Predigt von Bischof Bertram beim diözesanen Mesnertag am 17. November 2021 in Mindelheim

Mesnersein heißt Faktotum, ein Querschnittsberuf. Warum die Kirche gerade heute dringend Mesner braucht

17.11.2021 15:09

Die Kirche auf- und zuschließen, Gottesdienste vor- und nachbereiten, das Gotteshaus pflegen und schmücken, sich um die Außenanlagen kümmern, Rasen mähen und Schnee räumen. Dies und vieles andere mehr umschreibt den Dienst der Mesnerin bzw. des Mesners. Mesner ist ein Faktotum, ein Querschnittsberuf. Von Herzen danke ich allen, die Sie heute nach Mindelheim gekommen sind – trotz Corona, nur zum Gottesdienst, ohne Mittagessen. Mit ein paar Strichen will ich skizzieren, warum die Kirche auch heute Mesnerinnen und Mesner braucht.

Wenn wir über den Mesnerdienst nachdenken, treffen wir auf biblisches Urgestein. Im Markus-Evangelium lesen wir: „Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Paschalamm schlachtete, sagten die Jünger zu Jesus: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten? Da schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm, bis er in ein Haus hineingeht. (...) Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor!“ (Mk 14, 12-15). Die beiden Jünger sind gleichsam die ersten Mesner, die Mesner für die erste Messe, die der Herr feiert als Letztes Abendmahl.

In den ersten christlichen Jahrhunderten, in der Zeit der Verfolgung, bildete sich in der römischen Kirche das Amt des Ostiariers heraus. Seine Aufgabe war es, die Gläubigen zum Gottesdienst einzulassen und darüber zu wachen, dass keine Unbefugten Zutritt erhielten. Eine ähnliche Funktion begegnet uns später wieder in der Person des Kirchenschweizers, der aber mehr für die Ordnung innerhalb des Gotteshauses sorgte. Der Ostiarier war eine Art Pförtner und Türhüter. Erstmals findet der Ostiarier im Jahr 251 Erwähnung. In einem Brief des Papstes Cornelius an Fabios von Antiochien wird er unter die Amtsträger der römischen Kirche gezählt. Ab dem vierten Jahrhundert entwickelte sich neben dem Amt des Ostiariers der Dienst des Lektors und des Akolythen: Dienste, für die bis zur Jahrtausendwende eigene Weihen erteilt wurden. Diese sog. „niederen Weihen“ erhielten später die Kleriker als „Durchlaufstufen“ zur Priesterweihe, ohne dass freilich die Dienste praktisch von ihnen ausgeübt wurden.

Obwohl das heutige Wirken des Mesners meist im Hintergrund geschieht, zeigen die wenigen Striche, mit denen die Geschichte dieses Dienstes skizziert wurde, dass die Frauen und Männer, die sich dieser Aufgabe stellen, nicht nur einem Job nachgehen oder ein Handwerk ausüben. Liebe Mesnerinnen und Mesner, Sie haben einen kirchlichen Beruf gewählt. Darauf dürfen Sie stolz sein, und die Kirche ist stolz auf Sie! Ohne Sie wären unsere geistlichen Tankstellen, die vielen Kirchen und Kapellen in unserer Diözese, um vieles ärmer.

Deshalb ist Ihr Dienst mehr als wünschenswert, er ist unverzichtbar. Wir Priester wollen Sie nicht missen. Ihre Aufgabe besteht darin, geistliche Tankstellen zu pflegen: Das zeigen die drei gebräuchlichen Bezeichnungen, die Ihren kirchlichen Beruf umschreiben: Küster, Sakristan und Mesner.

  

1. Küster: Hüter des Gotteshauses

Der Name „Küster“ weist auf eine erste Aufgabe hin. Küster kommt vom lateinischen „Custos“, d.h. Hüter, Wächter. Sie, liebe Mesnerinnen und Mesner, sind Hüter des Gotteshauses, gleichsam seine Verwalter mit Schlüsselgewalt. Damit stehen Sie in inniger Beziehung zur Pfarrkirche und zur Pfarrgemeinde, die sich in ihr versammelt. Das Gotteshaus ist auch die Kirche des Mesners, seinem Schutz und seiner Pflege anvertraut. Bei Firmungen und Jubiläen komme ich in viele Kirchen unseres Bistums. Die Gotteshäuser und Sakristeien sind Visitenkarten einer Pfarrgemeinde. Ob die Kirchenwäsche gepflegt ist, wie die Gewänder ausgelegt sind, in welcher Weise der Blumenschmuck in der Kirche sich dem Auge und Herzen der Besucher darbietet, das sagt sicher nicht alles, aber schon viel über den Zustand einer Gemeinde aus. In einem sauberen, gepflegten und warmen Ambiente kann die Seele besser auftanken als in einem schmuddeligen, heruntergekommenen und kalten Raum.

Es geht um die Würde und die Schönheit, aber auch um die Sauberkeit und den guten Geschmack, die ein Gotteshaus braucht, um auszustrahlen, um zum „Brunnen im Dorf“ zu werden (Papst Johannes XXIII). Danke für alle Aufmerksamkeit und Kreativität, mit denen Sie dazu beitragen, dass Ihre Kirche weder Halle noch Museum ist, sondern ein Festsaal wird für das Herrenmahl, die Feier der Eucharistie. Damit dienen Sie nicht nur dem Pfarrer, sondern Jesus Christus selbst, der das Wort des Lebens spricht und das Brot des Lebens bricht.             

 

2. Sakristan: Helfer bei der Liturgie

Ihr Beruf wird auch „Sakristan“ genannt, was sich herleitet vom lateinischen „sacristia“, Sakristei. Darin steckt wiederum das Wort „sacer“. Es ist damit angedeutet, dass der Arbeitsplatz des Mesners vor allem die Sakristei ist, das Heiligtum, und dass sein Wirken Dienst am Heiligtum ist. Bei seinem Tun ist der Mesner entscheidend miteingeschaltet in den gesamten Gottesdienst der Kirche, gleich ob es sich um eine Prozession handelt oder um die Spendung eines Sakramentes, ob um einen Wortgottesdienst oder eine Eucharistiefeier. Immer soll und muss er seinen Beitrag leisten, angefangen beim Aufschließen der Tür – der Mesner kommt vor und geht nach dem Priester –, dem rechtzeitigen Glockenläuten, dem Zurüsten des Altars und Herrichten der Bücher bis zur Bereitung der Hostienschale und des Kelches, dem Anlegen der liturgischen Gewänder, dem Einschalten der Lampen und der Mikrofonanlage, nicht zu vergessen das Anzünden der Kerzen. All das sind Verrichtungen, die scheinbar nicht ins Gewicht fallen, die aber immer dann unangenehm auffallen, wenn sie einmal ausfallen. Hierdurch wird deutlich, wie wichtig die oft selbst-verständlichen Mesnerdienste für die würdige Feier des Gottesdienstes sind.

Hier will ich besonders erwähnen, dass ich die Zurückhaltung schätze, mit denen viele Sakristane ihre Aufgabe erfüllen. Elefanten, die herumtrampeln, sind nicht nur in Porzellanläden gefürchtet, auch im Altarraum sind sie fehl am Platz. Oder Schnattergänse, die in der Sakristei bis zum Glockenschlag die Neuigkeiten vom Dorf oder Stadtteil zum besten geben, könnten lernen, dass ein Paar Minuten Stille vor dem Gottesdienst zur Kraftquelle werden für den Priester ebenso wie für die anderen Frauen und Männer, die einen liturgischen Dienst ausüben, nicht zuletzt auch für die Ministranten, deren Verhalten übrigens nicht selten ein Spiegel dafür ist, wie sich Erwachsene in der Sakristei benehmen. Und auch Mesner, die vor und nach dem Gottesdienst wie ein Pfau durch „ihr“ Gotteshaus stolzieren und das Buch auslegen und Kerzen anzünden zelebrieren, könnten vielleicht daran denken, dass die großen und wichtigen Dinge oft unauffällig, aber nicht weniger wirkungsvoll im Stillen geschehen.  

 

3. Mesner: Vorbild der Gläubigen

Die uns vertraute Bezeichnung „Mesner“ für diesen kirchlichen Dienst kommt vom lateinischen „mansionarius“. Darin steckt das Wort „mansio“, Wohnung. Der Mesner soll nach Möglichkeit nicht nur bei seiner Kirche wohnen, er soll in seiner Kirche zu Hause sein. Daher sind die Mesner mit Leib und Seele Männer und Frauen der Kirche. Das „sentire cum ecclesia“ ist der Pulsschlag ihres Tuns. Denn das Gotteshaus aus Stein, in dem der Mesner dient, ist nur Sinnbild für etwas viel Größeres, für die Kirche aus lebendigen Steinen. Was Petrus in seinem Brief allen Gläubigen zuruft, das gilt insbesondere vom Mesner: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen“ (1 Petr 2,5).

Dass Sie, liebe Mesnerinnen und Mesner, in und mit der Kirche leben, stellen Sie schon dadurch unter Beweis, dass Sie bereit sind zu diesem Dienst. Viele von Ihnen erfüllen ihre Aufgaben mit geringer Stundenzahl, zusätzliche Arbeiten laufen oft auf ehrenamtlicher Basis. Danke, dass die meisten von Ihnen die Stunden nicht zählen, die Sie im und um das Gotteshaus herum verbringen. In unserer Zeit brauchen die Gemeinden Sie dringender denn je. Denn der Mangel an Priestern macht neben anderen Diensten der Kirche gerade den Mesner oder die Mesnerin umso notwendiger. Das Seelsorgekonzept unserer Diözese, die Pfarreiengemeinschaft als Seelsorgeeinheit, bringt es mit sich, dass die Priester immer mehr gedehnt und gestreckt werden. Oft müssen sie am Ende des Gottesdienstes gleich wieder ins Auto steigen, um zur nächsten Messe ins Nachbardorf zu kommen. Wie gut, dass es die Mesnerinnen und Mesner gibt! Als Ansprechpersonen für organisatorische Fragen ebenso wie für Trauernde, die ihren Kummer und ihre Not wenigstens fürs erste loswerden wollen. Viele von Ihnen leiten und begleiten die Jungen und Mädchen, die als Ministranten ihren Dienst tun. Bei manchen von Ihnen laufen auch die Fäden zusammen, wenn kurzfristig Absprachen getroffen und Sitzungen einberufen werden müssen. Dann möchte ich die Dienste der Vermittlung nicht vergessen, die Sie mitunter leisten, um manches traurige oder enttäuschte, abständige oder verlorene Schäflein wieder mit dem Hirten der Gemeinde, dem Pfarrer, in Verbindung zu bringen. Und schließlich sind nicht wenige von Ihnen bereit, Gottesdienste wie das Rosenkranzgebet und Andachtsfeiern zu übernehmen. Alle diese Dienste sind mit Geld nicht zu bezahlen. Und deshalb ist der Mesner gerade heute für die Kirche unbezahlbar.

 

4. Wertschätzung und Zeugnis

Die selbstverständlichen Dienste werden leider oft übersehen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Kaplan und Pfarrer. Die Jahre in der Seelsorge haben mich sensibel dafür gemacht, dass Dank und Wertschätzung wesentlich zur Seelsorge gehören. Die Mesner von heute brauchen die Priester nicht nur als geistliche Beiräte, sondern auch als geistliche Beistände, die sie stützen in einer Aufgabe, die – ob als Beruf oder im Ehrenamt - nach außen nicht nach Karriere klingt, aber ungemein kostbar und wertvoll ist als Dienst am Heiligtum.

Lassen Sie mich schließen mit einem Zeugnis, das ein junger Mesner aus unserer Diözese in der Zeitschrift „Wegbereiter“ abgelegt hat. Der Mann, der zunächst Großhandelskaufmann war und diesen Beruf an den Nagel hing, um Mesner zu werden, erklärt seine Entscheidung so: „Ich hatte immer schon Freude an diesem Dienst. Der Beruf ist vielfältig, er hat mit Menschen zu tun, ich gehe gern mit Blumen um, ich liebe die Stille in der Kirche am Morgen. Auch die freie Arbeitseinteilung schätze ich. (...) Doch der Dienst an Sonn- und Feiertagen braucht ein bewusstes Ja, hinter dem auch die Familie stehen muss“ (Nr. 2/2001, S.8).

Doch gleichzeitig meine ich, liebe Mesnerinnen und Mesner, kann eine Familie aus Ihrem Dienst am Heiligtum selbst wieder auftanken. So war es jedenfalls beim Mesner Franz Jägerstätter, dessen Seligsprechungsverfahren läuft, und seiner Frau Franziska. Wir wissen, dass sie beide regelmäßig gemein-sam die Bibel gelesen und miteinander im Gebet ihre Sorgen und Nöte, aber auch ihre Freuden und Hoffnungen vor Gott getragen haben. Einmal sagte Franz zu seiner Frau: „Ich habe mir nicht vorstellen können, dass verheiratet sein so schön sein kann“. Franziska fügt den Grund hinzu: „Wir haben eins dem anderen weiter geholfen im Glauben“. Einander weiterhelfen im Glauben: das wünsche ich Ihnen, liebe Mesnerinnen und Mesner unserer Diözese, die Sie in Treue und Umsicht unsere geistlichen Tankstellen pflegen. Möge Sie der Herr in seinem Haus immer wieder auftanken lassen, damit Sie ausstrahlen besonders auf die Ministranten und Jugendlichen, denen Sie in Ihrem Arbeitsbereich begegnen. Sie sollen spüren, dass der Beruf für Sie eine Berufung ist. Die Freude am Herrn sei Ihre Kraft!