„Nehmt Gottes Melodie in euch auf“
Liebe Schwestern und Brüder, heute ist in zweifacher Hinsicht ein Tag der Freude für mich. Vor wenigen Stunden durfte ich im Augsburger Dom zwei Pastoralreferentinnen, drei Gemeindereferentinnen und eine Pfarrreferentin als neue Mitarbeiterinnen in unser Bistum aussenden, nachdem diese zuvor öffentlich ihre Bereitschaft erklärt hatten, Gott und den Menschen dienen zu wollen. Nun bin ich hier bei Ihnen in Dürrlauingen zur Segnung der renovierten Orgel, deren Klang wir eben bereits lauschen durften und über die wir uns alle freuen können.
In gewisser Weise passt das Motto der Aussendungsfeier von heute Morgen auch zu dieser Orgelweihe: „Together in difference – united in faith“, hieß es da. Man könnte übersetzen: „Gemeinsam in der Verschiedenheit – Vereint im Glauben“. So liegt doch eine markante Eigenheit von Orgeln darin, dass sie durch die Verschiedenheit der vielen Holz- und Metallpfeifen eine Fülle unterschiedlicher Klänge produzieren kann, die sich zu einem berührenden Zusammenspiel vereinen, von ruhig-meditativ bis majestätisch-feierlich. Vielleicht ist das der Grund, warum Wolfgang Amadeus Mozart, der seinerzeit (1766) nicht weit von hier in Dillingen ein Konzert gab, in einem Brief an seinen Vater im Jahr 1777 schrieb: „Die orgl ist doch in meinen augen und ohren der könig aller instrumenten.“[1] Tatsächlich ist es auch für mich als Bischof bei meinen Besuchen in den Pfarreien immer wieder erstaunlich zu erleben, welche Vielfalt an Tönen und Schwingungen den Kirchenraum beim Orgelspiel erfüllt, was uns als Gläubigen dabei helfen kann, neben der Liedbegleitung in eine bestimmte Haltung der Andacht und des Gebetes zu gelangen. Ein zentrales Element dafür scheint mir die Harmonie zu sein. Diese kann man aber nicht nur musikalisch im Sinne einer wohlklingenden Übereinstimmung verstehen, sondern auch biblisch-theologisch als ein friedliches und gutes Miteinander der Menschen. Dieser Punkt klingt auch in den heutigen Tageslesungen an. Mir kamen zwei Gedanken dazu, die ich Ihnen gerne mitgeben möchte.
1. „Wer ist der Größte?“ – Egoismus als Ausdruck von Disharmonie
Zunächst fiel mir ein, dass bei Orgelführungen gerne die Frage gestellt wird, welche Pfeife die größte ist. In der Regel weist der Organist dann auf eine meterhohe 16- oder gar 32-Fuß-Pfeife hin, welche mit dem Pedal gespielt, besonders tiefe Töne erzeugt. Die Frage ist insofern spannend, weil es zeigt, dass wir Menschen immer schon Superlative geliebt haben und uns das Streben nach Größe zu eigen ist. Dass dies nicht nur für materielle Dinge gilt, zeigt die Diskussion der Jünger, von der wir im heutigen Markusevangelium lesen. „Wer ist der Größte [von uns]?“ (Mk 9,34), rätseln sie auf ihrem Weg. Es ist wichtig, sich an der Stelle nochmal in Erinnerung zu rufen, wie Jesus unmittelbar vorher davon sprach, dass der Menschensohn bald ausgeliefert und getötet würde (vgl. Mk 9,31). Während ER, der Herr, also ankündigt, sich selbst zu erniedrigen und aus Liebe für die anderen sein Leben hinzugeben, diskutieren die Jünger darüber, wer von ihnen am meisten Macht und Ansehen besitzt. Als Jesus sie darauf anspricht, schweigen sie beschämt, weil sie sich ertappt fühlen; denn insgeheim wissen sie, dass dieses Denken genau das Gegenteil von dem ist, was er sie die ganze Zeit über gelehrt hatte. Bis heute ist das eine der größten Schwächen des Menschen, dass er allzu oft eitle und egoistische Gedanken in sich trägt. In der Lesung aus dem Jakobusbrief haben wir es gehört: Eifersucht und Streit sind schon immer die Wurzel von Unordnung und bösen Taten (vgl. Jak 3,16). Wo Menschen nur die eigenen Interessen in den Vordergrund stellen, entsteht Dis-Harmonie: in Familien, unter Freunden oder in der Gesellschaft. Es ist wie beim Spielen einer Orgel: Wenn eine Pfeife so scharf und laut ist, dass man die anderen gar nicht mehr hört, empfinden wir das nicht als angenehm. Darum besteht die Kunstfertigkeit der Organistinnen und Organisten darin, durch geschicktes Registrieren für Ausgewogenheit und eine gute Mischung zu sorgen. Nun gibt es allerdings Menschen, denen Harmonie und Ausgleich nur wenig oder gar nichts bedeuten. Diese könnten wir mit den „Frevlern“ (vgl. Weish 2,1a) assoziieren, wie sie uns im Buch der Weisheit dargestellt werden. Deren Ziel besteht einzig und allein darin, das Leben rücksichtlos genießen zu können, auch auf Kosten anderer. Jeder Gerechte ist ihnen ein Dorn im Auge, da er ihnen durch seine Lebensweise den Spiegel vorhält. Dadurch wird er lästig und muss beseitigt werden. Rückblickend dürfen wir hierin eine Anspielung auf den Kreuzestod Jesu erkennen, wurde doch auch er von den damals Mächtigen gehasst, weil er davon sprach, dass wahre Größe darin besteht, sich selbst klein zu machen wie ein Kind und anderen zu dienen (vgl. Mk 9,35ff.).
In seiner Enzyklika Fratelli tutti aus dem Jahr 2020 macht Papst Franziskus als eine der größten Gefahren unserer Zeit, welche die Harmonie unter den Völkern besonders stören, eben jenen „Egoismus und Verlust des Sozialempfindens“ (FT 11) aus, welche einer christlichen Haltung der Demut und Nächstenliebe entgegensteht. Demgegenüber propagiert der Heilige Vater Solidarität und Geschwisterlichkeit als Weg, der uns nicht nur als Gläubige, sondern als ganze Menschheit vor einer als kalt und gleichgültig empfundenen Welt bewahrt. Dies führt mich zu meinem zweiten Gedanken.
2. „Diener aller sein“ – Gottes- und Nächstenliebe als Basis von Harmonie
Setzt man sich als Laie auf eine Orgelbank, ist man meist beeindruckt von der Vielzahl an Tasten, Knöpfen und Einstellungsmöglichkeiten. Speziell am Anfang sind Orgelschüler dann oft überfordert und brauchen eine Weile, um sich einen Überblick zu verschaffen, die verschiedenen Funktionen kennenzulernen und zu erkennen, was zu einem guten Klang beiträgt.
Ist es mit Blick auf unsere Umwelt und Gegenwart nicht manchmal dasselbe? Fühlen auch wir uns nicht oft überlastet durch die vielen Eindrücke und Herausforderungen in unserer schnelllebigen Zeit? Allein durch die Medien prasseln täglich Dutzende Bilder und Nachrichten auf uns ein, viele davon negativ. Konflikte und Krisen wie der schreckliche Krieg in der Ukraine versetzen uns in Unruhe.
In dieser angespannten Situation, meine ich, kann die Musik etwas Wertvolles sein, da sie uns innerlich zu berühren, mitunter sogar zu trösten vermag, und zugleich daran erinnert, welch großen Wert die Harmonie darstellt. Viele von Ihnen haben es sicher schon erlebt, dass bestimmte Melodien uns auf eine ganz eigene Weise ruhig werden lassen und ein Gefühl des inneren Friedens hervorrufen. Jeder einzelne Ton trägt dann seinen Teil bei zu einem Gesamtklang, der uns einfach guttut. Ich möchte dieses Bild gerne aufgreifen und uns allen zurufen, dass auch wir durch unsere Worte und Taten jeden Tag einen Beitrag zu einem harmonischen Miteinander in Kirche und Gesellschaft leisten können, wenn wir uns am Beispiel Jesu orientieren. Besonders schön hat das der hl. Ignatius von Antiochien formuliert: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf. So werdet ihr alle zu einem Chor, und in eurer Eintracht und zusammenklingenden Liebe ertönt durch euch das Lied Jesu Christi.“
Gott sei Dank, kann man nur sagen, gibt es nach wie vor viele Menschen, die sich täglich dafür einsetzen, dass der Zusammenhalt in unserem Land gefördert wird, sei es durch kirchliches oder soziales Engagement, in der Politik oder im Ehrenamt. Wenn wir die Harmonie unter uns bewahren wollen, brauchen wir diese Menschen, denn Frieden und Gerechtigkeit hängen wesentlich von einer solchen Haltung ab, wie es uns der eben gehörte Jakobusbrief lehrt (vgl. Jak 3,17f.).
In diesem Sinne möchte ich am Ende allen von Herzen danken, die sich in den letzten Jahren um die Renovierung dieser wunderschönen Pfarrkirche wie auch der Orgel verdient gemacht und dadurch zu einer lebendigen Gemeinschaft beigetragen haben. Mein Wunsch für Sie ist folgender: Mögen sie inspiriert von den Klängen der neu geweihten Orgel im Glauben an Gottes Liebe gestärkt werden und bei allen Anforderungen des Lebens hoffnungsvoll in die Zukunft gehen können!
[1] Nissen, Georg Nikolas von: Biographie W. A. Mozart’s, Leipzig 1828, 313.