Predigt beim Jubiläum 500 Jahre Maria Beinberg am 13. September 2020

Nomen est omen. Was der Name Maria bedeutet.

14.09.2020 09:33

In der vergangenen Woche wartete die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) mit einem interessanten Befund auf. Bei den Lieblingsnamen für neugeborene Mädchen ergibt sich in Deutschland aktuell folgendes Bild: An der Spitze steht Marie, gefolgt von Sophia und Maria. Früher gab es in jeder guten katholischen Familie mindestens ein Kind, das den Namen Maria als ersten, zweiten oder weiteren Vornamen trug. Um das auch Familien mit (nur) männlichen Nachkommen zu ermöglichen, war Maria der einzige weibliche Vorname, den man einem Jungen als zusätzlichen Namen geben konnte.

Nomen est omen. So lautet ein lateinisches Sprichwort. Der Name ist eine Weissagung, eine Prophezeiung, ein Vorzeichen, ein gutes oder schlechtes Omen. Der Name Maria sollte ein Glücksbringer sein. Die den Namen Maria tragen, sollten am himmlischen Glanz ihrer Patronin teilhaben, wenigstens stehen „unter ihrem Schutz und Schirm“ (vgl. ältestes Mariengebet). Glaubt man den Statistikern, ist der Name Maria mit seinen Abwandlungen im Kommen. Ja, es gibt nicht wenige Priesteramtskandidaten, die ihrem männlichen Vornamen noch „Maria“ anfügen. Und fast jede Ordensfrau trägt ein großes „M“ mit Punkt als ersten Vornamen: Dieses große „M“ steht für Maria, wie ein Notenschlüssel vor der Melodie des Lebens. Nomen est omen.

Wie anders sieht die Welt von heute aus? Nicht mehr so sehr der Name zählt, sondern die Nummer. Unsere Kennzahl ist auf Chipkarten gespeichert. Der Mensch wird verarbeitet in anonymen Dateien. Das Wort spricht für sich: Datenverarbeitung – Menschenverarbeitung!? Wir sind bestimmt von unserem genetischen Code, der vieles enthält, was unser Leben ausmacht. Wir werden taxiert angefangen von der Kontonummer über die Passnummer bis zu beruflichen und medizinischen Angaben; vom persönlichen Leben ganz zu schweigen. Was ist übrig von der Privatsphäre? Nichts bleibt verborgen. Die nächste Affäre bringt es ans Licht. Trotz aller Anonymität, der Mensch ist mehr als eine Nummer. Er hat einen Namen und ein Gesicht. Und wenn ein Gesicht bekannt ist in der Öffentlichkeit und ein Name Schlagzeilen gemacht hat etwa im Internet, dann liegt er offen im Schaufenster der Welt. Positiv, wenn wir an Sternchen und Stars in Mode, Sport und Politik denken; negativ, wenn der Stern vom Himmel fällt durch Gerüchte und Skandale.

Nomen est omen. Das ist nicht nur heute so. Das finden wir schon in der Bibel. Was bedeutet der Name Maria? Maria ist ein ganz besonderer Name. Nach dem Namen Jesu steht Maria in der Skala ganz oben, über allen anderen Namen. Auf Maria trifft das Sprichwort zu: Der Name bürgt für Qualität. Es gibt viele Deutungen für Maria, einige greife ich heraus:[1]

1. Der Name Maria hat die ägyptische Wurzel MYR. Sie bedeutet „Geliebte“. Genauer: Gottes Vielgeliebte. Dieser Namen erinnert uns daran, dass in Maria der Glanz der göttlichen Liebe aufleuchtet. Sie ist gleichsam der Spiegel, in dem wir Gottes Liebe ablesen können. „Maria, du bist gebenedeit, gesegnet, geliebt unter den Frauen.“ So gibt der Namen Maria uns einen Wunsch mit: Ich wünsche uns, dass wir uns als von Gott geliebt wissen.

2. Maria trägt denselben Namen wie die Schwester des Mose und Aaron: MIRJAM. Gerade hier ist das Motto mit Händen zu greifen: Nomen est omen. Der Name wird Programm. Die Schwester des Mose, Mirjam, war eine starke Frau, temperamentvoll, mitreißend, ein bisschen exzentrisch, voll Leidenschaft, extrovertiert, vielleicht auch mit einer leichten Neigung zum Extremen und zur Radikalität. Vielleicht kennen Sie das Bild aus dem Pinsel des Priestermalers Sieger Köder: Er hat seine ganze Farbpalette bemüht, um Mirjam darzustellen. Spontan fällt mir dazu vom Äußeren her Claudia Roth ein, obwohl die bunt auftretende Grünen-Politikerin sonst nicht unbedingt meine Kragenweite ist. Doch sie kommt mir in den Sinn, wenn ich jedes Jahr in der Osternacht aus dem Buch Exodus das Lied höre, das Mirjam am Roten Meer anstimmte, nachdem das Volk trockenen Fußes aus Ägypten in die Freiheit ausgezogen war. Mehr noch: Mirjam war nicht nur Vorsängerin, sondern unterstrich ihren Gesang mit einer Pauke. Die Pauke ist fürwahr kein leises Instrument. Mirjam: eine Frau, die auch auf die Pauke hauen konnte. Mirjam, die Schwester des Mose und Aaron, zählte zu den Leitungspersonen beim Auszug aus Ägypten, sie sang und tanzte. Maria im Neuen Testament ist gleichsam die „Exodus-Frau“ des Neuen Bundes, die mit ihrem Sohn durch Leben, Leiden und Tod gegangen ist. Maria, Modell und Urbild der Kirche, ist bis heute die „Exodus-Frau“, die das neue Volk Gottes durch die Zeit begleitet. Wenn wir im 3. Hochgebet nach der Wandlung sprechen: „Führe deine Kirche auf dem Weg durch die Zeit“, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Maria mit von der Partie ist, dass sie mit uns in einem Boot sitzt, im Schiff der Kirche.

3. Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass im Namen Maria auch eine hebräische Wurzel schlummert: MIR, die Erleuchtete, und JAM, das Meer. In einem Marienlied, das mir jedes Mal sehr zu Herzen geht, findet diese Bedeutung ihr Echo. Es heißt „Meerstern, ich dich grüße“. Maria ist der Stern auf unruhiger See, Orientierung in den Nächten und Dunkelheiten, Lichtblick in den undurchsichtigen und nebeligen Etappen, die wir als Kirche gerade bestehen müssen. Maria, der Meeresstern, ist uns Wegweiser und Orientierungspunkt.

So steht Maria vor uns. Ihr Name bekommt ein Gesicht als Vielgeliebte – Exodusfrau – Stern auf dem Meer. Dieser Name ist so bedeutend, dass ihn keine Nummer einholen kann.

Lassen Sie mich schließen mit einem Lebenszeugnis, das den Anfang unserer Betrachtung aufgreift und fortführt. Ich habe erwähnt, dass es immer mehr Priesteramtskandidaten gibt, die hinter ihren Vornamen noch ein großes „M“ setzen und damit ihrer Berufung eine marianische Note geben wollen. Ein solcher Priesteramtskandidat – sein Namen ist Conrad M. Siegers – hat in einem Buch ein Bekenntnis abgelegt, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Der junge Mann schreibt:

„Mein Vater hieß Conrad, meine Mutter heißt Maria. Ich trage ihrer beider Namen: Conrad Maria. Etwas ungewöhnlich, doch in frommen Familien war das zur Zeit meiner Geburt zwar nicht mehr üblich, aber doch noch gut möglich.

Mein zweiter Name war wie die meisten zweiten Namen zwar nicht in aller Munde, aber zur Zeit meiner Pubertät besann ich mich auf ihn. Die offizielle Begründung war: Wenn ich Briefe bekam, vor allem Liebesbriefe, sollte mein Vater sie auf dem Briefumschlag erkennen können und nicht wegen des gleichen Namens aus Versehen öffnen dürfen. Doch das war nur ein Vorwand. Ich bekam nämlich damals von niemandem Liebesbriefe. Der wahre Grund war: Ich hatte meinen zweiten Vornamen, Maria, lieb gewonnen und wollte ihn wenigstens in der Abkürzung M. wie ein Schmuckstück tragen. Erst vor kurzem wurde mir bewusst warum:

Meine Kindheit und Jugend habe ich in einer Umgebung mit männlichem Übergewicht verbracht. Ich hatte nur Brüder, die Kinder der Nachbarschaft und Verwandtschaft waren fast ausschließlich Jungen, das Bischöfliche Internat meiner Schulzeit war natürlich ein reines Jungengymnasium und als Priesteramtskandidat hatte ich ebenso hauptsächlich mit Männern zu tun. Begegnung mit Mädchen und Frauen war für mich immer mit Ausnahme, Urlaub und Exotik verbunden. Das einzig Weibliche, was mir alltäglich zugänglich war, war mein zweiter Vorname Maria und es ist sicherlich kein Zufall, dass ich mich gerade in der Pubertät auf ihn besann. Allein dieser Name erlaubte mir, meine natürlichen weiblichen Anteile, meine anima, wie C.G. Jung diese Anteile nennt, ein wenig mit realer Erfahrung zu versorgen.

Was einem Mann am meisten fehlt, darum bemüht er sich besonders stark. Inzwischen glaube ich, meine weiblichen Anteile in mir überversorgt zu haben, aber auf mein M. bin ich nach wie vor stolz, selbst wenn alle lächeln, die erfahren, dass dieses M. Maria abkürzt.“[2]

Ich selbst habe kein M. im Kürzel meines zweiten Namens, sondern ein J. Dieses J. steht für Johannes den Täufer. Bertram Johannes ist mein voller Name. Auch darauf bin ich stolz. Und gleichzeitig mühe ich mich, den marianischen Akzent in meinem priesterlichen Leben hoch zu halten. Denn Nomen est omen.   

[1] Wertvolle Hinweise entnahm ich dem Buch von Maximilian Fürnsinn und Veronica-Maria Schwed, Aus ganzem Herzen leben. Gedanken zu Maria, Wien 2007, S. 14f.

[2] Conrad M. Siegers, Marianne Willemsen, Ave Maria – Frau und Mutter. Ein Werkstattbuch, Freiburg-Basel-Wien 1995, S. 96f.