Mensch-Gernegroß – Gott-Gerneklein
Wissen Sie, was der „Deus ex machina“ ist? Das antike Theater gibt uns darauf eine Antwort. Dort steht oft eine Regieanweisung für den „Deus ex machina“, den „Gott aus der Maschine“. Dabei handelte es sich um eine Göttergestalt, die an einer Art Flaschenzug von oben herabgelassen wurde auf die Bühne.
Dieser „Deus ex machina“ hatte seinen Kurzeinsatz am Ende des Schauspiels. Seine Rolle war es, Verwicklungen und Verknotungen, Spannungen und Streitigkeiten mit seinem Machtwort zu beseitigen. Danach machte er sich wieder aus dem Staub – und das Theater fand sein Ende: mit einem „happy end“.
Wäre es manchmal nicht wunderbar, wenn so ein „Deus ex machina“ auch in unserem Leben auftauchen würde? Einer, der wie ein Automat auf Bestellung alles schnell mit einem Schlag in Ordnung bringen würde? Einer, der die Missverständnisse und Konflikte lösen könnte? Einer, der die Krankheiten und Krisen heilen könnte? Einer, der nicht nur sagt, sondern es tut: Alles wird gut!
In unserem Glaubensbekenntnis zu Weihnachten steht ein Satz, der fast nach „Deus ex machina“ klingt: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen.“ Ist Jesus von Nazareth also eine Art „Deus ex machina“, vom Vater im Himmel für ein paar Jahre herabgelassen auf die Erde, um die Verhältnisse hier zu ändern? Auf den ersten Blick könnte es in der Tat so scheinen. Doch wenn wir näher hinschauen, zeigen sich gewaltige Unterschiede zur Göttergestalt des antiken Theaters. Im Großen Welttheater, der Heilsgeschichte, schwebt Gott nicht spektakulär ein in unsere Welt. Er stattet dieser Welt auch nicht nur eine Stippvisite ab, um dann wieder im Götterhimmel zu verschwinden. Das alles wäre zu kurz gegriffen. Gott geht weiter. Gott geht bis ans Äußerste. Er entäußert sich, indem er ganz Mensch wird - in allem uns gleich, außer der Sünde.
Deshalb heißt es im Credo weiter: Incarnatus est. Er hat Fleisch angenommen. Das heißt: Gott hat sich auf unsere menschliche Wirklichkeit eingelassen, voll und ganz: auf Geburt und Tod, auf Armut, Hunger und Schmerzen, auf Freuden, Hoffnungen und Leiden. Nicht von ungefähr erzählt Lukas in seiner Weihnachtsgeschichte die Details einer Geburt und Kindheit, die – weiß Gott – nichts an sich hatte von paradiesischen Verhältnissen: Von der Herbergssuche ist die Rede, von Stall und Futtertrog, vom Wickeln des Kindes – die Windeln werden sogar zweimal erwähnt - und später von Verfolgung und Flucht. Das ist alles andere als spektakulär, weit weg von aller Romantik. In Jesus Christus hat Gott die Karriere nach unten eingeschlagen, die schließlich endet am Kreuz: Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz geschnitzt.
„Incarnatus est“: Hautnaher geht es nicht – und erniedrigender geht es nicht. Noch tiefer kann Gott sich nicht herablassen als in ein kleines Kind am Rande der Stadt. In der Heiligen Nacht haben wir bedacht, was das heißt: Wir feiern die Geburt eines Kindes, wir feiern den Geburtstag von Gott-Gerneklein. Und wir Menschen im Innersten unseres Herzens: Wonach streben wir? Um welchen Preis wollen wir unsere Ziele erreichen – wir als Frau oder Herr Gernegroß?
In der Weihnachtspräfation singen wir: „Einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen: Dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch, und wir sterbliche Menschen empfangen in Christus dein göttliches Leben.“ Dieses Bild vom „sacrum commercium“, vom „heiligen Tausch“ hat Papst Benedikt XVI. in seiner „Freiburger Rede“ (25. September 2011) aufgegriffen und eindrucksvoll entfaltet: „Die göttliche Liebe ist in der Menschwerdung und Hingabe des Sohnes Gottes in besonderer Weise auf die Menschen zugekommen. Er ist aus dem Rahmen seines Gottseins herausgetreten, hat Fleisch angenommen und ist Mensch geworden; und zwar nicht nur, um die Welt in ihrer Weltlichkeit zu bestätigen und ihr Gefährte zu sein, der sie ganz so lässt, wie sie ist. Zum Christusgeschehen gehört das Unfassbare, dass es – wie die Kirchenväter sagen – ein commercium, einen Tausch zwischen Gott und den Menschen gibt, in dem beide – wenn auch auf ganz verschiedene Weise – Gebende und Nehmende, Schenkende und Empfangende sind.“
Bald geht es wieder hoch her in unseren Geschäften: Umtausch ist angesagt. „Commercium“ im weihnachtlichen Sinn heißt nicht, dass wir Jesus umtauschen könnten: Wir dürfen den Sohn Gottes nicht eintauschen gegen ein normales Menschenkind. Wir dürfen den Welterlöser nicht vertauschen mit einem politischen Messias oder einem philosophischen Gutmenschen. Wir müssen uns auch davor hüten, Jesus Christus durch Technik zu ersetzen. Keine KI kann die persönliche Beziehung zu Gott erzeugen, geschweige denn ersetzen. Das gilt besonders für die Seelsorge. Dialog mit Gott funktioniert nicht mit Computer und Roboter. An Weihnachten ist Gott real mit uns in Verbindung getreten - nicht virtuell, sondern wirklich mit Haut und Haar – und die Kirche tut es ihm nach. Sie sucht die Live-Präsenz bei den Menschen. Kurz: Wir dürfen die Kommunikation mit Gott nicht auf dem Altar der Technik opfern. Das wäre kein heiliger Tausch, das wäre Schummelei: Mogelpackung, die Menschengemachtes und rein Technisches unter glänzendem Goldpapier kaschiert.
Jesus hat sich nicht in dieser Welt eingerichtet. Als Heiland hat er der Welt eine neue Würde gegeben: Er hat sie gleichsam gesegnet, geheiligt und geweiht, aber er hat die Welt nicht sakralisiert, er hat die Welt nie seine Heimat genannt. Dies ist der Stachel im Fleisch der Kirche bis heute: Sie ist mitten in der Welt, aber nicht von der Welt, wie auch Jesus nicht von der Welt ist (vgl. Joh 17,16). Unsere Heimat ist im Himmel. Und gerade das ist die Triebfeder, in dieser Welt alles Menschenmögliche zu tun, um den Menschen in den Himmel zu helfen. Wenn wir Gottes Einfleischung in die Welt so verstehen, wird auch klar, was der Papst mit dem Begriff Entweltlichung gemeint hat: nicht Flucht aus der Welt, sondern Einmischung in die Welt, ohne selbst in der Welt aufzugehen.
Machen wir noch einen Sprung von Lukas zu Johannes. Was Lukas in Bildern malt, das beschreibt Johannes mit dem Wort. „Et Verbum caro factum est.“ Und das Wort ist Fleisch geworden (vgl. Joh 1,14). Gott-Gerneklein hat sich so kurzgefasst, dass sein Wort in eine Krippe passt. Während Frau oder Herr Gernegroß lange und gewichtige Reden schwingen, hat Gott nur eines der kürzesten, aber auch bedeutungsschwersten Worte gesprochen, die es gibt: Ja. „Gottes Sohn Christus Jesus ist nicht als Ja und Nein gekommen: Nur das Ja ist in ihm verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat“ (2 Kor 1,19-20a).
Gott hat Ja gesagt zur Welt, aber er sagt nicht zu allem Ja und Amen. Gottes Wort hat Potential. Es war im Jahr der Wende 1989, als der Schriftsteller Vaclav Havel, der spätere Staatspräsident von Tschechien, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt. Seine Rede in Frankfurt handelte vom Wort, von dessen Herkunft aus Gott, von dessen Kraft, aber auch von dessen möglicher Zweideutigkeit. Denn jedes Wort enthält und birgt auch den, der es ausspricht. Darum könne es sein, dass ein Wort wie „Freiheit“ oder „Friede“ plötzlich kraftlos werden und nichts mehr bedeuten, wenn sie zum Beispiel nur noch eine Beschwörungsformel oder eine Floskel von Diktatoren wären.
Die Rede von Vaclav Havel war prophetisch im Hinblick auf die politischen Umwälzungen, die sich damals anbahnten. Uns Christen stimmen sie nachdenklich: Denn auch ein Wort wie „Liebe“, das wir so gern gebrauchen, kann verkommen zur Beschwörungsformel oder zur Floskel. Gerade Herr und Frau Gernegroß können „Liebe“ sagen und dahinter Macht und Strategie verstecken. Deshalb feiern wir Weihnachten, weil hier Gott-Gerneklein das Wort hat. In seiner Liebe hat er Ja gesagt zum Menschen und ist Mensch geworden. Allen, die gern groß sein wollen, sei gesagt, was einst Martin Luther so in Worte fasste: „Es war einmal ein frommer Mann. Der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum bemühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung. So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor – bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte. Aber er war sehr enttäuscht: Der Himmel war dunkel, leer und kalt. Denn Gott lag auf Erden in einer Krippe!“
Jesus ist kein Deus ex machina, er ist Gott-Gerneklein.