Mit Kraft, Liebe und Besonnenheit der Zukunft entgegen
Lieber Herr Prälat Dr. Peter Klasvogt, liebe Kollegiaten und Altcamposantiner, liebe Mitglieder der Erzbruderschaft, liebe Schwestern und Brüder! „Schon zu uralten Zeiten wurde neben der Petersbasilika ein Ort erwählt und zur Hilfe der Armen und zur Aufnahme von Pilgern bestimmt. Dort pflegten die Deutschen zusammenzukommen und dort wurde die Bruderschaft zur Schmerzhaften Mutter Gottes gegründet. Dort wurde auch das Deutsche Kolleg errichtet, das im Lauf der Jahre sich sehr hervorgetan und viel zur angemessenen Ausbildung der Alumnen beigetragen hat. Dieses Kolleg wollen wir auszeichnen und fördern (…)“1.
Sie alle kennen vermutlich diese Worte des verstorbenen Papstes Benedikt XVI. in der Urkunde vom 18. Februar 2010, in der er dieses Haus beim Campo Santo, dem er zeitlebens verbunden war, zum Päpstlichen Kolleg erhob. Sein Wunsch war damals, dass „dieser Ort immer mehr blühen und möglichst vielen Menschen helfen möge, Kultur und menschliche Bildung wie auch christliches Glaubensgut zu erwerben“2.
Heute, sechzehn Jahre später, feiern wir das 150-jährige Jubiläum jener Einrichtung, welche die Herausgeber des neu erschienenen Sammelbands zum „Deutschen Kolleg im Vatikan“ zu Recht als „deutschsprachige Institution europäischer Größe mit wahrhaft katholischer Ausstrahlung in der Universalkirche“3 bezeichnen. Es lohnt sich, in diesem Werk zu blättern, weil man viel erfahren kann über diesen „Ort kirchlicher Leidenschaft und Debatte“. Wir lesen von Rektoren und Förderern, Historikern und Archäologen, Theologen und Seelsorgern, aber auch Grenzgängern, die im Ganzen ein Bild entstehen lassen, mit sehr viel Licht, aber auch manchem Schatten. Umso mehr kann dieses Jubiläum ein Kairos sein, neu in sich zu gehen und in Würdigung der Geschichte dieses traditionsreichen Hauses zu überlegen, worauf es ankommt, um dem Wunsch von Papst Benedikt möglichst gerecht zu werden.
Dieser hätte vielleicht erst einmal auf die Heilige Schrift als eine der Quellen unseres Glaubens verwiesen. „Nur wenn wir von den Wurzeln leben, können auch die Bäume wachsen und Frucht tragen“4, sagte er bei seinem Besuch am 24. Mai 2005, einen Monat nach seiner Wahl zum Papst. Und so möchte auch ich mit Ihnen die bewusst ausgewählten Schriftlesungen vom Messformular „Zum Heiligen Geist“ etwas genauer betrachten. Ein Satz fiel mir dabei besonders ins Auge, da er vor allem für uns Priester eine entscheidende Aussage beinhaltet. Es ist der Vers 7 im zweiten Timotheus-Brief, Kapitel 1, wo es heißt: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7). Drei große Worte, zu denen man jeweils eine eigene Sabbatine veranstalten könnte: Kraft, Liebe, und Besonnenheit. Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen jeweils einen kurzen Gedanken dazu anbiete, weil ich davon überzeugt bin, dass diese biblische Zusage uns nicht nur eine trostreiche Verheißung, sondern auch ein Auftrag ist, der dieses Kolleg – im Sinne des Herrn – in eine gute Zukunft führen kann.
1. Geist der Kraft
Beginnen wir mit dem „Geist der Kraft“ – nach christlichem Verständnis eine Gabe des Heiligen Geistes, mit dessen Hilfe Menschen neu aufbrechen, Furcht überwinden und mutig für den Glauben eintreten können. Blickt man auf die vergangenen 150 Jahre des Priesterkollegs, so gab es einige Momente, in denen dieser Geist mehr als notwendig war. Das begann schon bei der Gründung durch Rektor Anton de Waal im Jahr 1876, wo viel Aufbau- und Überzeugungskraft nötig war, um das Haus gegen politische Widerstände und den italienischen Kulturkampf – zur Ehre Gottes – zu einem Zentrum der Wissenschaft und Forschung zu formen. Später wurde es in den Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs noch viel bedrohlicher, weswegen die Taten des irischen Monsignore Hugh O’Flaherty gar nicht oft genug gewürdigt werden können; 1943/44 hat er Tausenden Verfolgten die lebensrettende Flucht ermöglicht. Aber auch nach dem Kriegsende, als zahlreiche Bewohner und Forscher wie der bedeutende Kanonist Stephan Kuttner5 im Exil waren, brauchte es Kraft, um die wissenschaftliche Arbeit und das Überleben des Kollegs zu sichern. Es ist demnach so, wie wir es in der Heiligen Schrift an vielen Stellen lesen: Wahres Christsein kann mitunter auch bedeuten, für das Evangelium zu leiden (vgl. 2 Tim 1,8). Gerade in diesen kritischen Phasen heißt es dann Durchhalten und an den Geboten des Herrn festhalten, wozu uns Jesus im Evangelium aufruft (vgl. Joh 15,9 f.), nicht ohne gleichzeitig zu versprechen, dass Gott uns zu Hilfe kommt und wir seines Beistandes sicher sein dürfen. Für mich liegt darin ein großer Trost, denn selbst wenn die Umstände momentan zumindest weniger gefährlich erscheinen, gibt es auch in unserer Zeit Herausforderungen und unheilvolle Entwicklungen, die uns verunsichern und ängstigen können.
Lassen wir uns im Vertrauen auf die biblische Botschaft nicht von der weit verbreiteten Untergangsstimmung anstecken! Politische und gesellschaftliche Probleme gab es schon immer, und es ist sehr ermutigend zu lesen, wie der Prophet Jesaja bereits einige Jahrhunderte vor Christus in die Depression seiner Zeit verkündete, dass der Geist des Herrn eine Frohe Botschaft verheißt, die den Menschen – besonders den Armen und Betrübten – Heil und Hoffnung bringt (vgl. Jes 61,1–2a). DAS ist unsere Berufung als Priester oder auch als Bischöfe, dem frohmachenden Wort Gottes immer wieder neue Wege zu bahnen, damit die Freude über Gottes Liebe zu seiner Schöpfung wachse und Menschen davor bewahrt werden, Unglückspropheten zu folgen, die davon leben, Menschen gegeneinander aufzuhetzen und sich selbst als „Retter des Volkes“ zu inszenieren. Dafür braucht es den „Geist der Kraft“, aber auch den Geist der Liebe, was mich zu meinem zweiten Gedanken führt.
2. Geist der Liebe
„Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9) Das bedeutet nicht nur Treue und Gehorsam, wie es in der Exegese üblicherweise dargelegt wird, sondern auch das Bemühen, die Welt mit Gottes Augen zu sehen. Etwas konkreter formuliert: Bemühen wir uns, allen Menschen mit Offenheit, Respekt und Warmherzigkeit zu begegnen – gerade dann, wenn es uns schwerfällt! Was nämlich nützt es, wenn wir christologisch fundiert und rhetorisch gewandt erklären können, dass Jesus die Liebe seines himmlischen Vaters auf der Erde repräsentiert hat, wenn wir gleichzeitig wenig oder gar keine Empathie zeigen. Ich bin überzeugt, dass die urchristlichen Gemeinden auch deshalb Menschen angezogen haben, weil diese hier etwas spüren konnten von jener Liebe, über die wir als Theologen so gerne reden. Für die Evangelisierung reicht es demnach nicht, gut ausgebildet zu sein. Rechtgläubigkeit braucht auch Glaubwürdigkeit! Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, dass dieses Kolleg vor seiner Gründung ein Hospiz und somit ein Ort für Menschen war, die nach Gastfreundschaft und Sicherheit suchten.
Gerade jene Gastfreundschaft war stets ein besonderes Kennzeichen dieses Hauses und soll es auch bleiben. Dienen wir Gott also dadurch, dass wir seinem Vorbild folgend andere nicht wie Knechte behandeln (vgl. Joh 15,15), denen wir oberlehrerhaft den Glauben erklären und im schlimmsten Fall sogar etwas anderes vorleben, sondern leben wir seine Liebe, indem wir ihnen wie Freunden begegnen, mit denen man nicht immer einer Meinung sein muss, die aber unsere grundsätzliche Wertschätzung und unser Wohlwollen wahrnehmen können. Dazu verhilft auch der Geist der Besonnenheit, dem mein letzter kurzer Gedanke gilt.
3. Geist der Besonnenheit
Besonnenheit, das kann man verstehen als die Fähigkeit, in stressigen oder schwierigen Situationen ruhig, überlegt und vernünftig zu handeln, anstatt impulsiv zu reagieren. Da wir hier aber an einem internationalen und sehr renommierten Hort der Wissenschaft und Forschung sind, möchte ich das Verständnis diesbezüglich zuspitzen. So kann wissenschaftliche Besonnenheit uns vor voreiligen Schlüssen, invaliden Thesen und in der Folge großen Irrtümern schützen. Männer wie Hubert Jedin oder Erwin Gatz haben uns als herausragende Gelehrte dieses Hauses gezeigt, welche Früchte ein scharfer Verstand in Kombination mit einer tiefen Gottverbundenheit hervorbringen kann. Ihre Namen bleiben untrennbar mit der Forschungsgeschichte des Priesterkollegs und dem dort ansässigen Römischen Institut der Görres-Gesellschaft verbunden. Sie können uns inspirieren und dabei helfen, wie wir es in der zweiten Lesung gehört haben, das „anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes (zu bewahren), der in uns wohnt“ (2 Tim1,14).
Liebe Schwestern und Brüder,
„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,7) Mögen wir uns stets daran erinnern, um mutig und voll Vertrauen der Zukunft entgegenzugehen. Das wünsche ich dem Priesterkolleg und uns allen, die wir im Namen des Herrn unterwegs sind.
Lesungen: Jes 61,1–2a.10–11; 2 Tim 1,6–8.13–14, Evangelium: Joh 15,9–17
1 Wortlaut von Papst Benedikt XVI. in der Urkunde zur Erhebung des Priesterkollegs zum Päpstlichen Kolleg vom 18. Februar 2010.
2 Ebd.
3 Bernstorff, Ignacio García Lascurain/Heid, Stephan (Hrsg.): Das deutsche Kolleg im Vatikan. Der Campo Santo Teutonico 1876-2026: Ort leidenschaftlicher Kirchlichkeit und Debatte. Römische Quartalschrift Supplementbände, Band 76 (Freiburg i. Br. 2026), 10.
4 Fischer, Hans-Peter (Hrsg.): Der Campo Santo Teutonico. Eine deutschsprachige Exklave im Vatikan (Regensburg 2016), 117.
5 Vgl. Schmugge, Ludwig: Der Kirchenrechtler Stephan Kuttner zwischen Deutschland und Rom bis zur Emigration in die USA (1930–1940), in: Matheus, Michael/Heid, Stefan (Hrsg.): Orte der Zuflucht und
personeller Netzwerke. Der Campo Santo Teutonico und der Vatikan 1933–1955. Römische Quartalschrift Supplementbände, Band 63 (Freiburg i. Br. 2015), 76–94.