Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Aussendung pastoraler MitarbeiterInnen im Dom am 26.9.2020

"Nicht Handlanger des Pfarrers, sondern Helfer des Guten Hirten"

26.09.2020 13:11

Ein Theologiestudent in den ersten Semestern macht Examen. Der Professor fragt: „Wer leitet die Kirche?“ Der Student antwortet: „Jesus  Christus.“ Darauf der Professor: „Aber das wollen wir doch hier nicht hören.“

Um es klar zu sagen: Der Student hat ins Schwarze getroffen. Der eigentliche Herr im Haus der Kirche ist Jesus Christus. Im Brief an die Römer stellt Paulus fest: „Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn.“ (Röm 12,5) Jesus Christus ist der Herr der Kirche. Aber muss man überhaupt ein Wort darüber verlieren? Das ist doch sonnenklar; es reißt keinen vom Stuhl. Oder doch? Kommt damit nicht die ganze kirchliche Sitzordnung ins Wackeln? Jesus Christus „sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.“ Er allein ist der Herr, auch wenn mancher Priester sich noch gern das „Herrle“ nennen lässt. Jeder Amtsträger ist diesem Herrn der Kirche verantwortlich – auf welchem Stuhl er auch sitzen mag: auf dem Priestersitz oder dem Bischofsstuhl oder gar auf dem Heiligen Stuhl in Rom. Alle Autoritäten in der Kirche haben nur so viel Sinn und Berechtigung, wie sie in der Nachfolge Jesu stehen und auf ihn als die letzte Autorität hinweisen. Konkret heißt das: Heute sende ich Sie aus nicht als Handlanger des Pfarrers, sondern als Helferinnen und Helfer des Guten Hirten, der Herr ist im Haus seiner Kirche.

Vor knapp drei Wochen haben wir uns, liebe Frauen und Männer, zum Gespräch getroffen. Unsere Begegnung war nicht nur eine ehrfurchtsvolle Anhörrunde, wie das bei Treffen mit dem Bischof oft gängig ist; es war ein offener Austausch, und ich meinte zu spüren, dass es uns allen ein Anliegen ist, die Kirche von Augsburg geistlich zu erneuern: jede und jeder an dem Platz, an den ich Sie heute senden darf. Herzlich gratuliere ich Ihnen zu diesem Tag und wünsche mir und uns allen, dass daraus viele gemeinsame Jahre werden.

Denken wir ein wenig nach, was die Aussendung in den pastoralen Dienst konkret bedeutet: In den vergangenen Wochen und Monaten hat sich vieles – auch im kirchlichen Leben - verändert. Wir haben verschoben, abgesagt, umgeplant. Auch auf den üblichen festlichen Empfang nach der Aussendung müssen wir heuer verzichten. Schade! Corona ist dazwischengekommen. Ich bohre noch tiefer nach: Was tun wir, wenn nicht nur etwas dazwischenkommt, sondern wenn eine Person inter-veniert, dazwischen-kommt: Jesus der Christus? Wie reagieren wir, wenn ER unsere selbstgeschmiedeten Pläne durcheinander-wirbelt, wenn er uns einen Strich durch die Rechnung macht? Wenn ich Ihre bisherigen Lebensgeschichten anschaue, stelle ich staunend fest, wie verschieden und vielfältig sie sind. Jede und jeder für sich wird wohl sagen können: An irgendeinem Punkt ist bei mir Jesus dazwischengekommen. Er hat mich gelockt, angezogen, gerufen. Schön, dass Sie dieser Berufung gefolgt sind – als PfarrhelferIn, GemeindereferentIn oder PastoralreferentIn! Bleiben Sie Jesus auf der Spur; spüren Sie weiterhin nach, wo in Ihrem beruflichen und privaten Alltag Jesus dazwischenkommt. Fragen wir uns ehrlich: Kommt Jesus wirklich noch dazwischen, wenn ich im Hamsterrad der Betriebsamkeit, des Aktionismus, der Projekte und Termine in unseren Gruppen, Gemeinden und seelsorglichen Feldern eingespannt bin? Nehmen Sie sich die Freiheit zum Gebet und zum geistlichen Leben! Wenn Jesus nicht mehr dazwischenkommt, wird auch das Evangelium zugedeckt, und die Kirche, die Pfarrei, der pastorale Einsatzort wird zur Firma. Das möge Gott verhüten!     

Liebe Schwester und Brüder, die Sie sich heute senden lassen wollen! Ich rede Sie bewusst so an als Schwestern und Brüder, weil Sie sich uns geweihten Brüdern im Hirtendienst - dem Bischof, den Priestern und Diakonen -, aber auch Ihren Berufskollegen, zugesellen und mit ihnen zusammen das Reich Gottes aufbauen helfen wollen.

14 Lebensläufe – 14 Persönlichkeiten – 14 Frauen, die sich vom Guten Hirten einspannen lassen. Herzlichen Glückwunsch dazu! Sie werden sehen: Unter Jesu Hirtenstab lässt es sich gut leben und arbeiten.

Was meint Jesus, wenn er vom guten Hirten erzählt? Seine Hirtenrede ist keine harmlose Schäferidylle. Es geht um Leben und Tod. Der gute Hirt (Joh 11) gibt sein Leben für die Schafe (vgl. v.3). Jesus zeichnet ein Bild, das die Züge seiner Lebensgeschichte trägt. Dessen markante Züge sind:

  • Der gute Hirt kennt die Seinen, er ruft sie „einzeln beim Namen und führt sie hinaus“ (v.3). Er schaut nach ihnen – nicht mit dem Kennerblick eines Händlers, der darauf aus ist, die Schafe auszuschlachten, sondern um sie ins „Leben in Fülle“ (v.10) zu führen.
  • Der gute Hirt bleibt auch denen nahe, die sich verlaufen haben. Er steigt ihnen hinterher, bis in die finstersten Täler und entlegensten Schluchten. Den Gestrandeten und Verlorenen geht er nach, hebt sie auf, trägt sie heim und freut sich, dass er sie wiedergefunden hat (vgl. Lk 15,1-7).
  • Wenn’s zum Stechen kommt, kneift er nicht. Er setzt sein Leben ein für die Schafe. So hebt er sich vom „bezahlten Knecht“ ab, der im Ernstfall das Weite sucht, weil ihm „an den Schafen nichts liegt“ (v.13).

Auf diesem Hintergrund erhebt sich eine Frage, der wir uns stellen müssen: Können wir das Bild vom guten Hirten, wie Jesus es zeichnet, für uns heute in Anspruch nehmen? Die Heilige Schrift tut es, aber mit kritischem Unterton: Sie geißelt die Hirten, die sich nur selber mästen (vgl. Ez 34). Papst Franziskus legt den Priestern seiner Diözese Rom ans Herz: „Seid Hirten mit dem Geruch der Schafe.“

Also: Man muss riechen können, dass ihr es mit konkreten Menschen zu tun habt – nicht wie sie sein sollen, sondern wie sie tatsächlich sind. Es gilt, der Versuchung zu widerstehen, geruchsneutral zu sein, steril. Die Frohe Botschaft ist nicht nur gedacht für das Hirn, sondern auch für das Herz. Wir dürfen nicht nur ein besonderes Aroma zulassen, etwa den Weihrauchduft.

Wir müssen an die Ränder gehen, auch und gerade Marginalität ernst nehmen, wie es auf einer Spruchkarte der Schweizer Caritas zu lesen ist: „Wo die am Rande sind, da ist die Mitte.“ 

Was bedeuten uns die Menschen am Rande? Sehen wir unser „Kerngeschäft“ eher darin, Gemeinde zu organisieren, Gremien zu koordinieren und dabei den Gang in die Diakonie als „Accessoire“ weglassen zu können? Wir dürfen die Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen. Ehrlichkeit ist angesagt. Die Personaldecke der hauptberuflichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird dünner. Dieser Befund ruft die Verantwortung wach, die wir alle füreinander tragen, unabhängig ob wir eine Weihe oder kirchliche Beauftragung empfangen haben oder nicht. Wir sind aufeinander angewiesen. Pointiert formuliert: Wir sind füreinander Hirtinnen und Hirten. Ist diese Zeit der Kirche vielleicht die Stunde, das Hirtenamt aller getauften und gefirmten Christinnen und Christen neu und tiefer zu erfassen?

Lassen Sie mich noch ein Erlebnis erzählen: Vorgestern kehrte ich von der Bischofskonferenz aus Fulda (22.-24.9.2020) zurück. Auf dem Domplatz überreichte eine Gruppe von Frauen dem Vorsitzenden unserer Konferenz einen 2 Meter langen Zollstock. Mit diesem symbolischen Akt, der Übergabe eines sog. MachtMeters, wollten uns die Frauen auffordern, die Macht in der katholischen Kirche neu zu verteilen.

Mit Macht ist mehr gemeint als die Zulassung zu den Weiheämtern. Als Bischof versuche ich, Laien – Frauen und Männer – in Leitungspositionen zu bringen, die nicht an die Weihe gebunden sind. Außerdem wünsche ich mir, dass wir uns im Bistum Augsburg auf Augenhöhe begegnen. So ist auch meine Einladung zum Gespräch über die künftige Gottesdienstkultur am Sonntag zu verstehen. Das ist für mich synodale Kirche. Doch am Ende – ich sage es ganz ehrlich – kommt es mir als Ihrem Bischof zu, gut zu unterscheiden und Weichen zu stellen, d.h. Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Das gilt auch für delikate Themen wie die Weihe für Frauen: Ich lehne das Weiheamt für Frauen nicht ab, weil ich um die eigene Macht und um die der Priester fürchte. Ich habe keine Angst vor Machtverlust. Es geht mir darum, in Einheit mit der Weltkirche nach vorn zu gehen. Für mich kann es keinen Glauben geben, der von der Tradition der Kirche abgekoppelt ist. Sie dürfen mir glauben: Auch ich habe in der Coronakrise erfahren, was Machtlosigkeit bedeutet: auf die eigene Weihe warten, wenig tun können, ans Haus gebunden sein, nicht einmal als Priester die Mutter im Altenheim besuchen dürfen. So ähnlich ist es wohl vielen von uns ergangen.

Aber jetzt geht wieder was in der Seelsorge! Packen Sie‘s an – in der neuen Normalität! Mehr noch: Je länger ich nachdenke, umso mehr erfasse ich, was Weihe oder Sendung in den pastoralen Dienst heißt: Wenn Jesus dazwischen kommt, entmachtet er uns. Lassen wir uns von IHM entmachten, um uns dann von IHM ermächtigen zu lassen. Helfen wir mit, dass Jesus auf dem Weg vieler nicht nur irgendwann dazwischenkommt, dass er neu vorkommt, sondern dass er vorankommt – durch uns! Dazu darf ich Sie senden, liebe Schwestern und Brüder. Dazu darf ich Sie jetzt ermächtigen. Ich freue mich!