Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Diakonenweihe am 1. Mai 2021 in St. Ulrich und Afra

Messianische Gymnastik: Diakone als Wasserträger und Geheimnisträger

01.05.2021 11:53

Unser Bistum Augsburg ist nicht nur eine Ortskirche mit schwäbisch-bayerisch-fränkischen Teilen. In der ganzen Welt sind wir vernetzt. So unterstützen wir gegenwärtig auch ein großes Projekt in der Ukraine, in der wunderschönen Stadt Lemberg (dem heutigen Lviv). Den derzeitigen Erzbischof Msgr. Mietek darf ich seit meiner Zeit in Rom zu meinen Freunden zählen: Wir haben gemeinsam für Papst Johannes Paul II. in dessen Sekretariat gearbeitet.

Lemberg, diese Stadt, die heute bei uns im Westen kaum bekannt ist, hat eine reiche und stolze Geschichte. Über viele Jahrhunderte war sie ein geistiges und kulturelles Zentrum: Hauptstadt von Ostgalizien, einer Gegend, die lange Zeit zu Österreich-Ungarn gehörte. Lemberg war auch Heimat für eine große jüdische Bevölkerung. Viele Dörfer in der Umgebung waren von jüdischen Familien besiedelt. „Schtetl“ nannten sie ihre Dörfer. Manche Persönlichkeit, die später berühmt wurde, ist in einem Schtetl geboren und aufgewachsen. Einer von ihnen war der Schriftsteller Manès Sperber. Er hat sein Leben aufgeschrieben mit dem Titel: Die Wasserträger Gottes (Wien [Europaverlag] 1974).

Darin erzählt er von armen Leuten, die sich in Ostgalizien ihren Unterhalt damit verdienten, für die Reichen Wasser am Brunnen zu schöpfen und es ihnen ins Haus zu tragen. Und Sperber schildert, wie die armen Leute das Kommen des Messias herbeisehnten. Diese lebendige Messiaserwartung ging so weit, dass sein Großvater manchmal während des Essens aufsprang und auf einen Hügel in der Nähe rannte, um nach dem Messias Ausschau zu halten. Auch den Kindern war bewusst, dass der Messias jeden Moment auf die Erde kommen könnte. Und sie bekamen mit, dass – wenn der Messias kommt – nicht alles beim Alten bleibt, dass er die Zustände im wahrsten Sinn des Wortes auf den Kopf stellen wird.

Was wir Erwachsene manchmal in Sprache bringen, verstehen Kinder oft wörtlich. So erinnert sich Manès Sperber an folgende humorvolle Begebenheit: Sein Freund Berele hat ihm erzählt, dass der Messias alles auf den Kopf stellen werde. Darum müssten sie jetzt schon anfangen zu üben, den Kopfstand zu machen, um am Tag X fähig zu sein, die Welt aus der umgekehrten Perspektive anzuschauen. Der Schriftsteller berichtet, sie hätten als Kinder gewissermaßen „messianische Gymnastik“ gemacht und schließt seine Kindheitserinnerungen so: „Unter der Anleitung (des Freundes) lernte ich auf den Händen gehen, mit dem Kopf so lange nach unten, bis mir schwindlig wurde.“

Welch wunderschöne Übung! Auf den Händen stehen und die Perspektive wechseln. Die Sehnsucht nach dem Reich Gottes wachhalten und sich darin einüben, seine Spuren herauszulesen aus dem, was wir erleben, was uns begegnet in Kirche und Welt. „Gott in allen Dingen suchen und finden“, rät die ignatianische Spiritualität. Ich stelle mir diese Kinder bei Lemberg vor, wie sie hin und her schwanken bei dieser Anstrengung, sich gerade zu halten bei dieser Übung, wie ihre Füße in den Himmel ragen. Verkehrte Welt! Wer trägt hier wen? Trägt die Erde die Kinder oder tragen sie den Himmel mit ihren Füßen? Eines steht fest: Die jungen Leute erwarten etwas, das fröhlich machend ganz anders ist und neue Maßstäbe setzt. Etwas, das oben und unten vertauscht. Etwas, das sie zu Experten macht, zu denen, die vorbereitet sind, damit sie das Neue / den Neuen erkennen, wenn es / er kommt. So erwarten sie den Messias, der im Kommen ist. Er stellt Welt und Kirche auf den Kopf: capovolgimento – nennen es die Italiener, einen Kopfstand im wahrsten Sinn des Wortes.

Die Diakonenweihe ist ein solcher Kopfstand, messianische Gymnastik. Keine Angst: Sie brauchen keinen Kopfstand machen. Das wäre zu riskant, vielleicht sogar lächerlich. Stattdessen werden Sie sich auf den Boden legen. Dieser Ritus kommt in der Liturgie nur selten vor. Er spricht für sich: Liebe Kandidaten, wenn Sie sich auf den Boden legen, zeigen Sie die Haltung, die einem Diakon ansteht. Er soll auf dem Teppich bleiben. Verlieren Sie nie die Bodenhaftung! Heben Sie (sich) nicht ab! Sie werden heute nicht „hinaufgeweiht“, sondern „nach unten“ befördert – nach dem Motto Jesu, des ersten Diakons: „Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.“ (Mt 9,27)

Genau da setzt die messianische Gymnastik an. Üben Sie sich darin ein, was Diakonat bedeutet. Das Evangelium von der Hochzeit zu Kana, das erste Zeichen des Messias im Johannesevangelium, gibt uns dabei Hilfestellung; so darf ich nicht nur Weihebischof, sondern für Sie auch Übungsleiter sein. Als ich diese Predigt vorbereitete, habe ich den griechischen Text des Evangeliums befragt. Und siehe da: Dreimal begegnet das Wort „diakonos“, Diener. Als Warming-up eignet sich gut Vers 5, Marias guter Rat: „Seine Mutter sagte zu den Dienern (diakonoi): Was er euch sagt, das tut!“ Ein marianischer Diakon ist also ganz auf Jesus ausgerichtet. Er hört auf den guten Rat der Gottesmutter, die ihn einweist und – wenn es sein muss – zurechtweist für den Dienst ihres Sohnes, des Herrn.   

Daraus ergibt sich die erste Übung mit Vers 7: „Jesus sagte zu den Dienern (diakonoi): Füllt die Krüge mit Wasser!“ Wie die Diener auf der Hochzeit, so sind Diakone zunächst Wasserträger. Was ist ein Wasserträger? Im Lexikon steht dazu: „Als Wasserträger wird eine Person bezeichnet, die anderen notwendige Routinearbeiten abnimmt, sie damit entlastet und womöglich entscheidend zu deren Erfolg beiträgt.“ (Quelle: Wikipedia) So gesehen, ist Wasserträger ein Dienstleistungsberuf. Der Wasserträger übernimmt notwendige, aber oft unauffällige Aufgaben im Hintergrund, um jenen zuzuarbeiten, die dann ins Rampenlicht des Erfolges rücken. Solche Wasserträger kennen wir aus der Welt des Sports, etwa bei der Tour de France, im Show-Business oder auch in der Welt der Politik und Wissenschaft, wo sie auch Assistenten genannt werden.

Der Diakon ist also Zuarbeiter, Helfer, Diener. Die Wasserträger Jesu bekamen den Auftrag, die Krüge mit Wasser zu füllen. Sie hatten es mit sechs Hundertliterkrügen zu tun: nicht wenig im Blick darauf, dass man das Wasser mühevoll vom Dorfbrunnen heranschaffen musste. Wenn man zudem bedenkt, wie Wasserträger arbeiteten, war der Beruf alles andere als leicht: Sie mussten ein Joch schleppen – einen Tragebalken, bei dem auf jeder Seite ein Eimer hing. Wir können auch an das Geschirr für Zugtiere denken, die zu zweit vor einen Wagen oder einen Pflug gespannt sind. Wasser tragen heißt also: ein Joch auf sich nehmen, im übertragenen Sinn sich einspannen lassen vom Karren Jesu Christi, Seiner Kirche, der Diözese Augsburg, einer konkreten Gemeinde. Ich erinnere an Paulus, der an die Galater schrieb: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wer sich einbildet, etwas zu sein, obwohl er nichts ist, betrügt sich selbst. Jeder prüfe sein eigenes Werk. Dann wird er sich nur im Blick auf sich selbst rühmen können, nicht aber im Vergleich mit anderen. Denn jeder wird seine eigene Bürde zu tragen haben.“ (Gal 6,2-5)

Zugleich kommt mir ein Wort Jesu in den Sinn, das die Schriftgelehrten und die Pharisäer betrifft. Tendenzen dazu gibt es auch bei uns: „Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht. Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen.“ (Mt 23,3f.) Ihr Dienst, liebe Diaconandi, soll Lasten lindern, er soll den Menschen nicht noch mehr aufbürden, sondern sie entlasten, ihnen eine Ahnung geben von dem, was Jesus verspricht: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig. (…) Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11, 29f.) Das führt uns mitten hinein in die Weiheliturgie: Die Stola, die Ihnen umgelegt wird, soll Sie – und mit Ihnen Priester und Bischöfe – an das Joch Christi erinnern.

Noch etwas ist bedenkenswert, wenn wir im Diakon einen Wasserträger sehen. Der Wasserträger ist kein Weinverkoster, kein Sommelier, kein Feinschmecker. Er hat es mit Wasser zu tun: Er selbst kocht auch nur mit Wasser. Seine Vorsätze sind oft wässrig, sein Tun mittelmäßig. Wer den Wein der Freude kosten will, muss sich zunächst im Alltag bewähren, indem er täglich Wasser trägt und es dem Herrn anbietet. Hätte Jesus keine Wasserträger gehabt, wäre wohl das Wunder in Kana entweder ausgefallen oder es hätte sich ganz anders ereignet.

Die zweite Übung setzt bei Vers 9 an: Der Speisemeister „kostete das Wasser, das zu Wein geworden war, wusste aber nicht, woher der Wein kam. Die Diener (diakonoi) aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es.“ Die Diener sind also auch Geheimnisträger. Keiner kann sich erklären, wie auf einmal Wasser in Wein gewandelt war. Nur die Diener, die das Wasser herbeischafften, konnten es sich denken. Sie erkannten, dass es der HERR war, der dieses Wunder wirkte.

Der Diakon ist eingeweiht in das „mysterium fidei“, das Geheimnis des Glaubens. Von nun an werden Sie, liebe Kandidaten, nach der Wandlung auf Brot und Wein deuten und sprechen: Geheimnis des Glaubens. Sie bitten um die Antwort der Gemeinde: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Die zweite messianische Übung trifft ins Mark unserer Berufung: Die liturgische Formel allein reicht nicht; ich persönlich bin angefragt: Wer ist Jesus für mich? Beginnt mit dem Diakonat eher ein Arbeitsverhältnis mit der Institution Kirche, die mir wegen des Personalmangels und eines auf Zölibat hin zugespitzten Auswahlverfahrens einen unbefristeten Job sichert – oder möchte ich allen Ernstes eine Lebensgemeinschaft eingehen mit Jesus, dem Messias, als meinem Freund und Lebensmeister? Daran wird sich entscheiden, ob Ihr weiterer Weg gelingt und Sinn macht. Bitte bleiben Sie Jesus auf der Spur! Als Diakone, Priester und Bischöfe sollten wir uns nicht nur als gut situierte Religionsdiener verstehen, sondern als geistliche Menschen, als Geheimnisträger. Hand aufs Herz: Habe ich ein persönliches „Geheimnis des Glaubens“ – nicht nur eine Formel, sondern ein Bekenntnis, für das ich brenne? Kann ich es anderen mitteilen? Strahle ich aus diesem Geheimnis? Ich wünsche es Ihnen. Das hat mit Beziehung zu tun: der Beziehung zu Jesus, aber auch den Beziehungen untereinander, zu den Mitbrüdern, zu Bischof und Papst.

Liebe Weihekandidaten! Dreimal begegnet uns das Wort „Diakon“ schon bei der Hochzeit zu Kana. Freilich steht da nicht die sakramentale Weihe im Fokus, sondern die Grundeinstellung, die ein Diakon gerade heute braucht. Machen Sie messianische Gymnastik! Behalten Sie immer im Auge, dass der Messias Ihr Leben auf den Kopf stellen kann! Bleiben Sie deshalb geistlich fit!

Was das bedeutet, bringt Augustinus – sein Leben lang ein Suchender – auf den Punkt: „Auch wir waren einst Wasser. Er hat uns zu Wein gewandelt, er hat uns weise gemacht und zu Menschen, die den richtigen Geschmack haben. Vorher konnten wir nicht schmecken, jetzt aber schmecken wir den Glauben an ihn. Zu dieser Weisheit gehört es, dass wir mit Ehrfurcht vor Gott, mit dem Lobpreis seiner Herrlichkeit und mit Liebe zu seiner allmächtigen Barmherzigkeit verstehen, was sich in diesem Wunder vollzogen hat.“ (vgl. Sermo 126,4)

Lassen Sie sich jetzt ein auf die messianische Gymnastik! Sie legen sich auf den Boden, gehen von der Vertikalen in die Horizontale; dann werden sie eingehüllt in die Allerheiligenlitanei: Von der communio sanctorum, der Gemeinschaft der Heiligen, getragen, werden Sie zu Diakonen geweiht: Sie sind Wasserträger und Geheimnisträger. Von dieser Gymnastik bekommen Sie keinen Muskelkater, aber vielleicht einen „Seelenkater“. Der besteht darin, Kirche und Welt dauerhaft aus einer anderen Perspektive zu sehen: nicht mehr von oben, sondern von unten – nicht als „Herren“, sondern aus der Warte derer, die am Boden liegen. Als Diakone sollen Sie ihnen beim Aufstehen helfen. So wird mit der Weihe Ihr Leben selbst auf den Kopf gestellt: weniger Ich und immer mehr Christus. Amen.