der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Illereichen
Mein persönliches Magnificat
Lieber Herr Pfarrer Kleinle, lieber Thomas, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder, wir feiern heute Geburtstag, den Geburtstag Mariens für den Himmel und das in einer Kirche, die nach der Renovierung buchstäblich neu erstrahlt – welch ein wunderbares Geburtstagsgeschenk haben Sie, liebe Pfarreiangehörige, der Muttergottes gemacht!
Von dieser Stelle aus sage ich Ihnen als Ihr Bischof ein herzliches Vergelts Gott dafür, besonders denen, die großzügig gespendet haben, denen, die viele Stunden ehrenamtliche Arbeit leisteten, und besonders den Verantwortlichen der Kirchenverwaltung, dem Kirchenpfleger und der Verwaltungsleiterin. Sie alle haben enorm viel Herzblut, Zeit und Können investiert, dass wir heute in diesem Gotteshaus feiern können und vielleicht auch eine Ahnung von dem bekommen, was uns im Leben bei Gott erwartet.
Wir haben es soeben im Evangelium gehört: die junge Maria eilt mit ihrem Geheimnis im Herzen ins Bergland, um bei ihrer Verwandten, von der sie weiß, dass auch sie eine Gotteserfahrung hatte, auf einen seelenverwandten Menschen zu treffen. Und sie hat sich nicht getäuscht: Bevor Maria noch ein Wort sagt, erkennt Elisabeth, was an ihr geschehen ist. Ist das nicht wunderbar? Wie selten macht man im Leben eine solche Erfahrung der wortlosen Verständigung! Zum Glauben gehört Gemeinschaft. Papst Benedikt XVI. prägte einst den Satz: Wer glaubt, ist nie allein. – Er gilt aber genauso auch umgekehrt: Allein kann man nicht glauben! Maria brauchte jemanden, eine Frau, der sie ihr Herz ausschütten konnte und jeder von uns braucht Mit-Glaubende, Menschen, die mir in Krisenzeiten beistehen, die mich anhören, wenn ich mitteilungsbedürftig bin, die mich trösten, wenn ich nicht mehr weiter weiß, die mich nicht fallen lassen, wenn ich mir selbst im Weg stehe. So ist es ganz natürlich, dass wir unser Leben als einen Weg betrachten. Manchmal schreiten wir leichtfüßig dahin und kommen schnell voran, unser Herz freut sich an den Menschen, die uns zur Seite gehen und wir sind neugierig, wem wir an der nächsten Wegbiegung begegnen. Junge Menschen spüren bald, wie wichtig es ist, Freunde und Freundinnen zu haben, auf die man sich verlassen kann, in deren Gesellschaft man sich geborgen fühlt. Diese Erfahrung ist vielleicht heute wichtiger denn je, wo durch die neuen Medien die natürliche Diskretion und Privatsphäre so gefährdet ist und man immer auf der Hut sein muss, dass sich in einen Kinder- oder Jugendchat nicht ein Wolf im Schafspelz einschleicht. Follower und Influencer sind dann die neuen Weggefährten, sie gehen überall hin mit – auch wenn sie am anderen Ende der Welt leben sollten…
Und dennoch ist uns allen klar: es geht nichts über den direkten Kontakt, den persönlichen Austausch, das Gespräch Auge in Auge – mit einem Wort: das unmittelbare Erlebnis! Im Evangelium begegnen sich zwei Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, und doch gesellschaftlich mit sehr unterschiedlichen Reaktionen zu rechnen haben. Elisabeth kann sich uneingeschränkt freuen, dass ihre Sehnsucht nach einem Kind und damit nach der Anerkennung als Ehefrau und Mutter erhört wurde. Maria jedoch ist davon abhängig, wie Josef reagiert, ob er ihr glaubt und sich zu ihr und dem Kind bekennt.
In der durch und durch positiven Reaktion Elisabeths erkennt sie selbst ihre eigene Rolle und Auserwähltheit. Im Magnifikat, das manche auch als Revolutionslied bezeichnen, steht allerdings nicht so sehr menschliches Handeln im Vordergrund, sondern das umstürzende Wirken Gottes. Wir haben uns vielleicht schon zu sehr daran gewöhnt, diese Verse zu lesen und zu singen, dass wir ihren irritierenden, ja erschreckenden Charakter gar nicht mehr wahrnehmen: „Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Aus der Sicht der Länder des Südens z. B. ist klar, dass wir hier in Europa zu den „Mächtigen“ gehören, weil sie sich als die „Niedrigen“, ja die Erniedrigten fühlen.
Tatsächlich fordert uns dieses Gebet Mariens, das bis heute im Stundengebet der Vesper von den Ordensleuten und Priestern gebetet wird, auch zu einer Gewissenserforschung heraus: Wo stehe ich, wie verhalte ich mich im Alltag gegenüber Menschen, die mir unterlegen oder von mir abhängig sind? Gehe ich nach dem Äußeren oder der beruflichen Stellung eines Menschen und lasse ich jemand, der nicht meine Kragenweite hat, spüren, dass er unter mir steht oder mir seine Art nicht passt? Wie steht es mit unserer Mitfreude, wenn anderen etwas gelingt und sie Erfolg haben? Manchmal hat man den Eindruck, sich mitzufreuen ist noch schwerer wie mitzuleiden. Neid und Eifersucht sind uns Menschen einfach zu vertraut, als dass wir beim ersten Anzeichen gegensteuern könnten. Doch Elisabeth gibt uns ein Beispiel, dem wir – gerade wir älteren – nacheifern könnten: Sie, die reife Frau, sieht in der jungen Verwandten Gott noch wunderbarer am Werk wie an sich selbst. Sie vergleicht aber nicht, sondern segnet, das heißt, sie gibt vom Besten, was ein Mensch kann, mit aller Kraft, das Gute zu wünschen, reinen lauteren Herzens nur Gutes zu wollen und dabei Gott groß werden zu lassen. Nicht umsonst ist der Segen Elisabeths in das „Gegrüßet seist Du, Maria“ eingegangen, ein Gebet, das aus verschiedenen Evangeliumsworten zusammengesetzt ist. Machen wir es Elisabeth nach und segnen wir, besonders, wenn wir spüren, wie uns Ärger oder Neid beschleicht. Sie werden merken, dass das eine Situation verwandeln kann und innerlich befreit. „Nichts Menschliches ist mir fremd“, lautete einmal das Motto eines antiken Schriftstellers und wir Christen sind gut beraten, wenn wir das auch von uns sagen können!
Geben wir dem Geheimnis der Menschwerdung wieder mehr Raum und verhelfen wir uns gegenseitig zum Mensch werden. So wie es der Dichter Rainer Maria Rilke aus diesem Evangelium las. In seinem „Magnifikat“ überschriebenen Gedicht versetzt er sich unmittelbar in Maria hinein, ohne ihren Namen zu nennen:
Sie kam den Hang herauf, schon schwer, fast ohne
an Trost zu glauben, Hoffnung oder Rat;
doch da die hohe tragende Matrone
ihr ernst und stolz entgegentrat
und alles wusste ohne ihr Vertrauen,
da war sie plötzlich an ihr ausgeruht;
vorsichtig hielten sich die vollen Frauen,
bis dass die junge sprach: Mir ist zumut,
als wär ich, Liebe, von nun an für immer.
Gott schüttet in der Reichen Eitelkeit
fast ohne hinzusehen ihren Schimmer;
doch sorgsam sucht er sich ein Frauenzimmer
und füllt sie an mit seiner fernsten Zeit.
Dass er mich fand. Bedenk nur; und Befehle
um meinetwillen gab von Stern zu Stern -.
Verherrliche und hebe, meine Seele,
so hoch du kannst: den HERRN.
Dieser Text ist auch schon wieder 100 Jahre alt, aber vielleicht ein Ansporn für uns, heute am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel einmal unser ganz persönliches Magnifikat zu sprechen; Gott Raum zu geben in unserem Herzen, voller Dankbarkeit für all das Gute, das er gewirkt hat. Dann gewinnt unser Glaube Tiefgang und wird lebensprägend, wenn wir erfahren dürfen, dass Gott alle Wege mitgeht und uns immer schon voraus ist, um uns willkommen zu heißen - so wie er Maria nach der Vollendung ihres Lebensweges aufnahm in seine Herrlichkeit.