebrochener Biographie, körperlichen oder geistigen Einschränkungen, kurz: Menschen, die irgendwie auffallen, sind nicht selten gesellschaftliche Außenseiter; leicht werden sie auch zu Sündenböcken und Feindbildern. Deshalb kam Abergel auf die Idee, dass man Gespräche mit solchen Menschen anbieten könnte wie Bücher in einer Leihbücherei.

Während der Aktionsmonate der „Menschlichen Bibliothek“ stehen also täglich neue Titel („Open Books of Today“) auf einer Schiefertafel. Das sind Menschen, mit denen Interessierte 30 Minuten kostenlos sprechen und sie alles fragen dürfen - vorausgesetzt, es geschieht mit Respekt und Anstand. Eigens ausgebildete ‚Bibliothekare‘ kümmern sich dabei um ‚Leser‘ und ‚Bücher‘, auch ein professioneller Psychologe ist stets vor Ort. Denn bei ‚Buchtiteln‘ wie: Kind von Drogenabhängigen; Obdachloser; Asylbewerberin; MS-Kranke; Schwarzer; jung Verwitwete; chronisch Depressiver usw. kann es schon passieren, dass es zu seelischen Erschütterungen kommt. Um deutlich zu machen, worum es ihm geht, ließ Ronni Abergel für sich und seine MitarbeiterInnen auch eine Art Arbeitskleidung herstellen. Auf einem T-Shirt steht schlicht die Aufforderung: Unjudge someone – zu Deutsch etwa: Ent-urteile jemanden! Dieses Wort gibt es eigentlich nicht, doch bringt es die Idee des Projektes auf den Punkt.

Selbst wenn wir als Kinder und Jugendliche vorgefasste Urteile übernehmen, um mit der komplexen Wirklichkeit zurechtzukommen und die Welt um uns herum zu ‚sortieren‘, tragen wir spätestens als Erwachsene die Verantwortung für unberechtigte Vorbehalte und Scheuklappen, mit denen wir durchs Leben gehen. Besonders für Christen gilt: Sobald wir uns bei Vorverurteilungen ertappen, sollten wir sie im Lichte des Evangeliums überprüfen. Früher nannte man das Gewissenserforschung und gab ihr einen festen Platz am Abend vor dem Einschlafen…Vielleicht könnte eine solche Aufwärmübung fürs tägliche Christsein zu einer geistlichen Frucht dieses Jubiläumsjahres werden - hier in Lauingen und Umgebung. Heute dem Evangelium ein Gesicht, mein Gesicht, geben, das ist der bleibende Auftrag, den uns Martin und Albert hinterlassen haben. Er gilt für jede und jeden von uns. Amen.