Predigt des Bischofs zur Frauenwallfahrt in der Ulrichswoche am 7. Juli 2021

„Mit Gott sind wir nie vor Überraschungen sicher …“

07.07.2021 10:13

„Mit dem Herzen eines Vaters“ habe ich diese Ulrichswoche überschrieben und dabei Bezug genommen auf den Brief, mit dem Papst Franziskus im Dezember ein Josefsjahr ausrief. „Patris corde“, mit dem Herzen eines Vaters begleitete der hl. Josef nach den Evangelien das Leben seines Ziehsohnes Jesus. Dessen geheimnisvolle, göttlich gewirkte Empfängnis und Geburt in Bethlehem war für diesen einfachen Zimmermann aus Nazareth eine richtig schwere Nuss, eine extreme Belastungsprobe für seinen Glauben, ja sein ganzes Weltverständnis.

Alle seine Ideen zur Familienplanung wurden mit einem Mal in Frage gestellt, als Josef erkannte, dass seine Braut schwanger war. Aber statt außer Rand und Band zu geraten, statt sich beleidigt zurückzuziehen oder gar Maria öffentlich anzuprangern, ging Josef in sich: Er war gerecht, heißt es im Evangelium. Er überlegte, bevor er handelte - und bezog Gott in seine Überlegungen mit ein.

Mir scheint, das ist heute selten geworden und gerade deshalb lohnt es sich, diese Haltung eines Mannes, eines Familien- und Adoptivvaters einmal näher anzuschauen – auch und gerade im Rahmen der traditionellen Frauenwallfahrt innerhalb der Ulrichswoche.

Josef vertraute wie sein alttestamentliches Vorbild, der ägyptische Josef, den Träumen und Visionen, in denen Gott zu ihm sprach. Wie offen und sensibel muss ein Mensch sein, dass er solchen nächtlichen Gesichtern überhaupt Bedeutung für sein Leben beimisst und das Wagnis eingeht, ihnen zu folgen! Insgesamt sind es vier Träume, von denen das Evangelium berichtet – und in ihrer Befolgung erschöpft sich beinahe schon alles, was wir über Josef erfahren. Er ist ein Vater, der nur in der Kindheitsgeschichte seines Sohnes als Handelnder auftritt, dann – so haben wir es in den Kyrierufen vorhin gehört – hat er sich zurückgezogen und seinen Sohn in die Freiheit entlassen.

Ein idealer Vater – ja, das wäre Josef auch heute noch: Ein Mann, der Verantwortung übernimmt für Frau und Kind, wenn Sie es am nötigsten haben. Der sich mit seiner Hände Arbeit für ihren Unterhalt einsetzt, zuverlässig und ohne viel von sich reden zu machen. Ein Vater, wie wir ihn uns alle wünschen und wie ihn einige von uns auch tatsächlich erleben durften!

Was kann uns das Vorbild des hl Josef, was kann uns der hl. Ulrich, Bischof und Hirte seiner von Armut und Verfolgung bedrängten Herde, heute für unser Leben mitgeben?

Drei Aspekte, die die beiden verbinden, möchte ich ganz kurz beleuchten
•    Josef und Ulrich waren sich bewusst, dass sie ein Glied in der Kette von Generationen sind: Sie nahmen den Platz in der Welt ein, auf den sie gestellt waren, weil sie darauf vertrauten, dass dort ihr ganz persönlicher Auftrag auf sie wartet. Sie beuteten die Erde und die Menschen nicht aus, sie suchten nicht ihren eigenen Vorteil, sondern setzten sich tatkräftig dafür ein, dass Leben wachsen und gedeihen konnte.
•    Josef nahm Maria zu sich und wurde zum Hüter einer Familie in einer Zeit von Gewalt und Unrecht. Er kannte Angst und Not. Er wusste, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land sein Dasein zu fristen. Er lehrte seinen Sohn Ehrfurcht vor Gott und den Menschen, ohne Unterschied der Person, wie es die Lesung im Galaterbrief für die ersten Christen beschrieb. Ulrich, der als Säugling die Muttermilch nicht vertrug, hatte vielleicht gerade deswegen eine sehr innige Beziehung zu seinen Eltern. Neben seiner Mutter und der hl. Afra, in deren Nähe er begraben werden wollte, war es vor allem die Reklusin Wiborada, deren Rat und Gebet er seine erste Lebensentscheidung anvertraute.
•    Josef und Ulrich waren Männer nach dem Herzen Gottes: aufrecht im Glauben und aufrichtig im Reden und Handeln. Von Ulrich wissen wir, dass er seit den Studienjahren im Kloster St. Gallen einen weitverzweigten Freundeskreis hatte. In einer Zeit von Sarazenen- und Hunneneinfällen vertraute er einem Netz von frommen Männern und Frauen, von verantwortungsvollen Adeligen und tapferen Bauern. Er stiftete Frieden und lud die Ärmsten der Armen an seinen Tisch.

„Ihr seid meine Freunde“, ihr seid meine Freundinnen, spricht Jesus, „wenn ihr tut, was ich Euch auftrage“ (Joh 14,15). Sein Auftrag aber ist die Liebe, nicht die sentimentale, sondern die tatkräftige, einfühlsame Liebe auf Augenhöhe – jene Liebe, die einer Freundschaft, einer Ehe Dauer verleiht, weil sie das Wohl des anderen im Auge hat, ohne sich selbst dabei aufzugeben! Und vor allem sollten wir beachten: Mit Gott sind wir vor Überraschungen nie sicher!