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Predigt beim 67. Bezirksmusikfest des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes in der Pfarrkirche St. Michael, Westendorf

"Musik ist eine Sprache des Himmels"

12.05.2024 15:01

Liebe Musikerinnen und Musiker der Trachtenkapelle Westendorf, sehr geehrte Festgäste, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, „da spielt d’Musik“ – als ich vor einigen Wochen dieses Motto für unser heutiges Fest las, habe ich mich gefreut. Zum einen, weil Musik etwas Wunderbares ist, Musik führt Menschen zusammen und stiftet Gemeinschaft; zum anderen, weil auch der Kirche ohne Musik etwas Wesentliches fehlen würde, ist sie doch eine starke Form der Verkündigung.

Darum bin ich heute gerne zu Ihnen nach Westendorf gekommen, um mit Ihnen das 100jährige Jubiläum der Trachtenkapelle im Rahmen des 67. Bezirksmusikfestes des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes zu feiern. Es ist wirklich beeindruckend, was Sie hier auf die Beine gestellt haben und wie viele Menschen mitmachen. Ganz besonders freut mich als Bischof, dass Sie bei allen wichtigen Programmpunkten dieser Festtage nicht den HERRN vergessen haben, der uns alle Tage unseres Lebens begleitet und dem wir jetzt in der Heiligen Messe mit Spiel und Gesang die Ehre geben wollen. An der Stelle ein herzlicher Dank auch an die Jugendkapelle, die unseren Gottesdienst musikalisch so schön begleitet.

Mit Blick auf die Tageslesungen vom 7. Ostersonntag kamen mir für meine heutige Predigt drei kurze Gedanken, die ich euch und Ihnen gerne mitgeben möchte. Diese gehen den Fragen nach, erstens, welche Bedeutung Musik bereits in der Bibel hat (1), zweitens, warum das gemeinsam Spielen aus christlicher Sicht etwas Wertvolles und Gutes ist (2) und drittens, inwiefern Musikanten wichtige Botschafter in einer Zeit großer Verunsicherung sein können (3).

1. Himmelfahrt mit Blasmusik

Ich beginne mit einer kleinen Quizfrage: Erst vor drei Tagen feierten wir das Hochfest Christi Himmelfahrt, bei dem wir in der Regel den Psalm 47 beten oder singen. Darin heißt es, dass Gott unter Jubel emporstieg und unter dem Schall eines Blasinstruments (vgl. Ps 47,6). Wüssten Sie es oder können sich erinnern, welches Blasinstrument an dieser Stelle im Psalm genannt wird? Es ist das Horn, bzw. die Hörner, welche die Auffahrt unseres Herrn Jesus Christus in den Himmel begleiten. Bitte, liebe anwesenden Hornisten, verstehen Sie das nun aber nicht so, dass daraus ein gewisser Vorrang der Hörner in der Trachtenkapelle abgeleitet werden könnte. Ihr Dirigent Stephan Gehring würde sich bei mir bedanken, falls Sie nach dieser Predigt Höhenflüge bekämen. Alle Instrumente haben ihren je eigenen Klang und keines ist dem anderen übergeordnet. Gerade das gemeinsame Zusammenspiel erfreut das Herz.

Dabei ist es schon bemerkenswert, dass oft, wenn etwas Wichtiges in der Bibel passiert, Musik eine große Rolle spielt. Denken wir an Weihnachten und den Gesang der Engel über dem Stall (vgl. Lk 2,13f). Denken wir an das Volk Israel und an Miriam, die beim Auszug aus Ägypten Lieder anstimmte und auf die Pauke schlug (vgl. Ex 15,1.21). Auch ganz am Ende der Heiligen Schrift wird uns in der Offenbarung des Johannes gesagt, dass allenthalben Jubel im Himmel und ein fröhliches Halleluja erklingt, weil Gott die Welt erlöst hat (vgl. Offb 19,1ff).

So ist es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man sagt: Musik ist eine Sprache des Himmels. Vom Beginn der Kirchengeschichte an sangen und spielten die Christen, und das nicht nur im Gottesdienst. Der Kirchenlehrer Augustinus war einer der ersten, welcher die theologische Dimension der Musik erschloss. Ihm wird das Zitat zugeschrieben: „Die Schöpfung hat sich in Musik vollzogen und trägt auch weiterhin davon die Spuren in sich; somit kann die Musik ein Mittel werden, Gott zu finden.“ Eine sehr schöne Aussage, die aber die Frage aufwirft, inwiefern wir in der Musik etwas von diesem Göttlichen spüren können, was uns alle angeht und umgibt. Für mich sind es vor allem zwei Dinge, die untrennbar mit dem christlichen Glauben verbunden sind: Das Erleben von Gemeinschaft und Harmonie, womit ich zu meinem zweiten Gedanken komme.

2. In der Musik Gemeinschaft und Harmonie erfahren

Als ich im Vorfeld dieser Feier die sehr gelungene Festschrift durchblätterte, stutzte ich an einer Stelle, nämlich bei der Chronik der Trachtenkapelle Westendorf (ab Seite 20). Denn da steht gleich am Anfang, dass es im Jahr 1924 zwölf (!) junge Burschen waren, welche die Idee hatten, eine Musikkapelle zu gründen. Bei der Zahl zwölf kam mir sofort die heutige Lesung aus der Apostelgeschichte in den Sinn. Dort wird berichtet, dass es nach dem Ausfall des Judas offensichtlich auch für die Jünger sehr wichtig war, dass der zwölfte Mann ersetzt wird. Und so wählten sie Matthias als Nachfolger (vgl. Apg 1,26). Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht. Nach Pfingsten werden es schon bald Tausende sein, die sich dieser Zwölferschar anschließen und sich auf den Namen Jesu taufen lassen.

Die Botschaft für uns heute lautet: Damit ein Unternehmen Erfolg hat, braucht es am Anfang nicht unbedingt viele Leute, es reichen ein paar Wenige, wenn sie Eines gemeinsam haben: Motivation! Mit Blick auf das Pfingstfest würde ich einen anderen Begriff noch lieber verwenden: Begeisterung! Folgt man der Chronik aus Westendorf, hatten einige der zwölf Burschen zunächst gar nicht genügend Geld für die Instrumente. Aber sie hatten einen Traum, den sie sich nicht nehmen ließen, und so wuchs über die Jahre hinweg, trotz mancher Rückschläge, eine Kapelle heran, die den Spielenden und Hörenden mit ihrer wohlklingenden Musik viel Freude bereitete; das tut sie noch heute.

Einen Schlüssel für diesen Erfolg sehe ich im Zusammenhalt, der an vielen Stellen der Vereinsgeschichte und auch jetzt bei diesem Fest deutlich wird. Die Mitglieder verstehen sich als Gemeinschaft, in der man einander hilft und füreinander da ist: Tugenden, die auch für die Kirche von zentraler Bedeutung sind. Schauen wir noch einmal auf die Jünger: Etwas ratlos saßen sie nach der Himmelfahrt Jesu beieinander und überlegten, wie es jetzt weitergehen kann. Was taten sie? Sie blieben beisammen, versuchten zu verstehen, was nun geboten ist, und machten sich gegenseitig Mut. Ganz wichtig: Sie beteten auch miteinander (Apg 1,24). Deshalb meine Bitte: Spielen Sie als Trachtenkapelle nicht nur in Festzelten und bei Umzügen, sondern verstehen Sie sich auch als Teil der Kirchengemeinde und bereichern den ein oder anderen Gottesdienst mit Ihrer Musik.

Wie Sie wissen, klingt es am besten, wenn die Instrumente gut gestimmt sind und alle aufeinander hören. Sehen wir darin auch ein Bild für unsere Gemeinschaft, in der wir alle uns dann besonders wohlfühlen, wenn jeder mit sich selbst im Einklang ist und zugleich nach Harmonie mit den Mitmenschen strebt. Vielleicht haben Sie es schon erlebt: Es gibt Momente in der Musik, die so schön sind, dass wir meinen, etwas von dieser göttlichen Harmonie spüren zu dürfen, die uns von Jesus im heutigen Evangelium verheißen wurde (vgl. Joh 17,13). Dies führt mich zu meinem letzten kurzen Gedanken.

3. Musikanten als Botschafter in unsicheren Zeiten

Jesus hatte nämlich noch einen Auftrag für uns: In seinem Namen sind wir als Christinnen und Christen nicht nur behütet, sondern auch in die Welt gesandt (vgl. Joh 17,18). Bald feiern wir die Herabkunft des Heiligen Geistes; schon jetzt können wir uns darauf vorbereiten, indem wir versuchen zu verstehen, wozu uns Jesus berufen hat. Die Welt, in der wir leben, hat viele Schattenseiten. Jeden Tag sind wir mit persönlichen und gesellschaftlichen Krisen konfrontiert. Jesus leugnet das in keiner Weise; er verspricht auch nicht den Himmel auf Erden. Wohl aber versichert er den Beistand Gottes und ruft alle, die ihm nachfolgen wollen, dazu auf, eines Sinnes zu sein (vgl. Joh 17,11b) und, wie es der erste Johannesbrief sagt, Liebe in die Welt zu tragen (1 Joh 4,11). Ich meine, dass hier der Musik eine besondere Rolle zukommt, denn wie oft in der Geschichte haben nicht schon Lieder und Melodien Mauern zusammenbrechen lassen und zum Frieden in der Welt beigetragen!

Darum möchte ich Ihnen heute meinen Wunsch mitgeben, dass Sie sich als Musikanten auch als Botschafter des Friedens und der Freude verstehen. In dieser von Kriegen und Problemen geprägten Zeit brauchen wir Menschen, die mit ihrer Musik gegen den immer stärker um sich greifenden Frust und aus Verbitterung erwachsenden Egoismus anspielen. Damit wird im Gegenzug das Miteinander gestärkt, vor Ort und darüber hinaus. Seit hundert Jahren ist die Trachtenkapelle Westendorf in dieser Richtung unterwegs, und ich will Ihnen nicht nur zu diesem Jubiläum gratulieren, sondern auch von Herzen danken für ihr wertvolles Engagement. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass das gemeinsame Musizieren viele wertvolle Kompetenzen, insbesondere im sozialen Bereich, fördert, und somit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dient. Möge dieses Fest Sie darum bestärken, weiter zu spielen, zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen!

Liebe Schwestern und Brüder,

heute ist ein passender Anlass, Psalm 150 zu zitieren, der für jede Blaskapelle sowie alle Freundinnen und Freunde der Musik ein schönes Gebet sein kann. Diesen möchte ich Ihnen zum Schluss gerne mitgeben, und vielleicht beten Sie den Psalm ja mal bewusst vor der nächsten Probe oder einem Auftritt:

„Halleluja! Lobt Gott in seinem Heiligtum, / lobt ihn in seiner mächtigen Feste!

Lobt ihn für seine großen Taten, / lobt ihn in seiner gewaltigen Größe!

Lobt ihn mit dem Schall der Hörner, / lobt ihn mit Harfe und Zither!

Lobt ihn mit Pauken und Tanz, / lobt ihn mit Flöten und Saitenspiel!

Lobt ihn mit hellen Zimbeln, / lobt ihn mit klingenden Zimbeln!

Alles, was atmet, / lobe den Herrn!

Halleluja!“ (Ps 150)