Ein Wunschzettel des Bischofs an den Diözesanrat in Corona-Zeiten
Predigt / Impuls zur Eröffnung der Vollversammlung am 30. Oktober 2020

Miteinander fragen, denken und glauben

30.10.2020 17:51

Viele von uns leiden an Corona-Ermüdung. Auch von einem Lockdown der Seele ist die Rede. Die Einschränkungen, mit denen wir derzeit leben müssen, sind chronisch geworden. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Ich selber frage mich: Was machen diese Maßnahmen mit unserem Menschsein? Wie wirken sie sich auf unser Christsein aus? Persönlich sehe ich in Corona auch eine Lehrstunde, mehr noch: ein Lehrjahr – oder werden vielleicht noch viele Lehrjahre daraus? Eine Lehre, die uns Corona ziehen lässt, lautet: Die Gesellschaft wird nicht so bleiben, wie sie jetzt ist. Auf die Kirche übertragen bedeutet das: Die Kirche, wie sie jetzt ist, wird nicht so bleiben, wie sie ist. Deshalb möchte ich Ihnen ein paar Pisten aufzeigen, die es verdienen, sie zu betreten und auf ihnen weiterzudenken und zu handeln.

 

Erste Piste: Braucht das Volk Gottes geweihte Amtsträger?

Noch auf dem I. Vatikanischen Konzil 1870 stand in einem Entwurf über die Kirche, dass diese eine Gesellschaft von Ungleichen sei. Wäre es nach einer Vorbereitungsgruppe für das II. Vatikanische Konzil gegangen, dann hätte diese Sicht Bestätigung gefunden. Erst das Konzil selbst hat sich durch Vertiefung in den Geist der Heiligen Schrift zur Gleichheit und Würde aller Gläubigen bekannt. Aber hat sich dies schon bei allen herumgesprochen? Wie viele sind sich eigentlich ihrer Kirchenberufung bewusst?

Schade, dass noch immer zu wenig Frauen und Männer Zeugnis geben von ihrem Stolz, Christinnen und Christen zu sein. Dabei hätten wir allen Grund, Gott dafür zu danken, dass "Er uns durch seine Gnad‘ in seine Kirch' berufen hat", wie es ein Kirchenlied besingt. Viele Pfarrer hat sicher schon einmal die Frage bewegt, ob diejenigen, die sich in der Gemeinde engagieren, wirklich ein waches Taufbewusstsein haben. Oder sollte es etwa bei dem einen oder anderen nur um die Pflege des persönlichen Selbstbewusstseins gehen?!

Wer begriffen hat, dass Gott seine Hand auf ihn gelegt hat, kann sich nicht damit begnügen, gelegentlich nach Lust und Laune die Kirche zu "besuchen". Für den Getauften reicht es nicht, nur Kirchenbesucher zu sein: Die eigene Familie "besuchen" wir ja auch nicht nur. In der Familie sind wir mehr als nur Zaungäste. Wir leben in ihr, durch sie und mit ihr, was ein hohes Maß an Verbindlichkeit einschließt. Wie verbindlich leben wir in der Kirche, in der Gemeinde, die nicht umsonst auch "Pfarrfamilie" heißt? Scheint vielleicht deshalb die Kirche bei uns so kraftlos und manchmal depressiv, weil viele ihrer "Familienmitglieder" ihren unvertretbaren Platz darin noch nicht erkannt haben und nicht einnehmen? Was man als Wunsch für eine glückliche Ehe immer wieder hören kann, das sollte auch für unsere Bindung zur Kirche gelten: Sie soll halten "in guten und in bösen Tagen".

Ob wir Priester sind oder Laien, unsere gemeinsame Basis ist die Taufe. Von der Taufe beziehen auch wir Priester unsere Würde, von der Weihe unser Amt für den Dienst am Volk. So sollen Priester und Laien nicht Konkurrenten, sondern Partner sein. Ein sprechendes Zeichen für dieses Miteinander ist die gute Praxis der Kirche, dass wir Priester die heilige Messe normalerweise nicht allein feiern sollen. Wie die Eucharistie nicht ohne Priester gefeiert werden kann, soll sie vom Priester auch nicht ohne gläubiges Gottesvolk gleichsam "gelesen" werden. Kirche gibt es nur als gegliederte Einheit.

Wo jedoch Laien in priesterliche Rollen schlüpfen und umgekehrt Priester den Eindruck erwecken, sich den Laien angleichen zu sollen, besteht die Gefahr, dass die gegliederte Einheit in ein unterschiedsloses Einerlei verflacht. Partnerschaftliches Miteinander oder, wie man heute sagt, kooperative Pastoral ist von Verwischung oder Einebnung weit entfernt. Klerikalisierung der Laien und Laisierung des Klerus sind kein Weg, der in eine sinnvolle Zukunft weist.

Mehr denn je ist heute eine Berufungspastoral nötig, die eifrig und mutig, aber auch unaufdringlich und feinfühlig darum bemüht ist, jungen Menschen zu helfen, die Spur ihres Lebens zu suchen und zu finden. Das gilt nicht nur für Priester und Ordensleute, sondern auch für die Ehe.

Dass in Zeiten der Priesternot Laien den wenigen Geistlichen unter die Arme greifen und Arbeit abnehmen, ist gut. Doch darf es keine Entlastung am falschen Platz geben. Die Kanzeln und Altäre sind nicht der erste Ort der Laien. Die Laien sind vor allem dazu gerufen, das Projekt der Evangelisierung unter den Pflug zu nehmen. Es öffnet den Laien beiderlei Geschlechts einen Horizont, der sie in Bereiche führt, deren Zugang uns Amtsträgern oft verschlossen bleibt: Kultur, Kunst und Theater, die Welt der Arbeit und Wissenschaft, die Medien, Politik und Wirtschaft. Evangelisierung ist mehr als Katechese und Anbetung. Hier braucht es im Bistum noch viel Phantasie, Unternehmungsgeist und keine falsche Berührungsangst, um Jesus Christus auf diese Areopage zu tragen und dort seine Botschaft zu bezeugen. So sind das Apostolat der Laien und der Dienst der Hirten zwar unterschieden, aber auch aufeinander angewiesen. Beide vereint das gemeinsame Ziel, auf je eigene Weise dem Aufbau der Kirche zum Heil der Welt zu dienen. Dabei darf weder der engagierte Laie sich als "verhinderter" Priester verstehen noch sollte der Priester so tun, als sei er nur ein "beförderter" Laie.

Ein Politiker, der Deutschland über viele Jahre wesentlich mitgeprägt hat, äußerte in einer Wochenzeitung die Bitte: "Die wichtigste Schnittstelle zwischen der Kirche und der modernen Gesellschaft ist der Christ, der seinem Beruf nachgeht, weltliche Ämter bekleidet oder ein Ehrenamt ausfüllt. Die Kirchen können helfen, ihm [dem Christ] einen sicheren Lebensgrund zu geben. (...) Wo sie die Wirklichkeit noch mitprägen, dürfen die Kirchen deshalb nicht zurückweichen. Dazu muss die Kirche im doppelten Sinn im Dorf bleiben, das heißt präsent sein und sich einmischen. Dabei sollten sie sich auf Grundsätzliches beschränken und vor allem deutlich machen, aus welchem Horizont heraus sie sprechen. (...) Damit dienen sie der ganzen Gesellschaft."[1]

 

Zweite Piste: Wie feiern wir die Sonntagsgottesdienste?

Ich beginne mit einer Feststellung: Wir brauchen eine neue Seelsorgeinitiative. Vieles kann die Kirche delegieren, doch von der Seelsorge darf sie sich nicht dispensieren. Seelsorge geht alle an. Seelsorge ist Nächstenpflicht. Gerade jetzt zählt: Abstand halten und gleichzeitig Verbindlichkeit wahren, aktiv Bindungen schaffen. Die Menschen warten, dass wir bei ihnen sind und ihnen unsere Zeit schenken. Verschenkte Zeit ist verschenkte Liebe![2]

In Jesus Christus hat Gott sich selbst in die Zeit eingelassen. 33 Jahre lang hat er als Mensch gelebt – „in allem uns gleich, außer der Sünde“ (vgl. Hebr 4,15). Bis heute teilt Gott mit uns die Zeit. Vor allem, wenn wir sein Wort hören und die Eucharistie feiern, ist ER ganz da. Daraus ergibt sich eine Priorität: Die Evangelisierung geht der Sakramentalisierung voraus. Das Wort kommt vor dem Sakrament. Für mich ist ganz klar: Wir können die katholische Kirche nicht mit Mitteln und Methoden reformieren, die nicht katholisch sind. Die katholische Kirche „tickt“ sakramental; wir leben – wie unsere ostkirchlichen Schwestern und Brüder - aus der Eucharistie. Das steht für mich fest. Daher ist die zweite Priorität keineswegs ein Schritt zur Protestantisierung der katholischen Kirche. Im Gegenteil: Wort und Sakrament sind nicht als „aut – aut“ / entweder – oder zu sehen, sondern als „et – et“ zu verstehen: sowohl Wort als auch Sakrament, also ganz katholisch. So hat auch der hl. Pfarrer von Ars gedacht, den 2010 der damalige Papst Benedikt XVI. den Pfarrern zum Patron gegeben hat: „Unser Herr, der die Wahrheit selbst ist, schätzt sein Wort nicht geringer als seinen Leib. Ich weiß nicht, ob es schlechter ist, bei der hl. Messe unaufmerksam zu sein oder bei der Predigt. Ich sehe keinen Unterschied: Während der Messe verliert man die Verdienste des kostbaren Leidens und Sterbens unseres Herrn, während man bei der Predigt sein Wort, das er selber ist, verliert.“[3]

Wie viele wissen, habe ich als ersten Teil meines bischöflichen Wahlspruchs eine Formulierung des hl. Augustinus gewählt: vox Verbi, Stimme des Wortes. Was dabei auffällt: das Wort „Verbi“ ist groß geschrieben. Denn es geht nicht so sehr um das akustische, gepredigte, geschriebene, gedruckte Wort, sondern um Jesus Christus als Person: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Das Wort Jesus Christus hochhalten, den (!) Allerheiligsten anbeten, IHN jeden Sonntag gebührend feiern, das ist mein Anliegen! Wir wollen Jesus Christus hochleben lassen. Sein Lob soll nicht verstummen.

1990 hat die Diözesansynode von Augsburg dazu folgendes beschlossen: „Wenn am Sonntag infolge des Priestermangels keine Eucharistiefeier möglich ist (…), versammelt sich die Pfarrgemeinde am Sonntagvormittag zum Wortgottesdienst, um den ‚Tag des Herrn‘ zu heiligen. Die kleine Gemeinde bewahrt auf diese Weise mit der regelmäßigen Sonntagsfeier ein wesentliches Element ihrer Identität und ihres Zusammenhalts.“ Und in den entsprechenden Empfehlungen heißt es: „Um den Sonntag zu heiligen, sollen sich die Gläubigen an jedem Ort, an dem bisher eine Sonntagsmesse gefeiert wurde, auch weiterhin am Sonntagvormittag zum Gottesdienst versammeln, sei es zur Eucharistiefeier oder, wenn der Priester fehlt, zum Wortgottesdienst. Wo das nicht möglich ist, soll eine Andacht gehalten oder der Rosenkranz gebetet werden.“ Weiter beschloss unsere Diözesansynode: „Grundsätzlich ist darauf zu achten, dass Pfarrgemeinde und Dorf pastoral und liturgisch nicht ‚ausbluten‘. (…) Obwohl der Wortgottesdienst nicht durch eine Kommunionfeier erweitert werden muss, empfiehlt es sich, am Sonntag, an dem keine Eucharistiefeier stattfinden kann, einen Wortgottesdienst mit Kommunionfeier zu halten.“[4]

Diese Texte sind dreißig Jahre alt. Sie haben schon Patina angesetzt. Die Zeit ist reif, sie endlich umzusetzen. Die Kirche ist im Wandel, Corona hat das Tempo beschleunigt: für mich entscheidende Impulse für eine Relecture, ein Wiederentdecken der Beschlüsse und Empfehlungen. Was ist aus den Texten geworden?

Ich habe kein fertiges Konzept parat. Es ist eine Piste, die ich aufzeigen will. Denken wir gemeinsam darüber nach! Und nehmen wir die Fragen hinein ins Gebet! Dies und anderes mehr möchte ich mit Ihnen besprechen – nicht nur im Ordinariat, auch im Diözesanrat. Ich lade ein zu einem qualifizierten Dialog. Darauf freue ich mich und bin schon auf Ihre Erfahrungen und Ideen gespannt. Es wird sicher verschiedene Meinungen und wohl auch Kontroversen geben. Doch ich bin überzeugt, dass wir dem Himmelreich näherkommen, wenn wir die Pastoral, den Dienst zum Heil der Menschen, ganz oben ansetzen. Unsere Überlegungen, vom Heiligen Geist geleitet und freimütig geäußert, werden uns auf dem gemeinsamen Weg begleiten – im Gepäck Gottes Wort, Jesus Christus höchstpersönlich. So sind wir unterwegs als synodale Kirche. Bei aller Vielfalt gilt: Wir sind Volk Gottes. Lassen wir uns niemals auseinanderdividieren!

Wenn wir zu Recht viel Wert legen auf Wort und Sakrament, sollten wir dabei nicht vergessen, dass Jesus nicht nur sakramental gegenwärtig sein kann. Wir müssen weiter denken. Wir selbst dürfen Jesus präsent machen, wir können ihn aber auch verdunkeln. Dieser Gedanke lässt sich biblisch untermauern: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Gal 3,27) Und: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Diesen Auftrag gebe ich Ihnen gerade jetzt für Advent und Weihnachten mit. Das heißt: Leben wir das „Sakrament“ der Menschlichkeit! Dann erst machen Feier und Anbetung des Altarsakramentes Sinn.

 

Dritte Piste: Wie kann das Bistum Augsburg synodale Kirche sein?

Sie alle haben schon viel vom Synodalen Weg der Kirche in Deutschland gehört, von den vier Themenfeldern – Macht in der Kirche, die Rolle der Frauen, priesterliche Existenz und kirchliche Sexualmoral -, von unterschiedlichen Vorstellungen, was die Erneuerung der Kirche angeht, von hitzigen Debatten und Auseinandersetzungen über die Medien. Mir persönlich ist der Fokus auf die synodale Kirche als erster Schritt und als Grundlage aller weiteren Überlegungen noch viel wichtiger.

Dass die Kirche ihre Fenster öffnen muss, dass sie einer Erneuerung bedarf, spürt jeder. Doch wie die Reform aussehen soll, erhitzt die Gemüter. Erneuerung ist keine Restauration. Wir restaurieren Gebäude, aber keine Verhältnisse längst vergangener Zeiten. Das betrifft Jesus Christus selbst: Wer seinen Namen hört, darf nicht nur an den historischen Jesus von Nazareth denken, der vor gut zweitausend Jahren geboren wurde. Er muss den auferstandenen und erhöhten Christus ernstnehmen, der wiederkommt in Herrlichkeit. Deshalb führt der Weg der Kirche nicht zurück, sondern stets nach vorn. Jesus Christus ist im Kommen! Wer zurück will, weicht ihm aus.

Erneuerung geschieht im Sinn des Aufbruchs, der Auffrischung, der Neugier auf das, was der Geist uns sagen will. Haben wir keine Angst vor dem Heiligen Geist! Immanuel - Gott ist mit uns. Bei der Erneuerung der Kirche geht es nicht um eine Sache, sondern um Jesus Christus als Person. Alles in Christus erneuern! Darum dreht sich die geistliche Erneuerung der Kirche. Für Papst Franziskus kann das nur auf eine Weise geschehen: miteinander auf dem Weg. Kirche und Synode sind für ihn zwei Worte für dieselbe Sache. Anders gewendet: Die Kirche als Volk Gottes ist synodal. Oder, noch einmal auf den Punkt gebracht: Die Kirche lebt vom Miteinander aller, von den verschiedenen Talenten und Begabungen, vom Einbringen der unterschiedlichen Einsichten und Perspektiven. Synoden hat nicht die Neuzeit erfunden; der Bischof und Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus hat schon im vierten Jahrhundert festgestellt, dass Synodalität der Name der Kirche sei. Synode ist nicht die gelegentliche Versammlung von Bischöfen, sondern die alltägliche Lebensform der Kirche.

Der Proviant, von dem die synodale Kirche zehrt, heißt Eucharistie. Eine synodale Kirche, um die Eucharistie als Mitte geeint, ist weder Sitzungskirche noch demokratisches Kirchenparlament, sondern „spirituelles Experiment“, ja Wesensausdruck der Kirche. Deshalb verfolge ich als Bischof das Ziel, mich synodal mit Ihnen auf den Weg zu machen. Wir können und müssen über vieles reden; über manches werden Sie auch innerhalb des Diözesanrats durchaus streiten – vor allem wenn man bedenkt, dass der Notenschlüssel für die Partitur jeder kirchlichen Reform die Evangelisierung sein muss, nicht nur weil der Papst das sagt, sondern in Treue zum Auftrag Jesu. Papst Franziskus hat es den Mitarbeitern der Vatikanischen Kurie beim Weihnachtsempfang ans Herz gelegt. Es geht ihm um eine „missionarische Entscheidung (…), damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinne verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden.“[5]

Doch wie soll eine synodale Kirche aussehen? Am 17. Oktober 2015 – anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Einrichtung der Bischofssynode – sagte Papst Franziskus: „Die Welt, in der wir leben und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und ihr zu dienen wir berufen sind, verlangt von der Kirche eine Steigerung ihres Zusammenwirkens in allen Bereichen ihrer Sendung. Genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet. (…) Eine synodale Kirche ist eine Kirche des Zuhörens, in dem Bewusstsein, dass Zuhören ‚mehr ist als Hören‘. Es ist ein wechselseitiges Anhören, bei dem jeder etwas zu lernen hat: das gläubige Volk, das Bischofskollegium, der Bischof von Rom – jeder im Hinhören auf die anderen und alle im Hinhören auf den Heiligen Geist, den ‚Geist der Wahrheit‘ (Joh 14,17), um zu erkennen, was er ‚den Kirchen sagt‘ (vgl. Offb 2,7).“

 

Vierte Piste: Was können wir aus der Corona-Pandemie lernen?

Als Priester, der ich nun schon 35 Jahre im Dienst des Herrn bin, möchte ich das tägliche Brot der Eucharistie nicht missen. Für mich ist die Feier der Eucharistie Quelle und Höhepunkt meines Lebens als Christ. Deshalb ist es unter meiner Würde, diese Frage zum Kampfplatz um die Religionsfreiheit zu machen. Es gibt so viele Weisen zu kommunizieren: natürlich ganz oben die hl. Kommunion – Jesus Christus, real präsent in Brot und Wein; dann aber auch die Gemeinschaft, Kommunion im Wort der Heiligen Schrift; schließlich die Kommunikation untereinander als Leib Christi. Unsere Gemeinden sind nicht nur eine horizontale Gemeinschaft, sie sind Leib Christi und wir sollen dabei lebendige Glieder sein. Es ist schön, dass wir wieder die hl. Kommunion empfangen können. Dafür dürfen wir dankbar sein. Umso weniger kann ich verstehen, wenn die Form des Kommunionempfangs – ob mit der Hand oder im Mund – zum Zankapfel hochstilisiert wird. Das ist keine Glaubensfrage.

Begeben wir uns am Ende zum See Genezareth, an dem Jesus sich so gern aufgehalten hat! Mit den Jüngern sitzen wir in einem Boot und haben – wie damals gegen Gegenwind und Wellen zu kämpfen. Heute versuchen wir, das Schiff der Kirche durch die Corona-Krise und die Fluten einer schwierigen Zeit zu steuern: alle Christen, die Kirche sind, die Verantwortlichen und die Weisen (was ja nicht immer die gleichen sind), die Cleveren und die Trägen, die ewig Gestrigen und die scheinbar Liberalen, diejenigen, die sich der Anbetung und dem Lobpreis verschrieben haben und auch die mehr im aktiven Leben stehen, die Engagierten und alle, die einfach so mitlaufen – wir alle also. Und wir sind oft so erfolgreich wie die Jünger als Fischer in jener Nacht, in der sie nichts gefangen haben. Ob sie sich schon damals nicht einig waren, welche Richtung das Boot nehmen soll, wer weiß. Die Netze unseres Glaubens sind meist leer und treiben an der Oberfläche. Doch die vergangenen Monate haben vielen neuen Tiefgang gebracht. Ich weiß von Zuschriften, dass es Menschen gibt, die in der Kar- und Osterzeit das Leiden, Sterben und die Auferstehung des Herrn in ganz neuer und profunder Weise gefeiert haben. Ist das nicht ein gutes Zeichen, ja ein Potential für die Zeit danach? Ich hoffe es.

Corona ist für mich, für die ganze Kirche eine Zeit zum Zwischenruf: Ihr könnt nicht mehr so weitermachen wie zuvor! Steckt eure Köpfe zusammen – natürlich im gebührenden Abstand - und bewegt eure Hände und Füße, um dem Evangelium neue Wege zu den Menschen zu bahnen – nicht nur zu denen, die sowieso schon drinnen sind, sondern auch zu denen draußen auf hoher See!

Die Frage, die mich auch für den künftigen Weg des Bistums bewegt, ist: Wie können wir diese Menschen auf hoher See begleiten oder sogar auffangen, wie können wir sie nähren mit dem Brot des Lebens im Wort und in der Hostie, aber auch selbstkritisch gefragt: Womit speisen wir sie ab? Was sind Angebote, deren Verfallsdatum längst abgelaufen ist? Wie können wir die Menschen tränken mit dem Wasser des Lebens, dass sie sich taufen lassen oder das Geschenk der empfangenen Taufe noch einmal neu für sich entdecken?

Ich lege Ihnen als Diözesanrat diese Fragen ans Herz. Jetzt ist eine Zeit zum Zwischenruf, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Quo vadis, Ecclesia? Kirche, wohin gehst du? Dieser Zwischenruf könnte auch den Synodalen Weg betreffen, zu dem wir aufgebrochen sind. Aber vielleicht sind jetzt durch diesen Corona-Zwischenruf neue Themen dran – Themen, die dem Schiff der Kirche mehr geistlichen Tiefgang geben, ohne die anderen einfach von der Tagesordnung zu streichen.

Als großes Hoffnungszeichen werte ich, dass viele Menschen vom Glück erzählen, das ihnen die Hauskirche geschenkt hat. Eine Neuentdeckung einer vergessenen Wahrheit! Wohlgemerkt: Hauskirche, nicht Wohnzimmer- oder Kuschelkirche. Bei aller Trauer, die wir wegen der ausgefallenen Gottesdienste durchleiden mussten, erzähle ich Ihnen noch eine Geschichte, die ich wiederum von einem jungen Pfarrer unseres Bistums übermittelt bekam: „In Ägypten ließ der muslimische Herrscher Kalif Al-Hakim für neun Jahre alle Kirchen schließen. Eines Tages ging er in den Straßen der Christen spazieren. Aus jedem Haus hörte er die Christen beten und Gott loben. Da befahl er: „Öffnet die Kirchen wieder und lasst die Christen beten, wie sie möchten. Ich wollte in jeder Straße eine Kirche schließen, doch nun musste ich feststellen, dass ich eine neue Kirche in jedem Haus eröffnet habe.“ Wie schön wäre das auch bei uns!

[1] Otto Graf Lambsdorff, Rheinischer Merkur, 3. Oktober 1997.

[2] Die folgenden Gedanken wurden ähnlich schon bei der Chrisammesse am 14.10.2020 im Dom vorgetragen.

[3] Bernard Nodet, Le Curé d’Ars, sa pensée, son coeur, Le Cerf 2006, S. 126.

[4] Diözesansynode 1990. Die Seelsorge in der Pfarrgemeinde, Donauwörth 1991, S. 121, 164, 121.

[5] Ansprache am 21.12.2019; vgl. Evangelii gaudium, Nr. 27.