Predigt zum Thomas v. Aquin-Fest (26. Januar 2021) in der Kirche "Zum Guten Hirten", Universitätsviertel Augsburg

„Nicht wir haben die Wahrheit, die Wahrheit hat uns.“

26.01.2021 20:30

 „Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus den vor ihm stehenden jüdischen Häftling, der mit hoheitlichem Freimut bekennt: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,37f.).

„Was ist Wahrheit?“ Diese Frage hallt durch die Jahrtausende bis heute nach. Was ein existentielles Gespräch hätte einleiten können, blieb unbeantwortet. Der römische Statthalter, mit allen Wassern gewaschen, weiß, dass man in Krisensituationen nicht lange fackeln darf, will man nicht an Macht einbüßen. Als Pragmatiker handelt er lieber, als dass er sich auf einen Wortwechsel einlässt, der ihn verunsichert, bei dem er vielleicht den Kürzeren ziehen könnte. Er ist nur ein Rädchen im Getriebe der römischen Weltherrschaft, doch das soll wie geschmiert funktionieren.

Am besten fährt man, wenn man sein Fähnchen nach dem Wind dreht und gleichzeitig großmütig erscheint. So agiert der Vertreter des Imperators in der judäischen Provinz nach allen Regeln der Diplomatie, wenn er die Entscheidung über die Kreuzigung des Jesus von Nazareth der Menge überlässt. Die lauten Schreier müssen schließlich besänftigt werden, denn ein weiterer Aufstand würde in Rom sicher den Eindruck verstärken, er, Pilatus, hätte die Lage nicht im Griff – und das ist mit allen Mitteln zu verhindern!

Ist es Ihnen vorhin aufgefallen? Im Tagesgebet haben wir gerade gebetet:

Gott, du Quell der Weisheit,
du hast dem heiligen Thomas von Aquin
ein leidenschaftliches Verlangen geschenkt,
nach Heiligkeit zu streben
und deine Wahrheit zu erfassen.

Was also ist Wahrheit? Der Aquinate antwortet darauf ganz schlicht: Adaequatio rei et intellectus – auf Deutsch: die Übereinstimmung von Sachverhalt und verstandesmäßiger Einsicht. Wahrheit hat demzufolge unmittelbar mit unseren Sinnen und unserer Wahrnehmung zu tun. Sie basiert auf Erkenntnis und Erkenntnisfähigkeit; auf der Bereitschaft, zu lernen und dem Willen, sich selbst zu korrigieren.

Und da fängt das Problem an, das wohl auch Pilatus gespürt hat: Wahrheit ist nicht ein Phänomen neben anderen, Wahrheit fordert mich heraus. Ich kann ihr gegenüber nicht gleichgültig bleiben – ich muss Stellung beziehen. Denn nicht ich habe die Wahrheit, sondern die Wahrheit hat mich! Ich kann mich der Wahrheit nicht entziehen. Ich muss mich ihr stellen. Ich muss, ja ich darf sie suchen gehen: also genau das Gegenteil von dem tun, was uns in dem Bild von den berühmten drei Affen (Nicht sehen – nicht hören – nichts sagen) vor Augen gestellt wird: Sie stehen sinnbildlich für die menschliche Weigerung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (Sapere aude! wie schon Horaz und in seiner Nachfolge Kant gesagt haben). Gleichzeitig offenbaren die drei Primaten die Diskrepanz zwischen Mensch und Tier, zwischen Instinkt und Gewissen. Kurzum: Wir verraten uns selbst, wollten wir uns auf die animalische Natur herausreden. Wiederum Thomas war es ja, der den Menschen im Anschluss an Augustinus zwischen Tier und Engel, also dem höheren Geistwesen, ansiedelte und daraus dessen moralisch-ethische Verpflichtung zur Rechenschaft gegenüber Gott ableitete. Wahrheit duldet keine Neutralität. Wahrheit braucht Bewährung, wie es Edith Stein formulierte: „Gut sein ist wichtiger als klug.“

Unser menschliches Zusammenleben gründet auf logischer Wahrheit, sie ist Voraussetzung für Kooperation und gelingendes Miteinander. Wer sie vorsätzlich und über einen längeren Zeitraum unterläuft, hebt die Gesellschaft aus den Angeln. Dann treten Ideologien an die Stelle der Wahrheit und provozieren jeden Einzelnen mit der Frage: Bist Du für mich oder gegen mich? Die Wahrheit dagegen versteht sich von selbst, sie ist unangreifbar, begründet, plausibel, überzeugend, glaubwürdig, fakten- und evidenzbasiert – und was der Synonyme mehr sind. Wenn also menschliche Interaktion fruchtbar sein soll, setzt sie größtmögliche Eindeutigkeit, den größtmöglichen Konsens über das, was wahr ist, voraus. Denn Wahrheit und Vertrauen sind eineiige Zwillinge.

Die Szene im Haus des Pilatus lehrt uns: Wahrheit ist nicht der Macht verschwistert, nicht der Mehrheitsmeinung unterworfen – ja, wenn man in die Geschichte schaut, vielleicht sogar eher bei den Wenigen zu finden, die stark genug sind, sich dem Gruppenzwang zu entziehen. - Von meiner Natur her bin ich alles andere als ein Schwarzseher und doch macht mich sehr nachdenklich, was ich seit einigen Jahren über die Medien und mitunter auch schon im Alltag an Dreistigkeit und Unverfrorenheit erfahre: Da werden sog. alternative Fakten verkündet und Lügengebäude errichtet; man macht sich nicht einmal groß die Mühe, Plausibilität vorzutäuschen, sondern begnügt sich einfach damit, das Gegenteil von dem zu behaupten, was stimmt – und basta! Haben wir nicht alle in der Schule gelernt, dass Argumente aus drei Teilen bestehen müssen, aus Behauptung, Begründung und Beispiel? – Auch dies übrigens eingeübt und tradiert durch Thomas von Aquin, der es aus der griechischen Philosophie übernahm! Was aber heutzutage an Halbwahrheiten und sog. Fake News in manchen Ländern in Politik und Gesellschaft salonfähig wird, hat längst auch in kirchlichen Kreisen, auf Internet-Plattformen und in einschlägigen Publikationen Einzug gehalten. Da wird mit Vermutungen und Unterstellungen gearbeitet, überzeichnet und verabsolutiert. Transparenz, ein notwendiges Attribut der Wahrheit - Fehlanzeige! Information und Kommentar, Meinung und Bericht werden kaum mehr unterschieden, Begriffsdefinitionen unterlassen und Zusammenhänge allenfalls gestreift. Wo führt das hin, frage ich mich – und: Wem fällt dies noch auf, außer mir?

Setzen wir uns als Christen, als Katholiken, denn gegen diesen Zeitgeist zur Wehr? Verbinden wir uns im Einsatz für die Wahrheit, suchen wir sie zu ergründen oder kommt uns die heute so verbreitete Schwarz-Weiß-Malerei vielleicht sogar entgegen, weil sie so wenig Denkleistung braucht? Karl Rahner, ein Theologe, der in seiner Auseinandersetzung mit Thomas „nicht bloß ‚erzählen‘ will, was Thomas gesagt hat, sondern das philosophische Geschehen (…) selbst nachzuvollziehen versucht“[1], wird der Satz zugeschrieben: Auf dem Boden der Denkfaulheit kann keine Frömmigkeit gedeihen.

Noch einmal möchte ich Edith Stein zu Wort kommen lassen, die keine Denkfaulheit kannte. Sie war fleißig im Denken, hat das Werk des Aquinaten „De veritate“ übersetzt und sich selbst ein Leben lang auf die Suche nach der Wahrheit gemacht. Ich bewundere die Weite, die aus ihren Gedanken spricht: „Es hat mir immer fern gelegen zu denken, dass Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche binde. Gott ist die Wahrheit. Und wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“[2]

Das Tagesgebet des heutigen Festes schließt mit der Bitte: „Hilf uns verstehen, was er – der hl. Thomas - gelehrt, und nachahmen, was er uns vorgelebt hat.“

Zugegeben, an den meisten Heiligenfesten richtet der Priester im Namen der Gläubigen ähnliche Bitten an Gott – doch wie wäre es, wenn wir uns diese Bitte tatsächlich zu eigen machten, indem wir neu und bewusst der Wahrheit Raum in unserem Leben geben? Nicht nur der logischen, abstrakten Wahrheit, sondern der Wahrheit in Person, Jesus Christus. Er lädt uns ein, wie er es Pilatus gegenüber tat: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh 18, 37).

[1] Karl Rahner, Geist in Welt. Einleitung. S. 13. In: ders., Sämtliche Werke, Band 2. Freiburg: Herder 1996.

[2] Zitiert nach Andres Bejas, Edith Stein. Im verschlossenen Garten der Seele, Freiburg: Herder 1987, S. 119.