Predigt bei der Weihe Ständiger Diakone im Dom am Fest des hl. Stephanus (26. Dezember 2020)

„Nicht Bedenkenträger, sondern Hoffnungsträger“

26.12.2020 11:30

Vielleicht ist es Ihnen gerade aufgefallen: In unserem Augsburger Dom gibt es eine liturgische Spezialität. Nach der Verkündigung der Frohen Botschaft segnet der Bischof mit dem Evangeliar die Gemeinde, ehe das heilige Buch zum den von Josef Henselmann 1962 geschaffenen Hochaltar gebracht und dort gleichsam inthronisiert wird. Damit wird gezeigt: Jesus Christus ist in der Kirche präsent – im Wort und Sakrament.

In vielen katholischen Gotteshäusern ist es mittlerweile üblich, den ganzen Tag über eine aufgeschlagene Bibel aufzustellen - auf dem Altar, dem Ambo oder einem Pult. Im Dom von Würzburg erfüllt diese Aufgabe ein Diakon, natürlich kein lebender, sondern eine in Stein gehauene, fast lebensgroße Figur in eine Dalmatik gehüllt, das typische Gewand des Diakons. Dieser steinerne Diakon steht am Aufgang zum Altarbereich und hält den Besuchern die Heilige Schrift entgegen. So gehört es auch zu den zentralen Riten der Diakonenweihe, dass der Bischof dem Kandidaten das Evangelienbuch mit den Worten überreicht: „Empfange das Evangelium Christi. Zu seiner Verkündigung bist du bestellt. Was du liest, ergreife im Glauben, was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, erfülle im Leben.“ Zuvor verspricht der Weihekandidat, den Schatz des Glaubens treu zu hüten und gemäß dem Evangelium und der Überlieferung der Kirche in Wort und Tat den Menschen anzubieten. So ist die Verkündigung des Evangeliums die wohl wichtigste Aufgabe des Diakons bei der hl. Messe, selbst wenn ein Bischof oder gar der Papst diesem Gottesdienst vorsteht.

Würden wir allerdings bei der Verkündigung des Wortes stehen bleiben, hätten wir den Auftrag des Diakons nur verkürzt erfasst. Der Diakon ist mehr als ein festlich gekleideter Lektor oder ein liturgischer Assistent. Um die Sicht auf seine Aufgaben zu weiten, schauen wir auf die Persönlichkeit des hl. Stephanus, der als Prototyp des Diakons gilt. Stephanus ist die repräsentativste Figur innerhalb einer Gruppe von sieben Gefährten. Die Überlieferung sieht in dieser Gruppe den Keim des künftigen »Diakonen«-Amtes, auch wenn man der Ehrlichkeit halber einräumen muss, dass diese Bezeichnung in der Apostelgeschichte ausdrücklich nicht vorkommt. Doch die Rolle des Stephanus ergibt sich auf jeden Fall daraus, dass ihm Lukas in seinem Werk zwei ganze Kapitel widmet.

Zunächst geht Lukas von einer in der Urgemeinde von Jerusalem verbreiteten Unterscheidung aus: Die erste Kirche setzte sich damals aus Christen jüdischer Herkunft zusammen, von denen manche aus den Gebieten Israels stammten und »Hebräer« hießen, während andere Angehörige des alttestamentlich-jüdischen Glaubens aus der griechischsprachigen Diaspora kamen und deshalb »Hellenisten« genannt wurden. Da gab es ein Problem: Die Bedürftigsten unter den Hellenisten, besonders die Witwen, die ohne jede soziale Unterstützung waren, liefen Gefahr, bei der Hilfe für die tägliche Versorgung übergangen zu werden. Um diese Schwierigkeit zu beheben, beschlossen die Apostel, sich das Gebet und den Dienst am Wort als ihre zentrale Aufgabe vorzubehalten und »sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit« zu beauftragen, die Aufgabe der Versorgung (Apg 6,2–4), also den caritativen Sozialdienst, zu übernehmen. Zu diesem Zweck wählten die Jünger auf Weisung der Apostel sieben Männer. Wir kennen sie sogar mit Namen: »Stephanus, ein Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus… Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese beteten und legten ihnen die Hände auf« (Apg 6,5–6).

Dieses Ereignis in der Jerusalemer Urgemeinde findet heute sein Echo hier im Augsburger Dom, auch wenn es nicht sieben, sondern nur zwei Männer sind, denen ich gleich die Hände auflegen und über sie beten darf. Ich tue es gern und weihe sie damit zu Diakonen. Lieber Herr Bäder, lieber Herr Selg, Sie sind ein großes Weihnachtsgeschenk für die Kirche von Augsburg! Wir freuen uns alle mit Ihnen und für Sie!

Ich möchte Ihnen aber auch nicht die Feststellung ersparen, dass es nicht beim feierlichen Weihegottesdienst in festlich roten Gewändern bleiben darf. Das Evangelium ist nicht nur Wort, es ist Tat. Es umfasst zahlreiche Themen, und entsprechend vielfältig ist seine Umsetzung ins Leben. Letztlich geht es immer  um das Eine, nämlich Christus lebendig werden lassen in der Welt. Anders gesagt: der Liebe Jesu unser Gesicht geben; oder in ein adventliches Wort gekleidet: dem Herrn den Weg bereiten im eigenen Herzen und im Herzen der Menschen. Das ist eine der drei Kernaufgaben der Kirche: dafür Sorge tragen, „dass die vielen Wunden der Menschen und der Menschheit heilen können“, wie es Papst Franziskus gern ausdrückt. Es geht um heilende Seelsorge. Da sind vor allem Sie, liebe künftigen Diakone, gefragt und gefordert.

Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Wunden begegnen uns nicht nur in den großen Nöten unserer Welt, in den Armen, Entrechteten, den Heimatlosen und Flüchtlingen, den wegen ihres Glaubens oder ihrer Meinung verfolgten oder gar mit dem Tod bedrohten Menschen. Wir treffen sie mitten unter uns in unseren Gemeinden: Arme, Menschen, die aus verschiedensten Gründen einsam sind, an Leib und Seele Erkrankte, Menschen ohne Hoffnung, vom Schicksal hart Geprüfte – Frauen und Männer, junge und alte, die müde oder aus der Bahn geworfen sind. Wollen wir als Kirche die im Evangelium überlieferte Botschaft Jesu nicht verraten, müssen wir parteiisch sein, d.h. den Menschen in Not zur Seite stehen. Die Coronakrise, die uns schon seit Monaten beschäftigt und viele sehr belastet, macht diesen Auftrag noch dringender. Verschwörungstheoretiker und Verharmloser, aber auch Dramatisierer und Unheilspropheten suchen zunehmend ihre Bühne und finden sie – nicht nur bei den sog. Querdenkern in der Gesellschaft, sondern auch im Innern der Kirche.

Liebe Weihekandidaten, ich baue auf Sie, dass Sie sich in solche Strudel nicht hineinziehen oder gar von ihnen mitreißen lassen, sondern einen kühlen Kopf bewahren und vor allem ein brennendes Herz, das für die Menschen schlägt. Wenn so viel geklagt wird, dann sage ich mir immer: Bertram, Du hast ein warmes Zimmer; Du hast einen vollen Kühlschrank; Du hast ein Telefon und Briefpapier; Du hast die Bibel als Wort in den Tag; vor allem aber hast Du das Kind in der Krippe und den Sohn Gottes am Kreuz: „Immanuel“, Gott mit uns.

Gott ist wirklich mit uns! Corona ist die Chance, diese Botschaft neu zu platzieren – nicht nur mit Worten in den Kirchen, sondern mit Taten im Leben. Das ist die vordringliche Aufgabe der Diakone. Ich wünsche mir unsere Diakone noch mehr als „Speerspitze“ gelebter Diakonie, glaubwürdiger Caritas. Damit wir uns recht verstehen: die Caritas ersetzt weder den Gottesdienst noch die Verkündigung. Die drei bilden eine Einheit: Martyrie – Liturgie – Diakonie. Wenn ein Standbein fehlt, bricht die Kirche, eine Gemeinde, in sich zusammen.

Die Liturgie muss in caritative Praxis münden; umgekehrt holt das diakonische Handeln seine Kraft aus der Eucharistie. Der hl. Vinzenz von Paul, ein großer Heiliger der Nächstenliebe, wurde eines Morgens im Krankenhaus von einer Ordensschwester gefragt, ob sie an diesem Tag die Eucharistiefeier nicht besser ausfallen lassen sollten, dann hätten sie mehr Zeit, den Kranken die Suppe zu servieren. Die spontane Antwort des Vinzenz lautete: „Keinesfalls, sonst könnte es geschehen, dass uns eines Tages der Suppentopf zu schwer wird.“

Schön, dass Sie, lieber Herr Bäder und lieber Herr Selg, um einen Tisch wissen, auf dem sicher regelmäßig ein gefüllter Suppentopf steht. Sie werden Diakone – und bleiben dabei Ehemann und Familienvater. Sie haben eine Partnerin an der Seite, ohne diese auf die Rolle der Hausfrau reduzieren zu wollen. Und sie haben um sich herum Kinder, die Sie herausfordern; daran ändert auch die Diakonenweihe nichts. Liebe Frau Bäder, liebe Frau Selg, der Beitrag, den Sie als zukünftige Diakonenfrauen leisten, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Oft waren Sie es, die Sie Ihren Ehemann ermutigt haben, seiner Berufung zum Diakon nachzuspüren. Die Begleitung, die Ihr Mann auch in Zukunft von Ihnen erwartet und sicher brauchen wird, ist – wenn Sie so wollen – durchaus auch ein diakonischer Dienst. Ich danke Ihnen, dass Sie den Weg Ihres Ehemannes mittragen und mitgehen, dass Sie ihm den Rücken stärken für vieles, was er an seinem Einsatzort erfahren wird – bis hin zu Enttäuschungen und Zweifeln, wirklich am richtigen Platz zu sein. Noch einen ganz besonderen Auftrag, ja eine Bitte, gebe ich Ihnen heute mit: „Achten Sie darauf, dass Ihr Mann immer im Blick behält, dass er bei allem Engagement als Diakon Ehemann und Vater bleibt.“ Im Skrutinium habe ich beiden Kandidaten gesagt: „Sie sollen nur so viel tun, wie Sie leisten können. Und vor allem sollen Sie den Diakonat ausüben als Ehemann und Familienvater. Das ist Zeugnis - Berufung, die nicht Konkurrenz, sondern Fundament ist für Ihren Weg als Ständiger Diakon.“ Auch Euch Kindern der künftigen Diakone sage ich ein herzliches Dankeschön. Euer Vater wird zwar äußerlich hervorgehoben durch seinen Dienst am Altar – schon heute beginnt das mit der Dankvesper in Eurer Heimatpfarrei. Trotzdem werdet Ihr bald merken: Euer Vater wird durch die Weihe kein anderer Mensch. Er ist und bleibt Euer Papa! Und das ist gut so. Behandelt ihn auch weiter so. Geht ehrlich mit ihm um! Die Ehe und Familie, in die Sie, liebe Diakone in spe, eingebunden sind, bilden ein gutes Trainingsfeld für Ihr künftiges Wirken. Kann es einen besseren Übungsplatz geben?

Was sich in der Liturgie zeigt, drückt das Selbstverständnis des Diakons aus. Der Diakon steht an der Seite des Priesters oder Bischofs, meist etwas dahinter. Diese Rolle in der zweiten oder dritten Reihe kann durchaus Herausforderung sein. Dass Sie immer die Balance halten und nicht der Versuchung erliegen, sich zurückzuziehen oder übertrieben profilieren zu wollen, indem Sie sich, um geachtet zu werden, z.B. klerikaler kleiden als die meisten Priester, dazu braucht es spirituelle Verwurzelung und das rechte Verständnis Ihres Dienstes. Ich wünsche Ihnen bei Ihren Pfarrern, Kolleginnen und Kollegen und in Ihren Gemeinden die Anerkennung und Wertschätzung, die jeder Mensch nötig hat, um wachsen und reifen zu können.

Danke, dass Sie sich der Weihe stellen. In einer Zeit, in der so viele Bedenkenträger Konjunktur haben, schlagen Sie eine neue Seite in Ihrem Lebensbuch auf: Als Diakone sind Sie Hoffnungsträger. Gratulation. Auf viele gemeinsame Jahre!