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Predigt von Bischof Bertram zum Aschermittwoch der Kunstschaffenden im Augsburger Dom

Nicht Wellness, sondern Provokation

18.02.2026 10:30

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Künstlerinnen und Künstler, liebe Schwestern und Brüder, das ist ein Paukenschlag: Die Lesungen, mit denen die Kirche die österliche Bußzeit einläutet, bilden zum landläufigen Selbstverständnis des Menschen ein Gegenprogramm, wie man es schärfer nicht formulieren könnte: „Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider und kehrt um zum Herrn, eurem Gott (…), ordnet ein heiliges Fasten an, ruft einen Gottesdienst aus“ (Joel 2,13.15). Doch sind wir ehrlich: Bereits der Prophet Joel selbst hatte Schwierigkeiten, seine Zeitgenossen davon zu überzeugen, dass es für sie gut wäre, seinen Worten zu folgen und eine Kehrtwende um 180 Grad einzulegen. Das Gesetz menschlicher Gewohnheit scheint mindestens so zwingend zu sein wie das physikalische Gesetz der Schwerkraft - vor fast 2.500 Jahren wie heute.

Allerdings würden wir es uns allzu leicht machen, wenn wir alles beim Alten ließen und uns resignativ achselzuckend dem Alltagsgeschäft widmeten. Wir würden, so bin ich überzeugt, unser Menschsein damit eklatant verfehlen!

Sie, liebe Kunstschaffende, gehören seit Jahrtausenden zu jenen Menschen, die Seh- und Hörgewohnheiten bewusst unterlaufen, die Mächtige nicht schwei­gend gewähren lassen, sondern ihnen den Spiegel vorhalten, die dem, was Menschsein und In-der-Welt-Sein ausmacht, auf den Grund gehen und dabei seismografisch Veränderungen, ja sogar Revolutionen vorwegnehmen. Gegen den Strom schwimmen oder scheinbar Selbstverständliches gegen den Strich bürsten: für Haltungen der Widerständigkeit, des Agere contra im ignatia­nischen Sinne steht gute Kunst in all ihren Facetten! Nicht selten müssen dann mitunter ästhetische Aspekte oder selbst das Geziemende, Schickliche zurücktreten, weil die Botschaft aufrütteln und provozieren soll.

Kunst hat seit Jahrtausenden die Aufgabe, ungeschriebene, eherne Gesetze nicht nur abzubilden, sondern auch zu hinterfragen. Sie ist wie ein Stachel im Fleisch und will ähnlich der Stimme des Gewissens zum Nachdenken, zur Selbst- und Fremdreflexion anregen. Denn es ist unerlässlich, dass wir als einzelne, als Familie, als Kirche und Gesellschaft uns regelmäßig Rechenschaft geben über die Motivation für unser Tun und Lassen. Und wir dürfen dem Schriftsteller und Diplomaten Paul Claudel, dem Bruder der genialen Bild­hauerin Camille Claudel, dankbar sein, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg den Aschermittwoch der Künstler in Paris etablierte, von wo aus er sich über Europa verbreitete.

Von Beginn an bedingen sich Kirche und Kunst wechselseitig. Der christliche Glaube lebt vom Wort, das in Jesus Christus Menschengestalt angenommen hat und damit abbildbar geworden ist: Die ersten Darstellungen in den Katakomben und neuerdings auch in einer Nekropole nahe Iznik, dem früheren Nizäa, zeigen einen jungen Mann, der mit einem Lamm oder einer Ziege auf den Schultern, an Stab und Tasche als Hirte erkennbar, inmitten einer blühenden Wiese steht.[1] Dieses Motiv verbindet antike Vorstellungen vom ewigen Frühling mit der Selbstaussage Jesu: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11).

Solche Entdeckungen sind kleine Sensationen. Denn welche Künstlerin kann davon träumen, dass mehr als 1.700 Jahre nach Vollendung ihres Kunstwerkes dieses wieder von menschlicher Hand hervorgeholt und von einem mensch­lichen Auge betrachtet wird? Wer, wenn nicht ein Künstler, weiß um die Vergänglichkeit alles Irdischen, das Illusorische des menschlichen Schaffens, das trotz aller Kreativität und Originalität letztlich Mimesis bzw. Imitatio bleiben muss? Inwieweit dies auch für die KI-generierte und digitale Kunst[2] gilt, wird in naher Zukunft zu reflektieren sein; wurzeln doch Technik und Kunst sprachgeschichtlich im altgriechischen Begriff der τέχνη.

Vor Jahren hat der Kunst- und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich die Künstler als „Kronzeugen der Botschaft des Aschermittwochs[3]“ bezeichnet, und ich möchte dies bekräftigen. Die uralte Aschermittwochsbotschaft ist – im Freudschen Sinne - kränkend und schmerzhaft, jedes Jahr aufs Neue: „Gedenke, o Mensch, dass Du Staub bist, und zum Staub zurückkehren wirst.“ Gleichzeitig vermag sie jedoch äußerst heilsam zu wirken, weil sie uns mit unserer unausweichlichen Vergänglichkeit konfrontiert und damit der Notwendigkeit des Innehaltens und der Überprüfung unseres Lebensweges. Fazit: Der Aschermittwoch ist eine Provokation.

„Halt an, wo läufst Du hin?“ Dieser Ruf zur Selbstbesinnung schallt durch die Jahrhunderte. Weil wir dazu neigen, ihn zu überhören, brauchen wir ihn mindestens einmal im Jahr! Denn nur so kann ein Lernprozess in Gang gesetzt werden; nur so werden wir aufgefordert, uns Rechenschaft zu geben über eigenes und fremdes Tun. Wem alles durchgeht und wer von einer applausumtosten Bühne zur nächsten schreitet, der verliert schnell die Bodenhaftung: Je höher er steigt, desto begrenzter wird sein Horizont und umso gefährlicher wird er für seine Mitmenschen. Beispiele zeigen dies heute zur Genüge. Das gleiche gilt für jene, die sich bewusst oder aufgrund unglücklicher Umstände in die Isolation zurückziehen. Nicht wenige unter ihnen radikalisieren sich unbemerkt vom sozialen Umfeld und ihr Coming-out ist schließlich der Tag, an dem sie sich und viele andere Menschen in den Tod reißen.

Nehmen wir in dieser kommenden Fastenzeit wieder ernst, was uns als Geschöpfe, die auf soziales Miteinander hin geschaffen wurden und nur im sozialen Kontakt seelisch und geistig gesund bleiben können, mit den Worten des heiligen Paulus angeboten ist: „Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5,20). Zu meiner Schulstadt Landsberg am Lech gehört die kleine Schlosskirche Pöring. Sie wurde in Teilen von Dominikus Zimmer­mann ausgestattet und ist „Unserer Lieben Frau von der Versöhnung“ geweiht. Über dem Hauptaltarbild steht daher genau dieser Vers: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ Dieses seltene Patrozinium hat, so scheint mir, heute eine große Aktualität.

Denn kaum eine Zeit spricht so viel von Seelenhygiene bzw. Mental Wellness wie die unsrige. Seit Jahrzehnten ist daraus ein heiß umkämpfter Markt geworden, in dem Maße kommerzialisiert werden, wie traditionelle Formen von Versöhnungsritualen an Bedeutung verloren. Da liest man auf einschlägigen Werbeseiten zum Beispiel vom Thermenbesuch aus Ausdruck der ‚Selbst­fürsorge und Achtsamkeit‘ oder einem Raum, in dem Körper, Geist und Seele wieder in die ganzheitliche Balance finden. Ich will keinesfalls in Zweifel ziehen, dass solche Auszeiten jedem Menschen guttun und gerade nach Stress- oder Krankheitsphasen eine regenerierende Wirkung haben. Doch braucht es, um sich als Mensch angenommen zu fühlen, sein noch verborgenes Potenzial zu entdecken und überhaupt, um reifen zu können, mehr: nämlich Ermutigung und Vertrauen, Empathie und mitunter eine bewusste Grenz-Setzung.

Sind wir ehrlich: Kein noch so ausgefeiltes Wellness-Angebot und Körper­peeling vermag uns - zutiefst fehlbaren Wesen - den rechten Umgang mit Schuld und Scham zu lehren! Alles, was uns belastet, braucht einen geschützten Raum, in dem wir uns der inneren Reinigung, der Läuterung unserer Motive und Absichten sowie der rückhaltlosen Reflexion über unser Verhalten unterziehen. Jede und jeder unter uns, der darin schon etwas Übung entwickelt hat, wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass Kunst jeder Art, ein kalligrafisches Blatt, ein Musikstück oder das Betrachten eines Bildes, einer Skulptur dafür sehr hilfreich sein können. Gerade das neue Ulrichfenster unseres Hohen Domes, das im Anschluss an diesen Gottesdienst im Zentrum weiterer spiritueller und ikonografischer Überlegungen stehen wird, ist ein solches Hilfsmittel der besten Art. Wer sich die Zeit nimmt, um die künst­lerische Symbolik mit dem Leben des heiligen Ulrich in Verbindung zu bringen, wer einfach nur das Licht beim Wandern über das Fenster begleitet und das unendlich variantenreiche Farbspiel betrachtet - der erfährt etwas von jenem Geheimnis der Stille, die nach Innen führt. Stille aushalten gehört heute zwar zum Schwersten, das Kindern und auch vielen Erwachsenen abverlangt werden kann, doch ohne sie werden wir uns selbst weder kennenlernen noch gar der Gegenwart Gottes in der Welt und in unserem Herzen innewerden.

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie sich in den kommenden sieben Wochen der Fastenzeit Zeiten und Räume gönnen, in denen Sie ganz unabhängig vom Schielen auf die Öffentlichkeit oder darauf, ob Sie von den Menschen „gesehen werden“, wie es im Evangelium hieß (Mt 6,1), bei sich selbst einkehren, um die heilende und heilsnotwendige Gegenwart des Schöpfers, des „Vaters, der im Verborgenen ist“ (Mt 6,18), zu erahnen und aus dieser Erfahrung heraus Ihrem Leben eine, vielleicht andere Richtung zu geben.

Lesungen: Joel 2,12-18; 2 Kor 5,20-6,2; Mt 6,1-6.16-18

[1] Vgl. Archäologen entdecken seltenes Christus-Fresko im türkischen Iznik | DOMRADIO.DE (aufgerufen am 15.02.2025)

[2] Vgl. den Vortrag von Wolfgang Ullrich: Das Strömen der Bilder. Schöpfungstheologische Topoi im Kontext von digitalen und KI-generierten Bildern an der katholischen Akademie in Freiburg am 16. September 2024 (siehe Mitschnitt unter Wolfgang Ullrich: Das Strömen der Bilder - YouTube, aufgerufen am 15. Februar 2025)

[3] Zitiert nach Wolfgang Ullrich: Der Aschermittwoch der Kunst – Überlegungen zu einem kirchlichen Ritual am Beispiel des Werkes von Thomas Huber, S. 1-9, hier: S. 2, online abrufbar unter Vortrag „Der Aschermittwoch der Kunst“ in Saarbrücken (10. Juni 2015)