Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zum Patrozinium in Edenhausen am 29. Dezember 2021

Mord in der Weihnachtszeit: Spannung zwischen Thron und Altar - Thomas Becket: „Vom Höfling zum Heiligen, ein Kämpfer für die Freiheit der Kirche“

29.12.2021 20:05

Ein Schwertschlag beendet 1170 das Leben Ihres Pfarrpatrons, des heiligen. Erzbischofs Thomas Becket. Dieser Schwerthieb erschüttert damals ganz Europa. Das Attentat im Dom von Canterbury ist ein Tabubruch. Der Mord am Bischof auf heiligem Boden gehört zur kulturellen DNA Englands wie der Buckingham Palace zur Queen.

Kein Wunder, dass Beckets gewaltsamer Tod noch im letzten Jahrhundert Stoff bot fürs Theater, etwa für Thomas Stearns Eliots Stück Murder in the Cathedral, Mord im Dom, das 1935 uraufgeführt wurde. Der Mord an Becket, einer profilierten Persönlichkeit der Kirche, setzt den Schlusspunkt unter eine Beziehung, die als klassische Männerfreundschaft begann und in einer erbitterten Männerfeindschaft endet. König Heinrich II. lässt den Primas von England, seinen einstigen Lordkanzler, am 29.12.1170 umbringen.

„Kann mich denn keiner von diesem lästigen Priester befreien?“, soll Heinrich II. (1133-1189) völlig entnervt in einem seiner berühmt-berüchtigen Wutanfälle geschrien haben, als er sich über den letzten Zwist mit seinem früheren engen Berater und Freund aufgeregt hat: „Habe ich nur Feiglinge in meinem Reich?“ Das wollen vier Ritter in der nächsten Umgebung des Königs nicht auf sich sitzen lassen. Sofort satteln sie ihre Pferde und brechen nach Canterbury auf, um dem Wunsch des Königs zu entsprechen. Während des öffentlichen Vespergebets in der Kathedrale stürzen die Attentäter auf den Bischof zu, der am Altar steht. Der Mönch Edward Grim, ein Zeitzeuge an Beckets Seite, erzählt: „Die Ritter brüllten: ‚Wo ist Thomas, der Verräter an König und Reich? Wo ist der Erzbischof?‘ Standhaft antwortete Thomas: ‚Der Gerechte ist furchtlos wie ein junger Löwe‘. Dann stieg er die Altarstufen hinunter und sagte: ‚Hier bin ich! Kein Verräter am König, sondern Gottes Priester. Warum sucht ihr mich?“ Die Situation eskaliert. Ein krachender Schwerthieb des Ritters Richard le Breton spaltet dem Bischof den Schädel. Thomas Becket ist um einen Kopf kürzer gemacht; er liegt enthauptet am Boden. Nigel Spivey von der Universität Cambridge resümiert: „Es war der letzte Akt in einem acht Jahre lang obsessiv ausgetragenen Rivalitätsdrama zwischen Thomas Becket und seinem König Heinrich II.“   

Doch man muss tiefer bohren, um auf das eigentliche Problem zu stoßen: Beim „Fall Becket“ geht es um mehr als um einen radikalen Geistlichen, der im Clinch liegt mit seinem ehemaligen Chef, einem cholerisch veranlagten Monarchen. Beckets Martyrium legt den Streit frei um Thron und Altar, um Krone und Kirche, das Verhältnis von weltlicher und geistlicher Macht, um die Beziehung zwischen Staat und Religion.

Gehen wir seinen Lebensweg nach! Becket, geboren um 1118 am Fest des hl. Thomas, war als Sohn eines erfolgreichen Londoner Kaufmanns privilegiert. Seine Eltern waren Einwanderer aus der Normandie; heute würden wir sagen: Becket machte Karriere mit Migrationshintergrund. Sein Vater tat alles für denb Aufstieg seines Sohnes. Er ließ „seinen“ Thomas an den bedeutendsten Universitäten Europas, wie Paris und Bologna, Jura studieren – doch abschließen konnte er das Studium nicht. Dennoch gelang es dem Vater, seinen Sohn in den Dienst des Erzbischofs Theobald von Canterbury zu vermitteln: zunächst als dessen Sekretär, dann als Vertreter des höchsten kirchlichen Gerichts und als Administrator der Diözese. Manche beäugten neidisch die Blitzkarriere des Emporkömmlings.

Es ging weiter steil bergauf: 1154 ernannte ihn der Erzbischof von Canterbury zum Erzdiakon, 1155 wurde er Lordkanzler von König Heinrich II., zweiter Mann im Staate. Zum König entwickelte er ein enges Vertrauensverhältnis. Die beiden wurden Freunde und teilten nicht nur berufliche Interessen, sondern auch viel Privates. Sie galten als unzertrennlich; zwischen die beiden mächtigsten Männer in England passte kein Blatt. Gemeinsam bereisten sie das Land, zusammen gingen sie auf die Jagd. Thomas soll das Leben am Königshof in vollen Zügen genossen haben. Geld spielte dabei keine Rolle. Er richtete üppige Feiern aus, ließ seine Residenzen luxuriös einrichten und fuhr mit eigenen Schiffen nach Frankreich, wann immer er wollte. Er war ein echter Partylöwe in der englischen Szene. Gleichzeitig agierte er hochkompetent: Becket stellte seine genialen Fähigkeiten, seinen politischen Instinkt und sein diplomatisches Geschick in den Dienst Englands und seines Königs. Kurzum: Der Lordkanzler war angekommen in der High Society. Obwohl Diakon, wusste Becket genau, wo er zu stehen und für wen er zu streiten hatte:  für den Staat an der Seite des Königs.

Das Jahr 1162 bringt die Wende: 1961 stirbt Erzbischof Theobald, und Canterbury braucht einen neuen Bischof. König Heinrich hat eine Strategie: Er will unbedingt Thomas Becket in dieses Amt befördern, obwohl dessen Ruf und Lebensstil ihn keineswegs als Kandidaten empfiehlt. Trotzdem beharrt der König auf seinem Wunsch, weil er meint, in Becket ein willfähriges Werkzeug für seine Politik zu haben. Denn dann wären beide Ämter in einer Hand: der Lordkanzler und der Primas von England. Mit dieser Personalunion erhofft sich der König, in die Kirche hineinregieren zu können. Der Plan scheint zu funktionieren: Das Domkapitel lässt seine Bedenken fallen und wählt Becket 1162 zum Erzbischof von Canterbury. Unverzüglich empfängt er die Priesterweihe und schon einen Tag später wird er zum Bischof geweiht. Doch des Königs Kalkül geht nicht auf.

Heinrich hat sich im neuen Erzbischof getäuscht: Aus dem Genießer wird ein Büßer, aus Saulus ein Paulus, aus dem Höfling ein Heiliger. Thomas Becket ändert sein Leben radikal. War er vorher eher ein Morgenmuffel, steht er nun auf beim Hahnenschrei. Seine Einkünfte verteilt er unter den Armen. Er legt seine modischen Kleider ab und tauscht sie gegen eine schwarze Kutte ein, wie Benediktiner sie tragen. Den Rhythmus des Tages bestimmt das Gebet, bei Tisch lässt er geistliche Texte vorlesen. Aus dem Politiker wird ein Geistlicher. Zur Verblüffung, ja zum Ärger des Königs tritt Erzbischof Becket als Lordkanzler zurück, um für die Freiheit der Kirche zu kämpfen. König und Bischof entfremden sich. Der Erzbischof legt sein weltliches Amt nieder. Er gibt dem König das Siegel des Lordkanzlers zurück - mit der Begründung: Er könne nicht zwei Herren dienen. Das Blatt hat sich gewendet. Ehemalige Freunde sind nun Gegner.

Da geht es u.a. um Geldforderungen und die Besetzung von Kirchenämtern.  Zum Showdown kommt es in der Frage, welcher Gerichtsbarkeit straffällig gewordene Kleriker unterworfen sind. Wer spricht über sie das Urteil? Auslöser ist der Fall des Kanonikers Philip de Brois im Juli 1163. Er wird verdächtigt, einen Ritter getötet zu haben. Die Causa vor der kirchlichen Instanz endet mit Freispruch. Danach werden Stimmen laut, die einen weiteren Prozess vor einem königlichen Gericht fordern. Mit dem Hinweis, er sei Kleriker, verweigert Philip de Brois ein weiteres Erscheinen vor Gericht. Die Berufung auf das „privilegium fori“, eine Art Standesimmunität, schützt den Kleriker vor dem Zugriff weltlicher Behörden.

Da rastet König Heinrich aus. Er werde Philip umgehend aburteilen lassen, brüllt er. Und Becket brüllt zurück: „Ausgeschlossen! Niemals können Laien Richter von Klerikern sein!“ Das Maß ist voll. 1164 erlässt Heinrich die „Beschlüsse von Clarendon“, eine Sammlung von Rechtssätzen, um die weltliche Gerichtsbarkeit auch auf den Bereich der Kirche auszudehnen. Es geht um die Abgrenzung von weltlicher und geistlicher Macht: „Geistliche, die vor Gericht geladen und mit welchen Beschuldigungen auch immer angeklagt sind, haben dort zu erscheinen, um alle Fragen zu beantworten, die das Gericht für nötig hält. Wenn der Geistliche überführt wird oder gesteht, darf die Kirche ihn nicht länger schützen.“ Da Erzbischof Becket die Unterschrift unter die Beschlüsse von Clarendon verweigert, beginnt ein diplomatischer Kleinkrieg. Der Erzbischof und der König buhlen um die Gunst der französischen Könige und des Papstes. Erzbischof Thomas zieht den Kürzeren; er geht ins Exil – für sechs Jahre nach Frankreich. Nach seiner Rückkehr 1170 – das Volk bereitete ihm einen Triumphzug - steht er dennoch auf verlorenem Posten: Er wird umgebracht – wahrscheinlich ein Auftragsmord des Königs Heinrich II.

Die Probleme, die sich damals stellten, sind aktueller denn je:

Da ist die Gerichtsbarkeit für Kleriker: Geweihte Personen sind nicht exemt. Das spüren wir im Umfeld der Missbrauchsskandale. Selbstverständlich haben sie sich vor staatlichen Gerichten zu verantworten. Doch ich gehe noch weiter: Auch wenn ein staatliches Gericht diesbezügliche Verfahren einstellt, ist das noch kein Freispruch im kirchlichen Kontext. Ein Priester, der Zölibat versprochen hat und Menschen geistlich begleitet, darf diese besondere Stellung nicht ausnützen. Er muss die Balance halten zwischen Nähe und Distanz. Die Grenzen zwischen sexuellem und geistlichem Missbrauch sind fließend. Deshalb kann ich es nur begrüßen, wenn kirchliches Recht mitunter strenger ist als staatliche Regeln.

Da ist das Verhältnis zwischen Staat und Kirche: Wir dürfen uns als Kirche entfalten gegenüber einem weltanschaulich neutralen Staat. Staat und Kirche sind Partner - und die Partnerschaft hat sich bewährt. Darauf dürfen wir bauen. Allerdings wage ich eine Prognose: Es wird so nicht bleiben. Im Wetterleuchten am politischen Himmel sehe ich ein Indiz dafür, dass sich etwas bewegt. Die Beziehung zwischen Staat und Kirche(n) wird sich auf Dauer nicht mehr organisieren lassen a la „Don Camillo e Peppone“. Die Tatsache, dass Mitglieder unserer neuen Ministerriege bei der Vereidigung auf den Gottesbezug verzichtet haben, werte ich als Statement. Auch im Regierungsprogramm werden die christlichen Kirchen allen anderen Religionsgemeinschaften gleichgestellt: nicht weniger, aber auch nicht mehr! Daher meine Bitte: Halten Sie zusammen – hier in Edenhausen, in der Stadt Krumbach und darüber hinaus! Suchen Sie die Kooperation zwischen Kommune und Kirche. Die Bürger in unseren Städten und Dörfern sind mehrheitlich auch Glieder der Kirche. Es geht um das Humanum.

Da sind wir bei einer Frage, die mich gegenüber dem Heiligen Thomas Becket etwas ratlos lässt. Seine Persönlichkeit bleibt ein Rätsel. Es sind steile Stufen, die ein Nichtadliger in der königlichen und dann kirchlichen Hierarchie aufgestiegen ist. Wie er stets den Eindruck eines hocheffizienten und zugleich höchstloyalen Mitarbeiters erzeugt hat, um dann in dem Moment, als er am Höhepunkt seiner Entfaltung stand, völlig umzuschlagen und den sturen Antipoden zu spielen, das ist und bleibt das Geheimnis von Erzbischof Thomas Becket.

Rund 400 Jahre später sollte sich die Geschichte wiederholen: ein anderer König mit Namen Heinrich – diesmal der VIII. – und ein anderer kirchlicher Widersacher – Thomas Morus ebenfalls Lordkanzler – stehen sich gegenüber. Als Heinrich VIII. mit der römischen Kirche bricht und sich vom Papst lossagt, kann er für sich die Erinnerung an Thomas Becket instrumentalisieren. Sein Kampf mit der Kirche lässt sich so als eine Art Dauergefecht zweier widerstreitender Systeme deuten.

Die Persönlichkeit des Thomas Becket bleibt also umstritten: „Bis heute ist er – verehrt, benutzt, verkannt, geschmäht – ein Zeichen des Widerspruchs. Wie alle, die irgendwann einmal versuchen, für ihre Ideale die eisigen Gipfel der Politik zu erstürmen und abzutragen.“ (Pierre Aubé, französischer Mediävist).

Liebe Edenhausener, Sie dürfen stolz sein auf Ihren Pfarrpatron. Mit ihm bekommt Ihr schwäbisches Dorf englisches Kolorit, europäische Weite. Durch das Reliquienkreuz, das Ihnen die Benediktiner von Maria Laach anvertraut haben, werden sie noch intensiver in die Gemeinschaft mit ihm eingegliedert. Thomas Becket hat für die Freiheit der Kirche gekämpft. Er hat gezeigt, wo er steht: auf der Seite Jesu Christi, des Steins, an dem man sich stoßen kann, der aber Eckstein ist für ein Lebenshaus, das stabil ist und schützt (vgl. Ps 118,22).