Begrüßungsansprache von Bischof Dr. Bertram Meier zur Verleihung des Europäischen St.-Ulrichs-Preises in Berlin am 23. Juni 2021

Minister Gerd Müller: „Ein Faktor in der Einen Welt“

24.06.2021 10:33

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen zur 13. Verleihung des Europäischen St.-Ulrichs-Preises. Die Stiftung, die den Preis seit 1993 auslobt, wurde von der Stadt und vom Landkreis Dillingen ins Leben gerufen. Geehrt werden Persönlichkeiten und Gemeinschaften, die sich Verdienste um die Einheit Europas im christlichen Geist erworben haben. Dieses Anliegen ist heute – angesichts des Erstarkens neuer Nationalismen – aktueller denn je.

Wer diesmal den Preis bekommt, ist kein Geheimnis: Bundesminister Dr. Gerd Müller, ein „alter Hase“ in der Politik und ein kompetenter Fachmann für Felder, die weit über Schwaben und Bayern hinausgreifen über Europa auf den ganzen Globus.

Was verbindet Minister Müller mit Papst Johannes Paul II.? Beide sind große Reisende: Während der Papst auf 104 Auslandsreisen insgesamt 124 Länder besuchte, kann Minister Müller eine etwas kleinere und doch stolze Bilanz aufweisen: „Ich war in 44 afrikanischen Ländern, in Lateinamerika und Asien.“ Schön, dass Sie heute hier in Berlin der Stadt und dem Landkreis Dillingen sowie Ihrem Heimatbistum Augsburg die Ehre geben und den St.-Ulrichs-Preis persönlich entgegennehmen.

Als Laudator heiße ich den Präsidenten des Deutschen Bundestages Herrn Dr.  Wolfgang Schäuble willkommen, der - selbst mit dem Europäischen St.-Ulrichs-Preis ausgestattet - zugesagt hat, unseren Preisträger zu würdigen. Mit ihm begrüße ich den Vorsitzenden der Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europaparlament Herrn Manfred Weber sowie den Europaabgeordneten Herrn Markus Ferber, einen Europäer aus Überzeugung, was ich am Tag der Deutschen Einheit 2020 in Ottobeuren erlebte.

Ebenso freue ich mich über die Anwesenheit sowohl des Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Herrn Alexander Dobrindt, als auch des Herrn Abgeordneten Ulrich Lange, Mitglied des Deutschen Bundestages. Auch Landrat Stefan Rößle ist nach Berlin gereist, um an der Feier teilzunehmen.

Herrn Landrat Leo Schrell, der die Begründung zur Preisverleihung geben wird, grüße ich stellvertretend für die Europäische St.-Ulrichs-Stiftung. Ebenso freue ich über das Kommen von Medienvertretern, die dafür Sorge tragen, dass dieses Ereignis in kleiner Runde weite Kreise ziehen kann. 

Damit meine Liste nicht zur Allerheiligenlitanei wird, bitte ich Sie, liebe Gäste, sich nun alle eingeschlossen zu fühlen: Herzlich willkommen zu diesem denkwürdigen Fest - noch immer unter dem Vorzeichen von Corona!

Der Europäische St.-Ulrichs-Preis ist eine Institution, die selbst eine Friedensgeschichte hat. Mit jedem ausgezeichneten Preisträger wird die Geschichte vom Frieden in Europa weitererzählt und die Reichweite des Friedens auf der Landkarte des Globalen vermessen. Das zeigt unser Preisträger auf besondere Weise. Seine Persönlichkeit zieht uns gleichsam in das aktuelle Weltgeschehen hinein. Dillingen atmet den Hauch des Globalen ein und weitet den Horizont über das schwäbische Rom hinaus in die Welt. Der Preisträger und sein unermüdliches Engagement – zunächst für Europa und nun viele Jahre als Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – zeigen uns die universalen Dimensionen vieler Probleme auf, die wir oft mit schwäbischer Schrebergartenmentalität angehen wollen und dabei nicht merken, dass sie größere Tragweite haben. Der Kampf um Gerechtigkeit und Frieden, um die Würde von Kindern und Frauen ist kein isolierter Einsatz, sondern muss verstanden werden als Aufgabe für andere Kontinente, in neuen sozialen und politischen Kontexten. Es geht um eine neue Zivilisation, eine „Gesellschaft der Genügsamkeit“ (P. Pedro Arrupe SJ).

Das macht den europäischen St.-Ulrichs-Preis so besonders, dass er die „Sorge um das Eine gemeinsame Haus“, die Papst Franziskus eindringlich anmahnt, kontinuierlich fortschreibt und auf diese Weise Menschen hervorhebt, bei denen drei Dimensionen plötzlich nicht mehr isoliert erscheinen, sondern miteinander verzahnt sind:

- das Engagement des Preisträgers, der unermüdlich für das Wohl der „Menschen an der Peripherie“ wirbt, d.h. die Option für die Armen;

- das Zeugnis einer Persönlichkeit, die Politik nicht nur als Technik oder Karriere sieht, sondern sich auf diesem Feld einbringt als Humanist und Christ;

- und wir, die wir bei diesem kleinen Festakt Publikum sind, aber dabei nicht Auditorium bleiben, sondern Teil einer Bewegung werden sollen, die sich für Würde und Menschlichkeit einsetzt – mit einem Wort: für die Kultur eines gerechten Friedens.

Unsere Preisverleihung ist also mehr als eine Zeremonie, der wir passiv beiwohnen. Nicht Honoratioren sind gefragt, sondern Aktivisten. Diesen Imperativ haben Sie, lieber Herr Bundesminister, in einem Interview für die Augsburger Allgemeine am 5. Oktober 2020 (S. 10) treffend auf den Punkt gebracht. Im Blick auf Corona als globales Problem stellten Sie fest: „Deutschland hat als einziges Land ein Zeichen der Solidarität gesetzt und ein Corona-Sofortprogramm mit drei Milliarden Euro umgesetzt. Andere müssen folgen, insbesondere Brüssel. Aber die EU verdrängt die humanitären Katastrophen, die sich direkt vor unserer Haustür aufbauen. Wir besiegen die Pandemie weltweit oder gar nicht. Es ist fatal, dass die EU die Mittel für Entwicklung im Haushalt kürzt. Diese Entscheidung muss zurückgenommen werden. Die Folgen wären sonst dramatisch: Hunger, Armut und Not. Die EU muss sich viel stärker in unserer Nachbarschaft engagieren. Ich denke an die zehn Millionen Flüchtlinge im Krisenbogen um Syrien, im Libanon. Mit deutscher Hilfe können dort derzeit Millionen Menschen überleben. Wenn man bedenkt, dass vor Ort mit 50 Cent am Tag das Überleben gesichert wird, ist es schäbig, dass UN-Hilfsorganisationen derzeit fünf Milliarden fehlen.“

 

Lieber Herr Minister, Danke für diese klaren Worte, denen Sie – Ihren Möglichkeiten entsprechend – Taten folgen lassen. Deshalb sind Sie ein würdiger Preisträger, auf den wir alle stolz sind: einen Schwaben, der in der Einen Welt ein Faktor ist.

Sie strahlen eine große Liebe für die Schöpfung aus.

Sie leben aus einem intensiven Glauben an den Menschen – an seine Möglichkeiten, der Welt ein humanes Gesicht zu geben.

Und Sie tun das aus einem tiefen Gottvertrauen, das Ihnen den Rücken stärkt.

Sie sind ein Aushängeschild für den Europäischen St. Ulrichs-Preis.

Das möchte ich als schwäbisch-bayerischer Bischof hier in Berlin an die große Glocke hängen!